„Burschen und Bomben”

Anhang A: Gedanken wider die „öffentliche Meinung”

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„Ihr Name ist die öffentliche Meinung. Sie wird hoch in Ehren gehalten.
Sie bestimmt alles. Manche meinen, sie sei die Stimme Gottes.”
[297]

„Wenn fünfzig Millionen Leute etwas Dummes sagen, bleibt es doch etwas Dummes.” [298]


1. Tarnung


1.1 Allgemeines


„Tar­nen heißt, sich der Um­ge­bung an­pas­sen.”[299] Der Grund­satz „decken und tar­nen” ist nicht nur in der Na­tur[300] ein wirk­sa­mes Mit­tel, un­ent­deckt zu blei­ben und sich so wirk­ungs­voll zu ver­tei­di­gen oder an­grei­fen zu kön­nen; im Rah­men seiner Aus­bil­dung beim Öster­rei­chi­schen Bun­des­heer er­fährt je­der Wehr­mann die Vor­tei­le der ge­lun­ge­nen eige­nen und die Be­dro­hung durch die geg­ne­ri­sche Tar­nung.[301]

„Tar­nen und täu­schen” ist das Mit­tel von Be­trü­gern, die sich durch end­lo­se Über­wei­sun­gen, ver­schach­tel­te Eigen­tums­ver­hält­nis­se von Fir­men und Schein­fir­men und durch ver­schie­de­ne an­de­re Tricks be­rei­chern, und von sub­ver­si­ven po­li­ti­schen Grup­pie­run­gen, die durch Tarn­schrif­ten[302] oder per­ma­nen­te Neu­grün­dun­gen und Um­be­nen­nun­gen von ih­ren wah­ren Vor­ha­ben ab­len­ken wol­len, da sie sonst mit Maß­nah­men des je­wei­li­gen Ver­fas­sungs­schut­zes bzw. Ge­gen­wind durch die öf­fent­li­che Mei­nung rech­nen müß­ten.[303]

In der Kri­mi­na­listik be­deu­tet „täu­schen und tar­nen” das Ver­wi­schen, im „Ide­al­fall” das Be­sei­ti­gen der Spu­ren eines Ver­bre­chens bzw. das In-die-Ir­re–Füh­ren der Er­mitt­ler.[304] Wie der gut aus­ge­bil­de­te Sol­dat für die Tar­nung des Geg­ners hat der er­fah­re­ne Kri­mi­na­list gut trai­nier­te Sin­ne zum Ent­tar­nen des Ver­bre­chers, des­sen ein­zi­ge Chan­ce ent­we­der in den be­son­de­ren Um­stän­den (die vom Er­mitt­ler nicht nach­voll­zieh­bar sind) oder in seinem über­mäßi­gen Ge­schick und Ein­falls­reich­tum lie­gen. In­no­va­ti­ve Ide­en ver­bes­sern die Tar­nung we­sent­lich, da sie außer­halb des Er­fah­rungs­schat­zes des Er­mitt­lers lie­gen; neu­ar­tige Ver­bre­chen — wie das die Brief­bom­ben­an­schlä­ge in Öster­reich sind — fal­len in die­se Ka­te­go­rie. In die­sem Fall ist der Kri­mi­na­list auf die Hil­fe an­de­rer Wis­sen­schaf­ten an­ge­wie­sen.[305]


1.2 Spra­che


„Das, wo­rauf die Ba­ju­wa­ri­sche Be­frei­ungs­ar­mee grö­ßten Wert legt,
ist die ex­ak­te und sau­be­re Ver­wen­dung der Spra­che.”
[306]


„Be­stim­mend für die Sprach­struk­tur ist das Drei­eck Ob­jekt, Sub­jekt und Ge­sprächs­part­ner. Das Sub­jekt er­kennt am Ob­jekt Merk­ma­le, die es mit an­de­ren Merk­ma­len aus seiner Er­fah­rung di­rekt oder in­di­rekt, po­si­tiv oder ne­ga­tiv ver­glei­chen kann, bil­det dar­aus einen Satz, der wie­der­um so for­mu­liert wer­den muß, daß er auch dem Ver­ständ­nis­ho­ri­zont des Ge­sprächs­part­ners ent­spricht. Letzt­lich ist es al­so un­mög­lich, der Ebe­ne der Um­gangs­spra­che in eine Wis­sen­schafts­spra­che aus reinen, ein­deu­tigen Be­grif­fen zu ent­flie­hen, denn ein­mal müs­sen auch die­se Be­grif­fe mit Hil­fe der Um­gangs­spra­che de­fi­niert wer­den. Ge­schieht das nicht, bleibt man bei Num­mern, wie schön auch im­mer die Wor­te klin­gen, und das sind dann Num­mern von Wit­zen, die nie­mand ver­steht. Das kann in der Wis­sen­schaft ge­sche­hen, wenn man z.B. eine Be­zeich­nung für eine Quel­le braucht, de­ren Be­deu­tung un­be­kannt ist.”[307] Sol­che Pro­ble­me gibt es in der All­tags­spra­che und im Dia­lekt; sie wer­den beim Um­gang mit Frem­den be­son­ders deut­lich. Bei­spiel­wei­se ist das Wie­ne­ri­sche „Gnä­dig­ste” in seiner Be­deu­tung von Ort, Zeit, an­ge­spro­che­ner bzw. an­sprech­en­der Per­son und dem Ton­fall ab­hän­gig — Um­stän­de, die sich der Be­ur­tei­lung eines Ham­bur­gers meist völ­lig ent­zie­hen![308]


1.3. Brie­fe und ih­re In­ter­pre­ta­tion


„Einer der we­sent­lich­sten As­pek­te des Brie­fes be­zieht sich auf die Spra­che: We­gen seiner Auf­ga­be, un­mit­tel­bar auf einen be­stimm­ten Le­ser zu wir­ken, be­fin­den wir uns meist auf einer in­ti­men Sprach­ebe­ne, die wir bei son­sti­gen schrift­li­chen Quel­len nicht er­rei­chen.”[309] „Bei der Kri­tik die­ser Quel­le ste­hen al­so drei Din­ge im Vor­der­grund: Zweck — vom Lie­bes– bis zum Ge­schäfts­brie­f —, Part­ner — von den ge­heim­sten Ge­füh­len bis zum of­fe­nen Brief —, und li­te­ra­ri­sche Form — von der küh­len Mit­tei­lung bis zum ge­feil­ten Kunst­werk. [...] Zum Fin­den und zum In­ter­pre­tie­ren ist eine mög­lichst ge­naue Kennt­nis der Or­ga­ni­sa­tions­struk­tur der pro­du­zie­ren­den Stel­le er­for­der­lich. Viel­fach tau­chen prak­ti­sche Pro­ble­me auf, die auch das Ma­te­ri­al der Schrift­stücke be­herr­schen. Schrift und Aus­stat­tung ha­ben nicht blo­ß den Zweck der Kom­mu­ni­ka­tion. Stän­dig schwingt der Ge­dan­ke an eine Öf­fent­lich­keit mit, die das Schrift­stück eben­falls liest. Da­her wird auch Rück­sicht ge­nom­men auf Be­dürf­nis­se der Re­prä­sen­ta­tion, Pro­pa­gan­da und Wer­bung.”[310] Im kon­kre­ten Fall der Be­ken­ner­schrei­ben der BBA weiß man we­der et­was über die Or­ga­ni­sa­tions­form der BBA noch über den oder die Draht­zie­her, um die Brie­fe in­ter­pre­tie­ren zu kön­nen; da­her er­scheint es völ­lig aus­sichts­los, von nicht kor­rekt, d.h. zwei­fels­frei in­ter­pre­tier­ba­ren Be­ken­ner­schrei­ben auf die Or­ga­ni­sa­tions­form — ge­schwei­ge denn auf die han­deln­den Per­so­nen — schlie­ßen zu kön­nen — auch und schon gar nicht mit Hil­fe der Sprach– und/oder Ge­schichts­wis­sen­schaft!

Hin­zu kommt das Pro­blem, daß es sich hier nicht um „ex­ak­te” Wis­sen­schaf­ten (wie et­wa Ma­the­ma­tik) han­delt,[311] de­ren Ziel da­her nicht die ex­ak­te, für den Be­reich der Kri­mi­na­listik un­be­dingt er­for­der­li­che Nach­weis­bar­keit, son­dern et­wa das Auf­fin­den, Er­ken­nen und Dar­stel­len von Zu­sam­men­hän­gen ist. Ge­schich­te und Sprach­wis­sen­schaft be­schäf­ti­gen sich mit For­schung, nicht mit Er­mitt­lung! Da­her ist es eine Quel­le fa­ta­ler Feh­ler, wenn et­wa ein Kri­mi­na­list nicht vom Sprach­wis­sen­schaf­ter aus­drück­lich dar­auf auf­merk­sam ge­macht wird, daß seine Be­schrei­bungs­me­tho­den ge­wis­se Un­si­cher­heits­fak­to­ren auf­wei­sen und nicht so­fort für „ba­re Mün­ze” ge­nom­men wer­den kön­nen![312]

Zu al­lem Über­fluß wis­sen wir nichts (gar nichts!) über den Wis­sens­stand des Tä­ters in der Kunst des Tar­nens. Wir wis­sen nicht, ob er bei­spiels­wei­se ge­heim­dienst­li­che Kennt­nis­se hat[313] oder nur sehr ge­schickt ist, ob er sich über­haupt ge­tarnt hat[314] oder ob seine Tar­nung in­stink­tiv war und auf Zu­fall be­ruht. Letzt­lich be­fin­den sich die Er­mitt­ler in der Rol­le eines Fir­men­psy­cho­lo­gen, der einen Fra­ge­bo­gen und einen (teil­wei­se) ab­sol­vier­ten, nicht von ihm ver­faß­ten In­tel­li­genz­test von einer (?) Per­son in die Hän­de be­kommt, die er nie ken­nen­ge­lernt hat und von der er nicht weiß, wie weit sie sich be­reits mit In­tel­li­genz­tests be­schäf­tigt hat, in­wie­weit sie über In­tel­li­genz und Kön­nen ver­fügt, die „sen­sib­len” Fra­gen–Klip­pen ge­schickt zu um­schif­fen etc.; dar­über hin­aus weiß er auch nicht, von wem der In­tel­li­genz­test for­mu­liert wur­de, wel­che Qua­li­fi­ka­tion sein Autor hat, ob es einen oder meh­re­re Auto­ren ge­ge­ben hat und, wenn ja, wel­che Fra­ge von wel­chem Autor mit wel­cher Qua­li­fi­ka­tion und mit wel­cher Ziel­set­zung ge­stellt wur­de. Er­geb­nis: Ist schon die Aus­wer­tung bei Be­kannt­sein al­ler De­tails mit einem gro­ßen Un­si­cher­heits­fak­tor ver­se­hen, so ist eine eini­ger­ma­ßen stich­hal­ti­ge Aus­sa­ge zur Per­son in der oben ge­schil­der­ten Si­tua­tion un­mög­lich![315] Die Aus­wer­tung der Be­ken­ner­schrei­ben der BBA durch einen Wis­sen­schaf­ter der Uni­ver­si­tät Wien[316] er­scheint — bei al­lem se­riös–wis­sen­schaft­li­chen Be­mü­hen — in die­sem Zu­sam­men­hang als reine Geld– und Zeit­ver­schwen­dung!


1.4 Ergebnis


Ohne greif­ba­re Er­geb­nis­se bei einer kri­mi­nal­tech­ni­schen Un­ter­su­chung[317] stel­len die Be­ken­ner­schrei­ben da­her von ih­rem In­halt her be­trach­tet we­der für den Lin­gui­sten noch für den Kri­mi­na­li­sten eine taug­li­che Er­mitt­lungs­grund­la­ge dar, den oder die Tä­ter aus­zu­for­schen; sie die­nen höch­stens — ent­spre­chen­de Über­heb­lich­keit und Un­vor­sich­tig­keit der Tä­ter vor­aus­ge­setzt — als nach­träg­li­ches Be­weis­mit­tel.


2. Da­ten­flut und aka­de­mi­sches Phi­lo­so­phie­ren[318]


2.1 Aus­gangs­la­ge


150 Mil­lio­nen Schil­ling Ko­sten,[319] bei­na­he vier lan­ge Jah­re in­ten­si­ver Ar­beits­ein­satz[320], bei le­bens­ge­fähr­li­chen Ent­schär­fungs­ver­su­chen[321] ver­letz­te Si­cher­heits­be­am­te und me­ter­ho­he, schier end­los scheinen­de, mit Ak­ten ge­füll­te Re­ga­le,[322] die eher an die Aus­wir­kung po­li­zei­staat­li­cher Über­wa­chung denn an eine Maß­nah­me zum Schutz der Re­pu­blik und der De­mo­kra­tie er­in­nern, scheinen an­stel­le der Aus­for­schung der Tä­ter das bis­her ein­zi­ge Er­geb­nis der Er­mitt­lun­gen der ver­schie­de­nen öster­rei­chi­schen Si­cher­heits­kräf­te in der Brief­bom­ben–Af­fai­re zu sein. Die Kri­tik an die­sem Re­sul­tat mag be­rech­tigt sein, hilf­rei­cher und der Sa­che dien­li­cher ist je­den­falls eine ob­jek­ti­ve[323] Ana­ly­se von außen mit dar­an an­knüp­fen­den Vor­schlä­gen.


2.2 Er­mitt­lun­gen


Ins­be­son­de­re die Pra­xis, nach je­der An­schlags­se­rie die Er­mitt­ler aus­zu­taus­chen,[324] dürf­te ne­ben dem An­sam­meln rie­si­ger, un­über­schaub­ba­rer, in an­ge­mes­se­ner Zeit nicht ver­wert­ba­rer Ak­ten­men­gen über al­le mög­li­chen „Ver­däch­ti­gen” ein Grund für die Er­folg­lo­sig­keit vor al­lem der staat­po­li­zei­li­chen Er­mitt­lun­gen bis zur fünf­ten Brief­bom­ben­se­rie ge­we­sen sein.[325] Die da­für da­nach zu­stän­di­ge, er­folg­rei­cher agie­ren­de Son­der­kom­mis­sion un­ter Fried­rich Mah­rin­ger ging fol­ge­rich­tig von po­li­tisch mo­ti­vier­ten zu kri­mi­na­li­sti­schen Er­mitt­lungs­me­tho­den über.[]326


2.3 Mo­ti­va­tion (I)


„Das Agie­ren die­ses Tä­ters oder die­ser Tä­ter­schaft ist mir zu­tiefst zu­wi­der; auf die­se Wei­se kann man nichts ver­än­dern, darf man nichts ver­än­dern, und das ist eigent­lich die Mo­ti­va­tion der Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen der Son­der­kom­mis­sion und auch meine, sie dorthin zu brin­gen, wo sie hin­ge­hö­ren.”[327] Die­se per­sön­li­che Äuße­rung Mah­rin­gers ist un­ver­ständ­lich an­ge­sichts der Tat­sa­che, daß es Auf­ga­be eines Be­am­ten in seiner Po­si­tion ist, Ver­bre­cher wie die Draht­zie­her der Brief­bom­ben­an­schlä­ge nach be­sten Kräf­ten aus­zu­for­schen, und zwar völ­lig un­ab­hän­gig da­von, ob er von der Nie­der­tracht der je­wei­li­gen Tä­ter über­zeugt, be­rührt oder be­trof­fen ist[328]; seine Mo­ti­va­tion hat sich aus seinem Be­am­ten­sta­tus zu er­ge­ben. Über­dies wir­ken der­ar­ti­ge Mo­ti­va­tio­nen ka­na­li­sie­rend, d.h. wie Scheu­klap­pen; sie ge­fähr­den so den Er­folg der Er­mitt­lun­gen.[329] Emo­tions­lo­se Sach­lich­keit, „aka­de­mi­sche” Di­stanz[330] und un­vor­ein­ge­nom­me Auf­merk­sam­keit sind in­ter­na­tio­nal an­er­kann­te Er­folgs­re­zep­te in der Kri­mi­na­listik.[331]


2.4 Ziel­vor­ga­be oder Chaos


„Ein kla­res Ziel ist eine ge­naue Vor­stel­lung, wie et­was am En­de eines Pro­zes­ses sein oder aus­se­hen soll. Es ist eine ein­deu­ti­ge Aus­sa­ge über die für den Ab­schluß einer Tätig­keit er­streb­ten Be­din­gun­gen. Ein Ziel ist et­was an­de­res als eine ein­ge­schla­ge­ne Rich­tung. Es ist in Wahr­heit eine Be­stim­mung.”[332]

Oh­ne prä­zi­se Ziel­vor­ga­be und ih­re ent­spre­chen­de Über­wa­chung ge­rät je­de Ar­beit — auch wenn sie noch so mo­ti­viert ver­rich­tet wird — au­ßer Kon­trol­le und wu­chert ins Ufer­lo­se.[333] Je mehr Per­so­nen mit ihr be­schäf­tigt sind, de­sto grö­ßer ist die Eigen­dy­na­mik, mit der sie sich von ih­rem Ziel ent­fernt und zum Selbst­zweck wird.[334] Zu über­wa­chen ist ge­le­gent­lich, ob die Ar­bei­ten­den noch „auf Kurs” sind, ob sie das Ziel noch vor Au­gen ha­ben, nicht je­doch die Ver­rich­tung der Ar­beit selbst: „Sinn eines kla­ren Zie­les ist es, je­dem die Mö­glich­keit zu ge­ben, selbst zu ent­schei­den, was er tun muß, da­mit er es oh­ne stän­di­ge An­wei­sung oder An­lei­tung tun kann.”[335]

Da­ran schei­ter­ten of­fen­bar auch die Er­mitt­lun­gen der Sta­po und der So­ko bis­her. Auch hier zeigt sich deut­lich die em­si­ge Ar­beit der er­mit­teln­den Be­am­ten, die Ber­ge über Ber­ge an Da­ten er­mit­telt und aus­ge­wer­tet und da­bei Mil­lio­nen Steu­er–Schil­lin­ge ver­braucht, aber noch kein brauch­ba­res Er­geb­nis ab­ge­lie­fert ha­ben; sie sind in­ef­fi­zi­ent nach bes­tem Wis­sen und Ge­wis­sen!

In con­cre­to ist al­so fest­zu­hal­ten: Nicht das Er­mit­teln mög­lichst vie­ler Da­ten und „Fak­ten” über mög­lichst vie­le Per­so­nen,[336] son­dern die Aus­for­schung der Tä­ter, der Draht­zie­her der Brief­bom­ben­an­schlä­ge ist das Ziel, das in an­ge­mes­se­ner Zeit er­reicht wer­den muß! Mit an­de­ren Wor­ten: „Bin­nen der an­ge­mes­se­nen Zeit von ... Wo­chen (!) ist ein Fahn­dungs­er­geb­nis zu brin­gen, das zur Fest­nah­me und Ver­ur­tei­lung der wah­ren Tä­ter führt”, nicht aber: „Sucht die Tä­ter, kos­te es, was es wol­le.”


2.5 Mo­ti­va­tion (II)


Um dem Ziel bes­se­ren Nach­druck zu ver­lei­hen, müß­ten die Be­am­ten, die mit der An­ge­le­gen­heit be­traut sind, letzt­lich durch Ent­bin­dung von der Auf­ga­be, ver­bun­den mit einem Er­folg­lo­sig­keits­ab­zug (als Pen­dant zur Er­folgs­prä­mie!) in fi­nan­zi­el­ler Hin­sicht, bei oft­ma­li­ger Er­folg­lo­sig­keit auch mit einer Rück­ver­set­zung, „be­straft”, bei Er­folg der Er­mitt­lun­gen ent­spre­chend be­lohnt wer­den kön­nen. Dies wä­re nicht nur ko­sten­spar­end, son­dern auch de­mo­kra­tie­för­dernd: Ein kleine­res, fle­xi­ble­res, ef­fi­zien­te­res Be­am­ten­heer ist viel leich­ter in der La­ge, Ver­fas­sung und Re­gie­rungs­form zu schüt­zen als eine aus­ge­präg­te, trä­ge Bü­ro­kra­tie, die al­lein schon auf­grund ih­rer Grö­ße und des da­mit ver­bun­de­nen or­ga­ni­sa­to­ri­schen Auf­wan­des mit dem ge­wöhn­li­chen Ar­beits­pen­sum über­for­dert und da­her in Aus­nah­me­si­tua­tio­nen zu einer adä­qua­ten Re­ak­tion re­gel­mä­ßig nicht in der La­ge ist.[337] Für den nor­ma­len All­tag er­fül­len je­doch Lob und Ta­del — ent­spre­chen­de Füh­rungs­qua­li­tä­ten des je­wei­li­gen Vor­ge­setz­ten[338] vor­aus­ge­setzt —, ver­bun­den mit dem Ge­wäh­ren eines ent­spre­chen­den selb­stän­di­gen Ent­schei­dungs­frei­raums, den Zweck des An­sporns zu hö­he­rer Lei­stung und zur Aus­rich­tung auf das vor­ge­ge­be­ne Ziel.[339]


3 Ex­kurs: De­mo­kra­tie — Sinn und Un­sinn


„Öster­reich ist eine de­mo­kra­ti­sche Re­pu­blik.
Ihr Recht geht vom Vol­ke aus.”
[340]

„De­mo­kra­tie, das ist nicht viel,
So­zia­lis­mus ist das Ziel.”
[341]


Das Wort De­mo­kra­tie be­deu­tet Volks­herr­schaft und be­in­hal­tet ent­ge­gen dem all­ge­meinen Sprach­ge­brauch we­der Hin­wei­se auf die Art, in der die­se Herr­schaft aus­ge­übt wird, noch auf ih­re Kon­tro­lle oder gar Ori­en­tie­rung an Grund– und Frei­heits­rech­ten.[342] Dem­ent­spre­chend gibt es die ver­schie­den­sten, v.a. ideo­lo­gisch de­ter­mi­nier­ten In­ter­pre­ta­tio­nen die­ses Be­grif­fes,[343] die bis zu seiner kom­mu­nisti­schen[344] („Volks–De­mo­kra­tie”, „Volks–Volks­herr­schaft”), fa­schisti­schen und na­tio­nal­so­zi­a­listi­schen[345] Per­ver­sion ge­hen.

So­zia­li­stisch ge­präg­te In­ter­pre­ta­tio­nen ver­ste­hen De­mo­kra­tie nur als vor­über­ge­hen­des Sta­di­um, in dem das re­vo­lu­tio­nä­re Pro­le­ta­riat die Füh­rungs­rol­le über­nimmt und — nach­dem al­le an­de­ren Ge­sell­schafts­schich­ten in die­sem auf­ge­gan­gen sind — schließ­lich die so­zia­li­sti­sche Ge­sell­schaft ver­wirk­licht.[346] Fol­ge­rich­tig wird da­her der Be­griff De­mo­kra­tie nur auf einen Teil des Vol­kes, näm­lich das Pro­le­ta­riat (so­zia­li­stischer An­satz)[347] bzw. auf die Par­tei, die die­sen führt (kom­mu­nisti­scher An­satz),[348] und nicht auf das ge­sam­te Staats­volk an­ge­wandt.

Al­ler­dings kann man von Volks­herr­schaft nur dann spre­chen, wenn der Wil­le zur Herr­schaft und da­mit die Ent­schei­dung über die Volks–Re­prä­sen­tan­ten auch tat­säch­lich vom Volk aus­geht. Die mo­der­ne De­mo­kra­tie „ist so­mit eine be­stimm­te Me­tho­de von Herr­schafts­be­stel­lung auf­grund all­ge­meiner Wah­len und [...] auf­grund von Par­tei­en­kon­kur­renz und Mei­nungs­frei­heit.”[349] „So wol­len wir [...] die Ein­sicht fest­hal­ten, daß De­mo­kra­tie und Frei­heit, De­mo­kra­tie und Rechts­staat nicht we­sens­not­wen­dig zu­sam­men­ge­hö­ren.”[350]

Sehr wohl aber ist es mög­lich, eine De­mo­kra­tie auf de­mo­kra­ti­sche Wei­se am mög­lichst gro­ßen Glück und Wohl­be­fin­den mög­lichst vie­ler Men­schen, an Grund– und Frei­heits­rech­ten zu ori­en­tie­ren und sie mit einem dau­er­haf­ten, sie mo­ra­lisch[351] recht­fer­ti­gen­den Wert, der vom Groß­teil der Be­völ­ke­rung ak­zep­tiert wird, zu ver­se­hen. Die Be­ach­tung und Durch­setz­bar­keit der „de­mo­kra­ti­schen Tu­gen­den”[352], d.h. die Aus­ge­wo­gen­heit zwi­schen Rech­ten und Pflich­ten,[353] zwi­schen Auto­ri­tät und Ver­ant­wor­tung,[354] die dis­zi­pli­nier­te Aus­übung von Frei­heit und ih­re recht­mä­ßi­ge Be­schrän­kung,[355] Fair­neß[356] und von der Ge­mein­schaft ge­tra­ge­ne Ge­rech­tig­keit[357] so­wie Re­spekt[358] vor dem In­di­vi­du­um, seiner In­di­vi­dua­li­tät[359] und seinen „an­ge­bo­re­nen, schon durch die Ver­nunft ein­leuch­ten­den” Rech­ten[360] ist da­bei je­doch un­um­gäng­lich. Die Not­wen­dig­keit der Be­käm­pfung des „Ge­spens­tes des Kom­mu­nis­mus”[361], der „de­mo­kra­ti­schen Dik­ta­tur” im Sin­ne der so­zia­li­stischen Welt­re­vo­lu­tions­leh­re er­gibt sich da­durch von selbst,[362] sie wird re­gel­mä­ßig durch Macht­be­schrän­kungs­me­cha­nis­men[363] und ein Wi­der­stands­recht[364] er­reicht.

