Das österreichische Militärstraf– und Heeresdisziplinarrecht
im Lichte von Art. 5 und 6 EMRK

A Disziplin — Sinn und Unsinn

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„Auto­ri­tät von oben und Ge­hor­sam von un­ten,
mit einem Wort, Dis­zi­plin ist die See­le der Ar­mee.”
[10]


1 All­ge­mei­nes


Dis­zi­plin ist ein viel­be­nutz­tes Wort, das mit einer ge­wis­sen Selbst­ver­ständ­lich­keit ge­braucht wird. Kaum je­mand denkt über die Tat­sa­che wei­ter nach, daß ein Or­ches­ter oh­ne Dis­zi­plin aus dem Takt kom­men, eine Schü­ler­ge­mein­schaft oh­ne Dis­zi­plin nichts ler­nen und eine Ar­mee oh­ne Dis­zi­plin un­fähig sein wür­de, ih­ren Auf­trag zu er­fül­len.

Im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch wird der Be­griff oft mit „blin­dem” oder „ab­so­lu­tem Ge­hor­sam” gleich­ge­setzt, was aber heu­te nicht mehr zu­tref­fend ist. Ver­schie­de­ne Be­stim­mun­gen des Wehr­rech­tes ma­chen deut­lich, daß vom öster­rei­chi­schen Sol­da­ten sehr wohl ein Mit­den­ken bei der Aus­füh­rung von Be­feh­len er­war­tet wird.[11] Da­her ist Löff­ler zu­zu­stim­men, wenn er Dis­zi­plin und Ge­hor­sam be­griff­lich und in­halt­lich von­ein­an­der trennt.[12]

Zu­neh­mend wird auch der In­halt des Be­grif­fes Dis­zi­plin von einer Ein­zel­tu­gend auf ein Ge­mein­schafts­er­for­der­nis ver­la­gert; auch die­se In­ter­pre­ta­tion kann, wie zu zei­gen sein wird, sei­ner wah­ren Be­deu­tung nicht ge­recht wer­den.

Be­vor da­her das Ver­hält­nis des öster­rei­chi­schen Mi­li­tär­straf– und Hee­res­dis­zi­pli­nar­rechts zu ein­zel­nen Be­stim­mun­gen der EMRK un­ter­sucht wird, er­scheint es not­wen­dig, nach einer zeit­ge­mä­ßen De­fi­ni­tion der Dis­zi­plin zu su­chen.[13]


2 De­fi­ni­tio­nen


2.1 Dis­zi­plin im Wan­del der Zeit

Das Wort Dis­zi­plin kommt al­lein­ste­hend in den ADV nur drei­mal[14], im HDG an vier Stel­len[15] vor. Eine Le­gal­de­fi­ni­tion die­ses Be­grif­fes ist dem öster­rei­chi­schen Recht fremd, ob­wohl es hier um eines der wich­tigs­ten The­men nicht nur eines Hee­res, son­dern auch des ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­le­bens über­haupt geht. Die mei­sten ju­ri­atisch ge­präg­ten In­ter­pre­ta­tio­nen sind un­ge­nau, ver­feh­len den Kern oder sind zu eng ge­faßt.[16]

Ein Blick in Le­xi­ka aus ver­gan­ge­ner[17] und heu­ti­ger Zeit[18] lohnt sich. Ein Ver­gleich sol­cher Be­griffs­be­stim­mun­gen ver­deut­licht, wie sehr sich das Ver­ständ­nis von Dis­zi­plin in nur et­was mehr als einem Jahr­hun­dert ver­än­dert hat.

Der Wer­te­wan­del, der sich nicht nur in der Knapp­heit mo­der­ner De­fi­ni­tio­nen, son­dern auch in­halt­lich durch den Weg­fall der Be­grif­fe „Sub­or­di­na­tion”, „un­be­ding­ter Ge­hor­sam” so­wie der Fest­stel­lung einer ob­rig­keit­li­chen Bin­dung[19] äußert, ist einer­seits auf das Er­leb­nis des Miß­brauchs der Dis­zi­plin (in der er­sten Häl­fte un­se­res Jahr­hun­derts), an­de­rer­seits auf die De­mo­kra­ti­sie­rung gro­ßer Tei­le Euro­pas seit 1945 zu­rück­zu­füh­ren.

