„Burschen und Bomben”

Anhang B: Erkenntnisse des Österreichischen Verfassungsgerichtshofs

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(VfSlg. 10705, G 175/84, 19.11.1985; VfSlg. 9648, B 195/82, 16.03.1983; 8951 G 91/78 B 453/78 25.10.1980 .)


VfSlg 10705:


§ 15 Abs. 5 Hoch­schü­ler­schafts­gesetz 1973, BGBl. 309/1973 i.d.F. der Nov. BGBl.Nr. 141/1978, wird nicht als ver­fas­sungs­wid­rig auf­ge­ho­ben.


Der VfGH ist in VfSlg. 8017/1977 (die­ses Erk. hat zur Auf­he­bung des § 19 VStG 1950 i.d.F. BGBl. 275/1964 ge­führt) da­von aus­ge­gan­gen, daß eine Ge­set­zes­be­stim­mung, die aus­drück­lich Re­ge­lun­gen über einen be­stimm­ten Ge­gen­stand (dort: An­rech­nung von Haft­zei­ten; hier: in­halt­li­che Prü­fung von Wahl­vor­schlä­gen) nicht trifft, da­mit gleich­zei­tig be­stimmt, daß die nicht ge­re­gel­ten As­pek­te nicht be­rück­sich­tigt wer­den dür­fen. In­so­fern stellt sich eine „Nicht­re­ge­lung” als eine — zwar nur im­pli­zit ge­trof­fe­ne, aber doch nor­ma­ti­ve Re­ge­lung dar. Der VfGH hat die­se An­sicht auch in wei­te­ren Ent­schei­dun­gen bei­be­hal­ten (vgl. etwa VfSlg. 8533/1979, 8806/1980 und G 174/84 vom 5. März 1985) und sieht auch im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren kei­nen An­laß, von die­ser Auf­fas­sung ab­zu­ge­hen.

Sie führt im vor­lie­gen­den Fall zu fol­gen­dem Er­geb­nis: Im § 15 Abs. 5 HSchG sind — in Ver­bin­dung mit den von die­ser Be­stim­mung re­zi­pier­ten Be­stim­mun­gen der Na­tio­nal­rats­wahl­ord­nung 1971 — die Wahl­aus­schlie­ßungs­grün­de ge­re­gelt. Eine in­halt­li­che Prü­fung der Wahl­vor­schlä­ge dar­auf, ob es sich bei den Kan­di­die­ren­den um Per­so­nen oder Grup­pie­run­gen han­delt, die na­tio­nal­so­zia­li­sti­sches, fa­schi­sti­sches oder an­te­de­mo­kra­ti­sches Ge­dan­ken­gut ver­tre­ten, ist nicht vor­ge­se­hen. Da­mit wäre gleich­zei­tig nor­miert, daß eine sol­che Ü­ber­prü­fung bei der Ent­schei­dung über die Zu­las­sung zur Wahl nicht statt­zu­fin­den hat. Es ist da­her die ge­nann­te Be­stim­mung für die Ent­schei­dung im ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Be­scheid­prü­fungs­ver­fah­ren prä­ju­di­zi­ell.

Der VfGH kann sei­ne vor­läu­fi­ge An­nah­me, daß die Re­ge­lung des § 15 HSchG eine nicht wei­ter trenn­ba­re nor­ma­ti­ve Ein­heit bil­det, die ins­ge­samt ein Re­ge­lungs­sy­stem be­gründet, das im Wi­der­spruch mit den bun­des­ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­stim­mun­gen des Art. 9 Staats­ver­trag von Wien und des § 3 Ver­botsG i.d.F. Na­tio­nal­so­zia­li­sten­gesetz zu ste­hen scheint, nicht wei­ter auf­recht er­hal­ten. Es be­steht zwi­schen der Re­ge­lung der Wahl­aus­schlie­ßungs­grün­de im § 15 Abs. 5 HSchG und dem üb­ri­gen Re­ge­lungs­in­halt des § 15 HSchG kein der­art un­trenn­ba­rer Zu­sam­men­hang, der es recht­fer­ti­gen wür­de, den ge­sam­ten § 15 HSchG als prä­ju­di­zi­ell an­zu­se­hen.