Nicht zu­letzt wird schließ­lich die Qua­li­tät einer De­mo­kra­tie von der Um­sicht der Re­gie­ren­den[365] und von der Bil­dung der Re­gier­ten,[366] ins­be­son­de­re von de­ren Wis­sen um die De­mo­kra­tie und der sie zu ih­rem Ziel füh­ren­den Wer­te, be­ein­flußt; von gro­ßer Be­deu­tung ist auch die Er­zie­hung der je­weils nach­fol­gen­den Ge­ne­ra­tion zur Ach­tung de­mo­kra­ti­scher Grund– und Frei­heits­rech­te.[367] Wei­ters be­nö­tigt eine in die­sem Sinn er­folg­rei­che De­mo­kra­tie ent­spre­chen­de ef­fi­zi­en­te Struk­tu­ren und Ein­rich­tun­gen, ver­bun­den mit einer per­ma­nen­ten, eben­so ef­fi­zi­en­ten Kon­trol[]le der­sel­ben.[368]

Für Ös­ter­reich er­gibt sich aus die­sen Er­wä­gun­gen, daß die Aus­ge­stal­tung der an sich wert­frei­en De­mo­kra­tie in einer Wei­se, wie sie et­wa durch adop­tier­tes, an na­tur­recht­li­chen Wer­ten orien­tier­tes Ver­fas­sungs­recht vor­ge­ge­ben ist,[369] durch die rechts­po­si­ti­visti­sche Prä­gung der Bun­des­ver­fas­sung nicht nur stark be­hin­dert,[370] son­dern ge­ra­de­zu in Fra­ge ge­stellt wird.[371] Eine grund­le­gen­de Re­form des öster­rei­chi­schen Ver­fas­sungs­rechts im Sin­ne des euro­päi­schen Sy­stems der Grund– und Frei­heits­rech­te — und da­mit der Ab­schied vom schon lan­ge nicht mehr den Er­for­der­nis­sen un­se­rer Zeit ent­spre­chen­den Rechts­po­si­ti­vis­mus — er­scheint da­her drin­gend er­for­der­lich, um men­schen­ver­ach­ten­den Ten­den­zen vor­zu­beu­gen bzw. wir­kungs­voll be­geg­nen zu kön­nen und die von der Nor­men­flut völ­lig über­for­der­te Ver­wal­tung zu ent­la­sten![372]


4 Ex­kurs: Die „Qua­li­fi­zier­te De­mo­kra­tie”


Po­li­tisch mo­ti­vier­ter Ter­ror — wie je­ner der Brief­bom­ben — kann nie­mals die De­mo­kra­tie an sich, son­dern aus­schließ­lich die da­hin­ter­ste­hen­den Wer­te zum Ziel ha­ben.[373] Je we­ni­ger al­ler­dings die Rechts­ord­nung die­se Wer­te schützt,[374] je we­ni­ger die Bür­ger sie als schüt­zens­wer­tes Ge­mein­gut emp­fin­den,[375] je we­ni­ger ih­re Re­prä­sen­tan­ten selbst den An­for­de­run­gen die­ser Wer­te ge­nü­gen,[376] de­sto leich­te­res Spiel ha­ben Ter­ro­risten vom ver­wirr­ten Gei­stes­kran­ken bis zum be­rech­nen­den, fa­na­ti­schen Ex­tre­mi­sten, staat­li­che Schutz­me­cha­nis­men aus­zu­schal­ten und letzt­lich durch di­rek­te oder in­di­rek­te Er­pres­sung un­zu­läs­si­gen Ein­fluß im Staat zu ge­win­nen.[377]

Um­fang­rei­che staats­po­li­zei­li­che und kri­mi­nal­po­li­zei­li­che Er­mitt­lun­gen ge­gen den Brief­bom­ben­ter­ror sind oh­ne je­den Zwei­fel ziel­füh­ren­de und un­um­gäng­li­che Maß­nah­men, die er­grif­fen wer­den müs­sen, um den Staat und seine In­sti­tu­tio­nen zu schüt­zen. Die wah­re Äch­tung eines Ter­ro­ri­sten fin­det je­doch erst dann statt, wenn das den Straf­pro­zeß[378] ab­schlie­ßen­de, rechts­kräf­ti­ge Ur­teil aus­drückt, daß er eine Qua­li­fi­zier­te De­mo­kra­tie, d.h. eine po­si­ti­ve, weil an von der Ge­mein­schaft der Bür­ger ge­tra­ge­nen Grund– und Frei­heits­rech­ten ori­en­tier­te, und ak­ti­ve, weil von Re­prä­sen­tier­ten wie Re­prä­sen­tan­ten be­wußt aus­ge­stal­te­te und kon­ti­nu­ier­lich wei­ter­ent­wickel­te De­mo­kra­tie an­ge­grif­fen hat, wo­ge­gen sich die Ge­mein­schaft wil­lent­lich und selbst­ver­ständ­lich wehrt.

Eine Qua­li­fi­zier­te De­mo­kra­tie kann Ex­tre­mis­mus, Fa­na­tis­mus und Ma­ni­pu­la­tion nicht ver­hin­dern, kann aber im Augen­blick der Be­dro­hung we­sent­lich ef­fi­zi­en­ter re­agie­ren, da ih­re Kräf­te nicht durch Ein­zel– oder Ein­zel­grup­pen–In­ter­es­sen be­hin­dert wer­den: Der Schutz der Qua­li­fi­zier­ten De­mo­kra­tie ist ge­mein­sa­mes An­lie­gen. Sie ver­hin­dert außer­dem den (sys­tem– und struk­tur­ver­nich­ten­den) Lo­ya­li­täts­ver­lust in Kri­sen­zei­ten,[379] setzt je­doch vor­aus, daß sie von Qua­li­fi­zier­ten De­mo­kra­ten ge­tra­gen wird, de­nen sie ein Be­dürf­nis ist, für das sie sich ent­spre­chend ein­set­zen.

Für die Bür­ger im all­ge­meinen be­deu­tet dies die Not­wen­dig­keit einer we­sent­lich in­ten­si­ve­ren Aus­ein­an­der­set­zung mit ih­rem Staat und selbst­ver­ständ­lich auch einen Nach­weis ih­rer De­mo­kra­ti­schen Qua­li­fi­ka­tion: „Für zahl­rei­che Be­tä­ti­gun­gen sind heu­te be­hörd­li­che Be­fä­hi­gungs­nach­wei­se not­wen­dig: [...] Doch zum Wäh­len oder Ge­wählt­wer­den ge­nügt die Er­fül­lung rein ve­ge­ta­ti­ver Be­din­gun­gen: Man muß vor so und so viel Jah­ren ge­bo­ren und im­mer noch am Le­ben sein. Sonst nichts! Das gilt für die Wäh­ler als auch für die Ge­wähl­ten.”[380]

Für die ge­wähl­ten Volks­ver­tre­ter hin­ge­gen be­deu­tet dies, daß sie (und nur sie) einer­seits vor der Wahl ih­re Qua­li­fi­ka­tion of­fen­le­gen müs­sen, an­der­seits die Ver­pflich­tung zu ver­ant­wor­tungs­vol­ler, ver­ant­wort­li­cher, ob­jek­ti­ver und un­par­tei­i­scher Amts­füh­rung; idea­ler­wei­se neh­men da­her Staats­männ­er und nicht Po­li­ti­ker die höchs­ten Äm­ter in einer Qua­li­fi­zier­ten De­mo­kra­tie ein.[381]

Für die Be­am­ten end­lich be­deu­tet die Qua­li­fi­zier­te De­mo­kra­tie eine we­sent­lich stär­ke­re Bin­dung an Pflicht und in­di­vi­du­el­le Ver­ant­wor­tung, als dies der­zeit in Öster­reich der Fall ist; ih­re Lo­ya­li­tät ist eine Vor­aus­set­zung für die Kon­ti­nui­tät[382] einer de­mo­kra­ti­schen Ver­fas­sung,[383] so­lan­ge sie nicht zum par­tei­po­li­ti­schen Macht­fak­tor und so­mit miß­braucht wird. Der Ein­fluß po­li­ti­scher Par­tei­en auf das Ver­hal­ten von Be­am­ten ist da­her als de­mo­kra­tie­feind­lich ein­zu­stu­fen und hin­tan­zu­hal­ten.[384]

Be­am­ten­streiks[385] sind üb­ri­gens An­zei­chen des be­gin­nen­den Lo­ya­li­täts­zer­falls, der einer­seits selbst staats­ge­fähr­dend ist, an­der­seits den der­zei­ti­gen Zu­stand, in dem sich die Re­pu­blik be­fin­det, deut­lich wi­der­spie­gelt.

Qua­li­fi­zier­ten De­mo­kra­ten sind al­ler­dings Kel­sens mo­der­ne Vor­stel­lun­gen vom „de­mo­kra­ti­schen Frei­heits­ide­al”[386] und vom „kom­mu­ni­sti­schen Na­tur­recht”[387] fremd; an­stel­le des „Re­gi­mes der Funk­tio­nä­re”[388] set­zen sie lie­ber de­mo­kra­ti­sche Aus­ge­wo­gen­heit, an­stel­le von Mit­tel­mä­ßig­keit lie­ber In­di­vi­dua­li­tät,[389] an­stel­le „mul­ti­kul­tu­rel­ler Ein­heit­lich­keit”[390] die Viel­falt der ein­zel­nen Be­völ­ke­rungs­grup­pen.

Pla­ton hat einst ge­schrie­ben: „Und mit Recht ent­steht so­mit, den­ke ich, die Ty­ran­nis aus keiner an­de­ren Ver­fas­sung als aus der De­mo­kra­tie, aus der höch­sten Frei­heit die tief­ste und här­te­ste Knecht­schaft.”[391] Ein die­sen Rück­schritt ver­hin­dern­der, auf kon­ti­nu­ier­li­che Ent­wick­lung Be­dacht neh­men­der Lö­sungs­an­satz hin­ge­gen, der sich aus der Ge­schich­te der mitt­ler­wei­le ver­gan­ge­nen Zeit­span­ne er­gibt, lau­tet: „Es muß wie­der ein­mal dem Wis­sen Vor­rang ein­ge­räumt wer­den; was wir brau­chen, sind mi­ni­ma­le Re­gie­run­gen höch­ster Qua­li­tät und nicht enor­me Staats­ap­pa­ra­te auf nied­rig­stem Ni­veau.”[392]


5 Frem­den­angst, Frem­den­haß, Ras­sen­haß und Ras­sis­mus


„He who speaks two lan­guages, is a rascal.” [393]

„Die Fremd­lin­ge sollt ihr nicht un­ter­drücken;
denn ihr wis­set um der Fremd­lin­ge Herz,
die­weil ihr auch seid Fremd­lin­ge in Ägyp­ten­land ge­we­sen.”
[394]


5.1 Frem­den­angst


Vor­sicht vor Frem­dem und die Flucht da­vor so­wie die Angst vor Frem­dem[395] und die pa­ni­sche Flucht da­vor sind na­tür­li­che Re­ak­tio­nen, die bei Men­schen und Säu­ge­tie­ren glei­cher­ma­ßen be­o­bach­tet wer­den kön­nen.[396] Tie­re scheu­en vor Frem­dem zu­rück, Klein­kin­der „frem­deln” beim An­blick eines ih­nen Frem­den.[397] Ne­ga­ti­ve Er­fah­rungs­wer­te mit Frem­dem stei­gern bei bei­den die ab­leh­nen­de und ab­weh­ren­de Re­ak­tion, po­si­ti­ve hin­ge­gen bau­en sie ab. Men­schen kön­nen zu­dem bis zu einem ge­wis­sen Grad ler­nen, ih­re Ge­füh­le zu kon­trol­lie­ren.[398]

Angst wird, wie al­le Ge­füh­le, „durch An­läs­se aus­ge­löst, die uns zwar meist, aber keines­wegs im­mer ge­gen­ständ­lich und sach­lich be­wußt sind”.[399] Sie voll­zieht eine „Wer­tung des Er­leb­nis­be­stan­des, die meist in einem Er­le­ben von [...] ‚Un­lust’, in einer sprach­lich nicht all­ge­mein faß­ba­ren Er­leb­nis­art von [...] ‚un­an­ge­nehm’ vor sich geht.”[400] Angst löst kör­per­li­che Un­ru­he aus.


5.2 Frem­den­haß


Frem­de sind „an­ders”; sie sind mei­stens in der Min­der­heit, spre­chen eine an­de­re Spra­che oder einen an­de­ren Dia­lekt, ha­ben ein vom ge­wohn­ten Bild des Be­kann­ten ab­wei­chen­des Äuße­res[401] oder son­sti­ge Merk­ma­le, nach de­nen sie vom Be­kann­ten un­ter­schie­den wer­den kön­nen. Das „An­ders­sein” kann — je nach frü­he­rem Er­le­ben mit Frem­den — po­si­tiv[402] oder ne­ga­tiv[403] auf­ge­nom­men wer­den; Grup­pen von Frem­den nei­gen in der Re­gel zu ver­stärk­ter Eigen­dy­na­mik und Selbst­si­cher­heit und ver­rin­gern so das Über­le­gen­heits­ge­fühl der zah­len­mä­ßig über­le­ge­nen Ge­mein­schaft der Be­kann­ten, „Ein­hei­mi­schen”, die in die­sem Fal­le ih­rer­seits — ent­spre­chend dem Grad der emp­fun­de­nen (oft nur ein­ge­bil­de­ten) Be­dro­hung — zu ver­stärk­tem Ab­wehr­ver­hal­ten ten­die­ren.[404]

Fühlt sich der Ein­hei­mi­sche — aus wel­chen Grün­den auch im­mer[405] — bei der (mehr­ma­li­gen) Be­geg­nung mit dem Frem­den (zu­neh­mend) un­ter­le­gen, ist der Ver­such, die Frus­tra­tion durch ge­stei­ger­te Ag­gres­si­vi­tät zu kom­pen­sie­ren, wahr­schein­lich, wenn er sich nicht den emo­tio­na­len Aus­gleich an­der­wei­tig[406] ver­schaf­fen kann.

Ent­steht hin­ge­gen beim Ein­hei­mi­schen im Lau­fe der Zeit ein Ge­fühl der Ohn­macht, schlägt seine ge­stei­ger­te Ag­gres­si­vi­tät in Haß um, der sich nicht nur ge­gen den Frem­den, mit dem er im Augen­blick kon­fron­tiert ist, son­dern (pro­phy­lak­tisch) auch ge­gen al­le Frem­den rich­tet, da er mit ih­nen künf­tig kon­fron­tiert sein könn­te und da­bei eine Wie­der­ho­lung des Un­lust­ge­fühls „Ohn­macht” ver­mei­den möch­te;[407] auf ein rea­les Emp­fin­den von Ohn­macht kommt es dann nicht mehr an.


Haß ist ein an­dau­ern­des Ge­fühl, das sich vom augen­blick­li­chen Er­le­ben ab­ge­kop­pelt hat; er kann — wenn über­haupt — nur durch ein in Hin­blick auf Zeit und In­ten­si­tät min­de­stens gleich starkes, po­si­ti­ves emo­tio­nel­les Er­le­ben auf­ge­ho­ben wer­den.[408]


5.3 Ras­sen­haß und Ras­sis­mus


Ras­sen­haß be­zieht sich auf mar­kant un­ter­schied­li­che, je­doch nicht al­ters– oder ge­schlechts­spe­zi­fi­sche Kör­per­merk­ma­le Drit­ter. Dem­ge­gen­über ist Ras­sis­mus ein „Ver­hal­ten, mit dem eth­ni­sche oder ras­si­sche Grup­pen be­nach­tei­ligt und un­ter­drückt wer­den bzw. eine ent­spre­chen­de Ein­stel­lung.”[409]


5.4 Der Um­gang mit dem „An­de­ren”


Der Um­gang mit Frem­dem hängt, wie der Um­gang mit Ver­trau­tem auch, von einer Viel­zahl von Fak­to­ren per­sön­li­cher, ge­sell­schafts­be­zo­ge­ner und um­welt­be­ding­ter Na­tur ab. Ge­ne­rell läßt sich je­doch fest­stel­len: Je stär­ker die zi­vi­li­sa­to­ri­sche Bin­dung des Ein­zel­nen an dau­er­haf­te Wer­te wie Re­li­gion und — dar­aus re­sul­tie­rend — Sitt­lich­keit und Mo­ral ist, je stär­ker er sich auf den Rück­halt in „seiner” Ge­mein­schaft, „seiner” Na­tion ver­las­sen kann, je frü­her er zu To­le­ranz und Nächs­ten­lie­be er­zo­gen wird, de­sto leich­ter fällt ihm das Ler­nen, de­sto ein­fa­her ist für ihn der to­le­ran­te, mensch­li­che Um­gang mit Frem­dem und Frem­den.[410]

Wer selbst stark und ge­fe­stigt ist, kann es sich lei­sten, to­le­rant zu sein.

Wer aber to­le­rant ist, wird durch die sich ihm durch die To­le­ranz öf­fen­den Mög­lich­kei­ten, zu ler­nen und Er­fah­run­gen aus­zu­tau­schen, stär­ker und ge­fes­tig­ter!


6. Na­tion


„Wann i be­sof­fen bin, frei i mi auch, daß i a Öster­rei­cher bin.” [411]


6.1 Be­griff


Eine Na­tion ist „eine so­zia­le Groß­grup­pe, die durch die Ge­mein­sam­keit von Ab­stam­mung, Wohn­ge­biet, Spra­che, Re­li­gi­on, Welt– und Ge­sell­schafts­vor­stel­lun­gen, Rechts– und Staats­ord­nung, Kul­tur und Ge­schich­te so­wie durch die In­ten­si­tät der Kom­mu­ni­ka­tion be­stimmt wird. Nicht im­mer sind al­le Merk­ma­le vor­han­den; ent­schei­dend ist, daß die An­ge­hö­ri­gen einer Na­tion von de­ren An­ders– und Be­son­ders­sein im Ver­gleich zu al­len an­de­ren Na­tio­nen über­zeugt sind.”[412]

Mit der Über­zeu­gung kann sich da­her auch das Na­tio­nal­ge­fühl än­dern: „Zu­ge­hö­rig­keit zu einem be­stimm­ten Volk ist, an­ders als die ge­ne­tisch be­ding­te Ras­se, ein ‚ab­än­der­li­ches Schick­sal’. Man kann sich ger­ma­ni­sie­ren oder ger­ma­ni­sie­ren las­sen, po­lo­ni­sie­ren oder po­lo­ni­sie­ren las­sen. Al­ler­dings ist da­für im­mer eine in­ne­re Zu­stim­mung not­wen­dig, doch ge­lingt die­ser Pro­zeß meist in spä­te­rem Al­ter nicht mehr. Am leich­te­sten zu ver­än­dern ist die Staats­bür­ger­schaft. Sie ist ein rein ju­ri­di­scher Zu­stand mit ge­wis­sen mo­ra­li­schen As­pek­ten.”[413]

Na­tio­na­les Den­ken be­deu­tet, die Be­lan­ge, ins­be­son­de­re die Vor­tei­le der eige­nen Na­tion in den Vor­der­grund der Er­wä­gun­gen zu stel­len. In Öster­reich wird zu­dem da­mit bei­na­he auto­ma­tisch der Be­griff „deutsch­na­tio­nal”[414] ver­bun­den, der — po­li­tisch be­trach­tet — meist dem Funk­tio­närs– und Wäh­ler­kreis der FPÖ zu­ge­ord­net wird. Tat­sa­che je­doch ist, daß wäh­rend der er­sten Hälf­te die­ses Jahr­hun­derts ein gro­ßer Teil der Öster­rei­cher aus al­len po­li­ti­schen La­gern,[415] aus al­len so­zia­len Schich­ten und aus al­len Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten deutsch­na­tio­nal ge­dacht hat und daß dies auch heu­te noch — al­ler­dings für einen we­sent­lich kleine­ren Be­völ­ke­rungs­teil — gilt.


6.2 Über­stei­ger­ter Na­tio­nal­stolz: Na­tio­na­lis­mus


Kenn­zei­chen einer Na­tion ist u.a., daß „die An­ge­hö­ri­gen einer Na­tion von de­ren An­ders– und Be­son­ders­sein im Ver­gleich zu al­len an­de­ren Na­tio­nen über­zeugt” sind.[416] Die­se Über­zeu­gung be­ruht auf den Lei­stun­gen, die eine Na­tion im Lau­fe ih­rer Ge­schich­te auf den ver­schie­dens­ten Ge­bie­ten er­bracht hat bzw. im­mer noch er­bringt;[417] re­gel­mä­ßig sind die­se Lei­stun­gen Grund für das ge­mein­sa­me Ge­fühl be­rech­tig­ten Stol­zes.

Die In­ter­pre­ta­tion des „An­ders­seins” als „bes­ser”, „grö­ßer”, „äl­ter sein” ist die Über­stei­ge­rung des Na­tio­nal­stol­zes zur Über­heb­lich­keit, zum Na­tio­na­lis­mus.[418] Vor al­lem „gro­ße Red­ner”[419] nut­zen eine ver­brei­te Un­kennt­nis der Be­völ­ke­rung[420] der eige­nen Na­tion — oft un­ter Ver­wen­dung ge­ra­de­zu haar­sträu­ben­der Ar­gu­men­ta­tio­nen[421] — da­zu, um Haß und Ver­ach­tung[422] ge­gen­über an­de­ren Na­tio­nen zu sä­en und mit Hil­fe die­ser Emo­tio­nen gleich­zei­tig die eige­nen, meist il­le­gi­ti­men Macht– und Füh­rungs­an­sprü­che zu „recht­fer­ti­gen”.[423] Um den Ei­gen­nutz zu ka­schie­ren, ge­schieht die na­tio­na­listi­sche Agi­ta­tion oft im Na­men einer drit­ten Per­son,[424] einer Re­li­gion[425] oder einer (meist ab­strak­ten) Idee.[426]

Die Er­fah­rung zeigt, daß Men­schen, die — pri­vat oder auch be­ruf­lich — vie­le Rei­sen un­ter­neh­men und sich so (mehr oder we­ni­ger frei­wil­lig) mit frem­den Spra­chen, frem­den Kul­tu­ren und frem­den Na­tio­nen be­schäf­ti­gen, so­wie je­ne, die ein fun­dier­tes Wis­sen um die eige­ne und um frem­de Na­tio­nen ha­ben, ih­re Be­rüh­rung­säng­ste viel leich­ter über­win­den kön­nen und für Na­tio­na­lis­mus weit we­ni­ger emp­fäng­lich sind als sol­che, die ihr Land, ih­re Re­gion, ih­re Stadt oder ihr Dorf nur sel­ten oder gar nicht ver­las­sen!



[297] Mark Twain; vgl. Pe­ter Pro­gramm, S. 79.

[298] Bertrand Rus­sell; vgl. Pe­ter Pro­gramm, S. 46.

[299] Vgl. Bu­zek Über­le­bens­tech­ni­ken, S. 248; zur Tar­nung all­ge­mein vgl. eben­da, S. 248–251.

[300] Per­fek­te Tar­nung durch Zeich­nung und Far­be: Eine Va­ri­an­te der Kal­li­ma pa­ra­lek­ta aus Ma­lay­sien; auf den gleich aus­se­hen­den Blät­tern aus seinem hei­mat­li­chen Le­bens­raum ist die­ser Fal­ter auch bei ge­nau­em Hin­se­hen fast nicht aus­zu­ma­chen. Vgl. Smart Schmet­ter­lin­ge, S. 62 f.

[301] Zur Tar­nung als Waf­fe vgl. Ruef Dienst im Bun­des­heer, S. 276–281; zur Deckung vgl. eben­da, S. 281–284.

[302] Dar­un­ter ist et­wa das „selbst­ver­ständ­li­che” Ein­tre­ten für De­mo­kra­tie und Mei­nungs­viel­falt in Schrif­ten ex­tre­mer, de­mo­kra­tie– und plu­ra­lis­mus­feind­li­cher Grup­pie­run­gen zu ver­ste­hen.

[303] Zu den Um­be­nen­nungs­tak­ti­ken rech­ter und lin­ker Ex­tre­mi­sten vgl. BMI La­ge­be­richt 1996; BMdI Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 1983 m.w.N.; Bar­tel/Wa­len­dy Selbst­mord, S. 9: „Un­zwei­fel­haft han­delt es sich in na­he­zu al­len Fäl­len die­ser Art auch nach Um­be­nen­nung um den glei­chen Ver­ein, um die glei­che Ge­sell­schaft, die glei­chen Füh­rungs­in­stan­zen, die glei­chen Ziel­set­zun­gen.”

[304] Vgl. da­zu Groß/Geerds Hand­buch, S. 422 f.

[305] Vgl. da­zu Groß/Geerds Hand­buch, S. 28 f. und S. 549–612, so­wie Schi­ma Kri­mi­na­li­tät in Öster­reich.

[306] Kri­mi­nal­psy­cho­lo­ge Tho­mas Mül­ler in ORF Re­port Spe­zial, 21.46 Uhr.

[307] Vgl. Brun­ner Um­gang, S. 78.

[308] Be­son­ders deut­lich de­mons­triert dies die Dar­stel­lung der Fehl­in­ter­pre­ta­tion zur Ent­gelt­lich­keit öf­fent­li­cher Toi­let­ten­an­la­gen durch „Außer­ir­di­sche” bei Brun­ner Um­gang, S. 80 f. o.w.N. Ver­glei­che mit den Vor­ur­tei­len Cou­leur­stu­den­ten ge­gen­über drän­gen sich hier ge­ra­de­zu auf. Ob ein Be­griff cou­leur­stu­den­tisch ge­prägt ist und was er im kon­kren­ten Fall be­deu­tet, ent­zieht sich dem „Ham­bur­ger”, der er­mit­teln­den Be­hör­de; sie ist auf die Hil­fe er­fah­re­ner Cou­leur­stu­den­ten an­ge­wie­sen, um Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen zu ver­mei­den. Auch der Ver­such, einen (se­riös ar­bei­ten­den, aber cou­leur­stu­den­tisch un­be­tei­lig­ten) Sprach­wis­sen­schaf­ter mit der An­ge­le­gen­heit zu be­trau­en, macht aus dem „Ham­bur­ger” be­sten­falls einen „Bayern”, keines­falls einen zu einer authen­ti­schen In­ter­pre­ta­tion fähi­gen „Wie­ner”. Selbst eige­nes Er­le­ben und eige­ne Er­fah­run­gen sind keine Ga­ran­tie für Ob­jek­ti­vi­tät: „Was hast du im Krieg ge­macht, Pa­pa? Der Va­ter aber liest Bücher über die­sen Krieg, um sein Er­le­ben mit dem Er­eig­nis in Be­zie­hung zu set­zen.” — vgl. Brun­ner Um­gang, S. 236.

[309] Vgl. Brun­ner Um­gang, S. 167; ist der er­wünsch­te Le­ser „die Öffent­lich­keit”, so ist die Spra­che­be­ne zwar nicht in­tim, aber doch sehr spe­zi­fisch.

[310] Vgl. Brun­ner Um­gang, S. 167 f.

[311] „Wir neh­men zur Kennt­nis, daß wir Wis­sen aus der Ge­schich­te nicht so an­wen­den kön­nen wie ein Wis­sen im ge­schlos­se­nen Sy­stem der Ma­the­ma­tik. Dort wie­der­ho­len sich die Re­chen­si­tua­tio­nen stän­dig, und eins und eins bleibt, so­lan­ge wir nicht die Re­chen­wei­se ver­än­dern, im­mer zwei.” Vgl. Brun­ner Um­gang, S. 31; die­ser Satz gilt für den Hi­sto­ri­ker wie für den Sprach­wis­sen­schaf­ter glei­cher­ma­ßen, nicht aber für den Kri­mi­na­li­sten: Ein Fin­ger­ab­druck ist im­mer einer be­stimm­ten Per­son, eine be­stimm­te Tat­waf­fe im­mer einer be­stimm­ten Tat, eine kri­mi­nel­le Tat im­mer einem be­stimm­ten Täter oder einer be­stimm­ten Täter­grup­pe (im Er­geb­nis) zu­zu­ord­nen. Ist eine sol­che Zu­ord­nung nicht mög­lich, ist im Straf­ver­fah­ren die Un­schulds­ver­mu­tung an­zu­wen­den! Vgl. da­zu et­wa die Ver­fah­rens­ga­ran­tie des Art. 6 Abs. 2 EMRK, die in Öster­reich im Ver­fas­sungs­rang steht: „Every­one charged with a cri­mi­nal offen­ce shall be pre­sum­ed in­no­cent un­til prov­ed guilty ac­cord­ing to law.” — „Toute per­son­ne ac­cu­sée d'une in­frac­tion est pré­su­mée in­no­cen­te jus­qu'à ce que sa cul­pa­bi­li­té ait é­té légale­ment établie.” — „Bis zum ge­setz­li­chen Nach­weis seiner Schuld wird ver­mu­tet, daß der we­gen einer straf­ba­ren Hand­lung An­ge­klag­te un­schul­dig ist.” (Her­vor­he­bun­gen je­weils nicht im Ori­gi­nal­text.)

