Das österreichische Militärstraf- und Heeresdisziplinarrecht
im Lichte von Art. 5 und 6 EMRK

B Das besondere Gewaltverhältnis

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„Der Sol­dat steht auf Grund der ihm über­tra­ge­nen Auf­ga­be,
sein Va­ter­land und sein Volk zu schüt­zen und mit der Waf­fe zu ver­tei­di­gen,
in einem be­son­de­ren Treue­ver­hält­nis zur Re­pu­blik Öster­reich.”
[52]


1 All­ge­meines


Wie zahl­rei­che Auto­ren im­mer wie­der über­ein­stim­mend fest­stel­len, wird der Be­griff der be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­se als ein „amor­phes, durch vie­le Un­si­cher­hei­ten ge­kenn­zeich­ne­tes The­ma der Rechts­wis­sen­schaft”[53] ge­se­hen. In Deutsch­land, wo die Leh­re vom be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis ent­wickelt wor­den ist, liegt das heu­te in er­ster Li­nie dar­an, daß die An­pas­sungs­fä­hig­keit die­ses Rechts­in­sti­tu­tes viel­fach ver­kannt[54] und auf den In­halt re­du­ziert wird, den er in der Zeit von Ot­to Ma­yer (der al­ler­dings nicht Ur­he­ber die­ses Be­grif­fes ist[55]) ge­habt hat. Die kri­ti­schen Stel­lung­nah­men der öster­rei­chi­schen Leh­re hin­ge­gen be­ru­fen sich weit­ge­hend auf die Un­mög­lich­keit, auf­grund des in Art. 18 B–VG fest­ge­leg­ten Ge­bots der Ge­setz­mäßig­keit der Ver­wal­tung (Le­ga­li­täts­prin­zip) ein be­son­de­res Ge­walt­ver­hält­nis zu be­grün­den, wes­we­gen an einer wei­te­ren theo­re­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit die­sem The­ma of­fen­bar we­nig In­ter­es­se be­steht,[56] ob­wohl die­ser Be­griff von ihr recht häu­fig ver­wen­det wird.[57]


2 De­fi­ni­tion und Ab­gren­zung zum all­ge­meinen Ge­walt­ver­hält­nis


An­ge­sichts der an­ge­spro­che­nen Un­si­cher­hei­ten scheint es da­her an­ge­bracht, zu­nächst von einer De­fi­ni­tion aus­zu­ge­hen, die dem Ju­ri­sten­streit wohl ent­zo­gen scheint:

„Das all­ge­mei­ne Ge­walt­ver­hält­nis be­schreibt die Rech­te und Pflich­ten eines je­den Bür­gers ge­gen­über dem Staat, z.B. Steu­er­pflicht, Wehr­pflicht u.a.; Grund­rech­te; Wahl­recht; Rechts­schutz­an­spruch. Das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis ist ge­kenn­zeich­net durch ein bes. en­ges Ver­hält­nis des Ge­walt­un­ter­wor­fe­nen zu einem be­stimm­ten Trä­ger staatl. Ge­walt. Es kann auf frei­wil­li­ger Grund­la­ge (z.B. Be­am­te, Rich­ter) oder auf ge­setz­l. Zwang be­ru­hen (z.B. Straf­ge­fan­ge­ne, Wehr­pflichti­ge, schul­pflich­ti­ge Schü­ler). Durch das bes. G. wird der aus dem allg. G. sich er­ge­ben­de Sta­tus zwar nicht auf­ge­ho­ben, je­doch wei­te­ren Be­schrän­kun­gen un­ter­wor­fen, die ih­re Schran­ke wie­der­um in den Er­for­der­nis­sen des be­trof­fe­nen bes. G. fin­den. Ab­so­lu­te Gren­zen für Grund­rechts­ein­schrän­kun­gen er­ge­ben sich aus der Men­schen­wür­de, dem Gleich­heits­ge­bot und der sog. We­sens­ge­halts­ga­ran­tie. Frei­heits­be­schränk­un­gen im Rah­men eines bes. G. be­dür­fen grund­sätzl. einer ge­setzl. Grund­la­ge. ...”[58]


3 Ent­wick­lung von der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts bis 1918 im Über­blick[59]


Be­reits das ALR[60] un­ter­schied das all­ge­meine Ver­hält­nis der Bür­ger zum Staat von je­nem der „Mi­li­tair– und Ci­vil­be­dien­ste­ten” mit ih­rem (ob­li­ga­to­ri­schen) Treue­ge­löb­nis dem (zu je­ner Zeit ab­so­lu­ten) Mon­ar­chen ge­gen­über.[61]

Die vor­klas­si­sche Leh­re ging von einem Sy­stem von pri­vat– und ho­heits­recht­li­chen Herr­schafts­ver­hält­nis­sen aus; ty­pisch da­für ist die Ein­tei­lung von von Ger­ber[62], der das all­ge­mei­ne Ge­walt­recht des Staa­tes über die Staats­bür­ger von den Ge­walt­ver­hält­nis­sen des Fa­mi­lien­rechts, die­se von an­de­ren pri­vat­recht­li­chen Un­ter­ord­nun­gen und schließ­lich wie­der­um vom Staats­dienst un­ter­schei­det.[63] Für ihn ist der Staats­die­ner „Die­ner und Ge­hil­fe des Mon­archen”,[64] dem er zu be­son­de­rer Treue und zu un­be­ding­tem Ge­hor­sam ver­pflich­tet ist; in die­sem Punkt sind Bür­ger und Staats­die­ner von­ein­an­der ver­schie­den: Er trennt erst­ma­lig all­ge­mei­ne Rechts­be­rei­che und Ge­walt­un­ter­wor­fen­heit von „or­ga­ni­schen Ge­walt­be­rei­chen” und be­son­de­rer Un­ter­wor­fen­heit.

Von Ger­ber geht da­von aus, daß die Un­ter­wer­fung — so­wohl die all­ge­meine des Bür­gers als auch die be­son­de­re des Staats­die­ners — „nicht eine Min­de­rung des Rechts, son­dern eine Wohl­tat, nämlich die Ge­währ­leis­tung einer ge­deih­li­chen Exi­stenz in der Volks­ge­mein­schaft” sei.[65] Ein be­son­de­rer Rechts­schutz für den Staats­die­ner wird je­doch schon al­lein da­durch über­flüs­sig, als von Ger­ber die „or­ga­ni­schen Ge­walt­ver­hält­nis­se” als „sitt­li­che Tat­be­stän­de” ver­steht;[66] er ver­gleicht sie di­rekt mit dem Le­hens­ver­hält­nis des Mit­tel­al­ters, das auf Recht und Ge­gen­recht, auf Pflicht und Ge­gen­pflicht be­ruht hat.

Die­ses An­knüp­fen an Sitt­lich­keit, ethi­sches Ver­hal­ten, be­son­ders aber an das mit­tel­al­ter­li­che Va­sal­len­tum er­scheint viel­leicht ober­fläch­lich ge­se­hen als alt­mo­disch (auch im da­ma­li­gen Sinn), ist je­doch als end­gül­ti­ge und ein­deu­ti­ge Ab­sa­ge an den ab­so­lu­ti­sti­schen Po­li­zei­staat der Jahr­hun­dert­wen­de und des­sen Will­kür­mög­lich­keit zu se­hen.[67]

Die Ent­wick­lung der so­ge­nann­ten klas­si­schen Leh­re — die noch schär­fer zwi­schen all­ge­mei­nem und be­son­de­rem Herr­schafts­ver­hält­nis trenn­te — ent­stand im Ge­gen­satz zu ih­ren Vor­läu­fern vor dem Hin­ter­grund einer aus­ge­präg­ten kon­sti­tu­tio­nel­len Mon­ar­chie.[68] Der Be­griff vom „be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis” wur­de erst­mals von La­band[69] ge­prägt,[70] der sich haupt­säch­lich mit der Ana­ly­se des Be­am­ten­ver­hält­nis­ses be­schäf­tig­te. Er lehn­te zwar einen di­rek­ten Ver­gleich der Be­zie­hun­gen zwi­schen Be­am­ten und Herr­scher mit je­nen von Leh­ens­herrn und Leh­ens­neh­mer ab;[71] in An­leh­nung an Schmitt­hen­ner schrieb aber auch er von einem Ge­walt­ver­hält­nis, „wel­ches ethi­scher Na­tur sei, auf be­son­de­rer Treue und Er­ge­ben­heit be­ru­he, eine be­son­de­re Dienst­pflicht be­grün­de”,[72] das sich — hi­sto­risch ge­se­hen — aus dem Va­sal­len­ver­hält­nis ab­lei­tet.[73] Als Grund­la­ge der Ent­ste­hung eines be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses sieht La­band die frei­wil­li­ge Über­nah­me be­son­de­rer Pflich­ten durch einen (privat­recht­li­chen) Ver­trag; glei­ches gilt für einen Be­rufs­of­fi­zier, den er zu den Be­am­ten zählt.

Ein wei­te­rer In­di­ka­tor für das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis, in dem der Be­am­te steht, ist die Dis­zi­pli­nar­ge­walt des Vor­ge­setz­ten, die er je­doch nicht als Son­der­straf­recht für Be­am­te sieht, son­dern als Un­ter­schei­dungs­merk­mal des „Staats­rech­tes” vom Pri­vat­rechts­be­reich: „bei den ‚Dienst– oder Ge­walt­ver­hält­nis­sen’ tre­te an die Stel­le der For­de­rung der Be­fehl und an die Stel­lung der Er­fül­lungs­kla­ge der Zwang”[74] der Dis­zi­pli­nar­ge­walt.

Trotz der be­son­de­ren Un­ter­wor­fen­heit des Be­am­ten re­det La­band kei­nes­falls der Will­kür das Wort. Für ihn wird staat­li­che Ge­walt durch Rechts­sät­ze[75] be­stimmt und ein­ge­schränkt, ohne Ge­set­ze gibt es die Be­schränk­un­gen des Be­am­ten nicht. „Die Staats­ver­wal­tung steht hin­sicht­lich der Füh­rung der öf­fent­li­chen Ge­schäf­te dem Rech­te ge­ra­de so frei und so ge­bun­den ge­gen­über wie der ein­zel­ne hin­sicht­lich seiner Pri­vat­ge­schäf­te; ... eben­so hat der Staat durch das von ihm selbst ge­setz­te Recht nicht den In­halt seiner Tä­tig­keit be­stimmt, son­dern der­sel­ben recht­li­che Schran­ken auf­er­legt.”[76]

Den Hö­he­punkt er­reicht die Ent­wick­lung der Theo­rie zum be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis zwei­fels­frei mit Ot­to Ma­yer und seinem „Deut­schen Ver­wal­tungs­recht”.[77] Erst­ma­lig schied er be­wußt Staats– vom Ver­wal­tungs­recht,[78] was eine Los­lös­ung des In­sti­tuts des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses von der je­weils ak­tu­el­len Staats­form und da­mit sein Über­le­ben im Bon­ner Grund­ge­setz bis in die heu­ti­ge Zeit er­mög­lich­te.

Ma­yer ge­steht der Ver­wal­tung im In­nen­be­reich einen be­son­de­ren Frei­raum, be­son­de­re Selbst­stän­dig­keit zu. Da die­ser In­nen­be­reich durch Ge­set­ze nur in wich­ti­gen Fäl­len ge­re­gelt ist, ent­steht hier in den mei­sten Fäl­len ho­heits­recht­li­cher — rechts­satz­frei­er — Ver­wal­tung ein ge­setz­es– und rechts­frei­er[79] (und so­mit auch rechts­schutz­frei­er) Raum, der nur durch eine Bin­dung an den Zweck der Ver­wal­tung be­schränkt wird. Die Ver­wal­tung ist hier not­wen­di­ger­wei­se zu selbst­stän­di­gem Han­deln er­mäch­tigt, da­mit sie ih­re Auf­ga­ben ef­fi­zi­ent er­fül­len kann.

Im ge­set­zes­frei­en Raum des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses greift da­her ein „Ge­set­zes­vor­be­halt”[80] — einer der vie­len Be­grif­fe, die von Ma­yer ge­prägt wor­den und heu­te noch in Ver­wen­dung sind[81] — nur dann, wenn es um ele­men­ta­re Ein­grif­fe (wie bei­spiel­wei­se in Eigen­tum und Frei­heit[82]) geht.

Die­se Po­si­tion kann auch mit mo­der­nen Prin­zi­pi­en der Rechts­staat­lich­keit — die von Ma­yer stets ge­wünscht und be­für­wor­tet wur­de[83] — in Ein­klang ge­bracht wer­den. Dort, wo die Un­ter­wer­fung un­ter die be­son­de­re Ge­walt nicht auf frei­wil­li­ger (ver­trag­li­cher) Ba­sis ge­schieht (Be­am­ter, Be­rufs­of­fi­zier), son­dern er­zwun­gen ist (Straf­ge­fan­ge­ner, Wehr– oder Schul­pflich­ti­ger) oder auto­ma­tisch — auch ge­gen den Wil­len des Be­trof­fe­nen — be­ginnt (et­wa der Ein­tritt in eine An­stalt)[84], wird der Un­ter­wor­fe­ne re­gel­mäßig auf­grund eines (die rechts­staat­li­chen Prin­zi­pi­en be­ach­ten­den) Ge­set­zes (Straf­ge­set­ze, Wehr­ge­set­ze, Schul­ge­set­ze ...) vom „gro­ßen” (all­ge­mei­nen) in ein be­son­de­res Ge­walt­ver­hält­nis über­stellt.

Die Kon­se­quenz die­ser Hal­tung ist, daß rechts­staat­li­che Prin­zi­pi­en zwar im all­ge­mei­nen, aber nur sehr be­schränkt im be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis ver­wirk­licht wer­den kön­nen.

Die wei­te­re Ent­wick­lung der Theo­rie bis zum En­de des Er­sten Welt­krie­ges wird dann haupt­säch­lich von Paul Kahn fort­geführt, der im Jah­re 1912 die er­ste Ge­samt­dar­stel­lung in die­sem Be­reich ver­öf­fent­licht.[85] Wie vor ihm schon Ma­yer, trennt auch er all­ge­mei­nes und be­son­de­res Ge­walt­ver­hält­nis be­son­ders scharf. Letz­te­res de­fi­niert er als „ein Ver­hält­nis der Über– und Un­ter­ord­nung auf Grund einer be­son­de­ren Ge­walt.”[86] Über das Ge­walt­ver­hält­nis an sich schreibt er: „Das We­sen des Ge­walt­ver­hält­nis­ses be­steht da­rin, daß von dem Un­ter­wor­fe­nen nicht ein ge­nau um­schrie­be­nes im Vor­aus be­stimm­tes Ver­hal­ten ver­langt wird, son­dern der Wil­le des Ge­walt­in­ha­bers mit selbst­stän­di­ger bin­den­der Kraft das Ge­schul­de­te be­stimmt.”[87] Die­se Hal­tung hat zur Fol­ge, daß für Kahn be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis­se nicht auf das öf­fent­li­che Recht be­schränkt sind; so ha­be auch ein Fa­mi­lien­va­ter oder et­wa ein Dienst­ge­ber be­son­de­re Ge­walt über seine Kin­der re­spek­ti­ve An­ge­stell­te.[88]

Die Gren­zen des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses sieht Kahn in der An­ge­mes­sen­heit der an­ge­wand­ten Ge­walt, die durch ih­re Na­tur und ih­ren Zweck be­schränkt wird. Dies zeigt deut­lich, daß einer­seits auf der theo­re­ti­schen Ebe­ne der Leh­re zwar eine enor­me Ent­wick­lung — be­son­ders un­ter dem Ein­flu­ß von Ma­yer — statt­ge­fun­den hat, daß an­de­rerseits je­doch auch zu An­fang die­ses Jahr­hun­derts Grund­la­ge und Schran­ken im be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis im­mer noch in der wech­sel­sei­ti­gen Ab­hän­gig­keit im Sub­or­di­na­tions­ver­hält­nis mit­tel­al­ter­li­cher Va­sal­li­tät zu su­chen ist — selbst dann, wenn die­se Wur­zel nicht mehr als sol­che ge­se­hen wird.[89]

Selbst­ver­ständ­lich gab es be­reits da­mals Kri­tik an die­ser Leh­re. Her­vor­zu­he­ben wä­re hier et­wa Ri­chard Tho­ma[90], der zu­min­dest bei den frei­wil­lig ein­ge­gan­ge­nen be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­sen die Ge­walt nicht nur durch ih­re An­ge­mes­sen­heit und ih­ren Zweck, son­dern auch durch die Mög­lich­keit der ein­sei­ti­gen (!) Auf­lös­ung des Ge­walt­ver­hält­nis­ses sei­tens des Ge­walt­un­ter­wor­fe­nen (et­wa durch einen Be­rufs­wech­sel des Be­am­ten oder Be­rufs­of­fi­zi­ers) sieht. Da die Er­mäch­ti­gung der Ver­wal­tung, das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis­s selb­stän­dig aus­zu­ge­stal­ten, auf Rechts­sät­zen be­ruht, spricht er von „be­son­de­ren Rechts­ver­hält­nis­sen” im Ge­gen­satz zu den — bei ihm erst­ma­lig so be­nann­ten — „all­ge­mei­nen Rechts­ver­hält­nis­sen”. Die schar­fe Tren­nung zwi­schen die­sen bei­den In­sti­tu­ten je­doch be­hält auch er in An­leh­nung an Ma­yer bei.