Es ist da­her das Ver­fah­ren be­tref­fend § 15 Abs. 5 HSchG in der für das ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Be­scheid­prü­fungs­ver­fah­ren maß­geb­li­chen Fas­sung der Nov. BGBl. 141/1978, weil al­le Pro­zeß­vor­aus­set­zun­gen ge­ge­ben sind, zu­läs­sig. Das Ver­fah­ren hin­sicht­lich der üb­ri­gen Be­stim­mun­gen des § 15 HSchG ist we­gen Feh­lens der Pä­ju­di­zia­li­tät aus den ge­nann­ten Grün­den ein­zu­stel­len.

§ 3 Ver­botsG muß auch von der Wahl­be­hör­de be­ach­tet wer­den.

§ 3 Ver­botsG ent­hält ein un­mit­tel­bar wirk­sa­mes, von je­dem Staats­or­gan im Rah­men sei­nes Wir­kungs­be­rei­ches zu be­ach­ten­des Ver­bot.

Mit Aus­nah­me des § 3d Ver­botsG sind al­le Straf­tat­be­stän­de in sich ab­schlie­ßend for­mu­liert, neh­men nicht auf § 3 Be­zug und be­dür­fen auch kei­ner Er­gän­zung aus der For­mu­lie­rung des § 3. Nichts spricht da­für, daß § 3 bloß ein Pro­gramm auf­stel­len will und sei­ne Be­deu­tung sich etwa dar­in er­sch­öp­fen könn­te, die in der Fol­ge aus­for­mu­lier­ten Straf­tat­be­stän­de ein­zu­lei­ten oder stich­wort­ar­tig zu­sam­men­zu­fas­sen. Es kann nicht un­ter­stellt wer­den, daß § 3 nach Be­sei­ti­gung des an­schlie­ßen­den Abs. 2 al­len Straf­tat­be­stän­den vor­aus­ge­stellt blieb, nur um das in § 3d ver­pön­te Ver­hal­ten vor­weg nä­her zu um­schrei­ben.

Auch ist aus­zu­schlie­ßen, daß es sei­ne Auf­ga­be sein könn­te, die Ge­stal­tung der ein­fach­ge­setz­li­chen Rechts­la­ge zu be­stim­men (Ver­fas­sungs­auf­trag). Das in § 3 Ver­botsG ver­bo­te­ne Ver­hal­ten wä­re im Ge­gen­teil oh­ne Ver­fas­sungs­ver­stoß einer ein­schrän­ken­den Kon­kre­ti­sie­rung auf der Stu­fe ge­ne­rel­ler Nor­men gar nicht zu­gäng­lich.

Der Ver­fas­sungs­ge­setz­ge­ber hat ganz be­wußt al­le zur Lö­sung des Na­tio­nal­so­zia­li­sten­pro­blems für er­for­der­lich ge­hal­te­nen ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen selbst ge­trof­fen (Hel­ler–Loe­ben­stein–Wer­ner, Kom­men­tar zu den NS–Ge­set­zen, 1948, 17: „Nur in der Ko­di­fi­ka­tion ist der ge­sam­te Fra­gen­be­reich ge­re­gelt, für Son­der­re­ge­lun­gen außer­halb des Rah­mens des von der Ko­di­fi­ka­tion er­faß­ten Rechts­stof­fes ist kein Platz.”). No­vel­lie­run­gen der ge­trof­fe­nen Re­ge­lun­gen sind nur durch Bun­des­ver­fas­sungs­ge­setz mög­lich, und zwar selbst dort, wo das durch die Re­ge­lun­gen no­vel­lier­te Ge­setz ein ein­fa­ches Bun­des­ge­setz ge­blie­ben ist (XXI. Haupt­stück des Na­tio­nal­so­zia­li­stenG Schluß­be­stim­mun­gen — Z 2), und im We­ge der Lan­des­ge­setz­ge­bung kön­nen dar­über hin­aus­ge­hen­de Be­stim­mun­gen ge­gen Na­tio­nal­so­zia­li­sten nicht ge­trof­fen wer­den (XXI. Haupt­stück Z 3). Wür­de ein Ge­setz aus dem Kreis der ver­bo­te­nen Wie­der­be­tä­ti­gung nur be­stimm­te Ver­hal­tens­wei­sen her­aus­he­ben wol­len, wä­re es of­fen­kun­dig ver­fas­sungs­wid­rig. Selbst der all­ge­mei­ne Straf­tat­be­stand des § 3g muß oh­ne nä­he­re Kon­kre­ti­sie­rung durch ein ein­fa­ches Ge­setz voll­zo­gen wer­den. All das zeigt, daß § 3 ü­ber die Straf­tat­be­stän­de der §§ 3a ff hin­aus Be­deu­tung hat. Sie liegt dar­in, daß er aus­nahms­los je­den Akt der Wie­der­be­tä­ti­gung für rechts­wid­rig er­klärt.