[312] Vgl. da­zu Wolff Deut­sche Sprach­ge­schich­te, S. 15–20, insb. S. 15: Be­schrei­bungs­me­tho­den, Be­schrei­bungs­ebe­nen. „Be­ob­ach­tungs­an­ge­mes­sen­heit er­for­dert die voll­stän­di­ge und ge­naue Wie­der­ga­be al­ler re­le­van­ten Ele­men­te eines Text­kor­pus so­wie die Kenn­zeich­nung ih­rer Re­la­tio­nen und Ver­knüp­fun­gen. Sie be­ruht zwar auf ge­nau­er Da­ten­er­he­bung, ist je­doch, da sie be­reits sprach­lich–be­griff­lich ge­schieht, nur an­nä­he­rungs­wei­se und stets schon theo­rie­be­zo­gen zu lei­sten. Mit an­de­ren Wor­ten: Es gibt keine neu­tra­le Be­ob­ach­tungs­spra­che; [...] Sprach­ge­schich­te muß sich zu die­sem Zweck man­cher Hilfs­wis­sen­schaf­ten be­die­nen: der Volks– und Kul­tur­kun­de, der So­zio­lin­guistik, eth­no­gra­phi­schen und eth­no­me­tho­do­lo­gi­schen For­schung. Be­schrei­bungs­an­ge­mes­sen­heit ver­langt eine „Orien­tie­rung und Klas­si­fi­zie­rung” [...], bei der schon Ziel­set­zun­gen und Er­klärungs­mo­del­le wirk­sam wer­den. [...] So ist hier vor al­lem auf Ko­hä­renz (in­halt­li­che Zu­sam­men­ge­hörig­keit) und Kon­si­stenz (in­ne­re Ein­heit­lich­keit) zu ach­ten.” Sprach­wis­sen­schaft ist da­her für Kri­mi­na­listen nur be­dingt, näm­lich nicht als Er­mitt­lungs–, son­dern gün­stigs­ten­falls als (nach­träg­li­che) Be­weis­hil­fe (!) nutz­bar!

[313] In die­sem Fall scheint es über­haupt aus­sichts­los, „Er­kennt­nis­se” aus den Be­ken­ner­schrei­ben er­mit­teln zu wol­len; die Tar­nungs­mög­lich­kei­ten sind der­art viel­fäl­tig, daß ein „Tref­fer” nur durch Zu­fall ent­ste­hen kann! Wä­re hin­ge­gen be­kannt, daß (einer) der Tä­ter über der­ar­ti­ge Fähig­kei­ten ver­fügt — weil er sich et­wa an­der­wei­tig ver­ra­ten hat —, so bie­tet das ein In­ter­pre­ta­tions­kri­te­ri­um für die Be­ken­ner­schrei­ben der BBA. Vgl. da­zu See­lig Gam­bit, da­zu un­ten An­hang C, 2. Sze­nar.

[314] Die be­ste Tar­nung kann auch gar keine Tar­nung sein, näm­lich dann, wenn eine sol­che er­war­tet wird!

[315] Vgl. da­zu auch Pa­czens­ky Test­knacker, S. 116: „Dar­um soll es hier noch ein­mal ganz deut­lich ge­sagt wer­den: Die Theo­rien vom Auf­bau der Per­sön­lich­keit, die Me­tho­den, wie man den Cha­rak­ter des Men­schen mes­sen und ver­schie­de­ne Mes­sun­gen mit­ein­an­der ver­glei­chen will, die Pro­gno­sen, wel­ches Ver­hal­ten wohl zu­kün­ftig zu er­war­ten sei, sind vor­erst in der Ent­wick­lung be­grif­fen, oft wi­der­sprüch­lich und in keinem Fall so gründ­lich nach­ge­prüft, daß sie als Grund­la­ge für Le­bens­ent­schei­dun­gen die­nen kön­nen.” Das be­deu­tet na­tur­lich auch, daß die Ana­ly­sen der Be­ken­ner­schrei­ben — um bei dem Ver­gleich zu blei­ben — zwar in­ter­es­sant sein mö­gen, aber als Grund­la­ge für die Er­mitt­lung der Tä­ter nicht ge­eig­net sind. Vgl. zur Un­si­cher­heit der Tests auch Pa­czens­ky Test­knacker, S. 120.

[316] Der Na­me und die Ar­beits­wei­se sind dem Ver­fas­ser be­kannt, sol­len je­doch hier nicht erör­tert wer­den. Vgl. da­zu news Nr. 24/1997, S. 14 f.

[317] Der­ar­ti­ge Er­geb­nis­se lie­gen z.Z. nicht vor; vgl. da­zu die Dar­stel­lun­gen in ORF Re­port Spe­zial, ins­be­son­de­re Ro­bert Hirz von der Kri­mi­nal­tech­ni­schen Zen­tral­stel­le (21.32 Uhr): „Der Täter hat näm­lich zu einem Kunst­griff Zu­flucht ge­nom­men, der uns dar­an hin­dert, die Schal­tung ge­nau nach­zu­voll­zie­hen. Aus dem Grund läßt sich nicht mehr ge­nau sa­gen, wie die ge­naue Ab­fol­ge der Funk­tion war.”

[318] „Phi­lo­so­phie” ist die „Lie­be zur Weis­heit”; sie äußert sich im Stre­ben nach je­der Form von Er­kennt­nis. Vgl. da­zu et­wa Kunz­mann u.a. At­las, S. 11 l.Sp.

[319] Vgl. ORF Re­port Spe­zial, 21.21 Uhr: „Die Fahn­dung hat bis­her 150 Mil­lio­nen Schil­ling ge­ko­stet.”

[320] Vgl. Gurney In­ter­view: „Es ist eine enor­me Her­aus­for­de­rung. Je­de Ter­ro­ri­sten­bom­be ist an­ders, des­we­gen weiß man nie, was einen er­war­tet.”

[321] Der Hart­ber­ger Pfar­rer Au­gust Ja­nisch wur­de am 03.12.1993 er­stes Op­fer der Brief­bom­ben­an­schlä­ge.

[322] Vgl. ORF Re­port Spe­zial, 21.18 Uhr.

[323] Zum Be­griff der Ob­jek­ti­vi­tät vgl. Brun­ner Um­gang, S. 64 u. S. 66: „In ein­fa­chen Zu­sam­men­hän­gen wird er [der Be­griff der Ob­jek­ti­vi­tät, Anm.] meist als un­pro­ble­ma­tisch ge­se­hen und seine Be­deu­tung in den Wort­fel­dern „rich­tig” und „wahr” ge­sucht.” ... „Was hie­ße dann Ob­jek­ti­vi­tät? [...] Al­le Ge­bo­te der Rich­tig­keit müs­sen wahr­ge­nom­men wer­den. [...] Was im­mer der Hi­sto­ri­ker mit den Quel­len tut, er muß es an­ge­ben und nach­voll­zieh­bar ma­chen, sich auf die Fin­ger se­hen las­sen. [...] Das Er­geb­nis muß so auf­be­rei­tet wer­den, daß es uns in Frei­heit zur Ver­fü­gung steht, für un­se­ren Um­gang mit der Ge­schich­te und un­ser Han­deln. Nicht mehr und nicht we­ni­ger. Rich­tig­keit, Über­prüf­bar­keit und Ver­füg­bar­keit be­stim­men den lang­wie­ri­gen Pro­zeß vom Da­tum zum Fak­tum; [...].” Die­se Aus­sa­gen sind auch auf den lan­gen Weg des Kri­mi­na­listen von den Da­ten zu den Fak­ten, die als Be­wei­se zur Über­füh­rung des Tä­ters füh­ren, an­zu­wen­den: V.a. für ihn selbst müs­sen Da­ten rich­tig, über­prüft und ver­füg­bar sein, da­mit sie zu Fak­ten wer­den kön­nen.

[324] Vgl. ORF Re­port Spe­zial, 21.18 Uhr: „[...] und es wird nach je­dem An­schlag eine neue Ein­heit ge­grün­det. Nach der fünf­ten Bom­ben­se­rie wird das heu­ti­ge Sy­stem ge­fun­den; es bringt die er­sten Er­mitt­lungs­fort­schrit­te.”

[325] Die Nach­tei­le die­ser Aus­wech­selungs–Stra­te­gie lie­gen auf der Hand: Die neu­en Er­mitt­ler ver­lie­ren einer­seits wert­vol­le Zeit (und ver­schwen­den da­mit Steu­er­gel­der), um sich ein­zu­ar­bei­ten; an­der­seits wird durch die Aus­wei­tung des an den Er­mitt­lun­gen be­tei­lig­ten Per­so­nen­krei­ses die not­wen­di­ge Ge­heim­hal­tung schwie­ri­ger. Das „Er­mitt­lungs­er­geb­nis” — die staats­po­li­zei­li­che Er­fas­sung zig­tau­sen­der per­so­nen­be­zo­ge­ner Da­ten — le­gen in Zu­sam­men­hang mit der son­sti­gen, jah­re­lan­gen ab­so­lu­ten Er­folgs­lo­sig­keit der Fahn­der den Ver­dacht na­he, daß der da­ma­li­ge In­nen­mi­nister Cas­par Einem Amt und Stel­lung mißbraucht hat, um un­ter dem Deck­man­tel der Fahnd­ung nach den Ur­he­bern der Brief­bom­ben­an­schlä­ge un­auf­fäl­lig Da­ten­ma­te­rial über den po­li­ti­schen Geg­ner der von ihm ver­tre­te­nen Par­tei zu sam­meln und zweck­ent­frem­det zu ver­wer­ten. Vgl. da­zu § 43 Abs. 1 und 2 BDG.

[326] Vgl. ORF Re­port Spe­zial, 21.17 Uhr: „Das Kom­man­do führt Fried­rich Mah­rin­ger. Er gilt als einer der er­fah­ren­sten Kri­mi­na­li­sten des Lan­des. Mit ihm wur­de bei der Ter­ror­fahnd­ung eine Trend­wen­de end­gül­tig be­sie­gelt: Weg von den po­li­ti­schen, staats­po­li­zei­li­chen Er­mitt­lun­gen, hin zu einer nüch­ter­nen kri­mi­na­listi­schen Ana­ly­se der Ta­ten. Mahringer: »Man hat ein­ge­se­hen, daß eine be­stimm­te Rich­tung der Er­mitt­lun­gen nicht ziel­füh­rend ist, daß die Sa­che, ob­wohl auch manch­mal viel­leicht po­li­ti­sche Mo­ti­ve zu er­ken­nen sind, nur durch in­ten­si­ve Er­mitt­lun­gen kri­mi­nal­po­li­zei­li­cher Na­tur zum Ziel zu kom­men ist und auf­grund die­ser Ein­sicht hat man die Son­der­kom­mis­sion um­or­ga­ni­siert und hat sie auf neue Beine ge­stellt.«”
Al­lein die kri­mi­nal­tech­ni­schen Er­mitt­lun­gen ge­stal­te­ten sich bis­her auf­grund des Ge­schicks der Er­bau­er der Brief­bom­ben äußerst mü­he­voll und zeit­rau­bend; vgl. ein ver­deck­ter Fahnd­er in ORF Re­port Spe­zial, 21.19 Uhr, zur Da­ten­fül­le: „Wenn man jetzt her­nimmt al­le Tei­le, die als Tat­mit­tel zur Ver­fü­gung ste­hen von den ex­plo­dier­ten Brief­bom­ben — es ist si­cher eine Hun­dert­schaft, ich den­ke, so an die fünf­hun­dert bis sie­ben­hun­dert Ein­zel­stücke, die hier la­gern und un­ter­sucht wer­den müs­sen —, wenn wir jetzt da­von aus­ge­hen, wir wä­ren so gut und für je­des Ein­zel­stück in der Ab­klä­rung, in der ge­nau­en Ab­klä­rung die­ses Tat­mit­tels nur einen Tag bräuch­ten, hät­ten wir schon sie­ben­hun­dert Ta­ge, nur um je­des ein­zel­ne Stück ab­ge­klärt zu ha­ben.”

[327] Fried­rich Mah­rin­ger in ORF Re­port Spe­zial, 21.13 Uhr.

[328] Vgl. da­zu § 43 Abs. 1 BDG: „Der Be­am­te ist ver­pflich­tet, seine dienst­li­chen Auf­ga­ben un­ter Be­ach­tung der gel­ten­den Rechts­ord­nung treu, ge­wis­sen­haft und un­par­tei­isch mit den ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln aus eige­nem zu be­sor­gen.” (Her­vor­he­bung­en nicht im Ori­gi­nal.)

[329] Sie kön­nen den Be­am­ten so­gar bis zur Be­fan­gen­heit be­ein­träch­ti­gen; vgl. § 47 BDG.

[330] Vgl. zur Ob­jek­ti­vi­tät auch Brun­ner Um­gang, S. 64 u. S. 66.

[331] In Ir­land hat man das auf­grund der schreck­li­chen Er­fah­run­gen mit dem Ter­ror der IRA und an­de­rer Grup­pie­run­gen be­grei­fen müs­sen; vgl. da­zu auch Gur­ney In­ter­view: „Die Mo­ral von Leu­ten, die so et­was tun, in­ter­es­siert mich nicht, aber aus einem Fahr­zeug im Her­zen von White­hall Bom­ben mit einer sol­chen Ge­nau­ig­keit ab­zu­feu­ern, das war sehr gu­te Ar­beit.”

[332] Vgl. Pe­ter Pro­gramm, S. 104.

[333] Vgl. da­zu Parkin­son Ge­setz, S. 12: „Ar­beit läßt sich wie Gum­mi deh­nen, um die Zeit aus­zu­fül­len, die für sie zur Ver­fü­gung steht. [...] Geht man da­von aus, daß sich Ar­beit (be­son­ders Schreib­ar­beit) durch­aus ela­stisch ge­gen­über der Zeit ver­hält, dann wird sicht­bar, daß ge­rin­ge oder gar keine Be­zie­hung zwi­schen einem be­stimm­ten Ar­beits­pen­sum und der Zahl der An­ge­stell­ten, die das Pen­sum er­le­di­gen sol­len, be­steht. Man­gel an ech­ter Tä­tig­keit muß nicht not­wen­dig Mü­ßig­gang ge­nannt wer­den [...] viel­mehr schwillt die Ar­beit an und ge­winnt so­wohl an Be­deu­tung als an Schwie­rig­kei­ten, je mehr Zeit man auf sie ver­wen­den darf.” Vgl. da­zu auch Pe­ter Pro­gram, S. 106 f.: Wenn ein an­ge­mes­se­nes Ziel fehlt, ver­sucht man die­sen Man­gel oft durch er­höh­ten In­put aus­zu­glei­chen — man stellt mehr Ar­beits­kräf­te ein, setzt die An­for­de­run­gen her­auf, treibt die An­ge­stell­ten zu grö­ße­rer Lei­stung an. Fehlt ein Ziel, das ge­nau um­reißt, was er­reicht wer­den soll, mag der ein­zel­ne seine Lei­stung noch so sehr stei­gern und noch so em­sig ar­bei­ten — es bleibt am En­de doch eine nutz­lo­se Ak­ti­vi­tät, die nichts be­wirkt.”

[334] Vgl. da­zu auch Pe­ter Pro­gramm, S. 105: „Das Feh­len ver­nünf­tig durch­dach­ter Zie­le wird in vie­len mensch­li­chen Un­ter­neh­mun­gen of­fen­bar. Un­glück­li­cher­wei­se be­darf der Mensch keiner loh­nen­den Zie­le, um sich hef­tig an­zu­stren­gen. Al­les, was er braucht, ist eine Rich­tung, selbst wenn es Es­ka­la­tion um der Es­ka­la­tion wil­len oder selbst­zer­stö­re­ri­sche Es­ka­la­tion in völ­li­ger Blind­heit ist. ‚Ich bin ver­lo­ren, aber ich ma­che Re­kord­zeit!’ (Ein Pi­lot, ir­gend­wo über dem Pa­zi­fik).”

[335] Vgl. Pe­ter Pro­gramm, S. 106.

[336] Der­ar­ti­ges er­in­nert an po­li­zei­staat­li­che Maßnah­men Metternich'scher Prägung und ver­stößt ge­gen § 43 Abs. 2 BDG!

[337] Vgl. da­zu Pkt. 40 des Pe­ter–Pro­gramms: „Die Pe­ter–Pra­li­ne: Ge­ben Sie Ih­ren Mit­ar­bei­tern einen An­reiz, sich für Ih­re Zie­le zu en­ga­gie­ren. [...] Fin­den Sie her­aus, wie Sie die Men­schen, mit de­nen Sie zu tun ha­ben, für ihr Ziel ge­win­nen und ih­nen ih­re Auf­ga­be schmack­haft ma­chen kön­nen.” (Vgl. Pe­ter Pro­gramm, S. 123.) so­wie Pe­ter–Pro­gramm Pkt. 52: „Das Pe­ter–Paar: Ver­knüp­fen Sie mit dem An­sporn zu einer Ent­wick­lung, die sie för­dern wol­len, einen zu­sätz­li­chen An­reiz.” (Vgl. Pe­ter Pro­gramm, S. 146.) Das sind mit Si­cher­heit bes­se­re Bei­trä­ge zur Ef­fi­zi­enz einer Be­hör­de als et­wa die bei der Salz­bur­ger Lan­des­re­gie­rung üb­li­chen „Fle­xi­bi­li­täts­tests”.

[338] Die­ser muß si­cher­stel­len, daß Lob und Ta­del, Er­folg und Mißer­folg, Be­loh­nung und Bu­ße auch als sol­che emp­fun­den wer­den; vgl. Pe­ter Pro­gramm, S. 154 Pkt. 57: „Die Pe­ter–Pri­vat­be­hand­lung: Ver­tei­len Sie Be­loh­nun­gen in­di­vi­du­ell und un­ter­schei­den Sie da­bei er­kenn­bar zwi­schen gu­ten und schlech­ten Leistung­en. Wenn Be­loh­nun­gen an Lei­stun­gen ge­bun­den sind, dann soll­ten sie gro­ß ge­nug sein, da­mit sie auch als sol­che er­kannt wer­den. Das gilt so­wohl für Lohn und Ge­halt als auch für al­le an­de­ren Be­loh­nungs­ver­fah­ren. Un­fä­hi­gen Mit­ar­bei­tern jähr­lich das Ge­halt um 5 Pro­zent auf­zu­bes­sern und fähi­gen Mit­ar­bei­tern 10 Pro­zent mehr zu ge­ben ist wir­kungs­los. Was im­mer zu­gun­sten der­ar­ti­ger fi­nan­ziel­ler Hät­sche­lei­en ge­sagt wird, sie ha­ben sich we­der als wir­kungs­vol­ler An­reiz noch als Be­kräf­ti­gung er­wie­sen. »Wer je­der­mann lobt, lobt nie­man­den.« Sa­mu­el John­son.” Vgl. da­zu auch den präg­nan­ten Aus­spruch von Franz Jo­sef Strauß: „Wer every­body&apo;s Dar­ling sein möch­te, ist zu­letzt every­body&apo;s Depp.” (Vgl. Wald–Wa­gen­burg/Klein Bild­band Strauß, S. 10 r.Sp.)

[339] Vgl. Pe­ter Pro­gramm, S. 147: „Ich be­gann da­mit, daß ich die Stu­den­ten auf­for­der­te, ih­re Ar­beits­zie­le zu de­fi­nie­ren, ih­re Er­folgs­kri­te­ri­en auf­zu­stel­len, die Ori­en­tie­rungs­punk­te fest­zu­le­gen und an je­dem die­ser Kon­troll­punk­te das Pro­jekt zu be­wer­ten. Mit an­de­ren Wor­ten: statt sie zu er­mun­tern, ihr Vor­ha­ben so aus­zu­füh­ren, wie ich es für rich­tig hielt, er­mun­ter­te ich sie, ihr eige­nes Vor­ha­ben nach ih­ren eige­nen Kri­te­rien zu be­wer­ten. Für je­de gün­sti­ge wie für je­de un­gün­sti­ge Be­wer­tung er­hiel­ten sie Lob, so­fern die Be­wer­tung mit dem ge­setz­ten Ziel in Ein­klang stand. Die­ses Ver­fah­ren ver­half den Stu­den­ten zu einer un­ab­hän­gi­gen Selbst­be­wer­tung.”

[340] Art. 1 B–VG; die­se Be­stim­mung hat nur pro­gram­ma­ti­schen Cha­rak­ter und ist im Zu­sam­men­hang mit an­de­ren Ver­fas­sungs­be­stim­mun­gen zu in­ter­pre­tie­ren; vgl. da­zu Wal­ter/Ma­yer Bun­des­ver­fas­sungs­recht, S. 62 RZ 147–152. Zur Auf­recht­er­hal­tung der de­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung ver­pflich­tet u.a. auch Art. 8 StVvWien (vgl. auch Art. 1 Staats­formG, StGBl. 484/1919 v. 21.10.1919). Ga­rant für den Schutz der De­mo­kra­tie ist in Öster­reich nicht die Po­li­zei — die Be­am­ten sind nur gem. § 7 BDG an­ge­lobt —, son­dern das Bun­des­heer; vgl. Art. 79 Abs. 2 Z. 1 lit. a B–VG so­wie ein­fach­ge­setz­lich § 2 Abs. 1 lit. a WehrG, BGBl. 305/1990.

[341] Vgl. Leser Salz, S. 215 m.w.N. Vgl. da­zu auch Schusch­nigg Drei­mal Öster­reich, S. 214: „Die De­mo­kra­tie in Öster­reich in ih­ren bis­he­ri­gen For­men war zum To­de ver­ur­teilt seit der Stun­de, in der es of­fen­bar ge­wor­den war, daß all­zu­vie­le ih­rer Trä­ger das Land in Wirk­lich­keit gar nicht woll­ten und je­weils mit aus­wär­ti­ger Hil­fe, bald von da, bald von dort, ih­re Plä­ne durch­zu­set­zen sich be­müh­ten. Sie war kom­pro­mit­tiert durch die be­reits in frü­he­ren Jah­ren be­kannt ge­wor­de­ne Er­klä­rung des maßge­ben­den Teils der so­zia­li­sti­schen Füh­rung, daß die De­mo­kra­tie nur ein Über­gangs­sta­di­um zur Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats be­deu­te.”

[342] Vgl. Kal­ten­brun­ner Welt­be­wah­rung, S. 151: „Vie­le den­ken bei dem Wort De­mo­kra­tie an Frei­heit; die De­mo­kra­ten schmei­cheln sich, Hü­ter der in­di­vi­du­el­len Frei­heit zu sein. Doch an sich hat De­mo­kra­tie nur we­nig mit Frei­heit zu tun, sie bringt nicht oh­ne wei­te­res die Frei­heit. Die de­mo­kra­ti­schen Mas­sen mögen die­se so­gar als eine drücken­de Last an­se­hen und in einem Ple­bis­zit wün­schen, daß sie ih­nen von einem Dik­ta­tor oder einer po­pu­lä­ren Eli­te ab­ge­nom­men wer­de. Auf de­mo­kra­ti­schem We­ge voll­zo­ge­ne Ple­bis­zi­te ha­ben im­mer wie­der der Des­po­tie, dem Fa­na­tis­mus und der Un­mensch­lich­keit Vor­schub ge­lei­stet.”

[343] Vgl. da­zu Me­yers Ta­schen­le­xi­kon 1990 Bd. 5, S. 125 r.Sp.f., so­wie Kal­ten­brun­ner Welt­be­wah­rung, S. 165 f.: „Es er­scheint [...] nicht über­flüs­sig, dar­an zu er­in­nern, daß die er­drücken­de Mehr­heit der Dik­ta­tu­ren, die De­mo­kra­tien zu sein vor­ge­ben, sich auf lin­ke Idea­le be­ru­fen, al­so auf So­zia­lis­mus, Kom­mu­nis­mus, Eman­zi­pa­tion, Be­frei­ung, Brü­der­lich­keit oder der­glei­chen. Viel­fach ist das reiner Schwin­del, der von al­len de­mo­kra­ti­schen Lin­ken em­pört zu­rück­ge­wie­sen wer­den müß­te; doch eben die­se Ab­wehr fin­det nur sel­ten statt. Da­bei war es doch of­fen­kun­dig, daß nach der Nie­der­la­ge Hit­lers und Mus­so­li­nis so­wie man­cher ge­mä­ßig­ter Rechts–Dik­ta­tu­ren je­der neue Ty­rann schon aus blo­ßem Op­por­tu­nis­mus im wei­te­sten Sin­ne lin­ke Ide­en be­nüt­zen wür­de, um da­mit einer Ver­ur­tei­lung der pro­gres­si­vi­stisch–de­mo­kra­ti­schen „Welt­mei­nung” zu ent­ge­hen. Daß eine der­ar­ti­ge In­fla­tion des Wor­tes De­mo­kra­tie, die da­zu führt, daß sich so­wohl die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, die Schwei­ze­ri­sche Eid­ge­nos­sen­schaft und die Ver­einig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka als auch die So­wjet­union, Viet­nam und Ly­bi­en als de­mo­kra­tisch de­kla­rie­ren, im End­er­geb­nis das Pre­sti­ge und die Auto­ri­tät der wirk­li­chen De­mo­kra­tien schwä­chen muß, ist evi­dent.

[344] Vgl. da­zu Engels Grund­sät­ze, S. 74: „18. Fra­ge: Wel­chen Ent­wick­lungs­gang wird die­se Re­vo­lu­tion neh­men? Ant­wort: Sie wird vor al­len Din­gen eine de­mo­kra­ti­sche Staats­ver­fas­sung und da­mit di­rekt oder in­di­rekt die po­li­ti­sche Herr­schaft des Pro­le­ta­ri­ats her­stel­len. [...] Die De­mo­kra­tie wür­de dem Pro­le­ta­ri­at ganz nutz­los sein, wenn sie nicht so­fort als Mit­tel zur Durch­set­zung wei­te­rer, di­rekt das Pri­vat­eigen­tum an­grei­fen­der und die Exi­stenz des Pro­le­ta­ri­ats si­cher­stel­len­der Maßnah­men be­nützt wür­de.” Vgl. da­zu auch die Ver­fas­sun­gen di­ver­ser kom­mu­ni­sti­scher Län­der; für die DDR vgl. Hil­de­brandt Ver­fas­sun­gen, S. 195: „Art. 1: Deutsch­land ist eine un­teil­ba­re de­mo­kra­ti­sche Re­pu­blik; [...] Art. 3: Al­le Staats­ge­walt geht vom Vol­ke aus. [...]” (Ver­fas­sung der Deut­schen De­mo­kra­ti­schen Re­pu­blik vom 07.10.1949). Mit dem Fall des Eiser­nen Vor­hangs wur­de die dik­ta­to­ri­sche und men­schen­ver­ach­ten­de Pra­xis die­ser „De­mo­kra­tie” end­gül­tig all­ge­mein of­fen­bar.

[345] Vgl. Hit­ler Mein Kampf, S. 100: „Gott sei ge­dankt, dar­in liegt ja eben der Sinn einer ger­ma­ni­schen De­mo­kra­tie, daß nicht der nächst­be­ste un­wür­di­ge Stre­ber und mo­ra­li­sche Drücke­ber­ger auf Um­we­gen zur Re­gie­rung seiner Volks­ge­nos­sen kommt, son­dern daß schon durch die Grö­ße der zu über­neh­men­den Ver­ant­wor­tung Nichts­kön­ner und Schwäch­lin­ge zu­rück­ge­schreckt wer­den.” Auch die Fa­schi­sten verstan­den ih­re Re­gie­rung als „die edel­ste Form der De­mo­kra­tie”; vgl. Kal­ten­brun­ner Welt­be­wah­rung, S. 146–148 m.w.N.