Kri­tik wur­de aber auch an der Rechts­schutz­lo­sig­keit der Ge­walt­un­ter­wor­fe­nen in be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­sen so­wie an der Un­dif­fe­ren­ziert­heit in der Ab­gren­zung der­sel­ben von­ein­an­der geübt. Sie reicht von Äße­rungen der Ent­rü­stung[91] über die Fest­stel­lung, daß auch Straf­ge­fan­ge­ne nicht recht­los sei­en,[92] bis hin zu Jel­li­nek, der für gra­du­el­le Ab­stu­fungen der Ge­walt in den be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­sen plä­dier­te.[93] In­s­be­son­dere Letzt­ge­nann­ter hat — in An­leh­nung und Fort­füh­rung der Ide­en von Tho­ma[94] — von den all­ge­meinen Ge­walt­ver­hält­nis­sen die (all­ge­meinen) Herr­schafts­ver­hält­nis­se un­ter­schie­den, was eine Drei­tei­lung er­gibt: Frei­wil­lig ein­ge­gan­ge­ne Ge­walt­ver­hält­nis­se (dies be­trifft et­wa das Be­am­ten­ver­hält­nis, aber auch je­nen Bür­ger, der ein Post­amt be­tritt) sind ge­kenn­zeich­net durch Be­schränk­ungen per­sön­li­cher Frei­heit auf­grund der Wei­sungs­ge­walt so­wie durch die Dis­zi­pli­nar­ge­walt zur Durch­set­zung der­sel­ben. Die­se dis­zi­pli­näre „qua­li­fi­zier­te” Herr­scher­ge­walt setzt Jel­li­nek gra­du­ell ge­rin­ger an als die all­ge­mei­ne Ge­walt, die al­le Staats­bür­ger trifft, da der Ge­walt­un­ter­wor­fe­ne das ihn bin­den­de Ver­hält­nis je­der­zeit auf­lö­sen kann. Je­ne „be­son­de­ren” Ge­walt­ver­hält­nis­se, bei de­nen eine sol­che Auf­lös­ung nicht ziel­füh­rend und da­her nicht mög­lich ist (so beim Straf­ge­fan­ge­nen oder beim Sol­da­ten), nennt er „spe­ziel­le Herr­schafts­ver­hält­nis­se”, in de­nen sich die dis­zi­pli­nä­ren Ma­ßnah­men von je­nen der all­ge­meinen Herr­schafts­ver­hält­nis­se da­durch un­ter­schei­den, daß sie Ord­nungs­stra­fen zur Un­ter­stüt­zung der re­gu­lä­ren Stra­fen sind.


4 Ent­wick­lung in der Zwi­schen­kriegs­zeit


Viel Neu­es hät­te er nicht zu be­rich­ten, schreibt Ma­yer im Vor­wort zur drit­ten Auf­la­ge seines „Deut­schen Ver­wal­tungs­rechts”. „Ver­fas­sungs­recht ver­geht, Ver­wal­tungs­recht be­steht.”[95]

Ohne Zwei­fel hat je­de ra­di­ka­le Ver­fas­sungs­än­de­rung auch ih­re Ein­flüs­se auf das Ver­wal­tungs­recht,[96], das aus prak­ti­schen Grün­den meist nur lang­sam ver­än­dert wer­den kann. Da­her über­nimmt auch die re­pu­bli­ka­ni­sche Wei­ma­rer Ver­fas­sung — ob­wohl sie auch Be­am­ten und Sol­da­ten be­stimm­te Grund­rech­te aus­drück­lich ge­währt[97] — die Leh­re vom be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis,[98] denn „... fest­zu­hal­ten bleibt, daß die Un­ter­schei­dung zwi­schen allg. und besGewV Teil des all­ge­meinen Be­griffs­vo­ka­bu­lars des deut­schen Ver­wal­tungs­rechts ge­wor­den war und sich als wis­sen­schaft­lich fun­dier­te und zu­gleich we­gen ih­rer sche­ma­ti­schen Ein­fach­heit prak­ti­ka­ble Ma­xi­me für die Ver­wal­tungs­hand­ha­bung dar­stell­te.”[99]

Zu­nehm­end ver­la­gert sich die Dis­kus­sion auf die Grund­rechts­gel­tung in­ner­halb der be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­se. Ob­wohl Tho­ma be­reits 1906 an­ge­merkt hat, daß Ma­yers Grund­satz der Un­an­wend­bar­keit der Grund­rech­te dann durch­bro­chen ist, wenn die Gel­tung eines Grund­rechts durch Ge­setz aus­drück­lich auf ein be­son­de­res Ge­walt­ver­hält­nis aus­ge­dehnt wird (wie im oben er­wähn­ten Fall der Wei­ma­rer Ver­fas­sung)[100], kri­ti­sier­ten eini­ge Auto­ren das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis als Pa­ra­do­xon zur Grund­rechts­gel­tung und zur Wei­ma­rer Ver­fas­sung.[101]

Na­wias­ky ver­sucht dem Pro­blem aus dem Weg zu ge­hen, in­dem er Staat und Bür­ger als Sub­jekt von Rech­ten (nicht als Sub­jekt der Rechts­ord­nung!) auf die glei­che Stu­fe stellt und folg­lich auch Ge­walt– und (pri­va­te) For­de­rungs­ver­hält­nis­se auf der glei­chen Ebe­ne (mit un­ter­schied­li­cher In­ten­si­tät) be­ste­hen läßt, wo­durch auch be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis­se zu recht­li­chen Ge­walt­ver­hält­nis­sen wer­den.[102] Na­wias­kys „un­dog­ma­ti­sche Be­hand­lung des The­mas” hat­te je­doch we­nig Ein­fluß auf die da­ma­li­ge Leh­re.[103]

Er­wähnt wer­den muß hier noch die Mo­no­gra­phie von Freu­den­ber­ger,[104] der — wie vor ihm auch die klas­si­sche Leh­re Ma­yers — wei­ter­hin all­ge­meines von be­son­de­rem Ge­walt­ver­hält­nis un­ter­schei­det, letz­te­res aber als eine „zweck­be­stimm­te Teil­rechts­ord­nung”[105] der Ge­samt­rechts­ord­nung be­trach­tet. Auf die­se Wei­se er­mög­licht er — ganz im Sin­ne der Wei­ma­rer Ver­fas­sung — ein Ein­wir­ken der Grund­rech­te und des Prin­zips der Rechts­staat­lich­keit auch bis in den Be­reich des (bei ihm nicht mehr rechts­frei­en) be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses.

Ob­wohl seine Wei­ter­füh­rung vor al­lem der Ide­en von Tho­ma[106] hät­te rich­tungs­wei­send sein kön­nen, war Freu­den­ber­gers Schrift — wohl we­gen des Er­star­ken des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus in Deutsch­land — keine weit­ge­hen­de Be­ach­tung be­schie­den. Es wird je­doch deut­lich, daß ge­ra­de je­ne Auto­ren, die nach dem Zwei­ten Welt­krieg bis heu­te die Leh­re vom be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis un­ter dem in der Re­gel recht un­dif­fe­ren­zier­ten Hin­weis auf die klas­si­sche, „über­kom­me­ne”[107] Leh­re — die, wie oben ge­zeigt wur­de, al­les an­de­re als ho­mo­gen und sta­tisch ge­we­sen ist — teil­wei­se hef­tig kri­ti­sie­ren und ri­go­ros ab­leh­nen, sich wohl kaum mit Freu­den­ber­gers gro­ßer Mo­no­gra­phie in­ten­siv be­schäf­tigt ha­ben kön­nen. Das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis hat längst einen an­de­ren In­halt be­kom­men.


5 Das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis im Drit­ten Reich[108]


Das na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Füh­rer­prin­zip, das mit der Aus­schal­tung der Par­tei­en und der Al­lein­re­gie­rung der NSDAP un­ter Adolf Hit­ler in Deutsch­land seit dem 2. August 1934[109] ein­ge­führt wor­den ist, bringt eine er­heb­li­che Ver­schär­fung je­ner Zu­stän­de, die im ab­so­lu­ti­sti­schen Po­li­zei­staat vor­herr­schend ge­we­sen sind, mit sich. Der Füh­rer ver­langt von seinem Volk Treue und Ge­folg­schaft,[110] da­mit ab­so­lu­ten Ge­hor­sam in je­der Si­tua­tion,[111] dies um­so mehr, de­sto be­droh­li­cher die La­ge Deutsch­lands wird.[112]

Für das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis be­deu­tet dies, daß eine Um­kehr der Ent­wick­lung ein­tritt: Wa­ren vor­her die Be­mü­hun­gen vor­herr­schend, die Re­geln, die im all­ge­mei­nen Ge­walt­ver­hält­nis gel­ten, auf das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis Schritt für Schritt aus­zu­deh­nen, so bringt der na­tio­nal­so­zia­li­sti­sche To­ta­li­ta­ris­mus ein zu­neh­mend ra­di­ka­le­res Zu­rück­drün­gen des all­ge­meinen so­wie eine sys­te­ma­ti­sche Aus­wei­tung der be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­se. An­zei­chen da­für ist die Ge­setz­ge­bung im kriegs­straf­recht­li­chen Be­reich, ins­be­son­de­re die „Ver­ord­nung über das Son­der­straf­recht im Krie­ge und bei be­son­de­rem Ein­satz” (KSStVO)[113] mit ih­ren sechs No­vel­lie­run­gen,[114] die un­ter an­de­rem eine Aus­deh­nung des mi­li­tär­straf­recht­li­chen Gel­tungs­be­rei­ches auf wei­te Tei­le der Zi­vil­be­völ­ke­rung ge­bracht ha­ben, so­wie zum Bei­spiel die „Volks­schäd­lings­ver­ord­nung”[115] oder die „Ver­ord­nung über außer­or­dent­li­che Rund­funk­maß­nah­men”.[116] Der frü­her so hef­tig kri­ti­sier­te rechts­freie Er­mes­sens­spiel­raum, der vor der Ent­ste­hung der Dik­ta­tur schon über­wun­den schien, wird nicht nur in der Ver­wal­tung wie­der aus­ge­wei­tet, son­dern un­ter dem Schlag­wort „ge­sun­des Volks­emp­fin­den” auch auf an­de­re Be­reich wie den der Ju­stiz über­tra­gen.[117]

„Zu­sam­men­fas­send kann die dog­ma­ti­she Si­tua­tion je­ner Zeit so um­schrie­ben wer­den, daß das allgGewV in Theo­rie und Pra­xis durch das Füh­rer–Ge­folg­schafts­prin­zip der Grund­le­gung nach weit­hin dem bes­Gew­V an­ge­nä­hert wor­den war; je­den­falls ver­lor die Un­ter­schei­dung ih­ren dog­ma­tis­chen und prin­zi­pi­el­len Cha­rak­ter und nahm Ab­stand von der Kon­struk­tion zwei­er ge­gen­sätz­lich aus­ge­füll­ter Be­rei­che.”[118]


6 Die wei­te­re Ent­wick­lung bis zum „En­gel–Ur­teil” des EGMR


Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wer­den die Er­geb­nis­se der Leh­re bis et­wa 1928 bis in die Mit­te der fünf­zi­ger Jah­re ohne gr­ö­ße­re Dis­kus­sion­en über­nom­men. Das Bon­ner Grund­ge­setz, eine de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schafts­ord­nung und die Re­pu­blik als Staats­form sind zu­nächst — zu­min­dest fak­tisch — of­fen­bar pro­blem­los mit den be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­sen in Ein­klang zu brin­gen.

Im We­sent­li­chen ha­ben zwei Er­eig­nis­se der Leh­re vom be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis — aber auch ih­ren Kri­ti­kern — neue Im­pul­se ge­ge­ben: die Dis­kus­sions­bei­trä­ge der Ta­gung der Deut­schen Staats­rechts­leh­rer vom 12. Ok­to­ber 1956[119] so­wie der Be­schluß des deut­schen Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt­es vom 14. März 1972.[120]


6.1 Die Staats­rechts­leh­rer­ta­gung von 1956


Die Be­ra­tung über das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis auf der Ta­gung der Deut­schen Staats­rechts­leh­rer ist ge­prägt durch die Vor­trä­ge von Krü­ger und Ule; in der an­schlie­ßen­den Aus­sprach mel­det sich erst­mals auch ein Ver­tre­ter der öster­rei­chi­schen Rechts­wis­sen­schaft po­si­tiv zu die­sem The­ma zu Wort.[121]

Ob­wohl Krü­ger[122] fest­stellt, das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis „... ist als Rechts­ver­hält­nis qua­li­fi­ziert, die Grund­rech­te sind auch hier an­ge­sie­delt wor­den und es wird we­nig­stens nicht mehr grund­sätz­lich be­strit­ten, daß aus die­sem Bo­den auch Rechts­ak­te er­wach­sen kön­nen”,[123] kann sein Be­griff vom be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis nicht als zeit­ge­recht ge­se­hen wer­den,[124] eben­so­we­nig sein Be­griff von der „Ge­walt im Ge­walt­ver­hält­nis”.[125] So ver­wun­dert es nicht, daß Krü­gers Ein­stel­lung zu die­sem Rechts­in­sti­tut auf die­ser Ta­gung auf teil­wei­se recht lau­ni­sche Kri­tik[126] und sein Wunsch, das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis mö­ge im all­ge­mei­nen Ge­walt­ver­hält­nis auf­ge­hen,[127] nur auf we­nig An­er­ken­nung ge­sto­ßen ist.

Einen brauch­ba­ren Ver­such zur Wei­ter­ent­wick­lung stellt hin­ge­gen der Bei­trag Ules dar.[128] Aus­ge­hend von der grund­le­gen­den Fra­ge, „ob der Rechts­staats­ge­dan­ke durch einen un­ein­ge­schränk­ten oder durch einen ein­ge­schränk­ten ge­richt­li­chen Rechts­schutz im be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis mehr ge­för­dert wird”,[129] er­mög­licht ihm seine sys­te­ma­ti­sche Ana­ly­se der Be­zie­hun­gen der be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­se vor al­lem zu Art. 19 Abs. 4 GG, das Pro­blem der Ver­schie­den­ar­tig­keit der be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­se und — da­mit not­wen­di­ger­wei­se ver­bun­den — ih­rer dif­fe­ren­zier­ten Be­ur­tei­lung zu lö­sen, in­dem er sie in ein Grund– und ein Be­triebs­ver­hält­nis auf­glie­dert.[130]

Im Grund­ver­hält­nis, das den Be­stand des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses zum In­halt hat,[131] ist nach all­ge­mei­ner An­sicht[132] der ge­richt­li­che Rechts­schutz ge­ne­rell ge­währ­leis­tet.[133]

Das Be­triebs­ver­hält­nis er­gibt sich aus der Tat­sa­che, daß der Ge­walt­un­ter­wor­fe­ne bei Dienst­ver­hält­nis­sen (Be­am­ter, Sol­dat) dem je­wei­li­gen Be­trieb als „per­sön­li­ches Mit­tel, mit dem die dem ‚Be­trieb’ ge­stell­ten Auf­ga­ben er­fül­lt wer­den”, dient; aber auch bei den An­stalts­ver­hält­nis­sen (Schu­le, Kran­ken­an­stalt, Straf­an­stalt) ist der Ge­walt­un­ter­wor­fe­ne ver­pflich­tet, sich einer „Be­triebs­ord­nung” (An­stalts­ord­nung) zu un­ter­wer­fen.[134] Im Be­triebs­ver­hält­nis hält Ule aus rechts­staat­li­chen Er­wä­gun­gen den ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Rechts­schutz für das Wehr­dienst– und al­le ge­schlos­se­nen An­stalts­ver­hält­nis­se für er­for­der­lich, nicht aber für das Be­am­ten­ver­hält­nis und die of­fe­nen An­stalts­ver­hält­nis­se,[135] wo er teil­wei­se gar nicht mög­lich ist: „Die Leh­re von der ge­richt­li­chen Un­über­prüf­bar­keit un­ver­tret­ba­rer tech­ni­scher Wert­ur­tei­le[136], auf de­nen vie­le Ent­schei­dun­gen und Ma­ßnah­men im be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis be­ru­hen, trägt die­ser Be­schrän­kung der Ge­rich­te auf die Ent­schei­dung von Rechts­fra­gen in be­son­de­rer Wei­se Rech­nung.”[137]

Dar­aus er­gibt sich, daß die Grund­rechts­gel­tung für den glei­chen Be­reich ge­ge­ben sein müs­se, für den Ule die Not­wen­dig­keit des ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Rechts­schut­zes er­kannt hat; beim Be­am­ten– re­spek­ti­ve of­fe­nen An­stalts­ver­hält­nis ist die di­rek­te An­wend­bar­keit der Grund­rech­te auf das Grund­ver­hält­nis weit­ge­hend ein­ge­schränkt,[138] da hier im Be­triebs­ver­hält­nis Rechts­fra­gen über­haupt erst ent­ste­hen kön­nen, wenn es zu einem Rück­griff auf das Grund­ver­hält­nis kommt.