§ 3 Ver­botsG ist auch dann an­wend­bar, wenn das für die Be­hör­de maß­geb­li­che Ge­setz sei­ne Be­ach­tung nicht aus­drück­lich oder durch einen all­ge­mei­nen Vor­be­halt der Recht­mä­ßig­keit des Vor­ha­bens oder Be­geh­rens vor­schreibt. Als all­ge­mei­ne Ge­ne­ral­klau­sel steht die­ses Ver­bot ne­ben und ü­ber al­len Ein­zel­vor­schrif­ten.

Da § 3 Ver­botsG in Sinn­ge­halt und An­wen­dungs­be­reich um­fas­send ist, wä­re es sinn­los, sei­ne neu­er­li­che Ver­kün­dung in je­dem ein­zel­nen Ge­setz zu ver­lan­gen. Es ist eine Sa­che ge­setz­tech­ni­scher Ö­ko­no­mie, das Ver­bot der Mit­wir­kung an einer na­tio­nal­so­zia­li­sti­schen Wie­der­be­tä­ti­gung nicht in al­len Zu­sam­men­hän­gen ste­reo­typ zu wie­der­ho­len, son­dern ne­ben al­len Ein­zel­vor­schrif­ten mit um­fas­sen­dem An­wen­dungs­be­reich gel­ten zu las­sen. Der Rang des Ver­bo­tes als un­mit­tel­bar an­wend­ba­res Ver­fas­sungs­recht er­übrigt einen ständig er­neu­er­ten Hin­weis.

Ins­be­son­de­re ist der Ge­setz­ge­ber nicht ver­hal­ten, das Ver­bot na­tio­nal­so­zia­li­sti­scher Wie­der­be­tä­ti­gung in Wahl­ge­set­zen zu wie­der­ho­len oder be­son­de­re Vor­schrif­ten über die Ver­fah­rens­wei­se bei Ver­dacht einer Wie­der­be­tä­ti­gung zu er­las­sen.