[346] Vgl. da­zu et­wa Mao Quo­ta­tions, S. 23 m.w.N.: „The dem­o­crat­ic re­vo­lu­tion is the ne­ces­sar­y prep­a­ra­tion for the so­cial­ist re­vo­lu­tion, and the so­cial­ist re­vo­lu­tion is the in­e­vi­ta­ble se­quel to the dem­o­crat­ic re­vo­lu­tion. The ul­ti­mate aim for which all com­mu­nists strive is to bring about a so­cial­ist and com­mu­nist so­ci­e­ty.”

[347] Vgl. da­zu Leser Salz, S. 215: „In der Zwi­schen­kriegs­zeit gab es den links­so­zia­li­sti­schen Slo­gan »De­mo­kra­tie, das ist nicht viel, So­zia­lis­mus ist das Ziel«, der eine ge­wis­se Ge­ring­schät­zung der De­mo­kra­tie zu­gun­sten des So­zia­lis­mus zum Aus­druck brach­te. Heu­te, da die Ent­täu­schung am So­zia­lis­mus ver­brei­tet ist, meinen vie­le, sich durch eine Aus­ufe­rung der De­mo­kra­tie schad­los hal­ten und po­si­tiv kom­pen­sie­ren zu kön­nen. In Wirk­lich­keit liegt aber auch dem De­mo­kra­ti­sie­rungs­po­stu­lat ein Irr­tum der Lin­ken zu­grun­de, der sich durch ihr gan­zes Den­ken zieht: der Irr­tum, daß der Schwer­punkt der mensch­li­chen Exi­stenz im po­li­ti­schen Be­reich liegt und daß da­her al­le Le­bens­be­rei­che nach dem Mu­ster der Po­li­tik zu for­men sind. In Wahr­heit ist der Be­reich der Po­li­tik ein sehr wich­ti­ges Seg­ment, das die Rah­men­be­din­gun­gen für das Funk­tio­nie­ren an­de­rer Be­rei­che schafft und fest­legt. Das be­deu­tet aber nicht, daß auch die In­hal­te die­ser an­de­ren Be­rei­che po­li­tisch sind und daß das Seh­nen der Mensch­heit da­hin­geht, auch die­se Be­rei­che zu po­li­ti­sie­ren. [...] Die Men­schen las­sen die­se Ten­den­zen aus Angst und Träg­heit al­len­falls über sich er­ge­hen, sie ent­spre­chen aber nicht ih­ren tief­sten Wün­schen, die mit Po­li­tik we­nig und nur mit­tel­bar zu tun ha­ben. Des­halb ge­hen auch die De­mo­kra­ti­sie­rungs­po­stu­la­te, die nicht durch exi­sten­ziel­le Be­dürf­nis­se (wie die Ge­stal­tung der Le­bens­wirk­lich­keit im eng­sten Kreis und im re­gio­na­len Um­feld) ge­deckt sind, am Wol­len der Men­schen vor­bei und er­wei­sen sich, wenn der er­ste Rausch der Par­ti­zi­pa­tion ver­flo­gen und aus­ge­ko­stet ist, als ideo­lo­gi­sche Kon­struk­tion, die am We­sen des Men­schen vor­bei­zielt und nur kleine Min­der­hei­ten dau­ernd zu er­re­gen ver­mag.” Die im­mer wei­ter zu­rück­ge­hen­de Wahl­be­tei­li­gung bei den Wah­len zur ÖH et­wa ist ein be­red­tes Bei­spiel für die Fol­gen die­ses so­zia­li­sti­schen De­mo­kra­tie­ver­ständ­nis­ses: Der Über­gang vom na­tur­recht­lich ge­präg­ten uni­ver­si­tären Stan­des­recht, einem aka­de­mi­schen Grund­pfei­ler, zur „all­ge­meinen De­mo­kra­ti­sie­rung”, die in den sech­zi­ger Jah­ren ge­for­dert und von den So­zia­li­stien in den sieb­zi­ger Jah­ren durch­ge­setzt wur­de, hat da­zu ge­führt, daß heu­te die Bun­des­mi­ni­ste­rien Leh­re und Stu­di­en­plä­ne be­stim­men, wäh­rend der aka­de­mi­sche Ge­dan­ke (und mit ihm ein ge­rüt­tel­tes Maß de­mo­kra­ti­scher Streit­kul­tur) von den Uni­ver­si­tä­ten ver­schwin­det und sich die stu­den­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit der De­mo­kra­tie in einem ein­zi­gen Wahl­akt al­le zwei Jah­re er­schöpft. Durch den gleich­zei­ti­gen Auto­no­mie­ver­lust aber ist das, was bei die­ser de­mo­kra­ti­schen Wahl be­wirkt wer­den kann, stark be­schnit­ten, was wie­der­um zur Frus­tra­tion der Wäh­len­den und zur vi­sions­lo­sen Selbst­zer­fleisch­ung der Ge­wähl­ten in kleiner­li­chen, par­tei­po­li­tisch mo­ti­vier­ten Gra­ben­kämp­fen führt. So ist durch dar­aus re­sul­tie­ren­de Wahl­be­tei­li­gun­gen von un­ter 25% der Wahl­be­rech­tig­ten die De­mo­kra­tie an Öster­reichs Uni­ver­si­täten eine hoh­le Scha­le oh­ne In­halt ge­wor­den, die sich man­gels „de­mo­kra­ti­scher Le­gi­ti­ma­tion” der „Stu­den­ten­ver­tre­ter” selbst ad ab­surd­um führt, da­für aber viel Geld ko­stet und Kräf­te bin­det. Vgl. da­zu auch Kueh­nelt–Leddihn Wei­chen, S. 205: „Sät­ti­gung und Über­sät­ti­gung regt den Geist nicht an. Ple­nus ven­ter non stu­det li­ben­ter.” Die Sät­ti­gung, die wir er­le­ben, zeigt sich nicht nur an di­ver­sen Wohl­stands­sta­ti­sti­ken der Ver­ein­ten Na­tio­nen, son­dern auch an der De­mo­kra­tie– und Po­li­tik­ver­dros­sen­heit der öster­rei­chi­schen (be­son­ders der ju­gend­li­chen) Bür­ger. Sie re­sul­tiert in einem ek­la­tan­ten Man­gel an po­li­ti­scher Denk­ar­beit, die für den ak­ti­ven Be­stand der De­mo­kra­tie un­er­läß­lich ist. Vgl. je­doch eben­da: „Bei lee­rem Ma­gen hät­ten je­doch die Volks­ver­füh­rer eine ganz gro­ße Chan­ce.”– Das Pro­blem be­schränkt sich je­doch nicht nur auf die Uni­ver­si­tä­ten, son­dern hat die Be­völ­ke­rung an sich er­faßt; vgl. da­zu Mol­den Öster­rei­cher, S. 7: „Die stärk­ste Par­tei Öster­reichs ist in Wirk­lich­keit die so­ge­nann­te »Blut­grup­pe Null«. Sie re­prä­sen­tiert je­ne Men­schen, die sich we­der ideo­lo­gisch noch ta­ges­po­li­tisch/tak­tisch zu einem der er­wähn­ten tra­di­tio­nel­len po­li­ti­schen La­ger Öster­reichs hin­ge­zo­gen füh­len.” Das po­li­ti­sche In­ter­es­se der Öster­rei­cher läßt auf ih­ren Man­gel an „Na­tions­wil­lig­keit” und De­mo­kra­tie­be­wußt­sein schlie­ßen. Die Ver­mu­tung liegt na­he, dies wä­re be­ab­sich­tigt und von lan­ger Hand zum Zwecke des Macht­er­hal­tes ge­plant — ho­ni soit qui mal y pen­se!

[348] So wie En­gels das auch ge­tan hat, be­zeich­net dem­ent­spre­chend auch Mao den Kom­mu­nis­mus als de­mo­kra­tisch; vgl. Mao De­mo­kra­ti­sche Dik­ta­tur, S. 437–452. Die das gan­ze Volk er­fas­sen­de „Ul­tra–De­mo­kra­tie” ist seiner An­sicht nach zu ver­wer­fen und zu be­kämp­fen (vgl. Mao Quo­ta­tions, S. 163 f.), denn: „Edu­ca­tion in de­moc­ra­cy must be car­ri­ed on with­in the Par­ty so that mem­bers can un­der­stand the mean­ing of de­mo­cra­tic life, the mean­ing of the re­la­tion­ship be­tween de­moc­ra­cy and cen­tral­ism, and the way in which de­mo­cra­tic cen­tral­ism should be put in­to prac­tice. Only in this way we re­al­ly ex­tend de­mo­cra­cy with­in the Par­ty and at the same time avoid ul­tra–de­mo­cra­cy and the lais­sez–faire which de­stroys dis­ci­pline.” Vgl. Mao Quo­ta­tions, S. 162 f. m.w.N.

[349] Vgl. Kal­ten­brun­ner Welt­be­wah­rung, S. 150 f. All­ge­meine Wah­len, Mei­nungs­frei­heit und Par­tei­en­kon­kur­renz sind keine Ga­ran­tien, son­dern Vor­aus­set­zun­gen für die Volks­herr­schaft. Die­se As­pek­te sind stets zu hin­ter­fra­gen, um den frei­heit­li­chen oder dik­ta­to­ri­schen Cha­rak­ter einer De­mo­kra­tie er­ken­nen zu kön­nen; sind et­wa wich­ti­ge An­tei­le am Me­di­en­ge­sche­hen eines Lan­des ver­staat­licht und durch — de­mo­kra­tisch ge­wähl­te — staats­tra­gen­de po­li­ti­sche Par­tei­en be­ein­fluß­bar, kann von Mei­nungs­frei­heit i.S.d. Art. 10 EMRK kaum ge­spro­chen wer­den; es be­steht viel­mehr die Ge­fahr eines Mei­nungs­dik­ta­tes durch die ge­wähl­ten Volks­ver­tre­ter und ih­rer Par­teien zum Zweck des Macht­er­halts — Rousseau sprach von der Ty­ran­nei der ge­wähl­ten Re­prä­sen­tan­ten; vgl. Wal­ter/Ma­yer Bun­des­ver­fas­sungs&tionshy;recht, S. 63 RZ 148 — und/oder der von ih­nen be­ein­fluß­ten Staats­bü­ro­kra­tie un­ter dem Deck­man­tel der De­mo­kra­tie. Eine ty­ran­ni­sche De­mo­kra­tie ist je­den­falls zu hin­ter­fra­gen; sie liegt re­gel­mäßig dann vor, wenn eine Herr­schaft einer Min­der­heit über eine Mehr­heit, aber auch dann, wenn eine sol­che von einer Mehr­heit über eine Min­der­heit — vgl. Kueh­nelt–Leddihn Wei­chen, S. 58 f. — fest­ge­stellt wer­den kann; vgl. da­zu auch Kauf­mann Ge­rech­tig­keit, S. 110: „Die Ver­ab­so­lu­tie­rung des Mehr­heits­prin­zips ist, wie al­les Ver­ab­so­lu­tier­te, von Übel”; Mill Uti­li­ta­ris­mus, S. 72–111, so­wie Kuehnelt–Leddihn Rechts, S. 80: „Nun aber sind re­li­giö­se Dis­kus­sio­nen durch Lei­den­schaft­lich­keit ge­kenn­zeich­net, und die De­mo­kra­tie–Kri­tik be­kommt da­her fast auto­ma­tisch für from­me De­mo­kra­ten einen pie­tät­los–ob­szön–blas­phe­mi­schen Cha­rak­ter. Gleich da­hin­ter lau­ert auch ein bö­ser Ver­dacht, aus­ge­löst durch die un­mit­tel­ba­re ge­schicht­li­che Ver­gan­gen­heit: wer die De­mo­kra­tie in Fra­ge stellt, kann »doch nichts an­de­res wol­len als eine neue Dik­ta­tur«. Das ist ein ra­san­ter Blöd­sinn, denn der Al­ter­na­ti­ven gibt es vie­le.”

[350] Vgl. Kal­ten­brun­ner Welt­be­wah­rung, S. 154.

[351] Un­ter „Mo­ral” soll hier ein „ge­sell­schaft­li­ches Ge­wis­sen” ver­stan­den wer­den, et­wa ein weit­ge­hend ge­mein­sa­mes Emp­fin­den für Recht und Un­recht.

[352] Zu die­sem Be­griff vgl. Bör­ner in Euno­mia 1993, S. 11: „Um die ver­schie­de­nen Tu­gen­den zu er­ken­nen, kön­nen wir einer­seits auf den Ver­stand (z.B. Ein­sicht, Weis­heit, Ver­nunft, Wis­sen­schaft), und an­de­rer­seits auf die Ein­sicht (ethi­sche Tu­gen­den; z.B. Ge­rech­tig­keit, Tap­fer­keit, Mäßig­keit, Frei­ge­big­keit) zu­rück­grei­fen. Aus der An­ti­ke (Pla­ton, Ari­sto­te­les, ...) ken­nen wir vier Haupt­tu­gen­den, an de­nen die an­de­ren Tu­gen­den be­fe­stigt sind wie die Tür in den An­geln. [...] Es sind dies: Weis­heit, Ge­rech­tig­keit, Tap­fer­keit, Maß. Das Chri­sten­tum (Augu­sti­nus, Al­kuin, Tho­mas von Aquin, ...) be­grün­de­te die Leh­re von den „Gött­li­chen Tu­gen­den”, die der mensch­li­chen See­le ein­ge­gos­sen sei­en. Sie lau­ten: Glau­be, Lie­be, Hoff­nung. Als Kon­ser­va­ti­ver füge ich die­sen sie­ben noch drei Tu­gen­den hin­zu: Ein­satz, Treue, Re­spekt.” Vgl. da­zu auch Mußhof in Euno­mia 1993, S. 21 f., so­wie Mock De­mo­kra­tie, S. 30–36.

[353] Vgl. Hersch Men­schen­rech­te, S. 15: „Ich glau­be, daß es kein Recht gibt, das nicht gleich­zei­tig auch eine Pflicht be­in­hal­tet. Man braucht eigent­lich nicht ein­mal zwei Li­sten mit den Rech­ten und den ent­spre­chen­den Pflich­ten zu schrei­ben, son­dern rich­tig ver­stan­den und un­ter den kon­kret­en Be­din­gun­gen, un­ter de­nen die Men­schen le­ben, ist je­des Recht im­mer auch eine Pflicht. Es ent­hält z.B. die Pflicht, den an­de­ren zu ach­ten, ihm seinen Frei– und Le­bens­raum zu las­sen, ihn zu eh­ren usw. Das geht sehr weit. Die gan­ze Mo­ral kommt da her­ein, nicht wahr? Des­we­gen ist es auch so schwer, die Men­schen­rech­te ju­ri­stisch zu be­gren­zen.”

[354] Zur Auto­ri­tät vgl. Leit­ner u.a. Lehr­buch, S. 137: „Auto­ri­tät wur­de früher als et­was der De­mo­kra­tie ent­ge­gen­ge­setz­tes ver­stan­den. Man setz­te Auto­ri­tät mit auto­ri­tär gleich und hielt bei­den Frei­heit und De­mo­kra­tie ent­ge­gen. Frei­heit kann aber oh­ne Auto­ri­tät nicht sein, sie braucht die Auto­ri­tät all der­je­ni­gen Ein­rich­tun­gen und Kräf­te, die die Frei­heit ge­währ­lei­sten. Wo die­se Auto­ri­tät fehlt, ver­schwin­det die Frei­heit; sie droht in An­ar­chie, Bür­ger­krieg und Dik­ta­tur um­zu­schla­gen. Die frei­heit­li­che De­mo­kra­tie steht und fällt mit der Auto­ri­tät der Ver­fas­sung und ih­rer In­sti­tu­tio­nen. [...] Auto­ri­tät ist al­ler­dings keine Ein­bahn­straße. Die Auto­ri­tät einer In­sti­tu­tion bür­det ih­rem Trä­ger auch Ver­ant­wor­tung auf: Er muß sich der der Ver­fas­sung zu­grun­de­lie­gen­den Wer­te be­wußt wer­den und die­sen Wer­ten ent­spre­chend seine Auto­ri­tät aus­nut­zen. Nur dann, wenn im Ver­hal­ten der In­sti­tu­tions­trä­ger die den Ver­fas­sungs­ein­rich­tun­gen zu­grun­de­lie­gen­den gei­stig–sitt­li­chen Ge­hal­te zum Aus­druck kom­men, wird der ge­sam­te de­mo­kra­ti­sche Staat Auto­ri­tät und so­mit re­la­ti­ve Sta­bi­li­tät auf­wei­sen. Wo aber ein­zel­ne oder Grup­pen die Mehr­heit im Staat bzw. Staats­äm­ter an­stre­ben, um den Staats­ap­pa­rat über­wie­gend in den Dienst eige­ner, per­sön­li­cher oder par­tei­li­cher In­ter­es­sen zu stel­len, ver­liert zwang­läu­fig nicht nur der Trä­ger der In­sti­tu­tion an per­sön­li­cher Auto­ri­tät, son­dern wer­den auch die In­sti­tu­tio­nen selbst und da­mit der Staat ent­wer­tet.” Vgl. auch Ledel in CARO♦AS 5/1995, S. 3–5.
Zur Ver­ant­wor­tung vgl. Kauf­mann Ge­rech­tig­keit, S. 110 f. „Das Ver­ant­wor­tungs­prin­zip for­dert, un­ser Han­deln da­nach ein­zu­rich­ten, daß da­von nicht die Mög­lich­keit einer Zer­stö­rung, Ge­fähr­dung oder Min­de­rung mensch­li­chen Le­bens und seiner Um­welt aus­ge­hen kann. [...] Hier muß man ver­su­chen, eine Ein­sicht in die wirk­li­chen Zu­sam­men­hän­ge zu ver­mit­teln und da­bei nicht die Ge­füh­le, son­dern die Ver­nunft der Men­schen an­zu­spre­chen. Die meisten Men­schen sind durch­aus be­reit, ver­ant­wort­lich zu han­deln, wenn sie die nötige Ein­sicht ge­won­nen ha­ben.” Zur Po­li­ti­ker­ver­ant­wor­tung vgl. JU Grund­satz­pro­gramm, S. 32 f. Pkt. 85: „Po­li­ti­ker sind ver­ant­wort­lich für Ver­trau­en in der De­mo­kra­tie. 85. Po­li­ti­ker sind Re­prä­sen­tan­ten un­se­res Ge­mein­we­sens und des­halb in her­aus­ge­ho­be­ner Wei­se da­für ver­ant­wort­lich, daß die De­mo­kra­tie ver­trau­ens­wür­dig bleibt. An ih­re per­sön­li­che In­te­gri­tät muß da­her ein be­son­ders ho­her Maß­stab an­ge­legt wer­den. Wo Ab­hän­gig­kei­ten und In­ter­es­sens­kon­flik­te be­ste­hen, müs­sen sie of­fen dar­ge­legt wer­den. In der po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung muß stets die Ach­tung vor der Per­son des an­de­ren ge­wahrt wer­den. Po­li­ti­ker müs­sen be­reit sein, ih­re eige­ne Po­si­tion in Fra­ge zu stel­len. Po­li­ti­ker brau­chen Frei­räu­me, um nach­den­ken zu kön­nen und ihr eige­nes Han­deln kri­tisch zu über­prüf­en. Nur so wer­den sie ih­re Un­ab­hän­gig­keit be­wah­ren kön­nen. [Po­li­ti­ker, die nicht nach­den­ken, de­nen im Po­lit­all­tag die Zeit ge­nom­men wird, nach­zu­den­ken, wer­den da­her man­gels Un­ab­hän­gig­keit von ih­ren (tag­täg­lich gleich­blei­ben­den) In­for­ma­tions­quel­len, die ih­nen al­les mund– und re­de­ge­recht ser­vie­ren, im­mer häu­fi­ger Fehl­ent­schei­dun­gen tref­fen; Anm.] Po­li­ti­ker brau­chen Kon­takt zur Ge­sell­schaft, des­halb darf Po­li­tik nicht als le­bens­lan­ger Be­ruf in einem be­am­ten­ähn­li­chen Sta­tus aus­ge­übt wer­den. Wir wün­schen uns einen per­so­nel­len Aus­tausch, be­son­ders zwi­schen Po­li­tik, Wis­sen­schaft und Wirt­schaft.” — Wer Auf­ga­ben im Staat über­nimmt, ist de­je­ni­gen ge­gen­über, de­nen er dient, auch Re­chen­schaft schul­dig und muß bei Fehl­ver­hal­ten wir­ksam im Sin­ne straf­recht­li­cher Sank­tio­nen und Prä­ven­tion zur Ver­ant­wor­tung ge­zo­gen wer­den kön­nen. Eine Ver­schär­fung des Dis­zi­pli­nar­rechts in der Hin­sicht, daß es dem Un­ter­wor­fe­nen be­wußt macht, daß er zu die­nen und nicht zu herr­schen hat, ist da­her wei­te­re Vor­aus­set­zung für die Ent­wick­lung de­mo­kra­ti­scher Ver­hält­nis­se; vgl. da­zu auch Ledel DA, S. 34–47 so­wie S. 103 m.w.N. Die Tat­sa­che, daß in der Zwei­ten Re­pu­blik kaum ein Re­gie­rungs­mit­glied we­gen Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit zu lang­jäh­ri­gen Haft­stra­fen ver­ur­teilt oder auch nur auf Dau­er aus dem öf­fent­li­chen Dienst aus­ge­schlos­sen wor­den ist, ist ver­dacht­er­re­gend: Auch Re­gie­rungs­mit­glie­der sind nur Men­schen, und Fehl­ver­hal­ten ist mensch­lich, es kommt nun ein­mal vor; das Decken die­ses Fehl­ver­hal­tens durch die par­tei­po­li­ti­schen „Mit­strei­ter” dient da­her nur dem Er­halt der Par­tei– bzw. Re­gie­rungs­macht, die da­durch un­mo­ra­lisch und de­mo­kra­tisch un­le­gi­ti­mier­bar wird. — Das Be­wußt­ma­chen der Ver­ant­wort­lich­keit des Die­nen­den (und der da­für ge­währ­te, selbst­ver­ständ­li­che Aus­gleich durch ent­spre­chen­de Pri­vi­le­gi­en, de­ren Mißbrauch und par­tei­po­li­tisch nutz­bar ge­mach­te Um­deu­tung zum Selbst­zweck ab­ge­schafft wer­den muß!) ist für die De­mo­kra­tie un­er­läß­lich, soll nicht die Herr­schaft des Vol­kes durch das Volk und für das Volk durch die Herr­schaft über das Volk durch die Mehr­heit seiner Re­prä­sen­tan­ten er­setzt wer­den.
Zum Zu­sam­men­hang von Auto­ri­tät und Ver­ant­wor­tung vgl. Obern­dor­fer in Mock, S. 65: „Mit der Ver­ant­wor­tung aber un­trenn­bar ver­bun­den wird dann auch die heu­te schon viel­fach frag­wür­dig ge­wor­de­ne Auto­ri­tät un­se­rer Re­prä­sen­tan­ten sein. [Die­se Auto­ri­tät ha­ben die vom Volk ge­wähl­ten Ver­tre­ter nicht auf­grund ih­res Sta­tus, son­dern auf­grund des auf wirk­sam­er Kon­trol­le be­ru­hen­den Ver­trau­ens der Bür­ger in ih­re Ver­tre­ter; Anm.] Denn mit Eschen­burg kön­nen wir als Kor­re­lat zur Ver­ant­wor­tung die Auto­ri­tät fest­stel­len. [FN: Eschen­burg, Über Auto­ri­tät, 1965, S. 172.] Wenn es auch nicht sehr mo­dern ist, von Auto­ri­tät zu spre­chen, so ist und bleibt doch eines si­cher: eben­so wie eine De­mo­kra­tie nur funk­tio­nie­ren kann, wenn sie ver­ant­wor­tungs­be­wuß­te Staats­män­ner her­vor­bringt, hängt die Funk­tions­fä­hig­keit einer de­mo­kra­ti­schen Re­gie­rung von der Auto­ri­tät ih­rer Mit­glie­der ab.” Zum Be­griff des „Staats­man­nes” vgl. Kueh­nelt–Leddihn Wei­chen, S. 141: „Ein Staats­mann denkt, wie wir sag­ten, an das Ge­schick seiner En­kel, ein Po­li­ti­ker hin­ge­gen an seine Wie­der­wahl; ein Staats­mann will Ge­schich­te ma­chen, ein Po­li­ti­ker hin­ge­gen nur Po­li­tik. Das ist ein ge­wal­ti­ger Un­ter­schied. Ein Po­li­ti­ker ist ein Ama­teur, ein Staats­mann ein Fach­mann, manch­mal so­gar ein Ge­lehr­ter.”

[355] Zur Frei­heit vgl. et­wa Kal­ten­brun­ner Kon­ser­va­ti­vis­mus, S. 37–49, so­wie Wald–Wagenburg/Klein Bild­band Strauß, S. 69: „In ih­rer Kon­tur wur­de schon da­mals das Ge­gen­satz­paar »Frei­heit oder So­zia­lis­mus« er­kenn­bar, das für Franz Jo­sef Strauß frei­lich auch in spä­te­ren Jah­ren nie ein Slo­gan war, son­dern die auf eine kur­ze For­mel ge­brach­te Be­schrei­bung der hi­sto­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen der be­währ­ten und müh­sam er­kämpf­ten Frei­heit des Ein­zel­nen und dem to­ta­len Macht­an­spruch des ano­ny­men Kol­lek­tivs.” Zur ;Dis­zi­plin Ledel DA, S. 3–14. Wie die an­de­ren de­mo­kra­ti­schen Tu­gen­den auch, ist die Frei­heit kein Selbst­zweck und da­her nicht schran­ken­los (so könn­te man et­wa dem Leit­spruch der Wiener Sezession „Der Zeit ih­re Kunst — Der Kunst ih­re Frei­heit” hin­zu­fü­gen: „Der Frei­heit ih­re Gren­zen”). Sie ist Vor­aus­set­zung für das Er­rei­chen des Ge­mein­wohls, wel­ches wie­der­um ab­hän­gig ist vom Wohl mög­lichst vie­ler In­di­vi­du­en. Not­wen­di­ge Ein­schränk­un­gen der Frei­heit müs­sen da­her ver­hält­nis­mä­ßig sein, d.h. so ge­ring wie mög­lich, um die Zweck­er­rei­chung zu ga­ran­tie­ren; vgl. da­zu et­wa Art. 1 Abs. 3 PersFrG, BGBl. 684/1988 v. 29.11.1988, so­wie § 29 SPG; selbst­ver­ständ­lich sind sol­che Nor­men nur dann et­was wert, wenn sie auch durch­ge­setzt wer­den bzw. wir­kungs­voll Scha­dens­er­satz ver­langt wer­den kann; vgl. et­wa §§ 30, 87–92 SPG so­wie §§ 1 f. GRBG i.V.m. Art. 5 Abs. 5 EMRK.

[356] Vgl. da­zu Kaufmann Ge­rech­tig­keit, S. 110: „Noch ein Wort zur Fair­neß. Fair­neß heißt, daß die eine Sei­te nicht al­le Vor­tei­le und die an­de­re Sei­te nicht al­le Las­ten tra­gen muß. Fair­neß — und Frei­heit! — zeigt sich vor al­lem dar­an, wie die Min­der­hei­ten be­han­delt wer­den.”