Es kann fest­ge­stellt wer­den, daß Ules Bei­trag zur Staats­rechts­leh­rer­ta­gung 1956 einen wes­ent­li­chen Fort­schritt bei der An­pas­sung der Leh­re vom be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis an die Er­for­der­nis­se der ver­än­der­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen Si­tua­tion Deutsch­lands nach dem Zwei­ten Welt­krieg so­wie für ih­re künf­ti­ge Brauch­bar­keit dar­stellt.[139]


6.2 Der Be­schluß des deut­schen Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich d­tes vom 14. März 1972


Die be­reits bei der Be­hand­lung der Dis­zi­plin an­ge­spro­che­nen Li­be­ra­li­sie­run­gen der sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jah­re in der BRD[140] brin­gen für die Leh­re vom be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis — trotz der weit­ge­hen­den Zu­stim­mung, die Ules Vor­schlä­ge auf und nach der Staats­rechts­leh­rer­ta­gung 1956 er­hal­ten hat — eine zu­nehm­en­de Front der Kri­tik und Ab­leh­nung.[141]

Die­se Ent­wick­lung er­reich­te in dem Be­schluß des deut­schen Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­ho­fes vom 14. März 1972 einen Hö­he­punkt.[142] Eini­ge Ar­gu­men­te die­ser Ent­schei­dung be­dür­fen je­doch nä­he­rer kri­ti­scher Be­trach­tung.

Die Fest­stel­lung des Ge­richts, daß es einer­seits in Deutsch­land (noch) kein Straf­voll­zugs­ge­setz ge­be, die Leh­re vom be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis je­doch über­kom­men sei,[143] er­scheint un­be­frie­di­gend, da sie — im Ge­gen­satz zur Nach­kriegs­leh­re zum be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis — keine uni­ver­sell an­wend­ba­re Lö­sung des Pro­blems an­bie­tet. Zu be­zwei­feln ist auch, ob die Mei­nung des Ge­richts, „daß die tra­di­tio­nel­le Aus­ge­stal­tung des Straf­voll­zu­ges als eines ‚be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses’ es zu­ließ, die Grund­rech­te des Straf­ge­fan­ge­nen in einer un­er­träg­li­chen Un­be­stimmt­heit zu re­la­ti­vie­ren”,[144] kor­rekt ist; schließ­lich sind be­reits in der klas­si­schen Leh­re Rechts­staats­ge­dan­ke und Grund­rechts­gel­tung im be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis ver­tre­ten wor­den.[145] Fest­zu­hal­ten ist, daß auch je­ner Teil der Leh­re, der sich nach dem Zwei­ten Welt­krieg für die Wei­ter­ent­wick­lung der Theo­rie aus­ge­spro­chen hat, die Grund­rechts­gel­tung im be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis nicht leug­net, son­dern viel­mehr be­jaht.[146]

Dem hat das Ge­richt auch nicht Rech­nung ge­tra­gen in Wür­di­gung der Tat­sa­che, daß sich al­le Maß­nah­men im be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis — selbst un­ter An­nah­me eines (grund–)rechts­frei­en Rau­mes! — strikt am Zweck des­sel­ben zu ori­en­tie­ren ha­ben.[147] Das Ge­richt hat aber zu Recht ver­neint, daß es es zweck­ent­spre­chend sei, den Brief eines Straf­ge­fan­ge­nen we­gen seines be­lei­di­gen­den In­hal­tes zu­rück­zu­hal­ten.[148] Es er­scheint da­her un­ge­recht­fer­tigt, die­sen Be­schluß als „Ab­schied von der Rechts­fi­gur des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses”[149] zu se­hen, zu­mal Ule be­reits 1956 die Not­wen­dig­keit des ge­richt­li­chen Rechts­schut­zes — und da­mit auch des Grund­rechts­schut­zes — für die be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­se ge­schlos­se­ner An­stal­ten fest­ge­stellt hat.[150] Es be­darf da­her nicht ein­mal eines Rück­griffs auf das Grund­ver­hält­nis, um ge­gen Maß­nah­men, die in Grund­rech­te ein­grei­fen, aber durch den An­stalts­zweck al­lein nicht zu recht­fer­ti­gen sind, ge­richt­li­chen Rechts­schutz ge­wäh­ren zu kön­nen. Die Rechts­fi­gur des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses ver­hin­dert dies auf kei­ne Wei­se.

Meines Er­ach­tens liegt da­her die Be­deu­tung die­ser Ent­schei­dung nicht in der Ab­sa­ge an die Leh­re vom be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis, son­dern in ih­rem Auf­trag und An­stoß zur Ver­recht­lich­ung der­sel­ben[151] so­wie in der Fest­stel­lung, daß der Ge­setz­ge­ber nicht um­hin­kom­men wird, da­bei auf Ge­ne­ral­klau­seln zu­rück­zu­grei­fen.[152]


7 Das En­gel–Urteil des EGMR


Auch der EGMR hat sich in seinem Urteil um Fall En­gel u.a. vom 8. Ju­ni 1976[153] mit der Ein­schränk­bar­keit von Grund­rech­ten im be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis des Wehr­rechts aus­ein­an­der­ge­setzt.[154] In Punkt 54 der Ent­schei­dungs­grün­de stellt der EGMR die Gel­tung der Kon­ven­tions­rech­te für Mi­li­tär– wie Zi­vil­per­so­nen glei­cher­ma­ßen grund­sätz­lich fest,[155] ver­weist aber gleich­zei­tig auch auf ihre kon­ven­tions­ge­mä­ßi­ge Ein­schränk­bar­keit nach Art. 4 Abs. 3b so­wie Art. 11 Abs. 2 EMRK.[156] Fest­zu­hal­ten ist je­doch, daß nicht nur für die Gel­tung der Grund­rech­te, son­dern auch für die Vor­aus­set­zun­gen zu ih­rer Ein­schrän­kung — bei­spiels­wei­se in einem be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis — die Kon­ven­tion selbst re­spek­tive kon­ven­tions­kon­for­me na­tio­na­le Nor­men das Maß der Din­ge sind.

Von grund­le­gen­der Be­deu­tung sind auch die Aus­füh­run­gen des EGMR zur Un­ter­schei­dung einer straf­recht­li­chen An­kla­ge von einer sol­chen mit dis­zi­pli­nä­rem Cha­rak­ter.[157] Einem Staat steht es dem­nach frei, bei Ver­stö­ßen von Sol­da­ten „ge­gen eine den Be­trieb der Streit­kräf­te re­geln­de Rechts­norm ... grund­sätz­lich das Dis­zi­pli­nar­recht an­stel­le des Straf­rechts ge­gen ihn zur An­wen­dung zu brin­gen.”[158] Da es dem Sinn der EMRK je­doch zu­wi­der­lau­fen wür­de, kön­n­ten Staa­ten das — an sich kon­ven­tions­ge­mäße[159] — Dis­zi­pli­nar­recht be­lie­big in den straf­recht­li­chen Be­reich aus­deh­nen und da­mit die Be­stim­mun­gen der Kon­ven­tion um­ge­hen, stellt der EGMR seine Zu­stän­dig­keit für die Kon­tro­l­le dar­ü­ber fest,[160] ob ver­häng­te dis­zi­pli­nä­re Maß­nah­men be­reits straf­recht­li­chen Cha­rak­ter ha­ben.[161]

Die­se Be­schäf­ti­gung mit dem We­sen des Dis­zi­pli­nar­rechts, einem der wich­tig­sten Merk­ma­le des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses, führt den EGMR im kon­kre­ten Fall des Art. 5 Abs. 1 EMRK er­neut zur Fest­stel­lung der Grund­rechts– und Kon­ven­tions­gel­tung im Wehr­recht, je­doch sub­su­miert er ge­wis­se dis­zi­pli­nä­re Maß­nah­men — wie et­wa den leich­ten oder den ver­schärf­ten Ar­rest — nicht un­ter die von der Kon­ven­tion ge­schütz­ten Tat­be­stän­de.[162]

Be­son­ders in Staa­ten wie der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land oder der Schweiz, in de­nen eine in­ten­si­ve wis­sen­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit dem be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis statt­ge­fun­den hat, ist die not­wen­dig ge­wor­de­ne An­pas­sung der Ju­di­ka­tur an je­ne des EGMR schnel­ler und leich­ter er­folgt[163] als bei­spiels­wei­se in Staa­ten, de­ren Recht vom Rechts­po­si­ti­vis­mus ge­prägt ist, der eine Aus­ein­an­der­set­zung mit die­ser Theo­rie ab­lehnt.[164]


8 Die wei­te­re Ent­wick­lung der Leh­re bis heu­te


Der Be­schluß des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes von 1972 wie auch das En­gel–Ur­teil des EGMR ha­ben die Dis­kus­sion über die Theo­rie zum be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis neu an­ge­facht.[165] Wäh­rend das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis in der Ju­di­ka­tur wei­ter­hin sei­nen Platz be­hält,[166] er­gibt sich in der dog­ma­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung wei­ter­hin eine Zwei­tei­lung der Po­si­tio­nen:

Auf der einen Sei­te grei­fen die Geg­ner der Theo­rie die­se wei­ter­hin an un­ter (den ak­tu­el­len Stand der Leh­re meist ig­no­rie­ren­den[167]) Hin­wei­sen auf ih­ren „vor­rechts­staat­li­chen Ge­walt­cha­rak­ter”,[168] ver­lie­ren sich in Be­grif­fe wie „tech­no­kra­ti­sche Ge­walt­ver­hält­nis­se[169] mit kom­pli­zier­ter Tech­no­struk­tur”,[170] for­dern die Ju­sti­zi­a­bi­li­sie­rung, Par­la­men­ta­ri­sie­rung und Bü­ro­kra­ti­sie­rung der so­zia­len Eigen­ge­setz­lich­kei­ten des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses[171] oder ver­su­chen, es durch Um­be­nen­nun­gen ab­zu­schwä­chen.[172]

Eine ernst­zu­neh­men­de Aus­ein­an­der­set­zung bie­tet et­wa Kie­pe, der — in Über­ein­stim­mung mit dem En­gel–Ur­teil des EGMR — fest­stellt, daß „die Grund­rech­te auch in be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­sen nur nach Maßga­be der nach dem Grund­ge­setz für die Ein­schrän­kung von Grund­rech­ten all­ge­mein gel­ten­den Re­geln ein­ge­schränkt wer­den dür­fen.”[173] Auer­dem weist er auf die Un­mög­lich­keit ne­ben dem Ver­fas­sungs­recht exi­stie­ren­den Ge­wohn­heits­rechts hin, das viel­fach — auch in der Recht­spre­chung[174] — zur Be­grün­dung einer Grund­rechts­ein­schrän­kung her­an­ge­zo­gen wor­den ist.

Kie­pes Kri­tik an Ules Zwei­tei­lung des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses er­scheint je­doch zu we­nig dif­fe­ren­ziert;[175] auch im Be­triebs­ver­hält­nis sind al­le We­sens­merk­ma­le des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses er­füllt,[176] es ist da­her ver­fehlt, das Be­triebs­ver­hält­nis dem all­ge­mei­nen Ge­walt­ver­hält­nis zu­zu­ord­nen.

Zu Recht be­män­gelt Kie­pe, daß die Recht­spre­chung durch die Aus­wei­tung des Ge­set­zes­vor­be­hal­tes die An­for­de­run­gen an den­sel­ben mehr und mehr ab­ge­baut hat.[177]

Auf der an­de­ren Sei­te ste­hen die Be­für­wor­ter der Leh­re, die teil­wei­se — ähn­lich ih­ren Geg­nern — ver­su­chen, durch be­griff­li­che Ab­schwä­chun­gen wie „Son­der­sta­tus­ver­hält­nis”,[178] „be­son­de­res Rechts­ver­hält­nis”[179] oder „Son­der­rechts­ver­hält­nis”[180] dem be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis seinen ne­ga­ti­ven Bei­ge­schmack zu neh­men, was durch­aus auf Kri­tik aus den eige­nen Rei­hen stößt:[181] Die­se „Be­griffs­kos­me­tik”[182] be­wirkt die Ver­schlei­e­rung des eigent­li­chen Hin­ter­grun­des, schließ­lich ist eine „Ter­mi­no­lo­gie­re­form” einer Dis­kus­sion über In­hal­te nur hin­der­lich.[183]

Die end­gül­ti­ge An­pas­sung der Leh­re zum be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis an die Recht­spre­chung von BVerfG und EGMR[184] brin­gen 1984 die Vor­trä­ge von Lo­schel­der, Ro­nel­len­fitsch, Mer­ten, Ule und Schen­ke.[185] Ro­nel­len­fitsch, der schon bald nach dem Ent­scheid des BVerfG durch die vor­schnel­le Auf­ga­be des Rechts­in­sti­tuts „das Kind mit dem Ba­de aus­ge­schüt­tet”[186] ge­se­hen hat, stellt für den ak­tu­el­len Stand der Leh­re fest:[187]

(1) Der Ge­set­zes­vor­be­halt gilt auch im be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis.

(2) Auch die Aus­übung von Grund­rech­ten kann im be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis nur durch Ge­setz oder auf­grund eines Ge­set­zes be­schränkt wer­den.

(3) Eine ori­gi­nä­re Rechts­set­zungs­ge­walt der Exe­ku­ti­ve be­steht im be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis nicht.

(4) Auch ge­gen Maßnah­men in­ner­halb des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses ist bei Rechts­be­ein­träch­ti­gun­gen des Ge­walt­un­ter­wor­fe­nen Rechts­schutz ge­ge­ben.

Trotz seiner in­zwi­schen ein­ge­tre­te­nen und be­reits fest­ge­stell­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­deu­tungs­lo­sig­keit[188] bleibt das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis dank sei­ner An­pas­sungs­fä­hig­keit an die je­wei­li­gen Er­for­dern­is­se im­mer noch eine ver­wal­tungs­recht­li­che Ka­te­go­rie,[189] auf die das Bon­ner Grund­ge­setz aus­drück­lich Be­zug nimmt;[190] es ist so­mit kein ob­rig­keits­staat­li­ches Re­likt, son­dern ist fak­tisch exi­stent und hat blei­ben­de Be­deu­tung im Ver­wal­tungs­recht.[191]

In­ge­samt kann da­her be­rech­tig­ter­wei­se mit Luthe — der der Leh­re kri­tisch ge­gen­ü­ber­steht — von einer „Re­stau­ra­tion des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses in der ver­wal­tungs­recht­li­chen Dog­ma­tik” ge­spro­chen wer­den.[192]


Ex­kurs: Ge­ne­ral­klaus­eln — ein Ü­bel?