Das rechts­staat­li­che Prin­zip der Bun­des­ver­fas­sung steht der An­nah­me der un­mit­tel­ba­ren An­wend­bar­keit des § 3 Ver­botsG nicht im Weg. Denn je­de Be­hör­de hat § 3 Ver­botsG nur in dem für die Be­wäl­ti­gung ih­rer Auf­ga­ben vor­ge­se­he­nen rechts­staat­lich ge­ord­ne­ten Ver­fah­ren zu be­ach­ten. Daß nie­mand oh­ne or­dent­li­ches Ver­fah­ren we­gen na­tio­nal­so­zia­li­sti­scher Wie­der­be­tä­ti­gung ver­ur­teilt wer­den darf, kann kein Hin­der­nis für die Fest­stel­lung einer Ver­bots­ver­let­zung sein, wenn von die­ser Vor­fra­ge die Be­acht­lich­keit eines Vor­ha­bens oder Be­geh­rens ab­hängt. Denn an­ders als die Ver­ur­tei­lung hat eine sol­che Fest­stel­lung nur je­ne Rechts­fol­gen, die Ge­gen­stand des vor der Be­hör­de je­weils durch­zu­füh­ren­den Ver­fah­rens sind. Die Rechts­ord­nung darf auch dann der na­tio­nal­so­zia­li­sti­schen Wie­der­be­tä­ti­gung kei­ne Un­ter­stüt­zung ge­wäh­ren, wenn eine Ver­ur­tei­lung noch nicht er­gan­gen ist. Im Be­reich des Ver­eins­we­sens und Ver­sam­mlungs­we­sens steht das übri­gens außer Streit. Nicht nur die Ver­eins­be­hör­de hat das Vor­lie­gen na­tio­nal­so­zia­li­sti­scher Wie­der­be­tä­ti­gung zu prü­fen. Auch der Vor­be­halt des § 1 Abs. 3 Par­tei­en­ge­setz dient nur der Klar­stel­lung, daß § 3 Ver­botsG durch die nach­fol­gen­de Ver­fas­sungs­be­stim­mung des Par­tei­enG für die­sen Be­reich nicht auf­ge­ho­ben wur­de. Wie da­her je­de Be­hör­de, wenn sie in den bei ihr an­hän­gi­gen Ver­fah­ren in­zi­den­ter zu be­ur­tei­len hat, ob einer po­li­ti­schen Par­tei we­gen Er­fül­lung der for­mel­len Vor­aus­set­zun­gen des § 1 Par­tei­enG Rechts­per­sön­lich­keit zu­kommt, auch das Nicht­vor­lie­gen der durch § 3a Ver­botsG un­ter­sag­ten Ziel­set­zun­gen fest­stel­len muß (VfSlg. 9648/1983), so hat auch je­de an­de­re Be­hör­de zu be­ur­tei­len, ob der ih­rer Be­ur­tei­lung un­ter­lie­gen­de Akt dem Ver­botsG wi­der­spricht.

An­ge­sichts des § 3 Ver­botsG kann der VfGH der Mei­nung des VwGH (in VwSlg. 10231 A/1980), daß die ge­gen eine na­tio­nal­so­zia­li­sti­sche Wie­der­be­tä­ti­gung ge­rich­te­ten Vor­schrif­ten ohne Ein­fluß auf die Tä­tig­keit der Wahl­be­hör­den wä­ren, nicht bei­pflich­ten. Der Maß­stab, den die­se Be­hör­den bei Ent­schei­dung über die Zu­läs­sig­keit eines Wahl­vor­schla­ges an­zu­wen­den ha­ben, wird eben durch das dort aus­ge­spro­che­ne Ver­bot der Wie­der­be­tä­ti­gung er­gänzt. Ob eine sol­che Er­gän­zung an­zu­neh­men ist, kann nicht aus den — vom VwGH al­lein her­an­ge­zo­ge­nen — Be­stim­mun­gen des Hoch­schü­ler­schafts­ge­set­zes (und der an das Ge­setz ge­bun­de­nen Durch­füh­rungs­ver­ord­nung), son­dern nur aus dem für eine sol­che Er­gän­zung in Be­tracht kom­men­den Ver­botsG ent­nom­men wer­den, des­sen nä­he­re Be­trach­tung der VwGH aus­drück­lich ab­lehnt.

Frag­lich kann nur sein, ob die der Be­hör­de kraft ih­rer all­ge­mei­nen Auf­ga­be zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­tel je­weils aus­rei­chen, um das Vor­lie­gen na­tio­nal­so­zia­li­sti­scher Wie­der­be­tä­ti­gung in dem ihr vor­lie­gen­den Ge­sche­hen ver­läß­lich fest­stel­len zu kön­nen. Die­se Fra­ge ist aber nur im kon­kret­en Fall zu be­ant­wor­ten.

Art. 26 Abs. 5 B–VG steht der un­mit­tel­ba­ren An­wend­bar­keit des § 3 Ver­botsG nicht ent­ge­gen. Die Zu­rück­wei­sung eines Wahl­vor­schla­ges we­gen na­tio­nal­so­zia­li­sti­scher Wie­der­be­tä­ti­gung ist der Aus­schlie­ßung von der Wähl­bar­keit im Sin­ne die­ser Be­stim­mung des B–VG nicht gleich­zu­hal­ten.