[357] Vgl. da­zu Mill Uti­li­ta­ris­mus, S. 72–111: „Über den Zu­sam­men­hang zwi­schen Ge­rech­tig­keit und Nütz­lich­keit.” Vgl. insb. eben­da S. 106: „Das Prin­zip, je­dem das zu ge­ben, was er ver­dient, d. h. Gu­tes mit Gu­tem und Üb­les mit Üb­lem zu ver­gel­ten, ist da­her nicht nur in dem Be­griff der Ge­rech­tig­keit, wie wir ihn be­stimmt ha­ben, ent­hal­ten, son­dern ist zu­gleich auch Ge­gen­stand je­nes eigen­tüm­lich in­ten­si­ven Ge­fühls, das die Ge­rech­tig­keit in der Wert­schät­zung des Men­schen über die blo­ße Nütz­lich­keit stellt.” Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den er­gibt Zu­sam­men­geh­ö­rig­keits­ge­fühl — und das ist die Grund­la­ge für die Existenz einer Na­tion. Kor­rup­tion, wie sie in Öster­reich im­mer wie­der pu­blik wird, ih­re man­geln­de Be­stra­fung und ih­re wei­te Ver­brei­tung, ih­re „Nor­ma­li­tät” ver­hin­dert aber das Ent­ste­hen eines Ge­rech­tig­keits­ge­fühls und da­mit auch den Be­stand einer Na­tion. In Öster­reich al­ler­dings kommt zu die­sem Pro­blem die Ver­fas­sungs­rea­li­tät noch hin­zu: Der Rechts­po­si­tiv­is­mus und ihr pro­mi­nen­te­ster Ver­tre­ter, Hans Kel­sen, der „Va­ter” der Öster­rei­chi­schen Bun­des­ver­fas­sung, leug­nen die Exi­stenz von Ge­rech­tig­keit; vgl. da­zu Kel­sen Rechts­leh­re 1934, S. 15 f.: „Ge­rech­tig­keit ist ein ir­ra­tio­na­les Ide­al. So un­ent­behr­lich es für das Wol­len und Han­deln des Men­schen sein mag, dem Er­ken­nen ist es nicht zu­gäng­lich.” Er­ken­nen kann man je­den­falls den Man­gel an Ge­rech­tig­keit bzw. den Man­gel an Ver­trau­en in Ge­rech­tig­keit dar­an, daß das „po­si­ti­ve Recht” ver­mehrt vom In­di­vi­du­um außer Kraft ge­setzt und das „Recht” — die Ge­rech­tig­keit — in die eige­ne Hand ge­nom­men wird. Mit an­de­ren Wor­ten: Je we­ni­ger die Rechts­ord­nung auf Ge­rech­tig­keit be­dacht ist, de­sto häu­fi­ger kommt es zur ge­setzes­über­tre­ten­den Selbst­ju­stiz (vgl. § 19 ABGB; da­zu aus­führ­lich Reischauer in Rum­mel, S. 57–65, mit Ver­weis auf § 3 StGB). Jah­re spä­ter setzt Kel­sendem noch die Kro­ne auf: „Ein po­si­tives Recht gilt nicht, weil es ge­recht ist, das heißt: weil seine Set­zung einer Ge­rech­tig­keits­norm ent­spricht, und gilt auch, wenn es un­ge­recht ist.” Vgl. Kel­sen Rechts­leh­re 1967, S. 402. Eine der­ar­ti­ge For­mu­lie­rung be­gün­stigt nicht nur To­ta­li­ta­ris­mus und Ra­di­ka­lis­mus, sie le­gi­ti­miert sie so&gar; da­zu kri­tisch Ledel DA, S. 46 FN 231, so­wie zum Rechts­po­si­tiv­is­mus Kueh­nelt–Leddihn Wei­chen, S. 200: „In der Rechts­spre­chung ist der Stand­punkt des Rechts­po­si­tiv­is­mus — d. h. die Über­zeu­gung, daß was im­mer der Staat vor­schreibt, le­gal und mo­ra­lisch ver­ant­wort­bar ist — zu ver­wer­fen. Ge­rech­tig­keit ist übri­gens nicht Gleich­heit, son­dern be­deu­tet, in Ul­pi­ans Wor­ten, suum cui­que, »Je­dem das Seine«. Der Staat soll nicht will­kür­lich Ge­set­ze er­las­sen. Das Recht (das be­stimmt, was recht und was un­recht ist) muß »ge­sucht« und »ge­fun­den«, nicht will­kür­lich be­stimmt wer­den.” Kel­sens Po­si­tiv­is­mus ist da­her nicht, wie viel­fach vor­ge­ge­ben wird, de­mo­kra­tisch, son­dern frei­heits­feind­lich–to­ta­li­tär. Ge­set­ze kön­nen ihm­zu­fol­ge auch je­der­zeit — je nach Gut­dün­ken und Op­por­tu­ni­tät — ge­än­dert wer­den, was das Ver­trau­en der Bür­ger in die Rechts­staat­lich­keit auf lan­ge Sicht er­schüt­tert. Be­son­ders ist dies der Fall bei häu­fi­gen Än­de­run­gen der­sel­ben Ma­te­rie, wie dies in Öster­reich et­wa beim ASVG ge­sche­hen ist.

[358] Vgl. Mill Frei­heit, S. 143: „Je­der ist ver­pflich­tet, al­le die­se Um­stände in Rech­nung zu zie­hen, ehe er sich zu einem Schritt ent­schließt, der so wich­ti­ge An­ge­le­gen­hei­ten an­de­rer be­trifft. Wenn man auf die­se nicht das ge­büh­ren­de Ge­wicht legt, ist man mo­ra­lisch ver­ant­wort­lich für das Un­recht. Ich ha­be die­se selbst­ver­ständ­li­che Be­mer­kung nur ge­macht, um das all­ge­meine Prin­zip der Frei­heit bes­ser zu er­läu­tern, [...]”

[359] Vgl. Mill Frei­heit, S. 77 und S. 87: „Nicht da­durch, daß man al­les In­di­vi­du­el­le zur Ein­för­mig­keit ab­flacht, son­dern in­dem man es aus­bil­det und seine Kräf­te auf­bie­tet — in­ner­halb der durch die Rech­te und In­te­res­sen an­de­rer ge­zo­ge­nen Gren­zen —, wird das mensch­li­che We­sen zu einem ed­len und schönen Ge­gen­stand der Be­trach­tung.” Vgl. auch Leit­ner u.a. Lehr­buch, S. 139: „Ob­wohl auf den er­sten Blick nicht leicht ein­zu­se­hen ist, war­um »De­mo­kra­tie« im Sin­ne von Kon­trol­le der Herr­scher durch die Be­herrsch­ten bzw. Ab­hän­gig­keit und Ver­ant­wort­lich­keit der Herr­schafts­trä­ger ge­gen­über den Herr­schafts­un­ter­wor­fe­nen und der Öf­fent­lich­keit auf die staat­li­che Herr­schafts­ord­nung be­schränkt sein soll, wä­re es ein sinn­lo­ses Un­ter­fan­gen, in al­len ge­sell­schaft­li­chen Be­rei­chen ab­so­lu­te Gleich­heit ein­zu­füh­ren zu wol­len. Das wird al­lein schon durch die We­sens­s­ver­schie­den­heit der Men­schen ver­hin­dert. Es ist dar­über hin­aus eine Er­fah­rungs­tat­sa­che, daß selbst in de­mo­kra­tisch ge­ord­ne­ten So­zi­al­be­rei­chen ge­wis­se Un­gleich­hei­ten schon al­lein auf Grund der Ar­beits­tei­lung be­ste­hen müs­sen. Ein Mehr an Frei­heit, Gleich­heit, Ver­ant­wort­lich­keit, Öf­fent­lich­keit in nicht­staat­li­chen Macht­be­rei­chen scheint je­doch rea­li­sier­bar, wenn auch die for­ma­len Me­cha­nis­men der De­mo­kra­tie als Staats­form auf den ge­sell­schaft­li­chen Be­reich nur be­dingt über­trag­bar sind.”

[360] Vgl. § 16 ABGB.

[361] Vgl. Marx/Engels Ma­ni­fest, S. 23.

[362] Vgl. Leitner u.a. Lehr­buch, S. 141: „Eine Dik­ta­tur ist ein Staat, in dem sich al­le vor einem fürch­ten und einer vor al­len. (Al­ber­to Mo­ra­via)” Die­ser „eine” kann oh­ne wei­te­res auch „die Bü­ro­kra­tie”, „die ge­wähl­te Volks­ver­tre­tung”, „die de­mo­kra­tisch ge­wähl­te, re­gie­ren­de Par­tei” sein.

[363] Da­zu ge­hört ne­ben den pe­rio­di­schen Wahl­gän­gen auch die Ver­ant­wort­lich­keit für die über­tra­ge­ne Macht und ih­re Be­schrän­kung im Aus­maß. So hat et­wa ein Mi­ni­ster nur so viel (Exe­ku­tiv–) Ge­walt, nur so viel Macht, wie das Volk ihm gibt, d.h. wie es ihm in Über­ein­stim­mung mit dem Volks­wil­len ge­setz­lich zu­ge­stan­den wird. Wenn er die­se Macht miß­braucht und dies pu­blik wird, hat er zu­rück­zu­tre­ten. Tut er dies nicht, miß­braucht er seine Macht aber­mals: Er gibt dem Volk die Macht nicht wie­der, was das En­de der De­mo­kra­tie be­deu­tet, wenn er nicht zur Ver­ant­wor­tung ge­zo­gen wird! Über­dies ist zur Wah­rung der De­mo­kra­tie auch die Ab­schaf­fung des Klub­zwan­ges durch die ver­pflich­ten­de Ein­füh­rung ge­hei­mer Ab­stim­mun­gen zu for­dern, um den Miß­brauch de­mo­kra­ti­scher Struk­tu­ren für eine Par­tei­en– bzw. Re­gie­rungs–Dik­ta­tur zu ver­hin­dern; ist näm­lich das Ab­stim­mungs­ver­hal­ten der Ab­ge­ord­ne­ten von vor­ne­he­rein fest­ge­legt, kann sich nicht je­weils eine Mehr­heit zu je­der vor­ge­leg­ten Fra­ge neu bil­den. Was aber für den (ver­tre­te­nen) „Nor­mal­bür­ger” recht ist, muß auch für den ihn ver­tre­ten­den Re­prä­sen­tan­ten bil­lig sein: ein de­mo­kra­ti­sches Zu­stan­de­kom­men einer Ent­schei­dung. Die öster­rei­chi­sche Pra­xis zeigt, daß der Klub­zwang ge­ra­de in der Zeit einer gro­ßen Ko­a­li­tion an­ti­de­mo­kra­tisch ist, insb. weil er Ab­stim­mungs­struk­tu­ren — und da­mit Macht­struk­tu­ren — per­pe­tu­iert und so die Macht­be­schrän­kung durch die pe­rio­di­schen Wah­len zu um­ge­hen sucht.
Macht­be­schrän­kend wirkt auch die Kon­trol­le durch die — de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­te — Op­po­si­tion; vgl. da­zu et­wa Obern­dor­fer in Mock, S. 57: „Ha­ben wir die Gel­tend­ma­chung der Ver­ant­wor­tung als we­sent­li­ches Kenn­zei­chen der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie er­kannt, so fällt da­mit im mo­der­nen Par­la­men­ta­ris­mus der Op­po­si­tion oder ge­nau­er den Op­po­si­tions­par­tei­en die we­sent­li­che Funk­tion der kri­ti­schen Be­ob­ach­tung und der Kon­trol­le der Re­gie­rung zu. Der Auf­trag, die Ver­ant­wor­tung der Re­gie­rung gel­tend zu ma­chen, ja ihr ein Ge­gen­ge­wicht und eine Al­ter­na­ti­ve des Han­delns ent­ge­gen­zu­stel­len, liegt aus­schließ­lich in den Hän­den der Op­po­si­tion.” Die le­gi­ti­me Op­po­si­tion ist je­ne, die vom Volk als sol­che ge­wählt wor­den ist — völ­lig un­ab­hän­gig von dem per­sön­li­chen Wer­de­gang ih­rer Pro­po­nen­ten, völ­lig un­ab­hän­gig da­von, ob sie (po­li­ti­sche) Ge­mein­sam­kei­ten mit der Re­gie­rung hat oder nicht; sie hat so­wohl von der Re­gie­rung als auch von den de­mo­kra­tisch ge­sinn­ten Bür­gern (wel­cher po­li­ti­schen Ge­sin­nung auch im­mer sie sei­en!) re­spek­tiert zu wer­den. Wer al­ler­dings ver­sucht, die Op­po­si­tion durch den Vor­wurf des An­ders­den­kens und der Ra­di­ka­li­tät po­li­tisch zu dis­kre­di­tie­ren, setzt sich selbst nicht nur dem Vor­wurf aus, auf an­ti­de­mo­kra­ti­sche Art die le­gi­ti­me Kon­trol­le um­ge­hen zu wol­len; er spielt auch de­mo­kra­tie­po­li­tisch ge­se­hen mit dem Feu­er, in­dem er an einer der Grund­fes­ten die­ser Re­gie­rungs­form rüt­telt und ih­re Ga­ran­tien in Fra­ge stellt.

[364] Vgl. zur „wehr­haf­ten De­mo­kra­tie” das Bon­ner Grund­ge­setz vom 23.05.1949, Art. 20: „(1) Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist ein de­mo­kra­ti­scher und so­zia­ler Bun­des­staat. (2) Al­le Staats­ge­walt geht vom Vol­ke aus. [...] (4) Ge­gen je­den, der es un­ter­nimmt, die­se Ord­nung zu be­sei­ti­gen, ha­ben al­le Deut­schen das Recht zum Wi­der­stand, wenn an­de­re Ab­hil­fe nicht mög­lich ist.” Vgl. Hil­de­brandt Ver­fas­sun­gen, S. 124 f; da­ge­gen er­scheint der öster­rei­chi­sche De­mo­kra­tie­schutz — et­wa im Ver­botsG und im EVGV — di­rekt zahn­los. Vgl. wei­ters JU Grund­satz­pro­gramm, S. 30 Pkt. 78: „[...] Recht auf Wi­der­stand. Die de­mo­kra­ti­sche Ord­nung er­öff­net viel­fäl­ti­ge Chan­cen, Mi­ß­stän­de mit po­li­ti­schen Mit­teln zu über­win­den. Wi­der­stand kann und darf es nur ge­ben, wenn es um die Ab­wehr eines An­grif­fes auf die de­mo­kra­ti­sche Ord­nung geht, der an­ders, mit an­de­ren Mit­teln, nicht ab­wend­bar ist. Viel­mehr über­schrei­tet der­je­ni­ge seinen Frei­heits­spiel­raum, der die Grund­wer­te un­se­rer Ver­fas­sungs­ord­nung an­greift. Rechts­ord­nung statt Faust­recht. Der Staat kann seine Auf­ga­ben. den in­ner­ge­sell­schaft­li­chen Frie­den und da­mit Wür­de und die Frei­heit des ein­zel­nen zu si­chern, auf Dau­er nur er­fül­len, wenn die Rechts­ord­nung ge­gen­über al­len Bür­gern gleich­mä­ßig durch­ge­setzt wird. Im Rah­men der rechts­staat­li­chen Bin­dun­gen ist da­bei auch staat­li­cher Zwang ge­recht­fer­tigt. Nur ein wirk­sa­mer Schutz der Rechts­ord­nung durch den Staat kann auf die Dau­er den Rück­griff auf das Faust­recht ver­hin­dern.”

[365] Vgl. Mill Frei­heit, S. 90 f.: „Ich be­to­ne hier so nach­drück­lich die Wich­tig­keit des Ge­nies und die Not­wen­dig­keit seiner frei­en Ent­fal­tung so­wohl im ge­dank­li­chen wie im tät­ti­gen Be­reich, weil ich mir wohl be­wußt bin, daß zwar nie­mand die­se Stel­lung­nah­me in der Theo­rie be­strei­ten wird, daß aber fast je­der in der Pra­xis völ­lig gleich­gül­tig da­ge­gen ist. [...] Ori­gi­na­li­tät ist das eine Ding, des­sen Ge­brauch un­ori­gi­nel­len Gei­stern un­ver­ständ­lich bleibt. Sie se­hen nicht ein, was es für sie be­deu­ten könn­te — wie soll­ten sie auch! [...] Es ist die nüch­ter­ne Wahr­heit: wie sehr man auch der wirk­li­chen oder ver­mu­te­ten gei­sti­gen Über­le­gen­heit zu hul­di­gen vor­gibt oder manch­mal so­gar fer­tig­bringt, die all­ge­meine Ten­denz in der gan­zen Welt geht doch da­hin, die Mit­tel­mäßig­keit zur über­le­ge­nen Macht un­ter den Men­schen zu ma­chen.” Vgl. Kueh­nelt–Leddihn Sa­ra­je­wo, S. 23: „Ih­re po­li­ti­schen Füh­rer, die bil­dungs­mä­ßig–wis­sen­schaft­lich nach un­se­ren Maß­stä­ben kaum das Ni­veau der »Mit­te­ren Rei­fe« hat­ten, wuß­ten nicht, was sie auch ge­gen ihr eige­nes In­te­res­se an­ge­rich­tet hat­ten, Dar­über hin­aus lit­ten sie auch an einer ideo­lo­gi­schen Blind­heit, an ge­ra­de­zu un­glaub­li­cher Ig­no­ranz und Vor­ur­tei­len, selbst ein Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor wie Wood­row Wil­son.”

[366] Vgl. et­wa Kueh­nelt–Leddihn Wei­chen, S. 10 f.: „Eine De­mo­kra­tie for­dert zu­dem eine Stel­lung­nah­me des Bür­gers zu den zahl­rei­chen Pro­ble­men von Staat, Ge­sell­schaft und Wirt­schaft, die der Bür­ger nur auf der Grund­la­ge seines Wis­sens ge­ben kann. Er muß sich al­so »in­for­mie­ren«. das al­lein ge­nügt na­tür­lich nicht, denn er muß sich auch eine Par­tei aus­su­chen, die un­ge­fähr seine An­sich­ten ver­tritt. [...] Doch die Me­di­en brau­chen Scha­blo­nen und nur mit Scha­blo­nen und Kli­schees kann die Lin­ke die Leu­te alar­mie­ren. [...] Der Un­fug, den Me­di­en be­son­ders bei Völ­kern an­rich­ten, die von der üb­ri­gen Welt geo­gra­phisch sehr iso­liert sind und sel­ten die Ge­schich­te frem­der Völ­ker ein­ge­hend stu­die­ren, ist er­schüt­ternd.”

[367] Vgl. da­zu Wald–Wa­gen­burg/Klein Bild­band Strauß, S. 77 l.Sp.: „»Wird die Ju­gend für die De­mo­kra­tie ge­won­nen, wächst sie als Nach­wuchs, als zu­künf­ti­ger Trä­ger eines mit al­len ech­ten de­mo­kra­ti­schen Ele­men­ten aus­ge­stat­te­ten Staa­tes hin­ein oder steht die Ju­gend zu­nächst in­dif­fe­rent, le­thar­gisch, spä­ter so­gar sehr leicht feind­se­lig oder um­sturz­be­reit dem Staat ge­gen­über, der es nicht fer­tig­ge­bracht hat, ih­re Fra­gen, und zwar die al­ler­näch­sten Fra­gen, zu lö­sen? Da­vor ste­hen wir. Das ist die Auf­ga­be, und die­ser Auf­ga­be müs­sen wir ge­recht wer­den.«” Franz Jo­sef Strauß war aber auch der Mei­nung, die Ju­gend „[...] wer­de lie­ber dem­je­ni­gen ver­trau­en, der ihr of­fen und ehr­lich auch die Er­fül­lung not­wen­di­ger Pflich­ten ab­ver­lan­ge, als dem­je­ni­gen, der sie un­ter dem Vor­wand um­fas­sen­der »Be­treu­ung« ins­ge­heim ent­mün­di­ge”; vgl. eben­da, S. 78 l.Sp. Die ein­zi­ge Mög­lich­keit, wie man eine sol­cher­art er­zo­ge­ne Ju­gend „um­po­len” kann, ist un­wi­der­spro­che­ne Me­di­en–Ma­ni­pu­la­tion, wie sie auch dem ORF vor­ge­wor­fen wird (vgl. et­wa Thun–Ho­hen­stein/Pethö Rot­funk). Ein an­dau­ern­des, ein­sei­ti­ges Pro­pa­gan­da–Bom­bar­de­ment er­mü­det den wa­chen Geist, er­schöpft die Wi­der­stands­kraft der Tra­di­tion, zer­mürbt durch den Druck der Ein­sei­tig­keit der De­fi­ni­tio­nen die kri­ti­sche Un­ter­schei­dungs­fähig­keit des den­ken­den Ju­gend­li­chen, hat aber mit der plu­ra­li­sti­schen De­mo­kra­tie nichts zu tun.

[368] Die Bü­ro­kra­tie ge­hört si­cher zu den Ele­men­ten einer De­mo­kra­tie, die durch ih­re Träg­heit — vgl. da­zu Ma­yer Ver­wal­tungs­recht, Vor­wort: „Ver­fas­sung ver­geht, Ver­wal­tung be­steht” — ih­re Kon­ti­nui­tät un­ter­stüt­zen kann. Sie aber gleich als ih­ren Ga­ran­ten zu se­hen, wie et­wa Ren­ner das ge­tan hat, ist eine Fehl­ein­schät­zung; vgl. Ren­ner Bü­ro­kra­tie, S. 4 und S. 8: „Der Auf­stieg des Bür­ger­tums hat in den Re­vo­lu­tio­nen des 18. und 19. Jahr­hun­derts all die­se Sys­te­me und ih­re Ent­ar­tun­gen in der Haupt­sa­che über­wun­den durch die Auf­rich­tung des Rechts­staats. Die­ser brach die All­macht des Ap­pa­ra­tes, in­dem er er­stens je­dem Staats­bür­ger eine un­ver­letz­ba­re Sphä­re des in­di­vi­du­el­len pri­va­ten und öf­fent­li­chen Le­bens, das so­ge­nann­te Men­schen– und Bür­ger­recht, ein­räum­te und zwei­tens den Ap­pa­rat selbst durch Ver­wal­tungs– und Ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit an das Ge­setz band. Er hat auf die­se Wei­se der Bu­reau­kra­tie zu ih­rer Glanz­zeit die­je­ni­ge Ge­stalt ge­ge­ben, die sich für Volk und Staat als wah­re Wohl­tat er­wies und erst den wirt­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Fort­schritt des letz­ten Jahr­hun­derts er­mög­licht hat. Der Her­ren­be­fehl ver­wan­del­te sich in die Ge­set­zes­vor­schrift, der blin­de Ge­hor­sam in die Ach­tung vor dem Ge­set­ze, die Ue­ber­he­blich­keit in das er­höh­te Pflicht­ge­fühl des Rang­hö­he­ren, die Un­ter­wür­fig­keit in die Lei­stungs­be­reit­schaft des Rang­nie­de­ren, die selbst wie­der den An­spruch auf Rang­er­hö­hung bot.” [...] „Bei al­len meinen fol­gen­den Aus­füh­rung­en [...] ge­brau­che ich die Be­zeich­nung Bu­reau­kra­tie im be­sten Sin­ne des Wor­tes, als je­nen Teil des staat­li­chen Ap­pa­ra­tes, der be­stimmt ist, die Rechts­ord­nung zu tra­gen und den Ge­set­zen Gel­tung zu schaf­fen, die die­sem Be­ruf sich als Dienst am Vol­ke und nicht als Man­dat zur Herr­schaft ge­wid­met ha­ben und wid­men.” Die in Öster­reich nach wie vor ver­tre­te­ne Reine Rechts­leh­re, die „Theo­rie des Rechts­po­si­ti­vis­mus” (vgl. Kel­sen Rechts­leh­re 1934, S. 38), ver­hin­dert durch den Man­gel an Wert­ori­en­tiert­heit des Rech­tes des­sen Kon­ti­nui­tät und da­mit das Ver­trau­en der Rechts­un­ter­wor­fe­nen in das Recht, das eigent­lich von ih­nen selbst aus­geht. Ren­ners For­de­rung: „Da­her der Ruf der mo­der­nen De­mo­kra­tie: Des Vol­kes er­klär­ter Wil­le soll Ge­setz sein!” (vgl. Ren­ner Bü­ro­kra­tie, S. 16.) ist da­her auf die­ser Grund­la­ge — bei al­len zu be­rück­sich­ti­gen­den ge­recht­fer­tig­ten Ab­stri­chen, die sich aus dem We­sen der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie er­ge­ben — in Öster­reich der­zeit nicht um­setz­bar.

[369] Vgl. EMRK, insb. den Text der Prä­am­bel, i.V.m. der Er­klä­rung der Grund­rech­te und Grund­frei­hei­ten des Euro­päi­schen Par­la­ments vom 12.04.1989, insb. den Text der Prä­am­bel: „Da es zur Fort­set­zung und Neu­be­le­bung des euro­päi­schen de­mo­kra­ti­schen Eini­gungs­pro­zes­ses an­ge­sichts der Schaf­fung eines Bin­nen­raums oh­ne Gren­zen und un­ter Be­rück­sich­ti­gung der be­son­de­ren Ver­ant­wor­tung des Euro­päi­schen Par­la­ments für das Wohl von Män­nern und Frau­en un­er­läß­lich ist, daß Euro­pa die Exi­stenz einer Ge­mein­schaft des Rechts be­kräf­tigt, die sich auf die Wah­rung der Wür­de des Men­schen und der Grund­rech­te stützt; da Maß­nah­men, die mit den Grund­rech­ten un­ver­ein­bar sind, nicht zu­ge­las­sen wer­den dür­fen, und un­ter Hin­weis dar­auf, daß sich die­se Rech­te so­wohl aus den Ver­trä­gen zur Grün­dung der Euro­päi­schen Ge­mein­schaf­ten als auch aus den ge­mein­sa­men Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen der Mit­glied­staa­ten, der Euro­päi­schen Kon­ven­tion zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten und den gel­ten­den in­ter­na­tio­na­len Rechts­in­stru­men­ten er­ge­ben und durch die Rechts­spre­chung des Ge­richts­ho­fes der Euro­päi­schen Ge­mein­schaf­ten wei­ter­ent­wickelt wer­den, ver­ab­schie­det das Euro­päi­sche Par­la­ment fol­gen­de Er­klä­rung als Aus­druck die­ser Rech­te, ruft al­le Bür­ger auf, sie ak­tiv zu un­ter­stüt­zen, und un­ter­brei­tet sie dem im Ju­ni 1989 zu wäh­len­den Par­la­ment.”

[370] So bin­det et­wa das Le­ga­li­täts­prin­zip des Art. 18 Abs. 1 B–VG die Ver­wal­tung „an die Ge­set­ze”, nicht aber di­rekt an Ver­fas­sungs­grund­sät­ze. Hin­zu kommt, daß der Po­si­ti­vis­mus Ge­ne­ral­klau­seln ab­lehnt und so eine wah­re Nor­men­flut her­vor­ruft — vgl. da­zu kri­tisch Le­del DA, S. 38 f. —, was im­mer wie­der zu Ver­zö­ge­run­gen im Grund­rechts­schutz führt, die die­sen in­ef­fek­tiv ma­chen; vgl. da­zu Le­del DA, S. 44–47 m.w.N. Über­dies stellt der Rechts­po­si­ti­vis­mus nicht auf den In­halt der Norm und ih­re Ver­ein­bar­keit mit dem Ge­samt(ver­fas­sungs)rechts­zu­sam­men­hang ab, son­dern aus­schließ­lich auf ih­re ver­fas­sungs­ge­mä­ßi­ge Er­zeu­gung; vgl. da­zu Kel­sen Rechts­leh­re, S. 26 f.: „Die­se [Die Nor­men des Rechts, Anm.] gel­ten nicht kraft ih­res In­halts. Je­der be­lie­bi­ge In­halt kann Recht sein, es gibt kein mensch­li­ches Ver­hal­ten, das als sol­ches, kraft seines Ge­halts, aus­ge­schlos­sen wä­re, zum In­halt einer Rechts­norm zu wer­den. [...] Als Rechts­norm gilt eine Norm stets nur dar­um, weil sie auf eine ganz be­stimm­te Wei­se zu­stan­de ge­kom­men ist, nach einer ganz be­stimm­ten Re­gel er­zeugt, nach einer spe­zi­fi­schen Me­tho­de ge­setzt wur­de. Das Recht gilt nur als po­si­ti­ves Recht, das heißt: als ge­setz­tes Recht. In die­ser Not­wen­dig­keit des Ge­setzt–Seins und der dar­in ge­le­ge­nen Un­ab­hän­gig­keit seiner Gel­tung von der Mo­ral und von ihr gleich­ar­ti­gen Nor­men­sys­te­men be­steht die Po­si­ti­vi­tät des Rechts; [...].” Kel­sen ist al­ler­dings nie ge­gen die Grün­dung der Re­pu­blik Deutsch–Öster­reich auf­ge­tre­ten — die ent­spre­chen­de Norm ist nicht po­si­tiv–recht­lich, son­dern re­vo­lu­tio­när zu­stan­de­ge­kom­men —, und auch die Macht des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ist, was ger­ne ver­ges­sen wird, an­fangs for­mal­recht­lich wie de­mo­kra­tisch le­gi­ti­miert ge­we­sen!