Zu Un­recht wer­den Ge­ne­ral­klaus­eln ver­all­ge­mei­nernd ne­ga­tiv be­wer­tet. Ihr Vor­teil liegt — im Ge­gen­satz zu einer po­si­ti­vi­sti­schen Flut von Nor­men, die sich teil­wei­se vom Grund­rechts­ka­ta­log in­halt­lich ent­fer­nen kön­nen[193] — in einer viel di­rek­te­ren und da­mit über­schau­ba­re­rer, so­mit für Wei­sungs­ge­ber und Wei­sungs­emp­fän­ger[194] (für Grund­wehr­die­ner und ih­re Vor­ge­setz­ten) glei­cher­ma­ßen leich­ter nach­voll­zieh­ba­ren Eva­lu­ie­rungs­mög­lich­keit in be­zug auf die Grund­rech­te; der grund­rechts– und da­mit ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Durch­griff auf die ein­zel­ne Ent­schei­dung ist in­ner­halb einer Ge­ne­ral­klau­sel viel stär­ker, wie nach­fol­gen­de sche­ma­ti­sche Dar­stel­lung ver­an­schau­licht.[195]



Die Gra­phik zeigt, daß die Ahn­dung von mi­li­tä­ri­schen Pflicht­ver­let­zun­gen durch die Ge­ne­ral­klau­sel, aber auch durch rechts­satz­freie Be­rei­che we­sent­lich di­rek­ter und da­mit grund­rechts­na­her ge­stal­tet wer­den kann als durch eine po­si­ti­vi­sti­sch–de­tail­lier­te Nor­men­flut, näm­lich über den Um­weg einer Viel­zahl von aus­füh­ren­den Ge­set­zen und/oder Ver­ord­nun­gen.

Ein Nach­teil der Ge­ne­ral­klaus­eln er­gibt sich aus der Tat­sa­che, daß sie — im Rah­men der Dis­zi­plin — ein recht gro­ßes Ver­ant­wor­tungs­be­wußt­sein so­wie eine in­ten­si­ve­re Aus­ein­an­der­set­zung mit dem ge­ne­rell–ab­strak­ten Grund­rechts­ka­ta­log und seine Be­deu­tung für die in­di­vi­du­el­le Kon­kret­i­sie­rung durch eine Wei­sung bei al­len Be­tei­lig­ten (Sol­da­ten) vor­aus­setzt, wor­aus sich hö­he­re An­sprü­che und Her­aus­for­de­run­gen an die mi­li­tä­ri­sche Aus­bil­dung — vor al­lem der Of­fi­zie­re — er­ge­ben.

Aus de­mo­kra­ti­scher Sicht je­doch, die freie, mü­n­di­ge, das heißt um ih­re Rech­te und Pflich­ten wis­sen­de Bür­ger als Ba­sis eines funk­tio­nie­ren­den ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­le­bens er­for­dert, ist die­se Tat­sa­che nicht als Nach­teil zu se­hen.


9 Das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis in Öster­reich


Die öster­rei­chi­sche Leh­re der Zwi­schen­kriegs­zeit be­schäf­tigt sich — vor al­lem un­ter dem Ein­fluß des Rechts­po­si­ti­vis­mus Kel­sens — nur ge­ring­fü­gig und ab­leh­nend mit dem be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis;[196] sie wur­de in Öster­reich nicht über­nom­men.[197]

Zu­dem er­scheint zu­min­dest bei ober­fläch­li­cher Be­trach­tungs­wei­se das in Art. 18 B–VG nor­mier­te Le­ga­li­täts­prin­zip hier­zu­lan­de je­de Dis­kus­sion über die­ses Rechts­in­sti­tut über­flüs­sig zu ma­chen.[198] Da­her wer­den erst ge­rau­me Zeit nach dem Zwei­ten Welt­krieg ver­ein­zelt öster­rei­chi­sche Bei­trä­ge zu die­sem The­ma ver­öf­fent­licht.[199]

Er­ma­co­ra geht von der fak­ti­schen Exi­stenz der be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­se aus,[200] die „sich ent­we­der durch be­son­de­re Ab­hän­gig­kei­ten des Ein­zel­nen zum Staat oder aber durch die Exi­stenz recht­li­cher An­ord­nun­gen, die oh­ne ge­setz­li­che Grund­la­ge in ver­fas­sungs­wi­dri­ger Wei­se[201] ihr Eigen­le­ben füh­ren,” aus­zeich­nen; er un­ter­teilt sie einer­seits in pa­tri­mo­nia­le[202] (tra­di­tio­nel­le) und an­der­seits in mo­der­ne[203] be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis­se und stellt für die er­ste Grup­pe — mit Aus­nah­me der Schul­ver­hält­nis­se — vor al­lem für den öster­rei­chi­schen Be­am­ten eine weit­ge­hen­de Ver­recht­lich­ung[204] so­wie aus­rei­chen­de ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Prü­fungs­mög­lich­keit fest.[205]

In wei­te­rer Fol­ge wer­den die noch norm­frei­en Be­rei­che der be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­se im­mer weit­ge­hen­der und im­mer de­tail­lier­ter ver­recht­licht; als Bei­spie­le sei­en hier nur das StVG[206] und die ADV[207] er­wähnt.

Eine gu­te Dar­stel­lung der wei­te­ren — wenn auch spär­li­chen — dog­ma­ti­schen Be­hand­lung des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses in Öster­reich bie­tet 1984 Sze­ku­lics, der sich mit dem Wehr­recht nä­her be­schäf­tigt. Er selbst ver­steht un­ter die­sem Be­griff in Hin­blick auf das in Öster­reich durch „Le­ga­li­täts­prin­zip, nach­prü­fen­de Kon­trol­le durch die Ge­richts­hö­fe des öf­fent­li­chen Rechts und Ga­ran­tie der Grund­rech­te”[208] fest­ge­leg­te rechts­staat­li­che Prin­zip Rechts­be­rei­che, für die cha­rak­te­ri­stisch ist, „daß die be­zo­ge­nen For­de­run­gen der Ver­fas­sung in un­ter­ge­ord­ne­ten Nor­men nicht in dem Maße ver­wirk­licht sind, wie es in der all­ge­mei­nen Ver­wal­tung der Fall ist, in der nicht ver­schie­de­ne Vor­schrif­ten an eine be­stimm­te Eigen­schaft oder Funk­tion des Rechts­un­ter­wor­fe­nen an­knüp­fen. Ver­ein­facht und da­her un­ge­nau: der Rechts­staat mit ne­ga­ti­vem Vor­zei­chen.”[209] Zur Un­ter­schei­dung von dem „mit einem vor­rechts­staat­li­chen Odi­um” schein­bar un­trenn­bar be­haf­te­ten Be­griff des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses ver­wen­det er den Ter­mi­nus „be­son­de­res Rechts­ver­hält­nis”.[210]

Weis­sel, der sich in­ten­si­ver mit der ge­schicht­li­chen Ent­wick­lung des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses aus­ein­an­der­setzt, kon­sta­tiert für die öster­rei­chi­sche Leh­re, „daß sie den Be­griff des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses im Sinn der klas­si­schen Leh­re ver­steht und ihm in er­ster Li­nie Art 18 (1) B–VG ent­ge­gen­hält”[211] und daß vie­le der ne­ga­ti­ven Stel­lung­nah­men „auf einer über­hol­ten De­fi­ni­tion der Rechts­fi­gur des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses be­ru­hen und ih­re Ar­gu­men­te sich le­dig­lich auf die un­be­schränk­te Gel­tung von Art 18 (1) B–VG be­zie­hen, wel­che im üb­ri­gen un­be­strit­ten ist.”[212] Er gibt letzt­lich keine Ant­wort auf die Fra­ge, ob es das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis in der öster­rei­chi­schen Rechts­ord­nung über­haupt gibt,[213] hält aber fest, daß in je­nen Be­rei­chen, in de­nen der Ein­zel­ne in be­son­de­re Ab­hän­gig­keit zum Staat ge­rät, durch „eine spe­zi­el­le Rechts­form, die Wei­sung oder An­ord­nung, und die da­mit ver­bun­de­ne Ein­schränk­ung des Rechts­schut­zes” so­wie durch „die um­fang­rei­che per­so­nel­le Er­fas­sung des Rechts­un­ter­wor­fe­nen und sei­ne Un­ter­wer­fung un­ter eine Dis­zi­pli­nar­ord­nung” doch eine weit­ge­faß­te Dis­po­si­tions­be­fug­nis auch in Öster­reich gibt;[214] un­ter dem Hin­weis, daß die­se Son­der­be­zie­hun­gen voll und ganz dem Ge­dan­ken des Rechts­staa­tes un­ter­wor­fen sind,[215] ver­wen­det auch er den Be­griff „be­son­de­res Rechts­ver­hält­nis”.[216]

Was den Rechts­schutz im be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis be­trifft, so er­scheint vor al­lem auf­grund der Tat­sa­che, daß Weis­sel sich mit dem Wehr­recht be­schäf­tigt, sei­ne Kri­tik an Ules Un­ter­schei­dung zwi­schen Grund– und Be­triebs­ver­hält­nis ver­fehlt;[217] sie fin­det im öster­rei­chi­schen Recht al­len­falls auf das Be­am­ten– und auf of­fe­ne An­stalts­ver­hält­nis­se keine An­wen­dung.

Der Mei­nung Weis­sels, daß sich al­lein aus der für Öster­reich mehr­fach fest­ge­stell­ten un­zu­rei­chen­den Ver­wirk­li­chung des Le­ga­li­täts­prin­zips kein Be­weis für die Exi­stenz des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses ab­lei­ten läßt, ist zu­zu­stim­men;[218] er über­sieht je­doch hier­bei, daß der Be­schluß des BVerfG vom 14. März 1972 wei­te Tei­le der deut­schen Leh­re da­zu be­wegt hat, das Le­ga­li­täts­prin­zip auch für das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis an­zu­neh­men,[219] so­daß spä­te­stens seit die­sem Zeit­punkt Art. 18 B–VG kein Kri­te­ri­um für das Leug­nen sei­ner Exi­stenz sein kann. In­di­zi­en für die Exi­stenz des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses sind viel­mehr in der blo­ßen Exi­stenz von Wei­sun­gen[220] und Dis­zi­pli­nar­nor­men zu se­hen.


10 Die heu­ti­ge Be­deu­tung des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses


Mit Er­ma­co­ra[221] ist trotz der Ab­leh­nung in der öster­rei­chi­schen Leh­re in je­dem Fal­le von der fak­ti­schen Exi­stenz des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses aus­zu­ge­hen. Dies nicht nur in Öster­reich: In je­dem Staat gibt es für einen ge­wis­sen Kreis von Bür­gern Son­der­ver­hält­nis­se, die die­se einer be­son­de­ren Ab­hän­gig­keit zum Staat un­ter­wer­fen.[222] Vor al­lem aber in einer de­mo­kra­tisch ori­en­tier­ten Ge­sell­schaft[223] steht aber die Ge­stal­tung der be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­se im In­ter­es­se der Öf­fent­lich­keit. So liegt es im öf­fent­li­chen In­te­res­se, daß ein Beam­ter zur Ver­schwie­gen­heit ver­pflich­tet,[224] ein Rich­ter zwar un­ab­hän­gig (d.h. vom be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis in der Aus­übung seines Am­tes aus­ge­nom­men) ist, je­doch — als Aus­druck seiner gro­ßen per­sön­li­chen Ver­ant­wor­tung und um vor einem Miß­brauch die­ser Un­ab­hän­gig­keit ab­zu­schrecken — einem be­son­de­ren Dis­zi­pli­nar­recht un­ter­liegt, das ihn u.a. auch zu per­sön­li­cher Un­vor­ein­ge­nom­men­heit an­hal­ten soll.

Die­se Tat­sa­che des be­rech­tig­ten öf­fent­li­chen In­ter­es­ses[225] ist mei­nes Er­ach­tens die Le­gi­ti­ma­tion da­für, daß in Öster­reich vie­le In­ter­es­sens­ver­tre­tun­gen als Kör­per­schaf­ten (= An­stal­ten) öf­fent­li­chen Rech­tes und nicht als pri­va­te Ver­eini­gun­gen or­ga­ni­siert und mit je­weils eige­ner Dis­zi­pli­nar­ge­walt aus­ge­stat­tet wor­den sind.[226]

Das Le­ga­li­täts­prin­zip des Art. 18 B–VG ist kein Hin­der­nis für die Exi­stenz des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses; es äußert sich le­dig­lich in einer — durch­aus un­er­freu­li­chen — Nor­men­flut,[227] die aber auch nicht in der La­ge ist, das rechts­staat­li­che Prin­zip eini­ger­ma­ßen zu ver­wirk­li­chen.[228] Ge­ra­de im Be­reich des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses, das ty­pi­scher­wei­se einer voll­stän­di­gen Po­si­ti­vie­rung ent­zo­gen ist, kön­nen ent­spre­chen­de Ver­recht­li­chungs­ver­su­che die Ver­wen­dung von Ge­ne­ral­klaus­eln nicht ver­mei­den.[229]

Daß sich der öster­rei­chi­sche Rechts­po­si­ti­vis­mus nicht mit einem na­tur­recht­lich ge­präg­ten Rechts­in­sti­tut in Ein­klang brin­gen lä­ßt, das, wie das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis, auf Be­grif­fe wie Dis­zi­plin, Ver­ant­wor­tung oder Pflicht­er­fül­lung ab­stellt, ist of­fen­sicht­lich. Er führt aber ge­ra­de da­zu, daß bei­spiels­wei­se im Wehr­be­reich die aus de­mo­kra­ti­scher und rechts­staat­li­cher Sicht ver­pön­ten „sol­da­ti­schen Auto­ma­ten”[230] er­for­der­lich sind, die et­wa auch rechts­wi­dri­gen Wei­sun­gen zu ge­hor­chen ha­ben.[231]

Die deut­sche Leh­re vom be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis kann der öster­rei­chi­schen Rechts­wis­sen­schaft zu­min­dest als Ori­en­tie­rungs­hil­fe die­nen, den — vom po­si­ti­vi­sti­schen Stand­punkt her — schwam­mi­gen, ja ge­ra­de­zu un­sin­ni­gen Be­grif­fen wie „Dis­zi­plin” und „Pflicht­er­fül­lung” einen sinn­vol­len In­halt ge­ben zu kön­nen;[232] auf die­se Wei­se könn­te das Pa­ra­do­xon auf­ge­löst wer­den, daß das Mi­li­tär­recht vom Sol­da­ten einer­seits Dis­zi­plin ver­langt, an­der­seits aber die­sem Be­griff vom Rechts­po­si­ti­vis­mus — und da­mit auch vom öster­rei­chi­schen Recht all­ge­mein — der ge­sell­schaft­lich re­le­van­te, mo­ra­lisch–sitt­li­che Leit­fa­den ge­nom­men wird, so­daß die Aus­ge­stal­tung die­ses Be­grif­fes, die In­ter­pre­ta­tion von „Dis­zi­plin”, wie­der im Er­mes­sen des je­wei­li­gen Vor­ge­setz­ten liegt. Zu einem sol­chen, we­gen der Will­kür­ge­fahr aus rechts­staat­li­chen Er­wä­gun­gen be­denk­li­chen und da­her ab­zu­leh­nen­den Er­geb­nis kommt hin­ge­gen die Leh­re vom be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis seit ge­rau­mer Zeit weit­est­ge­hend nicht mehr.



[52] § 3 Abs 2 S 1 ADV.

[53] Sze­ku­lics in JBl 231, rSp; vgl auch Lo­schel­der in Mer­ten 9.

[54] Rich­tig da­ge­gen Ule in VVDStRL 15 180 mwN: „Das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis ist al­so recht­lich weit­ge­hend of­fen, näm­lich für die Ent­wick­lung und den Wan­del, der sich in den äuße­ren Ver­hält­nis­sen und in den An­schau­un­gen der Men­schen voll­zieht.” Zur Not­wen­dig­keit, das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis aus seiner ge­schicht­li­chen Ent­wick­lung her­aus zu ver­ste­hen, vgl et­wa Lo­schel­der in Mer­ten 16 f; Ro­nel­len­fitsch in Mer­ten 34.

[55] Vgl wei­ter un­ten die Aus­füh­run­gen zu La­band.

[56] Vgl Ada­mo­vich/Funk All­ge­meines Ver­wal­tungs­recht 204; Weis­sel Dis­ser­ta­tion 10.