Nach Art. 26 Abs. 5 B–VG kann die Aus­schlie­ßung vom Wahl­recht und von der Wähl­bar­keit nur die Fol­ge einer ge­richt­li­chen Ver­ur­tei­lung oder Ver­fü­gung sein. Un­ter der Aus­schlie­ßung vom Wahl­recht oder von der Wähl­bar­keit im Sin­ne die­ser Ver­fas­sungs­be­stim­mung ist ein Akt zu ver­ste­hen, der ein be­ste­hen­des Wahl­recht aus Grün­den in der Per­son oder im Ver­hal­ten des ein­zel­nen Wahl­be­rech­tig­ten ganz oder auf be­stimm­te Zeit ent­zieht. Nicht je­de Zu­rück­wei­sung eines Wahl­wil­li­gen oder Wahl­wer­bers fällt un­ter die­sen Be­griff. So ist die Nicht­zu­las­sung eines Wahl­vor­schla­ges we­gen Feh­lens einer im Wahl­ge­setz vor­ge­seh­enen Vor­aus­set­zung un­ge­ach­tet ih­rer Aus­wir­kun­gen ganz of­fen­kun­dig kein sol­cher Aus­schluß von der Wähl­bar­keit: sie ist viel­mehr die ur­eigen­ste Auf­ga­be der Wahl­be­hör­den. Einer sol­chen Vor­aus­set­zung ist kraft § 3 Ver­botsG gleich­zu­hal­ten, daß die Wahl­wer­bung kei­nen Akt na­tio­nal­so­zia­li­sti­scher Wie­der­be­tä­ti­gung dar­stel­len darf. Ob die po­si­ti­ven und ne­ga­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen der Teil­nah­me an einer be­stimm­ten Wahl er­füllt sind, ha­ben auch dann, wenn ver­gleichs­wei­se ma­te­ri­el­le Fra­gen zu prü­fen sind, nicht die Ge­rich­te, son­dern die Wahl­be­hör­den zu be­ur­tei­len.

Die Wahl­be­hör­den ha­ben al­ler­dings nicht das all­ge­mei­ne Ver­hal­ten der Bür­ger zu prü­fen. Es kä­me einem un­zu­läs­si­gen ad­mi­ni­stra­ti­ven Aus­schluß vom Wahl­recht oder von der Wähl­bar­keit gleich, wenn ein Wahl­vor­schlag des­halb zu­rück­ge­wie­sen oder je­mand vom Vor­schlag ge­stri­chen wür­de, weil Wahl­wer­ber sich ent­ge­gen dem Ver­bot des § 3 Ver­botsG be­tä­tigt ha­ben oder eine sol­che Be­tä­tigung nach der Wahl zu be­fürch­ten ist. Die Fä­hig­keit zu wäh­len oder ge­wählt zu wer­den, darf als sol­che nur durch ge­richt­li­chen Akt ge­nom­men wer­den. Da­her darf auch nie­mand al­lein des­halb von der Be­tei­li­gung an Wah­len aus­ge­schlos­sen wer­den, weil ihm na­tio­nal­so­zia­li­sti­sche Wie­der­be­tä­ti­gung zur Last ge­legt wird. Ein sol­cher Vor­wurf könn­te sich auf das Wahl­recht nur dann aus­wir­ken, wenn eine Ver­ur­tei­lung er­folgt ist, die den Aus­schluß vom Wahl­recht nach sich zieht.