[371] Dies insb. durch Kel­sens De­fi­ni­tion von Un­recht (vgl. Kel­sen Rechts­leh­re 1934, S. 26): „Un­recht ist das im Rechts­satz als Be­din­gung be­stimm­te Ver­hal­ten je­nes Men­schen, ge­gen den sich der im Rechts­satz als Fol­ge sta­tier­te Zwangs­akt rich­tet.” Je­der be­lie­bi­ge Text kann so­mit als Rechts­satz in­stal­liert wer­den, so er nur ent­spre­chend den Rechts­sät­zen zur Er­zeu­gung von Rechts­sät­zen — die man na­tür­lich auch än­dern kann — als Rechts­satz er­zeugt wird; ein Kor­rek­tiv wie et­wa Sit­te, Mo­ral, Rechts­emp­fin­den oder ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­rechts­ge­dan­ken wer­den von ihm nicht an­er­kannt. Vgl. da­zu Or­well An­i­mal Farm, S. 17 und S. 92: Eine ur­sprüng­lich „ge­rech­te”, dem Rechts­emp­fin­den der Norm­un­ter­wor­fe­nen ent­spre­chen­de Ver­fas­sung — „All an­i­mals are equal” — wird bin­nen kur­zer Zeit völ­lig „le­gal” und bei­na­he un­be­merkt in ihr Ge­gen­teil ver­kehrt — „All an­i­mals are equal, but some an­i­mals are more equal than others”. Kel­sens Leug­nen des Un­rechts­cha­rak­ters der Er­geb­nis­se einer sol­chen Rechts­er­zeu­gung lei­stet Vor­schub für Dik­ta­tur, In­to­le­ranz und Ter­ror! Vgl. Kel­sen Rechts­leh­re 1934, S. 26–28. Vgl. auch Drim­mel 1918–1927, S. 271 f., zu Kel­sens Hal­tung zum Bol­sche­wis­mus: „Kel­sen ver­tei­dig­te auch nach seinem Weg­gang an eine Uni­ver­si­tät im Deut­schen Reich seine Leh­re und de­ren Nie­der­schlag in der Ver­fas­sung von 1920. Was Kel­sen an­ge­sichts der zur Zeit des Zwei­ten Welt­krie­ges eher ge­rin­ge­ren Be­dro­hung der kom­mu­ni­sti­schen »Welt­re­vo­lu­tion« die­ser bei­maß, muß­te un­ter dem Sy­stem der Su­per­mäch­te von 1945 er­schreckend wir­ken: »So­fer­ne der Bol­sche­wis­mus ein frei ge­wähl­tes Sy­stem ist, bleibt er ganz in der Li­nie des Li­be­ra­lis­mus. Wo die Glie­der des Staa­tes nichts an­de­res ken­nen als ge­schlos­se­ne Un­ter­wür­fig­kei­ten un­ter den Dik­ta­tor, ge­schieht ih­nen in auto­ri­tä­ren Maß­nah­men Recht, selbst dann, wenn die Staats­auto­ri­tät die frei­heit­lich Den­ken­den kalt nie­der­schlägt.« Eine der­ar­ti­ge Ver­an­ke­rung der De­mo­kra­tie, die an sich doch ein welt­an­schau­lich frei­es Sy­stem als Qua­si–Welt­an­schau­ung ex­em­pli­fi­ziert, wur­de in ih­rer Fa­ta­li­tät durch den an­gel­säch­si­schen Rechts­grund­satz er­gänzt, der seine Be­deu­tung im Fal­le der Macht­er­grei­fung Hit­lers im Jahr 1933 fand: »Right is what a ma­jor­i­ty makes it to be.« Aber im Jahr 1920 leb­ten in Öster­reich die Men­schen eher nach dem Grund­satz: »Pri­mum vi­ve­re de­in­de phi­lo­so­pha­ri.«”

[272] Durch die vor­ge­schla­ge­ne Maßnah­me wird die Ver­wal­tung auto­ma­tisch fle­xi­bler, wirt­schaft­li­cher und schnel­ler. — Die an­ge­spro­che­ne Nor­men­flut rührt u.a. auch da­her, daß der Rechts­po­si­ti­vis­mus seinen ei­ge­nen An­sprüchen nicht ge­recht wer­den kann; vgl. Kel­sen Rechts­leh­re 1934, S. 1: „Wenn sie sich als eine »reine« Leh­re vom Recht be­zeich­net, so da­rum, weil sie eine nur auf das Recht ge­rich­te­te Er­kennt­nis si­cher­stel­len und weil sie aus die­ser Er­kennt­nis al­les aus­schnei­den möch­te, was nicht zu dem ex­akt als Recht be­stimm­ten Ge­gen­stan­de ge­hört. Das heißt: Sie will die Rechts­wis­sen­schaft von al­len ihr frem­den Ele­men­ten be­frei­en.” Die­se Ein­stel­lung ver­kennt, daß das Recht in al­le Le­bens­be­rei­che, auch in die In­tim­sphä­re (Re­li­gi­ons­aus­übung, Haus–, Ehe­recht etc.) des ein­zel­nen Norm­un­ter­wor­fe­nen ein­greift und da­her auch die Rechts­wis­sen­schaft frem­de Ele­men­te be­rück­sich­ti­gen muß.
Der ak­tu­ell ver­such­te Lö­sungs­an­satz, näm­lich die Grund–, Frei­heits– und Bür­ger­rech­te stär­ker zu be­rück­sich­ti­gen, in­dem auf Me­cha­nis­men der di­rek­ten De­mo­kra­tie zu­rück­ge­grif­fen wird und dem ein­zel­nen in einer stei­gen­den An­zahl von Ma­te­rien Mit­spra­che­rech­te ein­geräumt wer­den, ist nicht er­folg­ver­sprech­end: Er führt zu einem ra­sant wach­sen­den ad­mi­ni­stra­ti­ven Mehr­auf­wand einer oh­ne­hin schon über­la­ste­ten, ver­knö­cher­ten Bü­ro­kra­tie, was wie­der­um die Rechts­durch­set­zung in­ner­halb einer ver­tret­ba­ren, zu­mut­ba­ren Zeit­span­ne stark be­hin­dert. Die re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie ist die not­wen­di­ge Wei­ter­ent­wick­lung der di­rek­ten De­mo­kra­tie; ih­re Ef­fi­zi­enz und Dau­er­haftig­keit wer­den nicht durch die ver­mehr­te, teil­wei­se sy­stem­wid­ri­ge Wie­der­ein­füh­rung von Ele­men­ten der di­rek­ten De­mo­kra­tie, son­dern durch ih­re Straf­fung und Bin­dung an (na­tür­lich na­tur­recht­lich de­ter­mi­nier­te und am In­di­vi­du­al– und da­mit am Ge­mein­wohl ori­en­tier­te) Wer­te ge­stei­gert; vgl. Obern­dor­fer in Mock, S. 54 f.: „We­sent­li­ches Merk­mal der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie ist die Aus­übung po­li­ti­scher Macht durch vom Volk ge­wähl­te Re­prä­sen­tan­ten. Re­prä­sen­ta­tion be­deu­tet Wahr­neh­mung der In­ter­es­sen der Ge­samt­heit durch da­zu frei ge­wähl­te Per­so­nen. Je­der ein­zel­ne Ab­ge­ord­ne­te gilt als vom gan­zen Volk be­auf­tragt. Ihm steht ein frei­es Man­dat zu. [...] Für die re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie un­se­rer Vor­stel­lung bleibt als Kenn­zeich­nung die an­gel­säch­si­sche Kon­zep­tion des »re­spon­si­ble gov­ern­ment«, al­so eine Staats­form, die eine ef­fek­ti­ve Re­gie­rungs­macht ge­währ­lei­stet, aber auch die Ver­ant­wor­tung der Re­gie­ren­den si­cher­stellt. Die re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie zielt so­mit im Ge­gen­satz zu iden­ti­tä­ren De­mo­kra­tie­vor­stel­lun­gen nicht auf die Be­tei­li­gung mög­lichst vie­ler an al­lem, son­dern auf das Zu­stan­de­kom­men ver­ant­wort­li­cher, zu­re­chen­ba­rer Ent­schei­dun­gen. Es geht hier um die Er­mög­li­chung und um das Sicht­bar­ma­chen von Ver­ant­wor­tung; Ver­ant­wor­tung, das be­deu­tet aber: das Ein­ste­hen­müs­sen für eine fehl­sa­me Hand­lung. Kon­trol­le, Re­chen­schafts­pflicht und Ver­ant­wor­tung, wir müs­sen uns be­wußt sein, daß der staats­theo­re­ti­sche Ge­halt die­ser Be­grif­fe über die blo­ße Recht­mä­ßig­keit des Han­delns von Amts­trä­gern weit hin­aus­greift. Nicht die recht­li­che Ver­ant­wor­tung, die mit zi­vil­recht­li­chen oder straf­recht­li­chen, bei Be­am­ten auch mit dis­zi­pli­nä­ren Fol­gen be­wehrt ist, wird hier an­ge­spro­chen, son­dern die po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung, die weit dar­über hin­aus­langt.” Viel­mehr wer­den erst der stu­fen­wei­se, ge­ord­ne­te Rück­zug des Staa­tes aus Be­rei­chen, die zwar ideo­lo­gisch und par­tei­po­li­tisch, aber nicht staats– und de­mo­kra­tie­po­li­tisch be­deu­tend sind (par­tei­po­li­tisch mo­ti­vier­te Wirt­schafts­len­kung etc.), so­wie eine ra­di­ka­le Ver­ein­fa­chung und Ef­fi­zienz­stei­ge­rung der Ver­wal­tungs­tä­tig­keit eine be­wuß­te Kon­zen­tra­tion auf die eigent­li­chen Staats­auf­ga­ben — ins­be­son­de­re auf den Dienst am Bür­ger und da­mit am Ge­mein­wohl — er­mög­li­chen.
Eine Bü­ro­kra­tie, die an Stel­le von Bür­ger­in­te­res­sen Par­tei­en– bzw. Re­gie­rungs­in­te­res­sen ver­tritt, wird sich Öster­reich in Hink­unft schon aus bud­ge­tä­ren Grün­den nicht mehr lei­sten kön­nen. Wie sehr sich die Re­gie­rungs­par­tei­en ge­gen den de­mo­kra­tie­po­li­tisch not­wen­di­gen Ein­flußver­lust weh­ren, wird deut­lich an der z.Z. be­trie­be­nen Bud­get– und Per­so­nal­po­li­tik, die im eigent­lich staat­li­chen Be­reich (vom Ar­chiv­we­sen bis zur Lan­des­ver­tei­di­gung) ein­spart, im ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Be­reich hin­ge­gen (vgl. die Pu­bli­ka­tio­nen des BMFK) Mit­tel ver­schleu­dert.
Die Schwä­chung des De­mo­kra­tie– und Grund­wert­be­wußt­seins in der Be­völ­ke­rung, her­vor­ge­ru­fen durch fahr­läs­si­ge und/oder be­wuß­te Un­ter­las­sung von not­wen­di­gen Re­for­men so­wie durch par­tei­po­li­tisch–ideo­lo­gisch mo­ti­vier­te Um­ge­hung rechts­staat­li­cher Ein­rich­tun­gen und Kon­trol­len — vgl. da­zu Mol­den Öster­rei­cher, S. 337–339 —, führt letzt­lich zum En­de der De­mo­kra­tie, zum Zer­fall des Staa­tes, zur An­ar­chie; vgl. Wei­gel Ru­hig, S. 131: „Der Drit­te Welt­krieg hat schon be­gon­nen. [...] Er voll­en­det die Re­nais­san­ce des Mit­tel­al­ters. Er führt zu­rück in die Völ­ker­wan­de­rung. Er bringt das Ma­xi­mum an Rechts­lo­sig­keit im hoch­ent­wickel­ten Rechts­staat. [...] Sein Symp­tom ist die Le­bens­über­drüs­sig­keit der De­mo­kra­tie. Sein Symp­tom ist: daß Un­an­stän­dig­keit, An­nah­me von Pro­vi­sio­nen und Schmier­gel­dern, daß Un­re­gel­mä­­ßig­kei­ten, Pro­tek­tion, Un­sach­lich­keit, Kor­rup­tion nicht mehr Aus­nah­me sind, son­dern Re­gel. Seine cha­rak­te­ri­sti­sche Ge­ste ist das Ach­sel­zucken. Der Drit­te Welt­krieg: Ver­lust der Phan­ta­sie, Ver­lust der Öf­fent­lich­keit in­fol­ge all­zu stark wu­chern­der In­for­ma­tion. [...] Der Drit­te Welt­krieg: Ab­dan­kung der Kri­tik vor der Wer­bung.”

[373] Die Zer­schla­gung der De­mo­kra­tie ist erst durch die Zer­schla­gung der mit ihr ver­bun­de­nen Grund­wer­te mög­lich.

[374] In Form einer „wehr­haf­ten De­mo­kra­tie”; die­se setzt vor­aus, daß ih­re Be­für­wor­ter zwi­schen „de­mo­kra­tisch” und „nicht de­mo­kra­tisch”, zwi­schen „wert­ori­en­tiert” und „nicht wert­ori­en­tiert” selbst, d.h. insb. frei von po­li­tisch de­ter­mi­nier­ten Ma­ni­pu­la­tio­nen, die über Mas­sen­me­di­en ver­brei­tet wer­den, un­ter­schei­den kön­nen und dür­fen.

[375] Auf­grund ih­res ge­mein­sa­men, na­tür­li­chen Rechts­emp­fin­dens sol­len sie den Wer­ten ge­gen­über nicht gleich­gül­tig ge­gen­über­ste­hen (et­wa, in­dem sie Selbst­ju­stiz üben oder ver­mehrt „Ka­val­liers­de­lik­te” be­ge­hen), son­dern sie ak­tiv le­ben.

[376] Die Vor­aus­set­zun­gen da­für sind per­sön­li­che In­te­gri­tät und Ver­ant­wor­tungs­be­wußt­sein. Auch an die­ser Stel­le sei auf die Ver­ant­wor­tung staat­li­cher wie pri­va­ter Mas­sen­me­di­en hin­ge­wie­sen! Vgl. da­zu et­wa Schul­mei­ster An­schluß, S. 87: „Die Mas­sen­me­di­en sind die Kla­via­tur der Mas­sen­ge­sell­schaft. Man kann aber auch um­ge­kehrt sa­gen: Die Mas­sen­ge­sell­schaft spie­gelt sich in ih­ren Me­di­en wi­der.” Vgl. Csok­lich in Pü­rer, S. 3: „Wie im­mer sich ein Jour­na­list selbst ver­steht, er soll­te sich stets seiner Ver­ant­wor­tung be­wußt sein, wenn er aus der Fül­le der täg­lich ein­lan­gen­den Nach­rich­ten oder der selbst ein­ge­hol­ten In­for­ma­tio­nen Er­eig­nis­se aus­wählt, über die er dann in der Zei­tung be­rich­tet und die er durch die Ver­öf­fent­li­chung zu The­men der Öf­fent­lich­keit macht. Jour­na­list zu sein heißt so­mit in je­dem Fal­le Ver­mitt­ler von In­for­ma­tion, Ver­mitt­ler von öf­fent­li­chem Ge­spräch zu sein. Nicht Mensch­heits­be­glücker, nicht Ober­leh­rer, nicht Prä­zep­tor der Na­tion. Von Karl Kraus stammt der Satz: »Der Fri­seur er­zählt Neu­ig­kei­ten, wenn er bloß fri­sie­ren soll. Der Jour­na­list ist geist­reich, wenn er bloß be­rich­ten soll. Das sind zwei, die hö­her hin­aus­wol­len.« Jour­na­li­sten ist da­her zu ra­ten, auf dem Tep­pich zu blei­ben und nicht die Bo­den­haf­tung zu ver­lie­ren. Das be­deu­tet, Jour­na­li­sten sind nicht pri­mär da­zu da, »Mei­nung zu ma­chen«. Sie soll­ten viel­mehr mög­lichst tat­sa­chen­ge­treu über Fak­ten und Ent­wick­lun­gen be­rich­ten, und wenn sie ih­re Mei­nung vor­brin­gen, dann soll­ten sie die­se nie­man­dem auf­drän­gen.” Zur Wahr­heits­pflicht War­necke in Pü­rer, S. 57: „»Nach­rich­ten sind neue so­wie wahr­heits­ge­mäß, und sorg­fäl­tig wie­der­ge­ge­be­ne In­for­ma­tio­nen, die (a) ak­tu­el­le Ereig­nis­se al­ler Art über­all in der Welt zum Ge­gen­stand ha­ben und ... (b) in eine Nach­rich­ten­sen­dung auf­ge­nom­men wer­den, weil sie in­ter­es­sant, von all­ge­meiner Be­deu­tung, oder aber in den Au­gen der ... Jour­na­li­sten für die Zu­hö­rer von per­sön­li­chem Be­lang sind. [...] Nach­rich­ten­wert ist kein un­ver­än­der­ba­rer Be­griff, und die Grund­sät­ze der Be­wer­tung von Nach­rich­ten durch Re­dak­teu­re sind nicht fest­ge­legt. Es han­delt sich viel­mehr um sich ver­än­dern­de Grund­wer­te im Rah­men einer Nach­rich­ten­tra­di­tion, Wer­te, ge­gen­über de­nen dog­ma­ti­sche Er­klä­run­gen und Fest­le­gun­gen un­an­ge­mes­sen, ja ge­ra­de­zu tö­richt sind. Und Nach­rich­ten­re­dak­teu­re sind eben­so­we­nig be­rech­tigt, dog­ma­ti­sche Fest­le­gun­gen in die­sem Be­reich zu tref­fen wie je­der an­de­re.«” so­wie Wei­gel Ru­hig, S. 44: „Vik­tor Frankl hat ein­mal ge­sagt: »Zwei mal zwei ist vier, auch wenn es ein Pa­ra­noi­ker sagt.« Man darf die Wahr­heit nicht un­ter­drücken oder ver­schwei­gen, weil sie je­man­den er­freut, den man nicht er­freu­en möch­te, [...]” Vgl. auch Haas in Pü­rer, S. 452: „Wie im­mer sich je­doch Jour­na­li­sten (selbst–)ver­ste­hen: Sie soll­ten sich be­wußt sein, daß sie das al­len Men­schen zu­ste­hen­de Grund­recht auf In­for­ma­tions– und Mei­nungs­frei­heit stell­ver­tre­tend für den ein­zel­nen Bür­ger wahr­neh­men und das Recht der Me­di­en­frei­heit gleich­sam treu­hän­de­risch ver­wal­ten. Die­se Frei­heit ist ein zu kost­ba­res Gut, als daß es leicht­fer­tig ver­un­treut wer­det darf.”

[377] Das gilt auch für den Fall, daß dies gar nicht die Ab­sicht des Ter­ro­ri­sten sein soll­te: Um sich grei­fen­des Ban­den­we­sen oder ver­mehrt auf­tre­ten­des Ban­di­ten­tum mit groß an­ge­leg­ten Gei­sel­nah­men und Raub­über­fäl­len mögen sen­sa­tions­lüst­er­nen Jour­na­li­sten will­kom­men sein, un­ter­mi­nie­ren aber auch das Rechts– und Wer­te­sy­stem einer Ge­sell­schaft auf Dau­er.

[378] Die­ser hat na­tür­lich den Men­schen­rechts­ga­ran­tien der EMRK, insb. des Art. 6 EMRK, zu ent­spre­chen!

[379] Vgl. Je­rá:­bek Po­tio­rek, S. 219: „Das Höchst­maß an Loya­li­tät, das Po­tio­rek ge­gen­über der Sa­che der Dy­na­stie und der Ar­mee aus­zeich­ne­te, fehl­te dem weh­lei­di­gen Con­rad nach seinem Sturz und dem Zu­sam­men­bruch der Mon­ar­chie je­den­falls. Bei­de wa­ren aus­ge­spro­che­ne po­li­ti­sche Ge­ne­rä­le, die ihr Ge­wicht in die Waag­scha­le zu wer­fen be­reit wa­ren, um all je­nen Kräf­ten und Strö­mun­gen ent­ge­gen­zu­tre­ten, von wel­chen eine Schwä­chung des mon­ar­chi­schen Sy­stems und eine Be­dro­hung der In­te­gri­tät des Viel­völ­ker­staa­tes zu be­fürch­ten war. An­ti­de­mo­kra­ti­sche Zü­ge und zu Prä­ven­tiv­krieg auf­ru­fen­des Drän­gen muß­ten im Rah­men ih­rer Gei­stes­welt die Fol­ge sein des ehr­li­chen Be­mü­hens, na­tio­na­li­sti­schen, auf die Zer­rei­ßung der Do­nau­mon­ar­chie hin­ar­bei­ten­den Ten­den­zen ent­ge­gen­zu­wir­ken, eben­so wie sie eine Fol­ge des letzt­lich ego­i­sti­schen Stre­bens wa­ren, das Spiel­feld der eige­nen Macht, der Ar­mee, und den in­nen­po­li­ti­schen Stel­len­wert des Of­fi­ziers­stan­des zu wah­ren und zu stär­ken.”

[380] Vgl. Kueh­nelt–Led­dihn Wei­chen, S. 13. Ge­prüft wer­den sol­len in­di­vi­du­ell, nach ent­spre­chen­der Aus­bil­dung, Ver­ständ­nis und Wis­sen um die De­mo­kra­tie so­wie die Be­reit­schaft und Fä­hig­keit, dar­an ak­tiv teil­zu­neh­men, als (et­wa drei­stu­fi­ges) Ge­wich­tungs­kri­te­ri­um der Stim­me des Wahl­be­rech­tig­ten (ak­ti­ves Wahl­recht) so­wie fa­kul­ta­tiv die Fä­hig­keit, ein Amt in einer De­mo­kra­tie über­neh­men zu kön­nen (pas­si­ves Wahl­recht); der Zu­gang zum Er­werb der Qua­li­fi­ka­tion je­der Stu­fe hat für je­der­mann je­der­zeit frei zu sein, für die obe­ren bei­den Stu­fen ist der Qua­li­fi­ka­tions­nach­weis pe­rio­disch zu er­brin­gen. Die­se Prü­fun­gen kön­nen oh­ne wei­te­res un­ab­hän­gig von der je­wei­li­gen po­li­ti­schen Ein­stel­lung von Prü­fern und Ge­prüf­ten er­fol­gen; sie stel­len si­cher, 1) daß sich im­mer größe­re Tei­le der Be­völ­ke­rung ak­tiv mit der De­mo­kra­tie aus­ein­an­der­set­zen, 2) die­je­ni­gen, die am mei­sten über die De­mo­kra­tie wis­sen und sie da­her auch am ef­fi­zi­en­te­sten schüt­zen kön­nen, auch die Mo­ti­va­tion da­zu da­durch er­hal­ten, daß ih­nen ein ad­äqua­tes Mehr an Ver­ant­wor­tung für die­se De­mo­kra­tie über­tra­gen wird, und 3) durch den An­reiz, sich mit der De­mo­kra­tie aus­ein­an­der­zu­set­zen, in im­mer größe­ren Tei­len der Be­völ­ke­rung ein De­mo­kra­tie–Be­wußt­sein er­zeugt wird, das sie für ex­tre­mi­sti­sche Ten­den­zen weit we­ni­ger an­fäl­lig macht, als dies der­zeit der Fall ist. Zur Le­gi­ti­mi­tät sol­cher Prü­fun­gen sei er­wähnt, daß in fast je­dem Be­ruf — mit Aus­nah­me des Hilfs­ar­bei­ters — Qua­li­fi­ka­tio­nen ver­langt, als selbst­ver­ständ­lich vor­aus­ge­setzt wer­den; wer da­her eine ge­fe­stig­te De­mo­kra­tie will, kann nicht gut­heißen, daß sie von einer Mas­se „de­mo­kra­ti­scher Hilfs­ar­bei­ter” ge­tra­gen wird. So wird das ega­li­tär–so­zia­li­sti­sche „one-man–one-vote”–Sy­stem zu einem für al­le glei­cher­ma­ßen eli­tär–dif­fe­ren­zie­ren­den Sy­stem, das einer­seits fern­ab von Stan­des–, Re­li­gi­ons–, Klas­sen– oder son­sti­gen In­ter­es­sen je­den ent­spre­chend sei­ner Fä­hig­keit und Be­reit­schaft, de­mo­kra­ti­sche Pflich­ten zu über­neh­men, auch an den Rech­ten be­tei­ligt, an­de­rer­seits aber nie­man­den — un­ab­hän­gig von die­sen Kri­te­ri­en — von der de­mo­kra­ti­schen Wil­lens­bil­dung aus­schließt

[381] Vgl. Kueh­nelt–Leddihn Wei­chen, S. 13: „Staats­män­ner ler­nen manch­mal aus der Ge­schich­te, Po­li­ti­ker nur sehr sel­ten, denn sie sind von der Gunst der Mas­sen ab­hän­gi­ge Ein­tags­flie­gen. Sie den­ken pri­mär an die Wie­der­wahl in 2, 3 oder 4 Jah­ren, die Staats­män­ner der Ver­gan­gen­heit hin­ge­gen an das Schick­sal ih­rer En­kel­kin­der.” Das sa­gen ja schon ih­re Be­zeich­nun­gen: der Po­li­ti­ker ist für die po­lis, die klei­ne und be­schränk­te Ge­mein­schaft da, der Staats­mann be­zieht sein Auf­ga­ben­ge­biet auf den ge­sam­ten Be­reich der res pu­bli­ca. Sein An­satz wird da­her we­sent­lich weit­sich­ti­ger, ver­ant­wor­tungs­vol­ler und kon­ser­va­ti­ver sein als je­ner des Po­li­ti­kers. Die ul­ti­ma ra­tio für die Aus­übung staats­män­ni­scher Tä­tig­keit ist der Mon­arch, der Er­be staats­män­ni­scher Ver­pflich­tung! Vgl. da­zu Le­del in CA­RO♦AS 1/1999 so­wie Kueh­nelt–Leddihn Wei­chen, S. 14: „Ewig wahr bleibt da die For­mu­lie­rung von Pe­ter Wolf: »Das er­ste Recht eines Vol­kes ist, gut re­giert zu wer­den!« (Und gut re­giert zu wer­den heißt auch mi­ni­mal und frei­heit­lich re­giert zu wer­den.) Ein gu­ter Rei­ter schin­det nicht sein Pferd und ein gu­ter Fah­rer nicht sei­nen Wa­gen.” Wer aber dau­ernd „wahl­kämp­fen” und zah­len­mä­ßig, nicht qua­li­ta­tiv ge­win­nen will oder muß, der ist ge­zwun­gen, es mög­lichst vie­len „recht zu ma­chen”, sich oft wi­der bes­se­res Wis­sen Ein­zel­in­ter­es­sen zu beu­gen, was letzt­lich eine Art gei­sti­ger Pro­sti­tu­tion ist. Vgl. da­zu das Zi­tat von Franz Jo­sef Strauß in Wald–Wa­gen­burg/Klein Bild­band Strauß, S. 10 r.Sp.: „Wer every­body's Dar­ling sein möch­te, ist zu­letzt every­body's Depp.” Ein un­ta­de­li­ger Le­bens­wan­del ist eben­falls Kenn­zei­chen eines Staats­man­nes; vgl. da­zu AT Exo­dus 23,8: „Du sollst nicht Ge­schen­ke neh­men; denn Ge­schen­ke ma­chen die Seh­en­den blind und ver­keh­ren die Sa­chen der Ge­rech­ten.” so­wie zu den heu­te üb­li­chen „Wahl­zuckerln” Kueh­nelt–Leddihn Wei­chen, S. 89: „Mit einer Mas­sen­kor­rup­tion ha­ben die Rechts­par­tei­en si­cher­lich zu kämp­fen, denn auf der Lin­ken [...] ste­hen die St. Ni­ko­laus­par­tei­en und die brin­gen im mo­der­nen Ver­sor­gungs­staat den Wäh­lern die Ge­schen­ke mit dem Früh­stück ans Bett.” Vgl. auch AT Sprü­che 17,7: „Es steht einem Nar­ren nicht wohl an, von ho­hen Din­gen zu re­den, viel we­ni­ger einem Für­sten, daß er gern lügt.” so­wie Kueh­nelt–Leddihn Wei­chen, S. 60 f.: „Es gibt kaum ein La­ster, das mit dem mo­der­nen Par­la­men­ta­ris­mus nicht ver­bun­den wä­re: Eitel­keit, Eifer­sucht, Treue­lo­sig­keit, üble Nach­re­de, Lüge, Ehr­ab­schnei­dung, Scha­den­freu­de, Ver­heim­li­chung, Wort­bruch, Be­ste­chung, Hoch­mut, Heu­che­lei, Hin­ter­häl­tig­keit, Mo­tiv­ver­däch­ti­gung. Da­her auch der völ­li­ge Man­gel an Re­spekt, dem man dem »Ho­hen Haus« al­lent­hal­ben ent­ge­gen­bringt.”.