[57] Vgl zB Er­ma­co­ra in DÖV 1956 529 ff; ders in ÖJZ 1969 665 rSp; ders Hand­buch der Grund­frei­hei­ten und Men­schen­rech­te 80 ff; ders Grund­riß der Men­schen­rech­te in Öster­reich 82 RZ 317; Ada­mi­vich/Funk All­ge­meines Ver­wal­tungs­recht 203 ff; Ada­mo­vich/Funk Öster­rei­chi­sches Ver­fas­sungs­recht2 257 u 317; Wal­ter/Ma­yer Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­recht4 RZ 73; Wal­ter/Ma­yer Be­son­de­res Ver­wal­tungs­recht2 158; Geist­lin­ger in ÖZöR 1982 82; Da­vy in ZfV 1991 560 mwN.

[58] Me­yers Großes Ta­schen­le­xi­kon3 1990, Bd VIII 177.

[59] Zur Ent­ste­hung er­ster fak­ti­scher Ge­walt­ver­hält­nis­se in Frank­reich über ihre Aus­prä­gung im mit­tel­al­ter­li­chen Le­hens­we­sen bis hin zum neu­zeit­li­chen Ab­so­lu­tis­mus vgl Wen­nin­ger Ge­schich­te 15–32 mwN. Zu den all­ge­mei­nen recht­li­chen Grund­la­gen in die­ser Zeit­span­ne vgl Wen­nin­ger Ge­schich­te 62–93. Zur Aus­ge­stal­tung des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses bzgl des Wehr­ver­hält­nis­ses in die­ser Zeit vgl Wen­nin­ger Ge­schich­te 43–49; Hu­ber Ober­be­fehl, Ver­fü­gungs­recht und Be­fehls­ge­walt 1 ff.
Eine de­tail­lier­te Dar­stel­lung der Ent­wick­lung des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses wür­de den Rah­men die­ser Ar­beit spren­gen; vgl da­her für eine ge­naue­re Dar­stel­lung Wen­nin­ger Ge­schich­te 94–152 mwN.

[60] All­ge­mei­nes Land­recht für die Preu­ßi­schen Staa­ten, 1794.

[61] Tit 10 II §§ 1–3 ALR; vgl da­zu ua Hug–Bee­li Wo liegt die Gren­ze? 33; Wen­nin­ger Ge­schich­te 37 f.

[62] Carl Fried­rich Wil­helm Frei­herr von Ger­ber, 11.04.1823–23.12.1891; als säch­si­scher Kul­tus­mi­ni­ster (seit 1871) be­traut mit der Re­form des Bil­dungs­we­sens.

[63] Vgl Wen­nin­ger Ge­schich­te 99 ff.

[64] Vgl Wen­nin­ger Ge­schich­te 101 mwN.

[65] Wen­nin­ger Ge­schich­te 100 u FN 42 mwN.

[66] So schon 1845 Schmitt­hen­ner Grund­li­nien des all­ge­mei­nen oder idea­len Staats­rechts 278: „Die Un­ter­wer­fung in je­nen (öf­fent­li­chen Herr­schafts­ver­hält­nis­sen, Anm) ist an sich kein Rechts­ver­hält­nis, son­dern ein bloß sitt­li­ches Le­bens­ver­hält­nis, wel­ches aber da­durch, daß es durch eine Rechts­re­gel be­stimmt und be­grenzt wird, zu einem Rechts­ver­hält­nis wer­den kann.” Zu Schmitt­hen­ner vgl Wen­nin­ger Ge­schich­te 96.

[67] Vgl da­zu auch die Be­grün­dung von von Ger­ber, war­um er die Fa­mi­li­en­ver­hält­nis­se zu den or­ga­ni­schen (na­tür­li­chen, Anm) Ge­walt­ver­hält­nis­sen zählt: „... weil das be­grün­den­de Mo­ment bei­de Ma­le nicht in der Will­kür des pri­va­ten Wil­lens, son­dern in den hö­he­ren sitt­li­chen Na­tur­grund­la­gen des Rechts zu su­chen ist.” Zit nach Wen­nin­ger Ge­schich­te 100.

[68] Vgl Ro­nel­len­fitsch in DÖV 1981 934 lSp.

[69] Vgl La­band Staats­recht des Deut­schen Rei­ches; zit nach Wen­nin­ger Ge­schich­te 106.

[70] Irr­tüm­lich wird oft an­ge­nom­men, daß Ma­yer dies ge­tan hat. Von ihm wur­de der Be­griff je­doch erst 1888 ver­wen­det (vgl Wen­nin­ger Ge­schich­te 130 u FN 149); un­strit­tig ist je­doch, daß sei­ne Leh­re vom be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis die be­deu­tend­ste sei­ner Zeit war. In die­sem Sin­ne er­scheint es ge­recht­fer­tigt, Ma­yer — und nicht La­band — als den eigent­li­chen Be­grün­der der klas­si­schen Theo­rie vom be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis zu be­zeich­nen (vgl Wen­nin­ger Ge­schich­te 105).

[71] Vgl Wen­nin­ger Ge­schich­te 107 mwN.

[72] Rie­gel Dis­ser­ta­tion 17 mwN.

[73] Vgl Rie­gel Dis­ser­ta­tion 16 f; Wen­nin­ger Ge­schich­te 107 f mwN.

[74] Wen­nin­ger Ge­schich­te 109.

[75] Zum Rechts­satz­be­griff La­bands vgl Wen­nin­ger Ge­schich­te 110 ff mwN.

[76] Zit nach Wen­nin­ger Ge­schich­te 114 mwN. Zu La­band und zu seiner Be­grün­dung zum „rechts­frei­en Raum” im be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis vgl auch Köhl Die be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­se im öf­fent­li­chen Recht 46–48.

[77] In die­sem Ka­pi­tel wird aus­schließ­lich die er­ste Auf­la­ge des Wer­kes von 1895/96 zi­tiert.

[78] Ma­yer Deut­sches Ver­wal­tungs­recht 18.

[79] Ma­yer Deut­sches Ver­wal­tungs­recht 79: „Das ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ge­setz ist nur für ge­wis­se be­son­ders wich­ti­ge Ge­gen­stän­de zur not­wen­di­gen Be­din­gung al­ler Staats­tä­tig­keit ge­macht wor­den. Für al­le üb­ri­gen ist die voll­zie­hen­de Ge­walt an sich frei; sie wirkt aus eige­ner Kraft, nicht auf Grund des Ge­set­zes.”

[80] Ma­yer Deut­sches Ver­wal­tungs­recht 79: „Wir nen­nen den Aus­schluß des selb­än­di­gen Vor­ge­hens, der be­züg­lich je­ner aus­ge­zeich­ne­ten Ge­gen­stän­de be­steht, den Vor­be­halt des Ge­set­zes.” Zur hi­sto­ri­schen Ent­wick­lung des Ge­set­zes­vor­be­hal­tes vgl Köhl Die be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­se im öf­fent­li­chen Recht 14 f.

[81] Vgl da­zu et­wa Wal­ter/Ma­yer Grund­riß des öster­rei­chi­schen Bun­des­ver­fas­sungs­rechts6 438 RZ 1335; Ada­mo­vich/Funk All­ge­meines Ver­wal­tungs­recht 86 f.

[82] Zu der die kon­sti­tu­tio­nel­le Mo­nar­chie kenn­zeich­nen­den „Ei­gen­tums– und Frei­heits­klau­sel” vgl Köhl Die be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­se im öffent­li­chen Recht 14.

[83] Vgl Ma­yer Deut­sches Ver­wal­tungs­recht 61.

[84] Dies sind je­ne drei Mög­lich­kei­ten, durch die nach Ma­yer ein be­son­de­res Ge­walt­ver­hält­nis be­grün­det wer­den kann.

[85] Paul Kahn Das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis im öffent­li­chen Recht, Dis­ser­ta­tion Ba­den–Ba­den 1912.

[86] Zit nach Wen­nin­ger Ge­schich­te 142 mwN.

[87] Eben­da.

[88] Kahn ging so­gar so­weit, daß er einen ge­wöhn­li­chen Bür­ger aus dem all­ge­meinen in ein be­son­de­res Ge­walt­ver­hält­nis he­raus­tre­ten lä­ßt, so­bald die­ser bei­spiel­wei­se ein Post­amt be­tritt oder sicheine Ei­sen­bahn­fahr­kar­te kauft, da er sich da­durch der je­wei­li­gen An­stalts­ord­nung un­ter­wer­fen mu­ß, wäh­rend bei Ma­yer die Be­grün­dung eines be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses nur bei An­stal­ten mit öffent­lich–recht­li­chem Cha­rak­ter mög­lich war (Kran­ken–, Ner­ven­hei­lan­stalt, Schu­le, Straf­an­stalt).

[89] So ist es auch nicht ver­wun­der­lich, wenn Ma­yer (Deut­sches Ver­wal­tungs­recht 79) zur Bin­dung im be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis schreibt: „Ehr­lich ge­spro­chen, er­scheint es uns eben selbst­ver­ständ­lich, daß die­se Ge­bun­den­hei­ten be­ste­hen, al­les an­de­re ist nur Vor­wand.” Die spä­te­re Ent­wick­lung, be­son­ders je­ne nach dem Zwei­ten Welt­krieg, wird zei­gen, daß die­ser Satz sehr gern als be­que­mer Vor­wand be­nutzt wur­de, um auf die näh­e­ren Grün­de die­ser Bin­dun­gen nicht ein­ge­hen zu mü­ssen.

[90] Zu Tho­ma vgl Wen­nin­ger Ge­schich­te 149–152.

[91] So et­wa in Sey­del/Pi­lo­try Staats­recht3 669: „Hoch­schul­leh­rer, Mi­nis­ter, Schul­kind und Zucht­häus­ler — al­le im glei­chen be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis!” Zit nach Wen­nin­ger Ge­schich­te 155.

[92] So 1909 Freu­den­thal Die staats­recht­li­che Stel­lung des Ge­fan­ge­nen. Vgl Wen­nin­ger Ge­schich­te.

[93] Vgl Wen­nin­ger Ge­schich­te 159.

[94] Vgl oben.

[95] Ma­yer Deut­sches Ver­wal­tungs­recht3 Vor­wort zur 3. Auf­la­ge.

[96] Vgl Ro­nel­len­fitsch in Mer­ten 38.

[97] Art 130 Abs 2 so­wie Art 133 Abs 2 WRV. Vgl Ro­nel­len­fitsch in Mer­ten 35; Wen­nin­ger Ge­schich­te 196.

[98] Kie­pe in DÖV 400 lSp; Lu­the in DVBl 441 lSp, Wen­nin­ger Ge­schich­te 193.

[99] So die ob­jek­tiv ge­hal­te­ne Wür­di­gung von Wen­nin­ger Ge­schich­te 193. Zum nach­hal­ti­gen Ein­fluß der Leh­re Ma­yers vgl ua Hug–Bee­li Wo liegt die Gren­ze? 34.

[100] Vgl da­zu oben so­wie FN 96.

[101] Vgl da­zu Wen­nin­ger Ge­schich­te 197–201.

[102] Da­zu ge­nau­er Wen­nin­ger Ge­schich­te 201–203.

[103] Wen­nin­ger Ge­schich­te 170.

[104] Freu­den­ber­ger Bei­trä­ge zur Leh­re vom be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis. Vgl Wen­nin­ger Ge­schich­te 239.

[105] Freu­den­ber­ger Bei­trä­ge 167.

[106] Was bei Tho­ma noch die Aus­nah­me ge­we­sen ist, ist bei Freu­den­ber­ger die Re­gel: Das Ge­setz (Grund­recht) be­stimmt den in­ne­ren Er­mes­sens­spiel­raum der Ver­wal­tung und da&mit den Grad der Be­schrän­kung des Ge­walt­un­ter­wor­fe­nen; vgl da­zu oben so­wie FN 90.

[107] So zB Brohm in DÖV 1964 240 lSp.

[108] Die­se Zeit wird von den meis­ten Auto­ren ü­ber­gan­gen, was da­rin seine Be­rech­ti­gung fin­den mag, daß die Rol­le, die das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis da­mals ge­spielt hat, oh­ne Aus­wir­kungen auf seine heu­ti­ge Aus­prä­gung ge­b­lie­ben ist. Ich fol­ge da­her im We­sent­li­chen der Dar­stel­lung Wen­nin­gers, die mE ob­jek­tiv ist. Vgl Wen­nin­ger Ge­schich­te 215–225.

[109] An die­sem Tag ü­ber­nahm Hit­ler ne­ben dem Amt des Reichs­kanz­lers (das er seit dem 30.01.1933 in­ne­hat­te) auch das des Reichs­prä­si­den­ten.

[110] Glei­ches ver­langt auch die Volks­ge­mein­schaft von ih­ren ein­zel­nen Mit­glie­dern; um dies durch­set­zen zu kön­nen, wer­den die straf­recht­li­chen Be­stim­mungen die­ser Zeit er­heb­lich ver­schärft. Daß Rechts­staat­lich­keit und Grund­rech­te in solch einem Kli­ma nicht als Maßstab her­an­ge­zo­gen wer­den, ver­steht sich von selbst.

[111] Zu Be­grif­fen wie „Ge­hor­sam” und Pflicht­er­fül­lung” im na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Sinn vgl ua Hit­ler Mein Kampf zB 587, 593 ff; be­son­ders deut­lich Eg­gers Von der Frei­heit des Krie­gers; zum un­be­ding­ten Ge­hor­sam und seinen ne­ga­ti­ven Fol­gen vgl Scheit­lin in ASMZ 7/1954 484.

[112] Vgl da­zu zB die Durch­hal­te­pro­pa­gan­da der Deut­schen Wo­chen­schau­en, insb in den letz­ten bei­den Kriegs­jah­ren.

[113] RGBl 1939 I 1455; vgl da­zu ua Schwin­ge Die Ent­wick­lung der Manns­zucht 54 f.

[114] Er­gän­zungs­ver­ord­nun­gen vom 01.11.1939, 27.02.1940, 15.08.1942, 31.03.1943. 05.05.1944 und vom 10.10.1944.

[115] RGBl 1939 I 1609.

[116] RGBl 1939 I 1683.

[117] Vgl da­zu ua § 5a Abs 1 KSStVO idF vom 05.05.1944: „... kann un­ter Über­schrei­tung des re­gel­mäßi­gen Straf­rah­mens die Stra­fe bis zur Höchst­gren­ze der an­ge­droh­ten Straf­art er­höht oder auf zeit­i­ges oder le­bens­lan­ges Zucht­haus oder auf To­des­stra­fe er­kannt wer­den, wenn der re­gel­mäßi­ge Straf­rah­men nach ge­sun­dem Volks­emp­fin­den zur Süh­ne nicht aus­reicht. ...”

[118] Wen­nin­ger Ge­schich­te 218.

[119] In die­se Zeit fällt auch die um­fas­sen­de Dar­stel­lung und Kri­tik von Köhl (1955), der sich je­doch mit seiner Kri­tik — wie Krü­ger — haupt­säch­lich an der tra­di­tio­nel­len Leh­re ori­en­tiert; vgl ua Köhl Die be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­se 82 f.

[120] BVerfG–Be­schl vom 14.03.1972 (2 BvR 41/71) in DÖV 1972 561–563; vgl NJW 1972 811–814.

[121] Er­ma­co­ra in VVDStRL 15 217 f. Zur Hal­tung der öster­rei­chi­schen Leh­re zum be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis sie­he un­ten Kap B.9.

[122] Krü­ger in VVDStRL 15 109–132.

[123] Krü­ger in VVDStRL 15 109 mwN.

[124] Er be­deu­tet nichts wei­ter als einen Rück­schritt in je­ne Zeit, in der — sehr ver­ein­zelt — et­wa das Be­tre­ten eines Post­am­tes noch als Ein­tritt in ein be­son­de­res Ge­walt­ver­hält­nis an­ge­se­hen wor­den ist (zB Kahn). Nach seit lan­gem herr­schen­der Leh­re wird dies zu Recht ab­ge­lehnt.

[125] Dies gilt be­reits für Krü­ger in NJW 38/1953 mit seinen Zi­ta­ten tra­di­tio­nel­ler Theo­ri­en (zB 1369 lSp; 1371 rSp; 1372 lSp; vgl Krü­ger in VVDStRL 15 112 so­wie 130 Leit­satz 4. Die­se Ge­walt als „un­ver­faßt” an­zu­se­hen, ent­spricht keines­wegs den Tat­sa­chen des Jah­res 1956; zu vie­le Be­rei­che der be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­se sind oder wer­den in die­ser Zeit be­reits durch „ver­faßte” Nor­men ge­regelt. Vgl da­zu et­wa das dSoldG vom 19.03.1956 (RGBl I 114) oder den Ent­wurf zur deut­schen Wehr­be­schwer­de­ord­nung, der als WBO am 23.12.1956 in Kraft ge­tre­ten ist (RGBl I 1066). Vgl zur Kri­tik auch We­ber in VVDStRL 15 (Aus­spra­che) 186 f.