An­ders aber, wenn das Ein­brin­gen des Wahl­vor­schla­ges selbst einen Akt na­tio­nal­so­zia­li­sti­scher Wie­der­be­tä­ti­gung dar­stellt. Denn dann wä­re die Zu­las­sung die­ses Wahl­vor­schla­ges — ob­jek­tiv ge­se­hen — ent­we­der eine Mit­wir­kung an einer sol­chen Wie­der­be­tä­ti­gung oder doch die Nicht­ver­hin­de­rung eines sol­chen Vor­ha­bens. Zu einem Ver­hal­ten, das von Ver­fas­sungs we­gen aus­drück­lich ver­bo­ten ist und je­der­mann als Ver­bre­chen zu­ge­rech­net wird, kann die Wahl­be­hör­de auch an­ge­sichts des Art. 26 Abs. 5 B–VG nicht ver­pflich­tet sein. Sie darf sich in einem sol­chen Fall nicht mit der An­zei­ge be­gnü­gen, son­dern muß durch Zu­rück­wei­sung des Wahl­vor­schla­ges ver­hin­dern, daß der Wie­der­be­tä­ti­gungs­ver­such auch nur vor­läu­fig Er­folg hat. Daß ein na­tio­nal­so­zia­li­stisch aus­ge­rich­te­ter Wahl­vor­schlag zu­ge­las­sen wer­den müß­te und erst die Ver­ur­tei­lung we­gen Wie­der­be­tä­ti­gung — un­ter Be­ach­tung all­fäl­li­ger Im­mu­ni­tät — den Er­folg einer sol­chen ver­pön­ten Wahl­wer­bung zu­nich­te ma­chen könn­te, ist dem Ver­fas­sungs­ge­ber der Nach­kriegs­jah­re nicht zu­sinn­bar.

Nur ein der Wahl­be­hör­de evi­den­ter oder mit ih­ren Mit­teln in­ner­halb des eng be­grenz­ten zeit­li­chen Rah­mens of­fen­zu­le­gen­der — li­qui­der Ver­stoß ge­gen § 3 Ver­botsG, be­gan­gen durch Ein­brin­gung des Wahl­vor­schla­ges selbst (wenn­gleich un­ter Her­an­zie­hung der be­glei­ten­den Wahl­wer­bung), kann — und muß — schon im Wahl­ver­fah­ren auf­ge­grif­fen wer­den.

Da nach Art. 17 MRK kei­ne Be­stim­mung die­ser Kon­ven­tion da­hin aus­ge­legt wer­den darf, daß sie für den Staat, eine Grup­pe oder eine Per­son das Recht be­grün­det, eine Tä­tig­keit aus­zu­üben oder eine Hand­lung zu be­ge­hen, die auf die Ab­schaf­fung der dar­in fest­ge­leg­ten Rech­te und Frei­hei­ten oder auf wei­ter­ge­hen­de Be­schrän­kun­gen die­ser Rech­te und Frei­hei­ten hin­zielt, als dar­in vor­ge­se­hen, kann die Nicht­zu­las­sung eines na­tio­nal­so­zia­li­sti­schen Wahl­vor­schla­ges ent­ge­gen der Auf­fas­sung der „Ak­tion Neue Rech­te” — auch kei­nen Ver­stoß ge­gen die in Art. 3 des (1.) Zu­satz­pro­to­kolls zur MRK ver­an­ker­te Pflicht zur Ab­hal­tung frei­er Wah­len bil­den.

Der VfGH ist im Prü­fungs­be­schluß da­von aus­ge­gan­gen, daß das gel­ten­de Hoch­schü­ler­schafts­wahl­recht der Be­hör­de ver­bie­te, die Fra­ge zu prü­fen, ob die Kan­di­da­tur einer wahl­wer­ben­den Grup­pe dem ver­fas­sungs­ge­setz­li­chen Ver­bot na­tio­nal­so­zia­li­sti­scher Wie­der­be­tä­ti­gung wi­der­sprä­che. Die­se Prä­mis­se hält einer nä­he­ren Prü­fung nicht stand. § 3 Ver­botsG muß auch von der Wahl­be­hör­de be­ach­tet wer­den.