[382] „Kon­ti­nui­tät” be­deu­tet kei­nes­falls „Still­stand”, vgl. et­wa Sep­pe­ler Grup­pe Zu­kunft, S. U4: „Schon in der Ge­gen­wart zeich­net sich ab, daß im­mer mehr Ver­än­de­run­gen la­wi­nen­ar­tig auf un­se­re Zu­kunft stür­zen. Klein­stes kann Größ­tes be­wir­ken und um­ge­kehrt. Es wird zu­neh­mend schwie­ri­ger, die wirk­li­chen Ur­sach­en und Be­deu­tun­gen, die end­gül­ti­gen Aus­wir­kun­gen der Din­ge und des Han­delns zu be­wer­ten. Wei­ter­hin »Kon­ti­nui­tät im Wan­del« zu zei­gen, be­deu­tet da­her für die Sep­pe­ler Grup­pe: Noch kon­se­quen­te­re Ak­tion und Re­ak­tion in noch kür­ze­ren Ab­stän­den. [...]”

[383] Vgl. da­zu MdI Nie­der­sach­sen Ver­fas­sungs­treue, S. 4: „Ein wei­te­rer Aus­druck der »wehr­haf­ten« oder »streit­ba­ren« De­mo­kra­tie ist das ver­fas­sungs­recht­li­che Ge­bot der po­li­ti­schen Treue­pflicht des Be­am­ten. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat hier­zu aus­ge­führt: »Der mo­der­ne >Ver­wal­tungs­staat< mit sei­nen eben­so viel­fäl­ti­gen wie kom­pli­zier­ten Auf­ga­ben, von de­ren sach­ge­rech­ter, ef­fi­zi­en­ter, pünkt­li­cher Er­fül­lung das Funk­tio­nie­ren des ge­sell­schaft­lich–po­li­ti­schen Sy­stems und die Mög­lich­keit eines men­schen­wür­di­gen Le­bens der Grup­pen, Min­der­hei­ten und je­des ein­zel­nen Tag für Tag ab­hängt, ist auf einen in­tak­ten, loya­len, pflicht­treu­en, dem Staat und seiner ver­fas­sungs­mäßi­gen Ord­nung in­ner­lich ver­bun­de­nen Be­am­ten­kör­per an­ge­wie­sen.«” Die De­ge­ne­ra­tion eines Amts­eides zur „For­mal­an­ge­le­gen­heit”, das Ver­sa­gen einer Be­am­ten­schaft be­wirkt letzt­lich eine ver­mehr­te Ein­fluß­mög­lich­keit ra­di­ka­ler Kräf­te al­ler Art mit satt­sam be­kann­ten Fol­gen; vgl. eben­da, S. 8: „Der »le­ga­le« Um­sturz der Wei­ma­rer Re­pu­blik wird mit dar­auf zu­rück­ge­führt, daß die Be­am­ten­schaft mit vie­len Be­dien­ste­ten durch­setzt war, die der Re­pu­blik gleich­gül­tig und oft so­gar ab­leh­nend ge­gen­über­stan­den und nicht be­reit wa­ren, für die Ver­fas­sungs­ord­nung ein­zu­tre­ten.” Ge­eig­ne­te Ge­gen­maßnah­men wie et­wa je­ner Be­schluß des Preu­ßi­schen Staats­mi­ni­ste­ri­ums vom 24.06.1930, der den Be­am­ten jeg­li­ches Na­he­ver­hält­nis so­wohl (!) zur NSDAP als auch zur KPD ein­fach ver­bot — vgl. eben­da: „Nach der Ent­wick­lung, die die Na­tio­nal­so­zia­li­sti­sche Deut­sche Ar­bei­ter­par­tei und die Kom­mu­ni­sti­sche Par­tei Deutsch­lands ge­nom­men ha­ben, sind bei­de Par­tei­en als Or­ga­ni­sa­tio­nen an­zu­se­hen, de­ren Ziel der ge­walt­sa­me Um­sturz der be­ste­hen­den Staats­ord­nung ist. Ein Be­am­ter, der an sol­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen teil­nimmt, sich für sie be­tä­tigt oder sie sonst un­ter­stützt, ver­letzt da­durch die aus sei­nem Be­am­ten­ver­hält­nis sich er­ge­ben­de be­son­de­re Treue­ver­pflich­tung ge­gen­über dem Staa­te und macht sich eines Dienst­ver­ge­hens schul­dig. Al­len Be­am­ten ist dem­nach die Teil­nah­me an die­sen Or­ga­ni­sa­tio­nen, die Be­tä­ti­gung für sie oder ih­re son­sti­ge Un­ter­stüt­zung ver­bo­ten.” —, muß recht­zei­tig, d.h. noch in Zei­ten der Sta­bi­li­tät er­grif­fen wer­den, um in Kri­sen­si­tua­tio­nen wirk­sam wer­den zu kön­nen. Vgl. da­zu die bei­spiel­wei­se Auf­zäh­lung der in der BRD heu­te als ver­fas­sungs­feind­lich ein­ge­stuf­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen („DKP, KBW, KPD, NPD”) in eben­da, S. 13 so­wie zum Be­rufs­ver­bot all­ge­mein Ak­tu­ell, S. 95. Daß die Ver­fas­sungs­ord­nung Vor­rang hat vor dem Grund­recht auf Mei­nungs­frei­heit von Ex­tre­mi­sten, ist in einer Qua­li­fi­zier­ten De­mo­kra­tie selbst­ver­ständ­lich! Vgl. da­zu auch Art. 10 EMRK mit den Ein­schrän­kungs­mög­lich­kei­ten des Abs. 2.
Auch wenn die Maßnah­men, die im Öster­rei­chi­schen Stän­de­staat ge­gen die Na­tio­nal­so­zia­li­sten er­grif­fen wor­den wa­ren, letzt­lich zu spät ka­men, wa­ren sie doch spür­bar; vgl. Hoff­mann Ost­mark, S. 51 l.Sp.: „Nun ging es los: Haus­durch­su­chun­gen der Par­tei­häu­ser in Wien und Inns­bruck, das Ver­bot des »Völ­ki­schen Be­ob­ach­ters«, al­len Hee­res­an­ge­höri­gen und Bun­des­be­am­ten wur­de die Mit­glied­schaft bei der NSDAP. ver­bo­ten, Ver­haf­tun­gen na­tio­nal­so­zia­li­sti­scher Par­tei­füh­rer in Salz­burg und Ober­öster­reich. Aber da Ge­walt noch im­mer wie­der Ge­walt er­zeugt hat, krach­ten in Wien bald die Pa­pier­böl­ler vor jüdi­schen Ge­schäf­ten. Und als in­fol­ge eines per­sön­li­chen Ra­che­ak­tes ein Bom­ben­at­ten­tat auf einen Trupp Hilfs­po­li­zei bei Krems ver­übt wur­de, schob man die­ses At­ten­tat so­fort oh­ne ge­naue­re Be­wei­se der NSDAP. in die Schu­he und sprach am 19. Ju­ni 1933 ein Be­täti­gungs­ver­bot für die Par­tei aus. Kur­ze Zeit dar­auf wur­den al­le na­tio­nal­so­zia­li­sti­schen Man­da­te in den Land­ta­gen und Ge­mein­de­ver­tre­tun­gen für er­lo­schen er­klärt; die NSDAP. war da­mit von je­der Mit­ar­beit in der Ver­wal­tung aus­ge­schlos­sen und da­durch zur Il­le­ga­li­tät ge­zwun­gen. Schein­bar hat­te Doll­fuß sein Ziel vor­läu­fig er­reicht, die Ge­fahr der Neu­wah­len war ab­ge­wen­det und er konn­te, im Be­sit­ze al­ler Macht­mit­tel des Staa­tes, wei­ter nach sei­nem Kon­zept oh­ne je­de Kon­trol­le re­gie­ren. Aber es war nur ein äußer­li­cher Er­folg. Denn was war schon die viel­ge­prie­se­ne so­ge­nann­te »Va­ter­län­di­sche Front«, die von ihm ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus am 20. Mai die­ses Jah­res ge­grün­det wor­den war, ge­gen Idee und Ge­walt der na­tio­nal­so­zia­li­sti­schen Be­we­gung!” Daß die Na­tio­nal­so­zia­li­sten aus der Ver­wal­tung eli­mi­niert wor­den wa­ren, er­wies sich für sie we­sent­lich schmerz­li­cher als die Il­le­ga­li­tät.

[384] Im­mer wie­der be­mühten sich auch in Öster­reich po­li­ti­sche Par­tei­en um die Be­am­ten­schaft; vgl. da­zu et­wa Krems­ma­yer in ÖZP 4/1989, S. 364: „Kon­kret war es die Vor­herr­schaft des Car­tell­ver­ban­des (CV), die Do­mi­nanz der ÖVP im Staats­ap­pa­rat, die Ren­ner und vor al­lem auch Adolf Schärf ein Dorn im Auge war. Schärf, von Zeit­ge­nos­sen oft als der klas­si­sche alt­öster­rei­chi­sche Be­am­te be­schrie­ben, fürch­te­te ein man­geln­des Be­am­ten­be­wußt­sein bei den zu­meist sehr jun­gen CVern. Tat­säch­lich wa­ren die von den Na­tio­nal­so­zia­li­sten ent­las­se­nen christ­lich–so­zia­len Be­am­ten im Wie­der­gut­ma­chungs­ver­fah­ren, oft bei Über­sprin­gung ih­rer Vor­der­män­ner, in ho­he Ver­wal­tungs­rän­ge ge­langt. Viel­fach wa­ren das Per­so­nen, die erst in der Doll­fuß-Schu­sch­nigg–Ära in den Öf­fent­li­chen Dienst ge­kom­men wa­ren.” so­wie eben­da, S. 363 f. m.w.N.: „Os­kar Pol­lak, Chef­re­dak­teur der Ar­bei­ter­zei­tung, geht noch wei­ter und schrieb 1946: »Der Staat ist eine Ver­wal­tungs­ge­mein­schaft ... der Wohl­fahrts­staat be­fin­det sich be­reits im Über­gang zu einer neu­en Ent­wick­lung, zum Wirt­schafts­staat [...] das Pro­le­ta­ri­at muß sich eine füh­ren­de Rol­le in die­sem Wirt­schafts­staat si­chern ... da­mit ent­steht ein so­zia­li­sti­scher Staat.« [...] Auch Karl Czer­netz maß der Fra­ge der Ver­wal­tung eine zen­tra­le Rol­le bei: »Mit der Ver­wal­tung steht und fällt un­se­re Par­tei ... denn sie wer­den Dienst nach Vor­schrift ma­chen [an Streik der Be­am­ten hat­ten da­mals nicht ein­mal die So­zia­li­sten ge­dacht; Anm.] ... das Kampf­mit­tel des pas­si­ven Wi­der­stands ist der Weg, je­de Neu­e­rung zu sa­bo­tie­ren.«” Die Ein­fluß­nah­me fand nicht nur durch die Par­tei­en di­rekt, son­dern auch über Un­ter– und na­he­ste­hen­de Or­ga­ni­sa­tio­nen statt; vgl. eben­da, S. 365: „Der BSA ver­such­te, das Haupt­au­gen­merk auf die Bil­dung eines Re­ser­voirs zu le­gen, um, ähn­lich wie der CV, Ein­fluß auf die Per­so­nal­po­li­tik in der Ver­wal­tung ge­win­nen zu kön­nen.” An­zu­mer­ken ist hier ein fei­ner Un­ter­schied: Die Cor­po­ra­tio­nen des ÖCV sind nicht zu die­sem Zweck ge­grün­det wor­den; der Ein­fluß, den die CVer auf Po­li­tik und Ver­wal­tung be­kom­men ha­ben, ist ein Aus­fluß des da­mals noch stren­gen, com­ment­mä­ßi­gen Ver­bin­dungs­le­bens und der da­mit ver­bun­de­nen Aus­bil­dung (vgl. da­zu oben, B.1.4). Mitt­ler­wei­le je­doch ha­ben die heu­te von außen — tak­tisch sehr ge­schickt — in den ÖCV hin­ein­ge­tra­ge­nen Dis­kus­sio­nen um die „Frau­en­fra­ge” so­wie die fest­zu­stel­len­den Com­ment–Auf­wei­chungs­ten­den­zen, insb. seit dem En­de der sechs­zi­ger Jah­re, letzt­lich auch zu einer Schwä­chung des ÖCV und seiner Cor­po­ra­tio­nen, da­mit zu ver­rin­ger­tem Ein­fluß auf die Ver­wal­tung, in der vie­le seiner Mit­glie­der als Be­am­te tä­tig sind, und schließ­lich zum Ein­fluß­ver­lust in Hin­blick auf die ge­samt­öster­rei­chi­sche Ge­sell­schaft ge­führt. Vgl. wei­ters Krems­ma­yer in ÖPZ 4/1989, S. 364 m.w.N.: „Doch Czer­netz fürch­tet auch man­geln­de fach­li­che und per­sön­li­che Qua­li­fi­ka­tion der So­zia­li­sten für Ver­wal­tungs­kar­rie­ren, denn »den so­zia­li­sti­schen Be­am­ten wer­den si­cher­lich Kennt­nis­se und Er­fah­rung­en feh­len ... und je ge­rin­ger die Qua­li­fi­ka­tion, de­sto grö­ßer die Ge­fahr der Über­heb­lich­keit ... und der bü­ro­kra­ti­schen Ent­ar­tung.«” Ra­tio­na­lis­mus und Rechts­po­si­ti­vis­mus, von Ren­ner auch nach dem Zwei­ten Welt­krieg pro­pa­giert — vgl. eben­da, S. 363 m.w.N.: „»Die ra­tio­nal­ste Form der Ver­wal­tung ist für Ren­ner die bü­ro­kra­ti­sche Bü­ro­kra­tie als ide­a­le Pra­xis der De­mo­kra­tie: Kein Prie­ster, kein Fürst, kein In­tel­lek­tu­el­ler — das Recht herrscht.« [...]” —, ha­ben aber mit der dar­aus re­sul­tie­ren­den, be­reits an­ge­spro­che­nen Nor­men­flut da­für ge­sorgt, daß Be­am­te — völ­lig un­ab­hän­gig von ih­rer po­li­ti­schen Mei­nung — in der Exe­ku­tion der zahl­lo­sen Ge­set­ze, Ver­ord­nun­gen und Wei­sun­gen nicht mehr nach­kom­men, so­mit oh­ne Eigen­ver­schul­den zwangs­läu­fig schlecht qua­li­fi­ziert sind und in den Äm­tern heu­te viel­fach die von Czer­netz an­ge­spro­che­ne Über­he­blich­keit und bü­ro­kra­ti­sche Ent­ar­tung herrscht. Vgl. da­zu auch Zwe­renz Lust am So­zia­lis­mus, S. 89: „Die west­deut­sche Ar­bei­ter­klas­se ist als Klas­se chlo­ro­for­miert, Feind­po­ten­tial und Fa­schis­mus–Re­ser­ve. Sie läßt sich nur ver­mit­telt ändern. Über die wis­sen­schaft­li­che, tech­no­kra­ti­sche, wirt­schaft­li­che, pu­bli­zi­sti­sche, künst­le­ri­sche und frei­be­ruf­li­che Eli­te, ein­schließlich Ärz­ten, Leh­rern und Be­am­ten. Das ist un­ser Po­ten­tial.”

[385] Al­lein die ent­spre­chen­de (ge­werk­schaft­li­che) Dro­hung an sich ist schon eine Art Ver­rat am Staat und seiner Ver­fas­sung und da­mit eben­so de­mo­kra­ti­sche Un­mög­lich­keit wie die Dis­kus­sion um den Ab­bau je­ner Be­am­ten­pri­vi­le­gien, die als Aus­gleich für die Be­schrän­kun­gen, die sich aus dem be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis für die Be­am­ten er­ge­ben, ge­dacht wa­ren! Vgl. da­zu auch Le­del DA, S. 38–47 m.w.N.

[386] Vgl. Kel­sen Ver­hand­lun­gen, S. 27: „Das Frei­heits­ide­al der De­mo­kra­tie, Herr­schafts­lo­sig­keit und so­hin Füh­rer­lo­sig­keit ist nicht ein­mal an­nä­he­rungs­wei­se rea­li­sier­bar.” Kel­sen äußert sich nicht dar­über, war­um „Herr­schafts­lo­sig­keit” bzw. „Füh­rer­lo­sig­keit” — zwei von­ein­an­der ver­schie­de­ne Be­grif­fe! — zum Frei­heits­ide­al der De­mo­kra­tie zäh­len sol­len.

[387] Vgl. Kel­sen De­mo­kra­tie, S. 194: „Eine Mon­ar­chie — oder, um den Ge­dan­ken auf mo­der­ne Ver­hält­nis­se zu über­tra­gen, eine Dik­ta­tur — kann so­gar der be­ste Weg sein, um das Na­tur­recht, das heißt den Kom­mu­nis­mus und da­mit auch die Wohl­fahrt des Vol­kes, zu ver­wirk­li­chen.” Kel­sen setzt gleich: Mon­ar­chie und Dik­ta­tur — das eine ist eine Staats–, das an­de­re eine Re­gie­rungs­form —, Kom­mu­nis­mus und Na­tur­recht — die­se bei­den Be­grif­fe schlie­ßen ein­an­der aus, der Kom­mu­nis­mus leug­net die Exi­stenz von (gött­li­chem) Na­tur­recht — so­wie Kom­mu­nis­mus und Volks­wohl­fahrt — der Kom­mu­nis­mus hat im Ide­al­fall das Wohl des Pro­le­ta­ri­ats, nicht aber des ge­sam­ten Vol­kes mit sei­nen bour­geoi­sen bzw. re­ak­tio­nä­ren Tei­len. Die kom­mu­ni­sti­sche Grund­hal­tung des Schöp­fers der Öster­rei­chi­schen Bun­des­ver­fas­sung ist deut­lich er­kenn­bar; vgl. eben­da, S. 194: „Ge­nau das sagt Le­nin auch: Der Mon­arch oder Dik­ta­tor hat als der Be­auf­trag­te des Vol­kes zu gel­ten. [...] Da­her könn­te eine kom­mu­ni­sti­sche Dik­ta­tur als eine Re­gie­rung für das Volk, als Re­gie­rung durch das Volk gel­ten. Es ist durch­aus ver­ständ­lich, daß eine Über­set­zung von Mo­rel­lys »Code de la na­tu­re« ge­ra­de in der So­wjet­union ver­öf­fent­licht wor­den ist.” Kom­mu­ni­sten be­zeich­nen sich ger­ne als „De­mo­kra­ten”, ih­re Vor­stel­lung da­von hat aber mit je­ner der Qua­li­fi­zier­ten De­mo­kra­tie nichts zu tun; vgl. da­zu En­gels Grund­sät­ze, S. 74, so­wie MdI Nie­der­sach­sen Ver­fas­sungs­treue, S. 28: „Es ist ver­ständ­lich, daß Kom­mu­ni­sten ein In­ter­es­se dar­an ha­ben, mit De­mo­kra­ten gleich­ge­setzt zu wer­den. Da­her be­nut­zen sie mit Vor­lie­be die For­mu­lie­rung »Kom­mu­ni­sten und an­de­re De­mo­kra­ten«. [...] Wie »de­mo­kra­tisch« sich Kom­mu­ni­sten in »Volks­de­mo­kra­tien« ver­hal­ten, zeigt sich dar­an, wie dort mit Sy­stem­kri­ti­kern um­ge­gan­gen wird.” Vgl. da­zu auch Mao Quo­ta­tions, S. 162 f., so­wie BMdI Front­or­ga­ni­sa­tio­nen, insb. S. 18: „Der An­ge­spro­che­ne soll über­zeugt wer­den, daß An­ti­kom­mu­nis­mus eine Be­dro­hung des Frie­dens sei”, und S. 19–24: „Die Ide­a­le des »An­ti­fa­schis­mus«”. Vgl. zum Selbst­ver­ständ­nis der Kom­mu­ni­sten auch Marx/En­gels Ma­ni­fest, S. 23: „Ein Ge­spenst geht um in Eu­ro­pa — das Ge­spenst des Kom­mu­nis­mus!”

[388] Vgl. da­zu aus­führ­lich Schul­mei­ster An­schluß, S. 57–83.

[389] Vgl. AT Exo­dus 23,2: „Du sollst nicht fol­gen der Men­ge zum Bö­sen und nicht al­so ant­wor­ten vor Ge­richt, daß du der Men­ge nach vom Rech­ten wei­chest.”

[390] Vgl. Nietz­sche Be­trach­tun­gen, Bd. 7, S. 281: „Wenn hun­dert bei­ein­an­der ste­hen, ver­liert ein je­der sei­nen Ver­stand und be­kommt einen an­de­ren.”

[391] Vgl. Pla­ton Staat, S. 391, 8. Buch, 564A.

[392] Vgl. Kueh­nelt–Leddihn Rechts, S. 83; vgl. auch Mill Uti­li­ta­ris­mus, S. 91 f.: „Heut­zu­ta­ge ver­liert sich der ein­zel­ne in der Men­ge. In der Po­li­tik ist es fast tri­vi­al zu äußern, daß die öf­fent­li­che Mei­nung heu­te die Welt be­herr­sche. [...] Das Pub­li­kum, das die öf­fent­li­che Mei­nung aus­macht, ist nicht über­all von glei­cher Art: [...] Aber im­mer ist es Mas­se, d. h. ge­sam­mel­te Mit­tel­mä­ßig­keit. Was nun aber ganz neu hier auf­tritt, ist dies: die Mas­se holt sich ih­re An­sich­ten nicht mehr von Wür­den­trä­gern der Kir­che oder des Staa­tes, von nach­weis­li­chen Füh­rern oder Bü­chern. Ihr Den­ken wird ih­nen ge­lie­fert von Leu­ten, die ih­nen sehr glei­chen, die das Wort an sie rich­ten oder in ih­rem Na­men, un­ter dem Ein­druck des Augen­blicks, durch die Zei­tun­gen spre­chen. [...] Aber das hin­dert nicht, daß die Re­gie­rung der Mit­tel­mä­ßig­keit eine mit­tel­mä­ßi­ge Re­gie­rung ist. Nie­mals hat sich die Herr­schaft einer De­mo­kra­tie oder einer zah­len­mä­ßig star­ken Ari­sto­kra­tie in ih­ren po­li­ti­schen Ak­tio­nen oder in den Ge­dan­ken, Fä­hig­kei­ten oder Fär­bun­gen des Gei­stes, die sie hegt, je über den Durch­schnitt er­ho­ben, noch könn­te sie es, außer wenn sich der Herr­scher »Vie­le« (wie er es in sei­ner be­sten Zeit im­mer ge­tan hat) durch den Rat und Ein­fluß des bes­ser Be­gab­ten und un­ter­rich­te­ten »Einen« oder »We­ni­ger« lei­ten ließ.”

[393] Eng­li­sches Sprich­wort; vgl. Kueh­nelt–Leddihn Wei­chen, S. 107.

[394] AT Exo­dus 23,9 ; vgl. auch NT Joh. 15,12: „Das ist mein Ge­bot, daß ihr euch un­ter­ein­an­der lie­bet, gleich­wie ich euch lie­be.”

[395] „Angst” ist eine über­stei­ger­te Form der Vor­sicht; sie ist meist das Er­geb­nis ne­ga­ti­ver Er­fah­run­gen, mit de­nen die Vor­sicht an­läß­lich frü­he­rer Kon­fron­ta­tio­nen mit Frem­dem „be­lohnt” wor­den ist. — Nicht im­mer ist die Re­ak­tion Flucht; sie kann auch zu ge­stei­ger­ter Ag­gres­si­vi­tät (er­höh­te Of­fen­si­ve) oder et­wa zum Er­star­ren, zum „Tot­stel­len” (er­höh­te De­fen­si­ve) füh­ren!

[396] Zur Er­klär­ung und Ein­tei­lung von Ge­füh­len vgl. et­wa No­wot­ny Psy­cho­lo­gie, S. 78–97.

[397] „Frem­deln” ist eine Re­ak­tion der Ab­leh­nung: Das Kind wen­det sich ab und ver­wei­gert die Kom­mu­ni­ka­tion; vgl. da­zu auch Bo­der Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie, S. 15 f.

[398] Vgl. da­zu No­wot­ny Psy­cho­lo­gie, S. 97.

[399] Vgl. No­wot­ny Psy­cho­lo­gie, S. 79. Her­vor­he­bung nicht im Ori­gi­nal.

[400] Vgl. eben­da.

[401] So et­wa Haut– und Haar­far­be, Ge­sichts­zü­ge, Wuchs, Klei­dung etc.

[402] Et­wa durch das Su­chen nach Ge­mein­sam­kei­ten.

[403] Et­wa durch das Su­chen nach Un­ter­schei­dungs­kri­te­rien und Ab­gren­zungs­mög­lich­kei­ten.