[126] So et­wa Na­wi­as­ky in VVDStRL 15 (Aus­spra­che) 213: „Ge­gen­ü­ber den vor­wie­gend staats­phi­lo­so­phi­schen Äu­ße­rung­en von Herrn Krü­ger möch­te ich dar­auf auf­merk­sam ma­chen, daß es sich um ganz all­ge­mein–recht­li­che Be­grif­fe han­delt.” Vgl auch Köhl Das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis 82 f. Die­se Flucht der Ge­gner des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses in theo­re­tisch–phi­lo­so­phi­sche Ab­hand­lun­gen oh­ne oder mit nur ge­rin­ger Be­rück­sich­ti­gung seiner prak­ti­schen Be­deu­tung ver­stärkt sich bis in die spä­ten sech­zi­ger Jah­re; vgl et­wa Brohm in DÖV 1964 238 ff.

[127] Krü­ger in VVDStRL 15 128 f so­wie 132 Leit­sät­ze IV/18 und IV/19. Kri­tisch da­zu et­wa Merk in VVDStRL 15 (Aus­spra­che) 196 f.

[128] Ule in VVDStRL 15 133–185.

[129] Ule in VVDStRL 15 151.

[130] Ule in VVDStRL 15 151 f. Vgl für die spä­te­re Ent­wick­lung da­zu auch Ule in Mer­ten 79 f so­wie Schen­ke in Mer­ten 98 f. Für die An­stalts­ver­hält­nis­se vgl Thie­me in DÖV insb 528 lSp.

[131] Ule in VVDStRL 15 154 ff; er zählt da­zu zB die Er­nen­nung, Ent­las­sung oder Ver­set­zung eines Be­am­ten so­wie et­wai­ge Ne­ben­pflicht­en wie das Ver­bot der po­li­ti­schen Be­tä­ti­gung.

[132] Eben­da. Vgl Thie­me in DÖV 1956 528 lSp.

[133] Von den vie­len Bei­spie­len, die Ule an­gibt, sei an die­ser Stel­le nur das kur­ze Zeit vor der Staats­rechts­leh­rer­ta­gung 1956 in Kraft ge­tre­te­ne dSoldG er­wähnt, das für Kla­gen von Sol­da­ten aus dem Wehr­dienst­ver­hält­nis den Ver­wal­tungs­rechts­weg er­mög­licht. Vgl da­zu Ule in VVDStRL 15 153–155. zu den An­stalts­ver­hält­nis­sen vgl Thie­me in DÖV 1956 521–529, insb 528 f; die von ihm zi­tier­te Schutz­wür­dig­keits­the­o­rie Jel­li­neks (528 rSp) führt zu ähn­li­chen Er­geb­nis­sen wie Ules Leh­re, ist aber mE in­ter­pre­ta­tions­be­dürf­ti­ger als je­ne.

[134] Ule in VVDStRL 15 152.

[135] Ule in VVDStRL 15 155. Zu be­ach­ten sind auch die Be­grün­dun­gen (156 ff), insb je­ne für den nicht er­for­der­li­chen Rechts­schutz im Be­triebs­ver­hält­nis bei offe­nen An­stalts­ver­hält­nis­sen am Bei­spiel Schu­le (161): Ein — even­tu­ell rechts­wid­ri­ges — Ver­bot an Schü­le­rin­nen, in Ho­sen zur Schu­le zu kom­men, ist dem Be­triebs­ver­hält­nis zu­zu­rech­nen (Schul­ord­nung!). Eine Re­ge­lung des Kon­flik­tes bleibt den Be­tei­lig­ten (Schü­ler, El­tern, Leh­rer) über­las­sen. Erst dann, wenn der Ge­walt­un­ter­wor­fe­ne in seinen Rech­ten ein­ge­schränkt wird und es zu einem Rück­griff auf das Grund­ver­hält­nis kommt (zB bei einem Schul­ver­weis), wird der ge­richt­li­che Rechts­schutz not­wen­dig. Der Ver­gleich zu pri­va­ten Le­bens­be­rei­chen, bei­spiel­wei­se der Ehe, drängt sich hier ge­ra­de­zu auf; vgl auch Ule in VVDStRL 15 145 so­wie Rott­mann in EuGRZ 1985 288 rSp.

[136] Ein tech­ni­sches Wert­ur­teil ist nach Ule dann ge­ge­ben, wenneine (recht­lich re­le­van­te) Fra­ge nach an­de­ren als nach recht­li­chen Ge­sichts­punk­ten zu be­ant­wor­ten ist (zB das Vor­lie­gen einer Krank­heit oder die Leis­tungs­be­reit­schaft eines Schü­lers). Un­ver­tret­bar ist die­ses Ur­teil dann, wenn aus­schließ­licheine be­stimm­te Per­son oder Per­so­nen­grup­pe zur Be­ur­tei­lung die­ser Fra­ge her­an­ge­zo­gen wer­den kann, weil an­de­re Per­so­nen (et­wa ein Rich­ter) oder Per­so­nen­grup­pen (et­waeine päd­ago­gi­sche Hilfs­or­ga­ni­sa­tion) we­gen man­geln­der Sach­kennt­nis zur Be­ur­tei­lung nicht ge­eig­net sind (so ist es aus­schließ­lich dem Fach­leh­rer eines Schü­lers mög­lich, seine Leis­tung wäh­rend des Schul­jah­res im je­wei­li­gen Ge­gen­stand mit einer No­te zu be­ur­tei­len). Vgl. Ule in VVDStRL 15 167 ff.

[137] Ule in VVDStRL 15 180 so­wie Rott­mann in EuGRZ 286 mit FN 92.

[138] Dies gilt aber nicht füreine in­di­rek­te An­wen­dung der Grund­rech­te, et­wa als Leit­fa­den für die Be­ur­tei­lung der Fra­ge, wann die­ser Rück­griff auf das Grund­ver­hält­nis er­folgt.

[139] Vgl da­zu die idR po­si­ti­ven Stel­lungs­nah­men in der Aus­spra­che: VVDStRL 15 187–226.

[140] Vgl da­zu oben A.2.1.

[141] So zB Brohm in DÖV 1964; vgl et­wa auch Rie­gel Dis­ser­ta­tion 1975; Kie­pe in DÖV 1979 339–405 ua; vgl auch Ro­nel­len­fitsch in DÖV 1981 933 rSp so­wie FN 2 mwN. Die an­ge­spro­che­ne dog­ma­ti­sche Ver­la­ge­rung des Pro­blems der Ge­setz­ge­bung durch Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten, die ein Er­geb­nis des Bei­trags von Kie­pe ist, kann nicht ge­ra­de als des­sen Lö­sung be­trach­tet wer­den. Fast al­len Kri­ti­kern ist ge­mein, daß sie den ak­tu­el­len Stand der Ent­wick­lung der Leh­re nur we­nig be­rück­sich­ti­gen und zur Be­grün­dung ih­rer Ab­leh­nung auf „über­kom­me­ne An­sich­ten” zu­rück­grei­fen.

[142] Im BVerfGE 33 1 geht es um die Be­schwer­de eines Straf­ge­fan­ge­nen, des­sen Brief „mit be­lei­di­gen­dem In­halt” nach einer an sich recht­mäßi­gen, weil durch die An­stalts­ord­nung ge­deck­ten Kon­tol­le zu­rück­ge­hal­ten wur­de, we­gen mehr­fa­cher Grund­rechts­ver­let­zung (ua der Ver­let­zung des Rech­tes auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung gem Art 5 GG und Ver­let­zung des Brief­ge­heim­nis­ses iSd Art 10 GG). Das Ge­richt er­klär­te die Be­schwer­de für zu­läs­sig und be­grün­det (6 ge­gen 2 Stim­men). Vgl DÖV 1972 561–563.

[143] Vgl DÖV 1972 562 lSp.

[144] DÖV 1972 561 rSp.

[145] Vgl da­zu et­wa oben die Dar­stel­lun­gen zu Ot­to Ma­yer.

[146] Vgl Ro­nel­len­fitsch in DÖV 1981 936 lSp.

[147] So be­reits die klas­si­sche Leh­re; vgl da­zu aber auch Evers Das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis (1972!) 7: „Oh­ne Zwei­fel ist der An­stalts­zweck die äu­ßer­ste Gren­ze der An­stalts­ge­walt.” Auch das BVerfG stellt in seinem Be­schluß auf den An­stalts­zweck so­wie auf den Zweck der Ein­schrän­kung des Brief­ge­heim­nis­ses ab; vgl DÖV 1972 562 rSp.

[148] Vgl DÖV 1972 562 rSp: Der Grund­rechts­ein­griff ist nur dann zu­läs­sig, „wenn er un­er­läßlich ist, um den Straf­voll­zug auf­recht­zu­er­hal­ten und ge­ord­net durch­zu­füh­ren. Da­bei sind Sinn und Zweck des Straf­voll­zu­ges zu be­rück­sich­ti­gen.”

[149] So Bun­des­rich­ter Wolf Bo­gu­mil Maet­zel in den An­mer­kungen zu die­sem Be­schluß in DÖV 1972 563 rSp. An ihm ist of­fen­bar vor­ü­ber­ge­gan­gen, daß sich mitt­ler­wei­le „das aus der kon­sti­tu­tio­nel­len Mo­nar­chie tra­dier­te pa­tri­mo­nia­le Ge­walt­ver­hält­nis in ein rechts­staat­lich–li­be­ra­les Ge­walt­ver­hält­nis ver­wan­delt” hat; Evers Das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis 19.

[150] Ule in VVDStRL 15 155 so­wie 184 Leit­satz 9. Wie ua Ro­nel­len­fitsch zu­treffend in DÖV 1981 936 rSp fest­stellt, ha­ben die Bei­trä­ge des Rich­ters Ule die Pra­xis weit­ge­hend be­ein­flußt. Die­se bei einer grund­le­gen­den Ent­schei­dung ein­fach un­be­rück­sich­tigt zu las­sen, legt den Ver­dacht einer ein­sei­ti­gen, mög­li­cher­wei­se po­li­tisch mo­ti­vier­ten Ar­gu­men­ta­tion na­he.

[151] Vgl DÖV 1972 562 rSp.

[152] „Die Grund­rech­te von Straf­ge­fan­ge­nen kön­nen al­so nur durch oder auf­grund eines Ge­set­zes ein­ge­schränkt wer­den, das al­ler­dings auf — mög­lichst eng­be­grenz­te — Ge­ne­ral­klaus­eln nicht wird ver­zich­ten kön­nen.” DÖV 1972 561 rSp. Da­zu kri­tisch ua Ro­nel­len­fitsch in DÖV 1981 937 f; Ro­nel­len­fitsch in Mer­ten 43; Ule in Mer­ten 81 f.

[153] Ver­öf­fent­licht in Publications Série A Vol 22; Ma­te­ri­a­lien in Publications Série B Vol 20; vgl da­zu EuGRZ 1976 221–242; Ber­ger Ju­ris­pru­den­ce3 136–141; NJW 1976 811 ff ua.
Der Ge­richts­hof hat in seiner Ple­nar­be­set­zung (13 Rich­ter; da­zu näh­er Trifft­te­rer in EuGRZ 1976 363 mwN in FN 2) über die In­di­vi­du­al­be­schwer­den we­gen Kon­ven­tions­ver­let­zung (va in Be­zug auf Art. 5 und 6 EMRK) von 5 An­ge­hö­ri­gen der nie­der­länd­i­schen Streit­kräf­te, ge­gen die ver­schie­de­ne Dis­zi­pli­nar­stra­fen auf der Ba­sis nie­der­länd­i­scher Ge­set­ze ver­hängt wor­den sind, ent­schie­den. Aus­führ­li­che Ver­öf­fent­li­chung des Sach­ver­hal­tes in EuGRZ 1976 222 f.

[154] Aus­drück­lich in Pkt 54: „En interprétant et ap­pli­cant les nor­mes de la Con­ven­tion en l'espèce, la Cour doit ce­pen­dent res­ter at­ten­ti­ve aux par­ti­cu­la­ri­tés de la con­di­tion mi­li­taire et aux conséquences de cel­le–ci sur la si­tua­tion des mem­bres des for­ces armées.” Vgl Publications Série A Vol 22 23 (EuGRZ 1976 223). Auch wenn das „be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis” nicht ex­pres­sis ver­bis ge­nannt wird, so be­deu­tet doch das aus­drück­li­che Ein­ge­hen auf die „be­son­de­ren Ver­hält­nis­se des Mi­li­tärs” fak­tisch das An­er­kennt­nis seiner Exis­tenz. So auch Stein in EuGRZ 1976 285 lSp; ver­fehlt ist es je­doch mE, daß sich da­raus ab­lei­ten läßt, der EGMR ge­he da­her von einer be­reits durch das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis au­to­ma­tisch ein­ge­schränk­ten Gel­tung der Grund­rech­te aus; viel­mehr las­sen sich die­se erst auf Grund der Kon­ven­tion (und kon­ven­tions­kon­for­mer na­tio­na­ler Nor­men) ein­schrän­ken. Vgl da­zu Trifft­te­rer in EuGRZ 1976 367 lSp.

[155] Publications Série A Vol 22 23: „Ainsi que Gou­ver­ne­ment, Com­mis­sion et re­quérants s'accordent à le pen­ser, la Con­ven­tion vaut en prin­ci­pe pour les mem­bres des for­ces armées et non pas uni­que­ment pour les ci­vils.”

[156] Publications Série A Vol 22 23: „L'article 4 § 3 b) qui sous­trait le ser­vi­ce mi­li­taire à la pro­hi­bi­tion du tra­vail for­cé ou ob­li­ga­toi­re, con­fir­me au de­meu­rant qu'en règle généra­le les ga­ran­ties de la Con­ven­tion s'éten­dent aux mi­li­tai­res. Il en va de même de l'article 11 § 2 ...”

[157] Vgl Publications Série A Vol 22 34 ff (EuGRZ 1976 231 ff) Pkt 81 ff.

[158] Vgl Publications Série A Vol 22 35 (EuGRZ 1976 232) Pkt 82 Abs 3: „... qui au­rait trans­gres­sé une nor­me ju­ri­di­que régis­sant le fonc­tion­ne­ment des for­ces armées, l'Etat peut en prin­ci­pe uti­li­li­ser con­tre lui le droit dis­ci­pli­nai­re plu­tôt que le droit pénal.”

[159] Vgl Publications Série A Vol 22 34 (EuGRZ 1976 232) Pkt 81 Abs 4: „La Con­ven­tion per­met sans nul dou­te aux Etats ... de main­te­nir ou éta­blir une dis­tin­ction entre le droit pénal et droit dis­ci­pli­ai­re ...”

[160] Vgl Publications Série A Vol 22 34 (EuGRZ 1976 232) Pkt 81 Abs 5: „La Cour a donc compétence pour s'assurer ... que le dis­ci­pli­nai­re n'em­piête pas in­dûment sur le pénal.”

[161] Vgl da­zu Publications Série A Vol 22 25–26 (EuGRZ 1976 225) Pkt 60–63.

[162] Eben­da; vgl da­zu auch un­ten Kap F.

[163] Vgl da­zu et­wa für die Schweiz EuGRZ 1976 284 (An­fra­gen zwei­er Bun­des­rä­te zum En­gel–Ur­teil über mi­li­tä­ri­sches Dis­zi­pli­nar­recht) oder EuGRZ 1976 324 (Ori­en­tie­rungs­schrei­ben an die Trup­pen­kom­man­dan­ten der Ar­mee in Hin­blick auf die EMRK und Dis­zi­pli­nars­tra­frecht).

[164] Öster­reich war zB erst in jüng­ster Zeit in der La­ge, durch die No­vel­lie­run­gen der StPO und des HDG einen ent­spre­chen­den Ver­such in die­se Rich­tung zu un­ter­neh­men.

[165] Vgl et­wa Mer­ten in Mer­ten 5; Loschelder in Mer­ten 9 f.

[166] Vgl als ty­pi­sches Bei­spiel da­für die — wenn auch nicht ein­hel­li­ge — Ar­gu­men­ta­tion des BVerfG im Ur­teil vom 02.03.1977 (2 BvR 1319 1976); hier ging es um die dis­zi­pli­nä­re Be­stra­fung eines Sol­da­ten, der Un­ter­schrif­ten ge­gen das Kern­kraft­werk Wyhl ge­sam­melt hat­te.