Legt man die­ses Ver­ständ­nis des § 3 Ver­botsG zu­grun­de, ist den im Prü­fungs­be­schluß aus die­ser Ver­fas­sungs­be­stim­mung ab­ge­lei­te­ten Be­den­ken der Bo­den ent­zo­gen. Ins­be­son­de­re ist der Ge­setz­ge­ber nicht ver­hal­ten, das Ver­bot na­tio­nal­so­zia­li­sti­scher Wie­der­be­tä­ti­gung in Wahl­ge­set­zen zu wie­der­ho­len oder be­son­de­re Vor­schrif­ten über die Ver­fah­rens­wei­se bei Ver­dacht einer Wie­der­be­tä­ti­gung zu er­las­sen.

Was Art. 9 Staats­ver­trag von Wien be­trifft ..., ist fest­zu­hal­ten, daß die Er­fül­lung des in Z 1 aus­ge­spro­che­nen Ge­bo­tes ... durch die in Prü­fung ste­hen­de Vor­schrift des § 15 Abs. 5 Hoch­schü­ler­schaftsG 1973 an­ge­sichts der un­mit­tel­ba­ren An­wend­bar­keit des § 3 Ver­botsG nicht in Fra­ge ge­stellt wird.

Die in Z 2 ent­hal­te­ne Pflicht zur Auf­lö­sung al­ler in Öster­reich be­ste­hen­den Or­ga­ni­sa­tio­nen fa­schi­sti­schen Cha­rak­ters, und zwar so­wohl po­li­ti­sche, mi­li­tä­ri­sche, pa­ra­mi­li­tä­ri­sche als auch al­le an­de­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen, wel­che eine ir­gend­eine der Ver­eint­en Na­tio­nen feind­li­che Tä­tig­keit ent­fal­ten oder wel­che die Be­völ­ke­rung ih­rer de­mo­kra­ti­schen Rech­te zu be­rau­ben be­strebt sind, kann in Voll­zie­hung des § 3 Ver­botsG je­den­falls in­so­weit er­füllt wer­den, als die­se Ver­fas­sungs­be­stim­mung auch die blo­ße Be­tä­ti­gung für die Zie­le der NSDAP un­ter­sagt (und in Über­ein­stim­mung mit Z 3 des Art. 9 durch die §§ 3a ff Ver­botsG straf­recht­lich sank­tio­niert ist). Der VfGH geht da­von aus, daß Art. 9 Z 2 Öster­reich nicht ver­pflich­tet, sein Wahl­recht so aus­zu­ge­stal­ten, daß ir­gend­wel­che mög­li­cher­wei­se sich bil­den­de — von § 3 Ver­botsG nicht er­faß­te — fa­schi­sti­sche Or­ga­ni­sa­tio­nen des­halb von der Teil­nah­me an Wah­len aus­ge­schlos­sen wer­den, weil die Wahl­be­hör­den Wahl­vor­schlä­ge al­lein auf­grund einer all­ge­mei­nen Ge­ne­ral­klau­sel der­art va­gen In­hal­tes zu­rück­wei­sen müß­ten.

Der Ge­richts­hof geht da­her da­von aus, daß die Be­stim­mun­gen über den Aus­schluß vom Wahl­recht auf­grund einer ge­richt­li­chen Ver­ur­tei­lung in Ver­bin­dung mit den ein­schlä­gi­gen Vor­schrif­ten des Straf­rech­tes den Er­for­der­nis­sen des Staats­ver­tra­ges auch in die­sem Punkt ge­nü­gen.

Die­ses Er­geb­nis wird auch durch die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Art. 9 Staats­ver­trag von Wien be­stä­tigt.

Daß die tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se sich der­art ge­än­dert hät­ten, daß über § 3 Ver­botsG hin­aus Maß­nah­men für den Be­reich des Wahl­rech­tes zu tref­fen wä­ren, hat das Ver­fah­ren nicht auf­ge­zeigt.



VfSlg 9648:


Der Bf. trat im Ad­mi­ni­stra­tiv­ver­fah­ren als Grün­der der po­li­ti­schen Par­tei auf, de­ren Sat­zun­gen zu hin­ter­le­gen die bel. Be­h. ver­wei­gert hat.

Der Be­scheid greift so­hin in sub­jek­ti­ve Rech­te des Bf. ein. Er ist be­schwer­de­le­gi­ti­miert.