[404] Die ent­spre­chen­de Pa­ral­le­le aus dem Tier­reich, die Ver­tei­di­gung des eige­nen Re­viers, ist offen­sicht­lich.

[405] In Fra­ge kom­men hier et­wa tech­ni­sche und/oder gei­sti­ge Über­le­gen­heit, even­tu­ell trotz zah­len­mä­ßi­ger Un­ter­le­gen­heit u.v.a.

[406] Et­wa auf­grund einer Über­le­gen­heit auf an­de­ren Ge­bie­ten im Um­gang mit dem Frem­den oder durch eige­ne Er­fah­rung­en als Frem­der und dar­aus re­sul­tie­ren­der Hilfs­be­reit­schaft.

[407] Vgl. da­zu auch No­wot­ny Psy­cho­lo­gie, S. 91 und S. 219–222.

[408] Die­ses Er­le­ben kann auch (et­wa durch die Über­re­dungs­kunst von Freun­den) sug­ge­riert sein — ge­nau so, wie der Haß selbst auch „ein­ge­re­det”, an­er­zo­gen sein kann und nicht auf eige­nem Er­le­ben be­ru­hen muß („über­stei­ger­tes Vor­ur­teil”); da die Emo­tion des Has­ses in­ten­siv und an­dau­ernd ist, blockiert sie die eige­ne Ein­sicht und Selbst­er­kennt­nis re­gel­mä­ßig, so­daß der Im­puls für die Auf­ga­be des Haß­ge­fühls von außen kom­men muß.

[409] Vgl. Ak­tu­ell, S. 521 l.Sp.; vgl. auch (dif­fe­ren­zier­ter) Meyers Ta­schen­le­xi­kon 1990, Bd. 18, S. 81 r.Sp. f.

[410] Vgl. da­zu Kueh­nelt–Leddihn Sa­ra­je­wo, S. 80: „Da gilt das Wort Do­sto­jews­kijs: »Wenn es Gott nicht gibt, dann ist al­les er­laubt!« Hans Kel­sen, der Schöp­fer un­se­rer Ver­fas­sung von 1929, ein über­zeug­ter At­he­ist, hat­te auch das Drit­te Reich einen »Rechts­staat« ge­nannt. Kel­sen war eben ein Ver­tre­ter der »rei­nen Rechts­leh­re«, die mit Got­tes ge­of­fen­bar­tem Wort nichts zu tun ha­ben will.” Vgl. JU Grund­satz­pro­gramm, S. 24, Pkt. 64: „Wir wol­len ein ge­sell­schaft­li­ches Kli­ma, das von To­le­ranz und Hilfs­be­reit­schaft ge­genüber Aus­län­dern ge­prägt ist. Un­ser Ver­häl­tnis zu Aus­län­dern schließt die Ach­tung und den Wil­len zu wech­sel­sei­ti­ger Part­ner­schaft ein. Wir tre­ten da­her al­len aus­länder­feind­li­chen Be­stre­bun­gen ent­ge­gen.” Vgl. auch Schu­sch­nigg Drei­mal Öster­reich, S. 272: „Es ist nicht zu leug­nen, daß die star­ken Lö­sun­gen des Ent­we­der–Oder heu­te mehr im Vor­der­grund des Denk­ens ste­hen und mehr An­schein auf Ver­wirk­li­chung ha­ben als ge­dul­di­ge Plä­ne, die auf ein So­wohl–Als auch sich grün­den. Aber man soll­te nie stark und ge­dul­dig als ge­gen­sätz­lich emp­fin­den; eben­so­we­nig wie Ab­war­ten und Aus­glei­chen mit Nach­ge­ben und Zu­rück­wei­chen gleich­ge­setzt wer­den dürf­te.”

[411] Vgl. Er­ba­cher Qual­tin­ger, S. 87: „Trav­ni­cek und die Wie­ner Mes­se”.

[412] Vgl. Meyers Ta­schen­le­xi­kon 1990, Bd. 16, S. 155 l.Sp.; zur Ent­ste­hung des Na­tio­nen­be­grif­fes in der Zeit des Li­be­ra­lis­mus vgl. Hobs­bawm Na­tio­nen, S. 25–58. Zum Na­tio­nal­staats­ide­al Karl Ren­ners vgl. et­wa Ren­ner Grün­dung Deutsch­öster­reich, S. 6 f.: „Die vor­lie­gen­de Ar­beit war be­en­det und dem Drucke über­ge­ben, als im dra­ma­ti­schen Ab­lauf eini­ger Wo­chen durch die bei­spiel­lo­se Be­harr­lich­keit und Tat­kraft der deut­schen Reichs­füh­rung, ver­eint mit der weit­blicken­den Staats­klug­heit der Re­gie­rung Groß­bri­tan­niens, un­ter op­fer­be­rei­ter Selbst­über­win­dung Frank­reichs und he­roi­scher Ver­zichts­lei­stung der Tsche­cho­slo­wa­kei, mit dem ver­mit­teln­den Bei­stand Ita­liens, oh­ne Krieg und Kriegs­op­fer, so­zu­sa­gen über Nacht, das su­den­deut­sche Pro­blem vol­le Lö­sung fand. Eine Lö­sung, wel­che, da­von wird sich der Le­ser über­zeu­gen, viel­fach auf den Buch­sta­ben dem von der Re­pu­blik Deutsch­öster­reich bei ih­rer Be­grün­dung 1918 und 1919 ein­ge­nom­me­nen Rechts­stand­punkt ent­spricht. Die Münch­ner Ver­ein­ba­run­gen schlie­ßen ein leid­vol­les Ka­pi­tel der Ge­schich­te, in­dem sie die Do­nau­mon­ar­chie für al­le Zei­ten li­qui­die­ren und das Na­tio­nal­staats­prin­zip für Mit­tel­eu­ro­pa zur Voll­en­dung füh­ren. [...] Glogg­nitz, den 1. No­vem­ber 1938.”

[413] Vgl. Kueh­nelt–Leddihn Wei­chen, S. 173.

[414] Al­ler­dings exi­stiert die­ser Be­griff in zwei Be­deu­tun­gen: Einer­seits wird dar­un­ter der (voll­stän­di­ge) An­schluß Öster­reichs und al­ler an­de­ren „deut­schen” Ge­bie­te an Deutsch­land ge­meint — vgl. da­zu Art. 4 StVvWien —, an­der­seits wird dar­un­ter auch eine Sprach– und/oder Kul­tur­ge­mein­schaft (oh­ne po­li­tisch–staats­recht­li­che Kon­se­quen­zen für Öster­reich) ver­stan­den; vgl. da­zu et­wa Mol­den Öster­rei­cher, S. 294 f.: „Die Öster­rei­cher sind, ob sie es wol­len oder nicht — und sie wol­len's durch­aus —, der deut­schen Kul­tur ver­haf­tet und zu­tie­fst in ihr ver­an­kert. Eben­so wie auch die Schwei­zer, denn Dür­ren­matt oder Frisch wür­den sich auch deut­lich da­ge­gen ver­wah­ren, woll­te man sie ent­we­der aus dem Be­reich der deut­schen Spra­che aus­schlie­ßen oder aber sie ih­rer Schwei­zer Na­tio­na­li­tät ent­klei­den. Es kommt ja auch nie­mand auf die Idee, zu er­klä­ren, daß die Ame­ri­ka­ner eigent­lich Eng­län­der ame­ri­ka­ni­scher Staats­bür­ger­schaft oder die Ar­gen­ti­ni­er im Grun­de ge­nom­men Spa­nier sei­en; die­se Bei­spie­le lie­ßen sich be­lie­big fort­set­zen und sie füh­ren im­mer zum glei­chen, gro­tes­ken Re­sul­tat: sie füh­ren sich ad ab­surd­um.” so­wie Kueh­nelt–Leddihn Sa­ra­je­wo, S. 117 f.: „Sind die Öster­rei­cher Deut­sche? Si­cher­lich, nur sind sie ein ganz be­son­de­rer und nicht ir­gend ein deut­scher Stamm mit einer zum Teil eige­nen Ge­schich­te und der ganz spe­zi­el­len Auf­ga­be, Brücke zwi­schen Nord und Süd, Ost und West zu sein.” „Deutsch­na­tio­nal” ist über­dies von „deutsch–völ­kisch” zu un­ter­schei­den; die­ser Be­griff ver­bin­det den An­schluß­ge­dan­ken mit eth­ni­schen, z.Z. des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus auch „ras­se­hy­gie­ni­schen” Ge­sichts­punk­ten. Vgl. da­zu Hit­ler Mein Kampf, S. 421: „Mensch­li­che Kul­tur und Zi­vi­li­sa­tion sind auf die­sem Erd­ball un­zer­trenn­lich ge­bun­den an das Vor­han­den­sein des Ari­ers. Sein Aus­ster­ben oder Un­ter­ge­hen wird auf die­sem Erd­ball wie­der die dunk­len Schlei­er einer kul­tur­lo­sen Zeit sen­ken.”

[415] Vgl. da­zu Zopp in ÖWIP 2/1992, S. 13: „Wie recht hat­te doch der ge­wiß nicht >deutsch­feind­li­che< An­ton Wild­gans mit sei­nem be­rühmt ge­wor­de­nen Aus­spruch: »Nur als Schwert­hel­fer des Ger­ma­nen­tums wur­de Alt­öster­reich ein Un­ter­gang von sel­te­ner Tra­gik be­rei­tet!« Da­her, so Göb­hart: »We­nig­stens 1918 wä­re dem­nach der Aus­tritt Öster­reichs aus der deut­schen Ge­schich­te fäl­lig ge­we­sen. Das Ge­gen­teil trat ein«, denn »al­le Par­tei­en hat­ten den An­schluß­pa­ra­gra­phen im Pro­gramm. Karl Ren­ner und Ot­to Bau­er an der Spit­ze der ge­sam­ten Lin­ken tra­ten lei­den­schaft­lich für den An­schluß ein, Sei­pel nur et­was de­zen­ter (>Kei­ne Po­li­tik oh­ne Deutsch­land<). Selbst die für den Kampf ge­gen Hit­ler maßgeb­li­chen Män­ner, ein Oberst Adam von der >Va­ter­län­di­schen Front<, ein Doll­fuß, ein Schusch­nigg pro­kla­mier­ten Öster­reich als >zwei­ten deut­schen< Staat, der sich nach dem er­hoff­ten Ab­gang Hit­lers mit dem er­sten deut­schen Staat ver­eini­gen wür­de.” Zur Ge­sinn­ung von En­gel­bert Per­ner­stor­fer und Vic­tor Ad­ler, die bei­de Mit­glie­der der Pro­greß–Stu­den­ten­ver­bin­dung „Ar­mi­nia” wa­ren, vgl. Ma­der­tha­ner in Le­ser/Wag­ner, S. 147–163; Dvo­rak Per­ner­stor­fer, S. 55–63, zu je­ner Karl Ren­ners vgl. et­wa Hö­belt in Le­ser/Wag­ner, S. 202 m.w.N., und Drim­mel 1927–1934, S. 357: „1918/19 und 1938 vor­be­halt­lo­ses Be­kennt­nis zum An­schluß an das deut­sche Reich; 1945 ein­stim­mig im Par­la­ment zum Bun­des­präsi­den­ten ge­wählt.” Vgl. auch zu des­sen Rol­le bei der Grün­dung der Re­pu­blik Deutsch­öster­reich Drim­mel 1918–1927, S. 169 f.: „In­des­sen ha­be die Par­tei Ren­ners am frühen Mor­gen des 11. No­vem­ber 1918 den Be­schluß ge­faßt, die frag­li­che Koa­li­tion »so lan­ge wie mög­lich auf­recht­zu­er­hal­ten«. Aber — nun müs­se man sich zu einer fäl­li­gen Ent­schei­dung über die Fra­ge der Re­pu­blik durch­rin­gen. Für die Her­bei­füh­rung die­ses Be­schlus­ses hat­te Ren­ner pflicht­eif­rig vor­ge­sorgt: mit dem von ihm ver­faßten Ent­wurf eines Ge­set­zes über die Staats– und Re­gie­rungs­form Deutsch–Öster­reichs. Die­ser lan­ge be­ra­te­ne Ent­wurf hing in zwei An­geln: Er­stens soll­te der neue Staat eine de­mo­kra­ti­sche Re­pu­blik sein. Und zwei­tens soll­te Deutsch–Öster­reich ein Be­stand­teil der Deut­schen Re­pu­blik wer­den. Wis­send, daß es einen Staat mit der Be­zeich­nung Deut­sche Re­pu­blik nie ge­ge­ben hat und wohl nie ge­ben wird, wähl­te Ren­ner trotz­dem die fal­sche Be­zeich­nung, weil die Po­li­tik sei­ner Par­tei auf ein Auf­ge­hen Deutsch–Öster­reichs in einer Re­pu­blik ab­ge­stellt war. [...] Des­we­gen war die ge­setz­ge­ben­de Na­tio­nal­ver­samm­lung nur eine pro­vi­so­ri­sche.” — Auch Kom­mu­ni­sten be­zeich­ne­ten sich ge­le­gent­lich als na­tio­nal; vgl. Geh­ma­cher in L'Homme 1/1996, S. 169: „Dies do­ku­men­tiert ein 1938 oder 1939 in Frank­reich auf­ge­nom­me­nes Pho­to, auf dem meh­re­re Frau­en zu se­hen sind, die ein Trans­pa­rent mit der Auf­schrift »Front Na­tio­nal Autri­chien« tra­gen. Es sind öster­rei­chi­sche Kom­mu­ni­stin­nen im fran­zö­si­schen Exil.” — Nicht ver­wen­det wur­de der Be­griff von der Va­ter­län­di­schen Front, ob­wohl sich vie­le ih­rer An­hän­ger (wie auch En­gel­bert Doll­fuß oder Ernst Rü­di­ger Star­hem­berg) als deut­sche Öster­rei­cher im kul­tu­rel­len Sin­ne ge­fühlt hat­ten; vgl. Geh­ma­cher in L'Homme 1/1996, S. 159–169, insb. S. 159: „Je­nes auto­ri­tä­re Re­gime, das zwi­schen 1933 und 1938 den Er­halt des öster­rei­chi­schen Staa­tes zum zen­tra­len po­li­ti­schen Ziel ge­macht hat, be­zeich­ne­te sich selbst als »va­ter­län­disch« und mied den Be­griff »na­tio­nal« ge­ra­de­zu. Das lag dar­an, daß die­ser Be­griff in der po­li­ti­schen Öffent­lich­keit gänz­lich von je­nen deutsch­na­tio­na­len Grup­pen be­setzt war, die den »An­schluß« an Deutsch­land for­der­ten und da­her im Be­zug auf Öster­reich eigent­lich als An­ti–Na­tio­na­le be­zeich­net wer­den müß­ten.” Vgl. da­zu auch Star­hem­berg Deut­sche Fra­ge; der­sel­be Re­de 27.07.1934; Star­hem­berg Öster­rei­chi­sche Idee; Ni­co­la­do­ni–Doll­fuß In­ter­view; Bock Ab­wehr­kampf. Zur wei­te­ren Ab­gren­zung der Va­ter­län­di­schen Front vgl. Star­hem­berg Bol­sche­wis­mus. Die Be­kennt­nis­se füh­ren­der Po­li­ti­ker der Va­ter­län­di­schen Front wer­den heu­te ge­le­gent­lich in An­schlußfreu­dig­keit um­ge­deu­tet; vgl. da­zu Mas­si­czek in ÖPZ 3/1991, S. 7: „Man darf sich durch die Deutsch­tums­be­kennt­nis­se Doll­fuß' und Schu­sch­niggs nicht täu­schen las­sen. Sie hiel­ten sich für Mu­ster­deut­sche, weil sie es aus den da­ma­li­gen Ge­ge­ben­hei­ten her­aus nicht bes­ser wuß­ten. Aber sie setz­ten ihr Le­ben da­für ein, Öster­reich un­ab­hän­gig zu er­hal­ten und der deut­schen Ag­gres­sion Ein­halt zu ge­bie­ten. Si­cher nicht im­mer mit den klüg­sten Mit­tel­n. [....] Aber ich emp­fin­de es als ver­bre­che­risch, den von Na­zi­hand er­mor­de­ten Dr. Doll­fuß als Schritt­ma­cher der Na­zis zu be­zeich­nen. Das glei­che gilt für den von den Na­zis sie­ben Jah­re lang in­haf­tier­ten Dr. Schusch­nigg. Wer mit Hil­fe ge­sta­po­ma­ni­pu­lier­ter »Do­ku­men­te« zu be­wei­sen ver­sucht, Schusch­nigg sei in der Haft zum Ver­eh­rer Hit­lers ge­wor­den, weiß nicht zu­fäl­lig auch ganz ge­nau, was Schusch­nigg hät­te eigent­lich tun sol­len. So ein Schrei­ber­ling ist ein Öster­reich­feind, Pro­phet nach hin­ten, na­se­wei­ser Bes­ser­wis­ser, Geg­ner in Eh­ren er­grau­ter Wi­der­stands­kämp­fer. Mit ihm er­üb­rigt sich je­de Dis­kus­sion.” Vgl. da­zu auch Geb­hardt Hand­buch, Bd. 20, S. 241: „Zu­gleich aber lie­ßen an­ge­sichts des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus die Christ­lich–So­zia­len wie die So­zia­li­sten den An­schlußge­dan­ken fal­len. Bei­den un­ter­ein­an­der ver­fein­de­ten Par­tei­en stand als na­tio­na­le Op­po­si­tion die »Groß­deut­sche Front« ge­genüber.” Vgl. auch Wohn­out in Aca­de­mia 4/1992, S. 34–37.

[416] Vgl. Meyers Ta­schen­le­xi­kon 1990, Bd. 16, S. 155 l.Sp.

[417] Das kön­nen Lei­stun­gen et­wa in kul­tu­rel­ler, sport­li­cher, mi­li­tä­ri­scher, po­li­ti­scher ... Hin­sicht sein. Vgl. da­zu auch Zim­mer­mann Na­tio­nal­stolz, S. 100: „Der Stolz auf die Re­gie­rungs­form eines Lan­des ist die Emp­fin­dung von dem ho­hen und vor­züg­li­chen Wer­te die­ser Re­gie­rungs­form. Ein wil­der, un­ge­stü­mer, ge­setz­lo­ser Kopf prei­set über al­les die De­mo­kra­tie, ein ehr­lie­ben­der die Mon­ar­chie, ein ge­mei­ner Geist gibt der Re­gie­rungs­form den Vor­zug, wo die mei­sten Vor­tei­le für sei­ne Per­son aus der Ein­rich­tung des Staa­tes flie­ssen, ein ed­ler Geist der Re­gie­rungs­form, wo er die gröss­te An­zahl Men­schen glück­lich sieht. Über­haupt be­merkt man den mei­sten und auch mei­nes Er­ach­tens den ge­grün­­det­sten Stolz in sol­chen Län­dern, wo man am mei­sten von sei­nen Pflich­ten und am we­ni­sten von den Men­schen ab­hängt, und wo man al­so so viel als mög­lich von der bür­ger­li­chen Frei­heit be­hält. [...] Un­ter den Pal­men der bür­ger­li­chen Frei­heit ist man in Re­pu­bli­ken und in Mon­ar­chien glück­lich, in Re­pu­bli­ken von Rechts we­gen, in Mon­ar­chien von un­ge­fähr, al­le­mal da, wo gu­te Ge­set­ze mehr als die Men­schen Mei­ster sind oder wo ein wür­di­ger Fürst das Ge­setz ist.”

[418] Vgl. da­zu die Ide­o­lo­gie der „Deut­schen Sen­dung” als na­tio­nal ge­präg­te Recht­fer­ti­gung für den Er­sten Welt­krieg in Geb­hardt Hand­buch, Bd. 18, S. 148–158. „Es ist kein Zu­fall, daß nicht Kant oder He­gel, die in ih­rem Den­ken nie die Ver­bin­dung zur Auf­klä­rung ge­leug­net hat­ten, son­dern Fich­te der eigent­li­che Ge­währs­mann der deut­schen Kriegs­ide­o­lo­gen wur­de. Fich­te hat­te als ein ent­schie­de­ner Vor­kämp­fer der Ge­dan­ken der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­tion be­gon­nen. [...] An­stel­le der uni­ver­sa­len Re­vo­lu­tions­ide­en, auf die hin­be­zo­gen die Fran­zo­sen des Jah­res 1789 sich als Na­tion ver­stan­den, po­stu­lier­te Fich­te die Uni­ver­sa­li­tät der deut­schen Na­tion als sol­cher in ih­rer Ge­ge­ben­heit. Er er­klär­te das deut­sche Volk zum Ur­volk, die deut­sche Spra­che zur Ur­spra­che. Die Na­tion wur­de zur Ver­kör­pe­rung einer me­ta­phy­si­schen We­sen­heit, ihre Selbst­ver­wirk­li­chung zum an­geb­lich uni­ver­sa­len Auf­trag. Im Krie­ge über­nahm nun eine »Fich­te­ge­sell­schaft« mit der von Wil­helm Sta­pel her­aus­ge­ge­be­nen Zeit­schrift >Deut­sches Volks­tum< die Ver­brei­tung einer Ide­o­lo­gie, die auf die­sem Selbst­ver­ständ­nis be­ruh­te.”

[419] Na­tio­na­lis­mus ist da­her eine re­gel­mä­ßi­ge Be­gleit­er­schei­nung von Dik­ta­tu­ren. Vgl. auch Kueh­nelt–Leddihn Sa­ra­je­wo, S. 28: „Je pri­mi­ti­ver und düm­mer eine Idee, de­sto rei­ßen­der ap­pel­liert sie an die Mas­sen. Das Chri­sten­tum hin­ge­gen brauch­te drei Jahr­hun­der­te, bis es Staat und Ge­sell­schaft er­ober­te. Gut Ding braucht Wei­le!” Vgl. auch Ca­net­ti Mas­se und Macht.

[420] Vgl. Zim­mer­mann Na­tio­nal­stolz, S. 53: „Man sieht nur zu oft, dass die Fein­de einer Re­li­gion die­se Re­li­gion nie­mals ken­nen, weil sie die­sel­be has­sen, und dass sie die­sel­be has­sen, weil sie sol­che nicht ken­nen.”

[421] Vgl. Zim­mer­mann Na­tio­nal­stolz, S. 58: „So un­ter­ste­hen sich Wür­mer in dem Le­ben eines Augen­blicks ein­an­der zu has­sen und zu ver­fol­gen, weil oft der eine über nutz­lo­se Spitz­fin­dig­kei­ten und un­be­greif­li­che Din­ge nicht denkt wie der an­de­re. So un­ter­ste­hen sich Krea­tu­ren von Staub, dem Al­ler­höch­sten in sei­nen Rat­schlä­gen vor­zu­grei­fen, und die Ur­tei­le des Herrn der Welt mit dem Ge­prä­ge ih­rer Lei­den­schaf­ten, ih­rer Prie­ster und ih­res Stol­zes zu ver­falsch­mün­zen.”

[422] Vgl. Zim­mer­mann Na­tio­nal­stolz, S. 82: „Auch bei gan­zen Völ­kern ver­min­dert die Ver­ach­tung den Hass nicht. Die Grie­chen he­gen für die Per­ser so viel Hass als Ver­ach­tung. Der Pö­bel un­ter den Chri­sten sieht in den Ju­den oh­ne Aus­nah­me ein Volk, tot für Tu­gend und Wohl­wol­len, in Geiz, Be­trug und Schin­de­rei ver­sun­ken, und er hält es so­gar bei­na­he für einen Re­li­gions­punkt und ein ver­dienst­li­ches Werk, die Ju­den zu ver­fol­gen, al­so hasst sie un­ser Pö­bel nicht min­der, weil er sie ver­ach­tet. [...] Wer sich ein­bil­det, dass man un­mög­lich ein recht­schaf­fe­ner Mann sein kön­ne, wenn man nicht al­les glaubt, was er glaubt, wer al­le die­je­ni­gen ver­dammt, die über Re­li­gions­sa­chen nicht den­ken wie er, wird na­tür­li­cher­wei­se ein Feind des gröss­ten Tei­les der Men­schen. Die un­ver­meid­li­che Fol­ge der Vor­ur­tei­le für die Un­trüg­lich­keit sei­ner Kir­che ist die In­to­le­ranz, und die­se zeugt hin­wie­der das zahl­rei­che Un­ge­zie­fer gif­ti­ger Vor­ur­tei­le, die je­dem mit dem Flie­gen­netz der Phi­lo­so­phie nicht ge­si­cher­ten Men­schen wie die Mücken in hei­ssen Län­dern bei My­ria­den um die Oh­ren sum­men, um ihn mit ih­ren Sta­cheln zu quä­len.”

[423] Die­se „Recht­fer­ti­gung” kann auch recht gro­tes­ke Zü­ge an­neh­men; vgl. et­wa Zim­mer­mann Na­tio­nal­stolz, S. 62: „Die klei­ne, nichts­be­deu­ten­de Na­tion der Nat­ches war, nach ih­rer al­ten Sa­ge, vor­mals die ge­wal­tig­ste Na­tion in dem mit­ter­nächt­li­chen Ame­ri­ka; der ho­he Adel be­stand aus fünf­hun­dert Son­nen, und al­le wur­den von einer gro­ssen Son­ne be­herrscht. Das heu­ti­ge Ober­haupt die­ses Völk­leins hat et­was in sei­nem Stol­ze, das mir un­ge­mein ge­fällt. Er tritt al­le Mor­gen aus sei­ner Hüt­te her­vor, grüßt die Son­ne, bie­tet ihr sei­ne Pfeif­fe zu rau­chen an und schreibt ihr mit dem Fin­ger den Weg vor, den sie den Tag über neh­men soll. Der auf ein ein­ge­bil­de­tes An­sehn sich be­zie­hen­de Stolz ist der all­zu­ho­he Wert, den man sei­nem An­sehn gibt.”

[424] Et­wa im Na­men eines — ge­ge­be­nen­falls noch zu krö­nen­den — Kö­nigs oder eines „Füh­rers”.

[425] Vgl. da­zu auch Zim­mer­mann Na­tio­nal­stolz, S. 84 f.: „Seit­dem je­nes sanf­te un­sicht­ba­re Reich einer an­dern Welt der hef­tig­ste sicht­ba­re Des­po­tis­mus in die­ser Welt ward, mach­te die durch Prie­ster­hän­de ent­weih­te christ­li­che Re­li­gion die Men­schen hart, grim­mig, un­barm­her­zig und grau­sam. Sie gab ih­nen Schwert und Feu­er in die Hand. Sie trieb die Für­sten an, die­se Welt in eine Höl­le zu ver­wan­deln und im Na­men eines gü­ti­gen Got­tes die zu mar­tern und zu quä­len, die sie lie­ben und be­dau­ern soll­ten. Aber un­ser Hei­land hat uns einen Glau­ben nicht ge­lehrt, der aus­schlie­ssend und ty­ran­nisch ist, blut­gie­rig und ver­fol­gend macht und dem­zu­fol­ge die lie­ben Her­ren Je­sui­ten (die­se Ja­ni­tscha­ren des hei­li­gen Stuh­les, wie sie Papst Be­ne­dict der Vier­zehn­te nann­te) Gott so oft ge­fal­len wol­ten, wenn sie aus vol­lem Hal­se schrieen, dass man kei­nen Ket­zer scho­ne.”

[426] Et­wa „im Na­men der Re­vo­lu­tion”, „der Re­pu­blik” oder der „na­tio­na­len Eini­gung”.






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Version Nr. 8/2026 vom 18. Feber 2026
Für den Inhalt verantwortlich: Christoph M. Ledel
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