[167] Vgl Mer­ten in Mer­ten 60.

[168] Lu­the in DVBl 1986 443 rSp mwN.

[169] Ge­meint sind et­wa ein „Ge­heim­nis­trä­ger eines Rüs­tungs­be­trie­bes” oder „ein Astro­naut, der einer tech­nisch be­ding­ten Dis­zi­pli­nie­rung un­ter­liegt, de­ren In­ten­si­tät das tra­dier­te Ge­walt­ver­hält­nis weit in den Schat­ten stellt.” Vgl Evers Das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis 21.

[170] Lu­the in DVBl 1986 446 lSp mwN.

[171] Vgl Lu­the in DVBl 1986 451 lSp.

[172] Ge­gen die „Ter­mi­no­lo­gie­re­form” äu­ßert sich zu Recht Loschelder in Mer­ten 12.

[173] Kie­pe in DÖV 1979 402 lSp; das ver­an­laßt ihn auch zur Fest­stel­lung: „Das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis hat als 'Re­likt des Ob­rig­keits­staa­tes' auf­ge­hört zu exis­tie­ren”; Kie­pe in DÖV 1979 402 rSp.

[174] Vgl da­zu et­wa Bay­VerfGH 1968; ab­ge­druckt in DÖV 1968 282–284.

[175] Kie­pe in DÖV 1979 403. Das all­ge­meine Ge­walt­ver­hält­nis steht nicht einem Grund– und einem Be­triebs­ver­hält­nis ge­gen­über, wie Kie­pe an­nimmt, son­dern dem be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis als Gan­zes; Ules Zwei­tei­lung dient le­dig­lich der Be­ur­tei­lung des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses an sich.

[176] Sein prak­ti­scher Sinn ist wohl da­rin zu se­hen, ent­ste­hen­de Kon­flik­te mög­lichst klein zu hal­ten, qua­si „vor Ort” lö­sen zu kön­nen und so­mit letzt­lich die Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit zu ent­las­ten. Ein Ver­gleich mit der Ar­gu­men­ta­tion des EGMR im Fall En­gel ua drängt sich auf: Auch hier wirdeine Frei­heits­be­schrän­kung nicht un­ter Art 5 Abs 1 EMRK sub­su­miert, da sie als dis­zi­pli­nä­re Ma­ßnah­me den Be­trieb des Mi­li­tär­diens­tes be­trifft; erst dann, wenn auch das Grund­ver­hält­nis be­rührt wird, greift der Grund­rechts­schutz der Kon­ven­tion. Zu be­den­ken ist aber hier­bei auch, daß Ule be­reits 1956 im Wehr­recht den Grund­rechts­schutz auch im Be­triebs­ver­hält­nis für not­wen­dig er­ach­tet hat! Vgl VVDStRL 15 155.

[177] Vgl Kie­pe in DÖV 1979 404 rSp. Zu den Kon­se­quen­zen — auch der Rechts­spre­chung des BVerfG — vgl Kie­pe in DÖV 1979 405 rSp: „Da­mit scheint das Pro­blem der Ge­setz­ge­bung durch Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten, das im Be­reich des so­ge­nann­ten be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses ge­ra­de weit­ge­hend ge­löst wor­den ist, im all­ge­meinen Ge­walt­ver­hält­nis wie­der auf­zu­tau­chen.” Die­se Ver­la­ge­rung des Pro­blems be­deu­tet aber wohl nicht gleich­zei­tig seine Lö­sung!

[178] So zB Hes­se Grund­zü­ge des Ver­fas­sungs­rech­tes18 137 RZ 324 ff.

[179] Vgl Sze­ku­lics in JBl 1984 234 lSp.

[180] Mer­ten in Mer­ten 61 mwN.

[181] Mer­ten spricht zu Recht mit Skep­sis von „mo­der­nem Um­täu­fer­tum”, das nur all­zu leicht zur Aus­hö­lung eines Be­grif­fes führt. Mer­ten in Mer­ten 55.

[182] Vgl Mer­ten in Mer­ten 54 ff; das an­ge­spro­che­ne „Be­griffs­mißver­stän­dnis” scheint manch­mal ab­sicht­lich als Mit­tel zur Be­käm­p­fung des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses ver­wen­det wor­den zu sein. Die­ser Ver­dacht wird er­här­tet durch die Schnel­lig­keit, mit der es vie­ler­orts zu Gra­be ge­tra­gen wor­den ist (vgl da­zu et­wa Ro­nel­len­fitsch in DÖV 1981 933 rSp, 938 rSp so­wie zu den Ver­tre­tern der ge­gner­i­schen Auf­fas­sung ders in Mer­ten 34 FN 4 mwN). Es ist je­den­falls mE nicht ein­zu­se­hen, war­um „der Be­griff 'be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis­se' mit einem vor­rechts­staat­li­chen Odium un­trenn­bar be­haf­tet zu sein scheint” (Sze­ku­lics in JBl 1984 234; vgl da­zu Brohm in DÖV 1964 238), denn „staat­li­che Ge­walt ist nicht mit phy­si­scher oder kör­per­li­cher Ge­walt iden­tisch” (Mer­ten in Mer­ten 54). Be­ach­te­nswert auch Ro­nel­len­fitsch in Mer­ten 36 ff mit seiner Ar­gu­men­ta­tion ge­gen die „Wort­ko­sme­tik”: „Ge­walt ist kein Un­wert an sich. Eine Be­wer­tung des Ge­walt­be­grif­fes setzt viel­mehr Kennt­nis der Um­stän­de vor­aus, wer wem­ge­gen­über aus wel­chen Grün­den Ge­walt aus­übt. Daß der Staat nach in­nen und außen Staats­ge­walt aus­üben mu­ß, ist selbst­ver­ständ­lich. So emp­fin­det nie­mand die Ge­walt­tei­lungs­leh­re als an­rü­chig, ob­wohl sie lo­gisch das Vor­han­den­sein von Staats­ge­walt vor­aus­setzt.” Die­ser As­pekt wird von den Ge­gnern der Leh­re kon­se­quent nicht be­ach­tet. So­lan­ge es aber staat­li­che Ge­walt — et­wa zur Auf­recht­er­hal­tung und Durch­set­zung de­mo­kra­ti­scher, rechts­staat­li­cher Prin­zi­pien — gibt, exis­tie­ren not­wen­di­ger­wei­se auch Ge­walt­ver­hält­nis­se in ver­schie­de­ner In­ten­si­tät. Vgl aber auch den Schwei­zer Stand­punkt in der Stel­lungs­nah­me von Hug–Bee­li Wo ist die Gren­ze? 37 f so­wie den Spruch des Schwei­zer Bun­des­ge­rich­tes: „Ob die­ses spe­zi­fi­sche Ab­hän­gig­keits­ver­hält­nis ent­spre­chend der her­kömm­li­chen Ter­mi­no­lo­gie als be­son­de­res Ge­walt­ver­hält­nis be­zeich­net wird oder ob man aus psy­cho­lo­gi­schen Grün­den den Be­griff der Ge­walt ver­mei­det und — nicht kla­rer, aber we­ni­ger hart — von einem be­son­de­ren Rechts­ver­hält­nis oder einem be­son­de­ren Pflicht­ver­hält­nis spricht, hat auf die sich da­bei stel­len­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Fra­gen keinen Ein­fluß.” BGE 99 Ia 268; zit nach Hug–Bee­li Wo ist die Gren­ze? 36.

[183] Vgl Loschelder in Mer­ten 12.

[184] Die not­wen­di­gen An­pas­sun­gen an die ver­fas­sungs­mäßi­gen Ge­ge­ben­hei­ten sind be­reits auf der Staats­rechts­leh­rer­ta­gung von 1956 er­folgt.

[185] Ver­öf­fent­licht in Mer­ten (Hrsg) Das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis.

[186] Vgl Ro­nel­len­fitsch in DÖV 1981 938 rSp.

[187] Ro­nel­len­fitsch in DÖV 1981 938 mwN; ders in Mer­ten 36.

[188] Ro­nel­len­fitsch in DÖV 1981 941 rSp.

[189] Da&mit spricht Ro­nel­len­fitsch je­docheine Not­wen­dig­keit an, die sich aus der Ent­wick­lung spä­tes­tens mit dem En­de der kon­sti­tu­tio­nel­len Mo­nar­chie und dem In­kraft­tre­ten der Wei­ma­rer Ver­fas­sung schon in den zwan­zi­ger Jah­ren die­ses Jahr­hun­derts qua­si selbst­ver­ständ­lich er­ge­ben muß­te; das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis wä­re sonst längst in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Frag­lich ist je­doch, ob die­ses Rechts­in­sti­tut — in der kon­sti­tu­tio­nel­len Mo­nar­chie — nicht eher alseine staats­recht­li­che alseine ver­fas­sungs­recht­li­che Ka­te­go­rie an­zu­se­hen wä­re; vgl da­zu Loschelder in Mer­ten 18.

[190] Vgl Loschelder in Mer­ten 28. Vgl zur äl­te­ren Leh­re auch VVDStRL 8 so­wie Ule in VVDStRL 15 184–264. Zu Art 19 Abs 4 GG vgl et­wa Ule in Mer­ten 79; Schen­ke in Mer­ten 83–99, insb 98: Zu­sam­men­fas­sung und The­sen; Hes­se Grund­zü­ge des Ver­fas­sungs­rech­tes18 139 RZ 328 ff; Leib­holz/Rinck/Hes­sel­ber­ger Grund­ge­setz6 Bd 1.

[191] Vgl Loschelder in Mer­ten 32; Ro­nel­len­fitsch in Mer­ten 51.

[192] Lu­the in DVBl 1986 445 lSp.

[193] Vgl da­zu et­wa die Rechts­spre­chung des VfGH zu §§ 29 und 42 HDG in VfSlg 11561/87 (G 161, 162, 201/87); die stren­ge Aus­le­gung des Art 18 B–VG durch den VfGH be­wirkt, daß ge­setz­li­che Be­stim­mungen häu­fig we­gen Ver­fas­sungs­wid­rig­keit auf­ge­ho­ben wer­den mü­ssen; vgl da­zu Öhlin­ger in EuGRZ 1982 244 rSp. Das Pro­blem ent­steht be­reits bei der Rechts­set­zung durch die Viel­zahl von Ein­flüs­sen und Ver­fah­rens­schrit­ten, die be­son­ders im Be­reich der Ver­wal­tung einem Ge­setz­es­be­schluß vor­an­ge­hen; vgl da­zu die sche­ma­ti­sche Über­sicht in Schäf­fer The­o­rie der Rechts­set­zung 226; bei je­dem die­ser Schrit­te mü­ßte je­weils ein Ver­gleich des ent­ste­hen­den Ge­set­zes mit dem Men­schen­rechts­ka­ta­log statt­fin­den — an­ge­sichts der Nor­men­flut ein schier un­mög­li­ches Un­ter­fan­gen!

[194] Zum Nach­weis der We­sens­gleich­heit von zi­vi­len Wei­sun­gen und mi­li­tä­ri­schen Be­feh­len vgl Ro­ni­ger Heer und De­mo­kra­tie 168–171; vgl auch Wal­ter/Ma­yer Grund­riß7 265 RZ 733.

[195] Nicht nur im Be­reich der Ver­wal­tung, son­dern auch in der Ge­richts­bar­keit ist häu­fig ver­sucht wor­den, die­sen di­rek­ten Durch­griff zu ver­mei­den; vgl da­zu Öhlin­ger in EuGRZ 1982 231 lSp. Die­se Ten­denz ist je­doch rück­läu­fig; vgl Öhlin­ger in EuGRZ 1982 231 rSp. Die Gra­phik un­ter­streicht die Aus­sa­gen un­ten Kap F. Zi­tier­te Nor­men sind nur bei­spiel­haft an­ge­führt.

[196] Kel­sen be­zeich­ne­te die Un­ter­schei­dung zwi­schen Rechts­nor­men und re­le­van­ten Nicht–Rechts­nor­men als „un­sin­nig” und „gro­tes­ke Kon­se­quenz der herr­schen­den Theo­rie”. Zit nach Wen­nin­ger Ge­schich­te 197 mwN; vgl Kel­sen Reine Rechts­leh­re 405: „Denn die­se Na­tur ist ein In­be­griff von Tat­sa­chen, die mit­ein­an­der nach dem Kau­sa­li­täts­prin­zip ... ver­knüpft sind, ein Sein; und aus einem Sein kann kein Sol­len, aus einer Tat­sa­che keine Norm ge­schlos­sen wer­den; ... Die­se Hal­tung wi­der­spricht der Zweck­be­stimm­t­heit des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses so­wie über­haupt dem fi­na­len Ele­ment mensch­li­cher Ge­sell­schaft, des­sen Exis­tenz Kel­sen nicht sieht.

[197] Wen­nin­ger Ge­schich­te 197. Vgl auch Er­ma­co­ra in DÖV 1956 529 lSp: „Der Be­griff des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses ist we­der in der von den Ver­tre­tern der öster­rei­chi­schen Rechts­wis­sen­schaft ver­wen­de­ten Ter­mi­no­lo­gie, noch in der Spra­che der öster­rei­chi­schen Rechts­pra­xis hei­misch.” Vgl da­zu je­doch auch Bußjä­ger in ÖJZ 1993 186 lSp.” Zw dem von Kel­sen be­schrie­be­nen lo­gi­schen Aus­ein­an­der­klaff­en von Sein und Sol­len einer­seits und einem sol­chen Rück­zug des Staa­tes aus seinem Ter­ri­to­ri­um mit der Schöp­fung au­to­no­men, nicht–staat­l Rechts an­der­seits liegt ein wei­ter Be­reich. Es gibt aber auch in der öster­rei­chi­schen Rechts­ord­nung Zei­chen da­für, daß zw dem Sein und Sol­len im­mer grö­ßer wird und die staat­l Nor­men im­mer we­ni­ger Ge­hor­sam fin­den, ...”

[198] Vgl Er­ma­co­ra in DÖV 1956 529.

[199] Be­mer­kens­wert ist, daß sich die Leh­re in der Schweiz we­sent­lich in­ten­si­ver mit dem be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis be­faßt; vgl für die­se Zeit Köhl Das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis (kri­tisch) mwN; vor­her Fleiner Schwei­ze­ri­sches Staats­recht; spä­ter Hug–Bee­li Wo ist die Gren­ze? mwN.

[200] Vgl Er­ma­co­ra in VVDStRL 15 217 (Aus­spra­che); ders in DÖV 530 lSp.

[201] Dies iSd Art 18 B–VG der „ein­deu­tig Kel­sens Werk” ist; vgl Stourzh ua 25 mwN.

[202] „... die das In­di­vi­du­um zum Staat in ein Na­he­ver­hält­nis brin­gen, das von ide­el­len Mo­men­ten, wie 'Treue', 'Dis­zi­plin', 'Ge­hor­sam', 'Pflicht­er­fül­lung' u.ä. ge­kenn­zeich­net ist, wo­bei die­se ide­el­len Mo­men­te nicht sel­ten zu Rechts­be­grif­fen er­ho­ben wer­den.” Er­ma­co­ra in DÖV 1956 530 lSp.

[203] Er­ma­co­ra in DÖV 1956 531: „... in de­nen das In­di­vi­du­um, von dem Wunsch auf Be­frie­di­gung schein­bar not­wen­di­ger Da­seins­be­dürf­nis­se (...) ge­trie­ben, einem Part­ner ge­gen­über­tritt, der es sich kraft seiner im­men­sen Ka­pa­zi­tät zur Auf­ga­be stellt, die Be­frie­di­gung die­ser Be­dürf­nis­se in der Haupt­sa­che auf seine ei­ge­ne Rech­nung zu über­neh­men.” Er­ma­co­ra spricht hier­mit die „Kör­per­schaf­ten öffent­li­chen Rechts” an. Daß hier staat­li­che Macht un­ent­rin­nbar einem be­stimm­ten Ad­res­sa­ten­kreis ge­gen­über­steht, ist schon an der Zwangs­mit­glied­schaft bei den ver­schie­de­nen Kam­mern so­wie an dem Vor­han­den­sein eines Dis­zi­pli­nar­rech­tes er­sicht­lich. Die deut­sche Leh­re hät­te wohl auch die mo­der­nen be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­se (mit der nach­fol­gend dar­ge­stell­ten Aus­nah­me) in die An­stalts­ver­hält­nis­se ein­ge­reiht.
Die Mo­no­pol­stel­lung ge­wis­ser staat­li­cher Be­trie­be (E–Wer­ke, Bun­des­bah­nen etc) un­ter dem be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis zu sub­su­mie­ren (aaO 532), ist je­doch mE nicht an­ge­bracht; ab­ge­se­hen von der Tat­sa­che, daß es in Öster­reich auch Pri­vat­bah­nen und pri­va­te Strom­er­zeu­ger gibt (wenn auch nur in sehr be­schränk­tem Rah­men), feh­len ent­schei­den­de Merk­ma­le für die­ses Rechts­in­sti­tut (wie zB das Dis­zi­pli­nar­recht), da­her sind die­se Be­rei­che ein­deu­tig dem all­ge­meinen Ge­walt­ver­hält­nis zu­zu­ord­nen (Ad­res­sa­ten sind hier auch je­weils al­le Bür­ger und nicht nur ein scharf um­riss­ener Teil der­sel­ben!).