We­der aus dem Wort­laut des Par­tei­en­ge­set­zes noch einer an­de­ren Rechts­vor­schrift (die dem § 1 Abs. 3 er­ster Satz Par­tei­enG zu­fol­ge auf Ver­fas­sungs­stu­fe zu ste­hen hät­te) er­gibt sich eine Be­fug­nis des Bun­des­mi­ni­sters für In­ne­res oder einer an­de­ren Be­hör­de, — aus wel­chen Grün­den im­mer — die Hin­ter­le­gung der Sat­zung zu ver­wei­gern oder son­sti­ge, auf die Grün­dung der po­li­ti­schen Par­tei be­zug­ha­ben­de, all­ge­mein ver­bind­li­che Ver­fü­gun­gen oder Fest­stel­lun­gen zu tref­fen.

In die vom Ver­fas­sungs­ge­setz­ge­ber ge­währ­lei­ste­te Par­tei­en­grün­dungs­frei­heit darf dem­nach kein Or­gan der Voll­zie­hung, also we­der ein Ge­richt noch eine Ver­wal­tungs­be­hör­de, ein­grei­fen.

Dar­aus folgt, daß al­le Ver­wal­tungs­be­hör­den und al­le Ge­rich­te für Zwecke der bei ih­nen an­hän­gi­gen Ver­fah­ren in­ci­den­ter zu be­ur­tei­len ha­ben, ob die Be­haup­tung einer dort auf­tre­ten­den Per­so­nen­grup­pe, als po­li­ti­sche Par­tei Rechts­per­sön­lich­keit zu be­sit­zen, zu­trifft oder nicht.

Der Bun­des­mi­ni­ster für In­ne­res hat durch die be­scheid­mä­ßi­ge Ver­wei­ge­rung der Hin­ter­le­gung der Sat­zung einer po­li­ti­schen Par­tei eine ihm ge­setz­lich nicht zu­kom­men­de Zu­stän­dig­keit in An­spruch ge­nom­men. Der Bf. wur­de so­hin durch den an­ge­foch­te­nen Be­scheid im verf­ges­gew. Recht auf ein Ver­fah­ren vor dem ge­setz­li­chen Rich­ter ver­letzt (vgl. z.B. VfSlg. 8828/1980). Der be­kämpf­te Be­scheid war da­her auf­zu­he­ben.



VfSlg 8951:


Der Bf. hat seit dem Jahr 1973 bis zum 10. Ok­to­ber 1980 ins­ge­samt 192 An­trä­ge, Be­schwer­den und Kla­gen beim VfGH ein­ge­bracht.

Aus dem Ge­samt­ver­hal­ten des An­trags­stel­lers und Bf. in den ver­gan­ge­nen Jah­ren er­gibt sich, daß er nicht des­halb so außer­or­dent­lich häu­fig an den VfGH her­an­tritt, um Recht­schutz zu er­hal­ten, son­dern um einer­seits rechts­wis­sen­schaft­li­che Ex­pe­ri­men­te an­zu­stel­len und um an­der­seits — wie der An­trags­stel­ler und Bf. wie­der­holt her­vor­ge­ho­ben hat — „den Zu­sam­men­bruchs der Steu­er­er­he­bung nach ka­pi­ta­li­sti­schen Be­steu­e­rungs­grund­sät­zen” (sie­he z.B. im Ver­fah­ren B 453/78) und „den Zu­sam­men­bruch un­se­res ge­gen­wär­ti­gen ka­pi­ta­li­stisch–fa­schi­sti­schen Re­gi­mes” (sie­he z.B. im Ver­fah­ren B 454, 455/78) her­bei­zu­füh­ren. Die An­trä­ge und Be­schwer­den die­nen so­mit nicht der Er­zie­lung eines Zweckes, des­sen Schutz durch die An­ru­fung des VfGH er­reicht wer­den kann.

Die An­trä­ge und Be­schwer­den sind da­her man­gels Le­gi­ti­ma­tion des An­trags­stel­lers und Bf. zu­rück­zu­wei­sen.






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Version Nr. 4/2026 vom 19. Feber 2026
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