Die Li­be­ra­li­sie­run­gen der sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jah­re ha­ben die Los­lösung des Be­grif­fes aus sei­nem ge­sell­schaft­li­chen Kon­nex be­wirkt und mit den For­de­run­gen nach hoch­gra­di­ger Be­sei­ti­gung von Wer­ten wie Auto­ri­tät und Dis­zi­plin weit über das Ziel hin­aus­ge­schos­sen. An­stel­le einer Ver­bes­se­rung des Sy­stems von Rech­ten und Pflich­ten in­ner­halb des Staa­tes wur­de der Ver­such un­ter­nom­men, den Pflicht­teil zu mi­ni­mie­ren, ohne zu be­den­ken, daß dies in letz­ter Kon­se­quenz zu einer ent­wür­di­gen­den Ent­mün­di­gung und Ent­rech­tung des ein­zel­nen Staats­bür­gers führt.

Erst den kon­ser­va­ti­ve­ren Strö­mun­gen der acht­zi­ger Jah­re[20] ge­lang es eini­ger­ma­ßen, den Men­schen der west­li­chen Welt wie­der ins Be­wußt­sein zu ru­fen, daß es in einer funk­tio­nie­ren­den, an de­mo­kra­ti­schen Grund­prin­zi­pien ori­en­tier­ten Ge­sell­schaft ge­wis­ser Wer­te wie Recht, Frei­heit, Dis­zi­plin und Ord­nung be­darf, daß es für den Ein­zel­bür­ger kei­ne Rech­te oh­ne ein je­weils glei­ches Maß an Pflich­ten ge­ben kann und daß die oben an­ge­spro­che­nen Li­be­ra­li­sie­run­gen, die oft nur aus simp­len ideo­lo­gisch–tak­ti­schen Über­le­gun­gen vor­an­ge­trie­ben wor­den sind, durch Über­trei­bung und Maß­lo­sig­keit in letz­ter Kon­se­quenz zu Cha­os und An­ar­chie füh­ren.[21]


2.2 Dis­zi­plin heu­te

Der ge­sell­schaft­li­che Zu­sam­men­schluß von Men­schen zu einem Staat[22] mit einer de­mo­kra­ti­schen Re­gie­rungs­form er­for­dert frei­wil­li­ge Un­ter­wer­fung[23] un­ter eine ge­mein­sa­me Ord­nung und Eigen­ver­ant­wort­lich­keit des Ein­zel­nen im Han­deln. Erst das all­ge­mei­ne Ak­zep­tie­ren einer ge­wach­se­nen Ord­nung als vor­bild­lich und ver­bind­lich er­mög­licht die Ent­ste­hung von „Recht”, ein aus Ge­wohn­heit und Mo­ral ent­stan­de­ner Nor­men­kom­plex, der die bei­den ge­nannt­en Kom­po­nen­ten ge­sell­schaft­li­chen Le­bens er­gänzt und das äuße­re Ver­hal­ten sei­ner An­ge­hö­ri­gen un­ter­ein­an­der re­gelt.[24] Die­ser Zu­sam­men­schluß hat ne­ben der Wei­ter­ent­wick­lung von Staat und Ge­sell­schaft vor al­lem die Ver­bes­se­rung des Wohls sei­ner Mit­glie­der — sei­ner Basis — zum Ziel; die­se bei­den Kom­po­nen­ten — die Ent­wick­lung der ge­sell­schaft­li­chen Si­tua­tion im Staat einer­seits so­wie die För­de­rung der Ein­zel­per­sön­lich­keit an­de­rer­seits — be­din­gen ein­an­der eben­so, wie dies Rech­te und Pflich­ten der Men­schen un­ter­ein­an­der so­wie im Ver­hält­nis zum Staat tun.