[204] Er­ma­co­ra in DÖV 1956 530 rSp.

[205] Er­ma­co­ra in DÖV 1956 532 rSp. Die Pri­vat­wirt­schafts­ver­wal­tung ent­zieht sich der wirk­sa­men ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Kon­tro­lle, „weil man sich in der Re­gel ge­gen der­ar­ti­ge Ak­te nicht weh­ren kann ... schließ­lich ist es aus Grün­den des Wort­lau­tes po­si­ti­ven Rech­tes nicht schlüs­sig, Ak­te des Leis­tungs­trä­gers 'Staat' als Be­schei­de an­zu­se­hen, die al­lein nach Art. 130 und 144 B.–VG bei den Ge­richts­hö­fen öffent­li­chen Rech­tes an­ge­foch­ten wer­den kön­nen.” (aaO FN 44)

[206] StVG BGBl 144/1969; Vgl da­zu Er­ma­co­ra in ÖJZ 1969 654–657.

[207] Ver­ord­nung der Bun­des­re­gie­rung vom 9. Jän­ner 1979, BGBl 43/1979, über die All­ge­meinen Diens­tvor­schrif­ten für das Bun­des­heer. Ein aus­führ­li­cher Kom­men­tar hier­zu ist erst 1991 er­schie­nen; vgl Löf­fler ADV.

[208] Sze­ku­lics in JBl 1984 231–234 lSp. Auf die in den ver­schie­de­nen öster­rei­chi­schen Lehr­bü­chern ab­ge­druck­ten Er­wäh­nun­gen des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses soll hier nicht nä­her ein­ge­gan­gen wer­den; sie neh­men fast aus­nahms­loseine kri­ti­sche Hal­tung ein, be­zie­hen sich je­doch im Re­gel­fall auf die klas­si­sche Leh­re. Vgl da­zu oben Kap B.1 mwN.

[209] Sze­ku­lics in JBl 1984 234 lSp.

[210] Eben­da; dies ist durch­aus im Sin­ne Kel­sens zu ver­ste­hen, der be­müht ge­we­sen ist, „die Ge­wal­ten­ter­mi­no­lo­gie zu be­sei­ti­gen und sie durcheine reine Rechts­ter­mi­no­lo­gie zu er­set­zen” (vgl Stourzh ua 28 f mwN). Vgl da­zu je­doch die Aus­führ­un­gen zur „Be­griffs­ko­sme­tik” oben Kap B.8.

[211] Weis­sel Dis­ser­ta­tion 8 FN 22.

[212] Weis­sel Dis­ser­ta­tion 10.

[213] Weis­sel Dis­ser­ta­tion 31.

[214] Eben­da; Her­vor­he­bun­gen nicht im Ori­gi­nal.

[215] Weis­sel gibt keine Ant­wort dar­auf, wie die­se Äu­ße­rung mit der durch die wei­te Dis­po­si­tions­be­fug­nis des Staa­tes ver­bun­de­nen Ein­schrän­kung des Rechts­schut­zes in Ein­klang zu brin­gen wä­re.

[216] Vgl da­zu je­doch die Aus­führ­un­gen zu Sze­ku­lics.

[217] Wie be­reits mehr­fach er­wähnt, tritt Ule für einen ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Rechts­schutz auch im Be­triebs­ver­hält­nis im Be­reich des Wehr­rechts und der ge­schlos­se­nen An­stal­ten ein; vgl Weis­sel Dis­ser­ta­tion 18 f. Weis­sel er­kennt nicht, daß die von ihm zi­tier­ten Nor­men (§ 120 StVG so­wie § 47 WG und §§ 12–14 ADV) für den Straf­ge­fan­ge­nen und den Sol­da­ten zum sel­ben Er­geb­nis des Rechts­schut­zes im Be­triebs­ver­hält­nis füh­ren wie Ules Theo­rie. So ist — ent­ge­gen der An­sicht Weis­sels — „der Zu­gang zu den Ge­richts­hö­fen des öffent­li­chen Rechts” auch in Deutsch­land (so­wohl in der Theo­rie als auch in der Pra­xis) nicht auf die An­ge­le­gen­hei­ten des Grund­ver­hält­nis­ses be­schränkt; vgl Weis­sel Dis­ser­ta­tion 19; Ule in VVDStRL 15 154 iVm § 59 dSoldG 1956.

[218] Weis­sel Dis­ser­ta­tion 14 mit dem Ar­gu­ment, daß „das Feh­len einer ge­setz­li­chen Grund­la­ge oder die Feh­ler­haf­tig­keit der­sel­ben die Rechts­wid­rig­keit des Ver­wal­tungs­ak­tes zur Fol­ge” ha­be; die­se Kon­se­quenz sieht zB Sze­ku­lics in JBl 1984 236 rSp nicht; vgl da­zu auch Er­ma­co­ra in DÖV 1956 530 lSp: „... oh­ne ge­setz­li­che Grund­la­ge oder oh­ne hin­rei­chen­de ge­setz­li­che Grund­la­ge in ver­fas­sungs­wid­ri­ger Wei­se ihr Ei­gen­le­ben füh­ren ...”.

[219] Vgl Ro­nel­len­fitsch in Mer­ten 36.

[220] Die­se Wei­sun­gen ha­ben sich na­tür­lich — wie das selbst die klas­si­sche Leh­re be­reits fest­ge­legt hat — zu­min­dest an dem (in Nor­men fest­ge­leg­ten oder aus sol­chen zu in­ter­pre­tie­ren­den!) Zweck des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses zu ori­en­tie­ren, so­daß sich die an­ge­spro­che­ne Rechts­wid­rig­keit des Ver­wal­tungs­ak­tes nur bei fahrläs­sig oder vor­sätz­lich rechts­wid­rig er­teil­ten Wei­sun­gen, nicht aber aus dem Feh­len ge­setz­li­cher Be­stim­mungen er­ge­ben kann. Ver­tritt man die Hal­tung Weis­sels kon­se­quent für das öster­rei­chi­sche Hee­res­dis­zi­pli­nar­recht, so er­gibt sich aus den Aus­führ­un­gen von Sze­ku­lics zur „e­kla­tan­ten Feh­ler­haf­tig­keit der ADV”, daß das HDG auf­grund des Feh­lens ma­te­ri­el­ler Be­stim­mungen der ADV gar nicht durch­führ­bar ist —eine po­si­ti­vis­ti­sche, aber für die Lan­des­ver­tei­di­gung durch­aus un­be­frie­di­gen­de Lö­sung.

[221] Er­ma­co­ra in VVDStRL 15 217 (Aus­spra­che).

[222] Vgl Ro­nel­len­fitsch in Mer­ten 37: „... das be­son­de­re Ge­walt­ver­hält­nis isteine Ge­ge­ben­heit. Es isteine Bin­sen­wahr­heit, daß der ein­zel­ne au­ßer im Staat in zahl­rei­chen Ord­nun­gen lebt, für die Ei­gen­ge­setz­lich­kei­ten gel­ten. Es wä­re da­her sehr au­ßer­ge­wöhn­lich, wenn im Ver­hält­nis zum Staat selbst nur ein ein­heit­li­ches Rechts­ver­hält­nis in Be­tracht kä­me.” In die­sem Zu­sam­men­hang spielt es auch über­haupt keine Rol­le, wie die­se Son­der­ver­hält­nis­se be­nannt wer­den.
Da mit der Auf­recht­er­hal­tung des Staats­ge­bil­des so­wie zur Er­rei­chung des Staats­zie­les va in de­mo­kra­ti­schen Ge­mein­schaf­ten Ge­walt (auch hier nicht im phy­si­ka­li­schen Sin­ne) zwin­gend not­wen­dig ist, um das Ge­fü­ge nicht aus­ein­an­der­fal­len zu las­sen (Mer­ten in Mer­ten 56: „Ein Staat oh­ne Herr­schaft führt kon­se­quent in die An­ar­chie. Die­sen Weg kön­nen nur Tag­träu­mer und Staats­uto­pis­ten leug­nen, die übereine pro­le­ta­ri­sche Dik­ta­tur in Ne­gie­rung des Ne­ga­ti­ven zur Herr­schafts­lo­sig­keit ge­lan­gen wol­len”), schließe ich mich „be­griff­li­cher Ko­sme­tik” (vgl Mer­ten in Mer­ten 55) nicht an und blei­be beim „be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis”.

[223] In to­ta­li­tä­ren Re­gie­rungs­for­men fin­det re­gel­mäßi­geine Aus­wei­tung der Ge­walt (auch im phy­si­schen Sin­ne) auf das all­ge­meine Ge­walt­ver­hält­nis statt; vgl da­zu auch die Aus­führ­un­gen zum be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis im Drit­ten Reich oben Kap B.5.

[224] Aus einer Ver­let­zung die­ser Schwei­ge­pflicht et­wa kön­n­ten den dem all­ge­meinen Ge­walt­ver­hält­nis un­ter­wor­fe­nen Be­trof­fe­nen er­heb­li­che Nach­tei­le er­wach­sen.

[225] Die­ses öffent­li­che In­te­res­se an einem be­son­de­ren Sta­tus des Ge­walt­un­ter­wor­fe­nen hal­te ich für ein wich­ti­ges Un­ter­schei­dungs­kri­te­ri­um zwi­schen all­ge­meinem und be­son­de­rem Ge­walt­ver­hält­nis.

[226] Vgl da­zu Er­ma­co­ra in DÖV 1956 531. Dies gilt et­wa für Rechts­an­wäl­te, No­ta­re, Rich­ter, Ärz­te und Apo­the­ker; aus­führ­lich zu die­sem Be­reich Kris­mer Dis­ser­ta­tion. Im Ge­gen­satz da­zu liegt da­hereine even­tu­ell ge­satz­te Ver­schwie­gen­heits­pflicht eines Ver­eins­mit­glieds über in­ter­ne Vor­gän­ge nicht im öffent­li­chen, son­dern nur im (pri­va­ten) Ver­eins­in­te­res­se. Die dis­zi­pli­nä­re „Ge­walt” des Ver­eines lei­tet sich da­her nicht von der staat­li­chen ab, so­daß hier von einem be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis keine Re­de sein kann: Das Vor­han­den­sein einer Dis­zi­pli­nar­ord­nung al­lein ist so­mit kein zwin­gen­der Hin­weis auf die Exis­tenz des be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis­ses!

[227] Vgl zu ih­ren ne­ga­ti­ven Be­gleit­er­schei­nun­gen et­wa Bußjä­ger in ÖJZ 1993 185 ff. Auch im mi­li­tä­ri­schen Be­reich hat sie Aus­wir­kungen; man den­ke hier nur an die Un­zahl von Wei­sun­gen, die das BMLV täg­lich pro­du­ziert und die al­lein we­gen ih­rer Zahl und kur­zen Auf­ein­an­der­fol­ge kaum mehr exe­ku­tier­bar sind.
Aus die­sem Grund und an­ge­sichts der all­ge­meinen Nor­men­flut ist es da­her mE nicht mehr er­staun­lich, daß im­mer­hin fünf Jah­re bis zu einer er­sten kri­ti­schen Stel­lungs­nah­me zur Po­si­tion der ADV im öster­rei­chi­schen Recht von Sze­ku­lics in JBl 1984 ver­strei­chen kon­ten. Es er­scheint be­denk­lich, daß „e­kla­tan­te ver­fas­sungs­recht­li­che (!) Feh­ler­haf­tig­kei­ten" (aaO 235 lSp) hier­zu­lan­de selbst nach län­ge­rer Exis­tenz kaum auf­fal­len und bis heu­te nicht sa­niert sind.

[228] Vgl da­zu et­wa Wal­ter/Ma­yer Grund­zü­ge des Ver­fas­sungs­rechts7 RZ 165 ff, insb 167.

[229] Vgl zu den un­be­stimm­ten Ge­setz­es­be­grif­fen und Ge­ne­ral­klaus­eln oben Kap B.6.2 mwN zur be­kann­ten Aus­sa­ge des BVerfG in seinem Be­schluß vom 14.03.1972. Da­zu auch Sze­ku­lics in JBl 234 rSp; Weis­sel Dis­ser­ta­tion 12–14. Die­ser Nach­teil wird mE durch die ab­so­lu­te Zweck­ori­en­tie­rung im be­son­de­ren Ge­walt­ver­hält­nis wie­der wett­ge­macht.

[230] Da&ge­gen et­wa Trifft­te­rer/Bin­ner in EuGRZ 1977 137 lSp so­wie 138 lSp.

[231] Es sei denn, sie kä­men von einer (of­fen­sicht­lich) un­zu­stän­di­gen Stel­le oder ih­re Be­fol­gung ver­stieße (of­fen­sicht­lich) ge­gen straf­recht­li­che Be­stim­mungen; vgl § 7 Abs 2 und Abs 5 Z 1 ADV so­wie § 47 Abs 3 WG; vgl Art 20 Abs 1 letz­ter Satz B–VG. Auf­fal­lend ist, daß der Ver­stoß ge­gen (ele­men­ta­re) Grund­rech­te nicht mit ein­be­zo­gen ist; hier wirdeine Über­prü­fung der Rechts­mäßi­gkeit eines Ein­grif­fes erst im Nach­hin­ein statt­fin­den kön­nen.
Zurück­zu­füh­ren ist die­ses Pro­blem — va im mi­li­tä­ri­schen Be­reich — auf Kel­sens Leug­nen ab­so­lu­ter Wer­te; vgl Kel­sen Reine Rechts­leh­re2 402: „Ein po­si­ti­ves Recht gilt nicht da­rum, weil es ge­recht ist, das heißt: weil seine Set­zung einer Ge­rech­tig­keits­norm ent­spricht, und gilt auch, wenn es un­ge­recht ist.” Bei der prak­ti­schen An­wen­dung einer sol­chen Aus­sa­ge im Be­reich des mi­li­tä­ri­schen Be­fehls hat dies ein­deu­tig ne­ga­ti­ve Aus­wir­kungen auf die Mo­ti­va­tion der Sol­da­ten, denn sie be­deu­tet: Ge­hor­chen um je­den Preis. Auf die­se Wei­se wird ein frei­wil­li­ges Un­ter­wer­fen un­ter die Be­fehls­ge­walt des Vor­ge­setz­ten als we­sent­li­ches Merk­mal der Dis­zi­plin ver­hin­dert. Die ADV mit ih­ren un­be­stimm­ten Be­grif­fen und Ge­ne­ral­klaus­eln (vgl da­zu Sze­ku­lics in JBl 1984 235 rSp; oben Kap B.6.2 mwN zur be­kann­ten Aus­sa­ge des BVerfG in seinem Be­schluß vom 14.03.1972; Weis­sel Dis­ser­ta­tion 12–14), von de­nen der GWD an­nimmt, daß sie im Zwei­fel zu seinen Un­guns­ten aus­ge­legt wer­den, ist mE nicht ge­eig­net, auf die Mo­ti­va­tion der Sol­da­ten — und da­mit auf ih­re Dis­zi­plin, ih­ren Wil­len zur frei­wil­li­gen Un­ter­wer­fung — po­si­tiv ein­zu­wir­ken. Vgl da­zu auch Auer OSB Wür­de und Frei­heit des Men­schen 8.

[232] Oh­ne die­sen In­halt schei­tert vaeine de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schafts­ord­nung am man­geln­den Selbst­ver­ständ­nis ih­rer Mit­glie­der.






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