Ohne die all­ge­mei­ne, von der über­wäl­ti­gen­den Mehr­heit der An­ge­hö­ri­gen eines ge­sell­schaft­li­chen Ver­ban­des ge­tra­ge­nen per­sön­li­chen[25] Über­zeu­gung von der Not­wen­dig­keit frei­wil­li­ger Un­ter­wer­fung un­ter die zur Re­ge­lung der er­wähn­ten In­ter­de­pen­den­zen auf­ge­stell­ten Nor­men im wei­te­ren Sin­ne[26] ist die­ser Ver­band nicht in der La­ge, eine auf Sit­te und Mo­ral ba­sie­ren­de Ord­nung zu ent­wickeln und da­mit Rechts­si­cher­heit zu er­zeu­gen mit dem Ziel, das Ge­sell­schafts– und Rechts­emp­fin­den sei­ner Mit­glie­der zu för­dern, so die Wei­ter­ver­fol­gung des ge­sell­schaft­li­chen Zieles si­cher­zu­stel­len und dem Ab­glei­ten in Cha­os und An­ar­chie wirk­sam vor­zu­beu­gen.


2.3 Der Cha­rak­ter der Dis­zi­plin

Hier wird deut­lich, war­um Dis­zi­plin nichts mit „blin­dem Ge­hor­sam” zu tun ha­ben kann: Sie ist näm­lich eine Un­ter­wer­fung un­ter eine Auto­ri­tät aus eige­nem An­trieb,[27] selbst dann, wenn die­se auf­grund ge­setz­li­cher Er­mäch­ti­gung er­zwun­gen wer­den könn­te. Es ist zu un­ter­schei­den die Dis­zi­plin — als Un­ter­wer­fung dem Sinn einer An­ord­nung, dem Dienst­zweck ge­gen­über — vom Ge­hor­sam — als Aus­fluß der Dis­zi­plin — dem Vor­ge­setz­ten ge­gen­über, von dem be­kannt ist, daß er sich eben­falls in vor­bild­li­cher Art dem Dienst­zweck zu un­ter­wer­fen hat.[28]

Dis­zi­plin — oder ihr Feh­len! — so­wie die ent­spre­chen­den Fol­gen tre­ten vor­wie­gend dann augen­fäl­lig in Er­schei­nung, wenn die un­mit­tel­ba­re Durch­set­zung der Dis­zi­plin (vor­über­ge­hend) nicht mög­lich ist. So wird es aus prak­ti­schen Grün­den un­mög­lich sein, einen Chi­rur­gen wäh­rend einer Ope­ra­tion für Dis­zi­plin­lo­sig­keit zur Ver­ant­wor­tung zu zie­hen; glei­ches gilt für einen Sol­da­ten wäh­rend eines Kampf­ein­sat­zes. Deut­lich ge­macht wer­den kann die­se Aus­sa­ge auch in Be­zug auf den Stra­ßen­ver­kehr: Ge­ra­de dort, wo Auto­fah­rer wis­sen, daß ihre Ge­schwin­dig­keit nicht über­prüft wird, zeigt sich de­ren Dis­zi­plin, wenn sie die zu­läs­si­ge Höchst­ge­schwin­dig­keit nicht über­schrei­ten. Der zeit­wei­li­ge Man­gel an ih­rer so­forti­gen Durch­setz­bar­keit in­di­ziert die Frei­wil­lig­keit der Un­ter­wer­fung un­ter den Sinn der Norm — im letz­ten Fall wä­re dies die Un­fall­ver­hütung — als We­sens­merk­mal der Dis­zi­plin. Dis­zi­pli­nä­re Straf­ge­walt wird da­nach nur je­ne tref­fen kön­nen und dür­fen, die sich un­dis­zi­pli­niert ver­hal­ten ha­ben.[29]

Es ist da­her Scheit­lin zu­zu­stim­men, wenn er über die mi­li­tä­ri­sche Aus­bil­dung und die Ver­ant­wor­tung des Vor­ge­setz­ten schreibt: „... Es han­delt sich gar nicht um Er­zie­hung zum Ge­hor­sam, son­dern um Er­zie­hung zur Pflicht­er­fül­lung. ... Wenn der Un­be­auf­sich­tig­te in Ar­beit und Ge­ha­ben schlam­pig wird, be­sitzt er kei­ne Dis­zi­plin, denn Dis­zi­plin ist Pflicht­er­füllung aus eige­ner Ein­sicht und nicht blin­des Ge­hor­chen.”[30] Und wei­ter un­ten: „Dis­zi­plin hat ethi­schen, sitt­li­chen, mo­ra­li­schen Cha­rak­ter. ... Da­bei müß­te es sich al­so dar­um han­deln, den Men­schen zu leh­ren, sei­nen Hang zur Nei­gung zu zü­geln und da­für sei­nen Geist, sei­nen Ge­mein­schafts­wil­len, sei­ne Selbst­zucht, sei­ne Kraft zur Pflicht­er­fül­lung zu för­dern und ins Werk zu set­zen.”[31]


2.4 Ver­such einer all­ge­mei­nen Be­griffs­be­stim­mung

Aus dem oben Ge­sag­ten folgt, daß Dis­zi­plin Aus­fluß ist eines ge­sell­schaft­li­chen Ge­wis­sens, einer Aus­le­gungs­hil­fe für die re­la­tiv star­ren — in der Re­gel ge­setz­ten — Rechts­nor­men. Ziel der Dis­zi­plin ist die Sta­bi­li­tät einer Ge­sell­schaft oder Or­ga­ni­sa­tion; Dis­zi­plin ent­hält da­her ein gro­ßes Maß an Kon­ser­va­ti­vis­mus in Hin­blick auf ihr Ziel, schafft aber an­derer­seits in­ner­halb des Nor­men­sy­stems auch Frei­raum für je­ne Dy­na­mik, die ein ge­sell­schaft­li­cher Ver­band zu sei­ner Ent­wick­lung be­nö­tigt.[32]


3 Das rich­ti­ge Maß


3.1 All­ge­mei­nes

Be­reits die Fra­ge nach einem „rich­ti­gen Maß” zeigt an, daß Dis­zi­plin kei­ne fe­ste, son­dern eine re­la­ti­ve Grö­ße ist. Das be­deu­tet, daß der Grad an Dis­zi­plin, der vom Mit­glied der Ge­sell­schaft — einem Bür­ger — er­war­tet wer­den kann, va­ri­iert und von sei­ner je­weils per­sön­li­chen Si­tua­tion ab­hängt.

Ein ein­fa­ches Bei­spiel, näm­lich die Trink­dis­zi­plin bei Al­ko­hol­ge­nuß, mö­ge dies ver­an­schau­li­chen:

Der Gast einer Par­ty soll­te — simp­len Be­nehm­re­geln ent­spre­chend — dar­auf ach­ten, sich nicht zu be­trin­ken.[33] Fährt er aber da­nach noch mit einem Kraft­fahr­zeug, wird von der Rechts­ord­nung er­war­tet, daß er die 0,8–Pro­mil­le­gren­ze zu­min­dest nicht über­schrei­tet.[34] Han­delt es sich je­doch beim Be­treffen­den bei­spiels­wei­se um einen Chi­rur­gen, der weiß, daß er nach der Er­fül­lung sei­ner ge­sell­schaft­li­chen Ver­pflich­tun­gen noch eine Ope­ra­tion durch­zu­füh­ren hat, so wird von ihm all­ge­mein er­war­tet, daß er — im In­ter­es­se sei­nes Pa­ti­en­ten — vor die­ser Ope­ra­tion über­haupt kei­nen Al­ko­hol zu sich nimmt.[35]

Der Grad der not­wen­di­gen Dis­zi­plin ist so­mit di­rekt pro­por­tio­nal zu dem Maß an Ver­ant­wor­tung, das der Ein­zel­ne, eine Grup­pe oder Or­ga­ni­sa­tion den Mit­men­schen be­zie­hungs­wei­se der Ge­sell­schaft ge­gen­über über­nom­men hat. Oh­ne Be­lang ist da­bei, ob die Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me auf­grund ge­sell­schaft­li­cher Kon­ven­tio­nen, ver­wal­tungs­recht­li­cher Wei­sun­gen oder son­sti­ger ge­setz­li­cher Ver­pflich­tun­gen ge­sche­hen ist; das Ziel der Dis­zi­plin stellt nicht dar­auf ab.


3.2 Die Be­deu­tung der Dis­zi­plin für ein Heer

Ent­spre­chend der enor­men Ver­ant­wor­tung,[36] die ein Heer für die Si­cher­heit eines de­mo­kra­tisch orien­tier­ten Staats­ge­fü­ges hat, sind auch die An­for­de­run­gen an die Dis­zi­plin in­ner­halb des Hee­res von be­son­de­rer, näm­lich zwei­er­lei Art.


3.2.1 Äuße­re mi­li­tä­ri­sche Dis­zi­plin

Nach außen wahr­nehm­ba­re mi­li­tä­ri­sche Dis­zi­plin tritt nur in den von Art. 79 B–VG ge­nann­ten Ein­satz­fäl­len[37] zu­ta­ge. Sie hat die Auf­ga­be, die bür­ger­li­che Dis­zi­plin zu stär­ken und — da die­se in der ex­tre­men Kri­se re­gel­mä­ßig Zer­falls­er­schei­nun­gen aus­ge­setzt ist be­zie­hungs­wei­se durch die Aus­wir­kun­gen der Kri­se un­mög­lich wer­den kann — nöti­gen­falls zu er­set­zen.[38] Sie ist ein Er­geb­nis der in­ne­ren mi­li­tä­ri­schen Dis­zi­plin.


3.2.2 In­ne­re mi­li­tä­ri­sche Dis­zi­plin

Sie dient da­zu, die Sol­da­ten auf den Ein­satz­fall vor­zu­be­rei­ten, das heißt höch­ste Ein­satz­be­reit­schaft zu ge­währ­lei­sten.

Da dies umso schwie­ri­ger ist, je sel­te­ner die Dien­ste des Hee­res in An­spruch ge­nom­men wer­den, er­for­dert der Um­gang mit Dis­zi­plin und dis­zi­pli­nären Maßnah­men ein be­son­de­res Fein­ge­fühl al­ler Vor­ge­setz­ten, ins­be­son­de­re aber der Aus­bild­ner.

Das äußer­ste Maß an in­ne­rer mi­li­tä­ri­scher Dis­zi­plin be­stimmt sich nach dem Zweck, der durch die Dis­zi­plin er­reicht wer­den soll; ein Zu­viel an dis­zi­pli­nä­ren An­for­de­run­gen stellt die­se im Lauf der Zeit vor den Zweck, was eine Aus­höh­lung und Ver­selb­stän­di­gung der Trup­pen­dis­zi­plin und in wei­te­rer Fol­ge ih­ren Zu­sam­men­bruchs (be­son­ders in Zei­ten der Kri­se) nach sich zieht, wie dies die Ar­meen dik­ta­to­risch re­gier­ter Staa­ten oft be­wie­sen ha­ben.

Ein zu ge­rin­ges Maß an Dis­zi­plin je­doch führt schon von An­fang an zur Zweck­ver­feh­lung.[39] Sie re­sul­tiert in man­geln­der Vor­be­rei­tung, die ge­for­der­te Ein­satz­be­reit­schaft kann nicht ge­währ­lei­stet wer­den.


3.2.3 Der Weg zu rich­ti­gen Maß

In einer de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft spie­len Be­grün­dun­gen eine wich­ti­ge Rol­le. So muß bei­spiels­wei­se je­des Ur­teil eines or­dent­li­chen Ge­rich­tes sei­ne ad­äqua­te Be­grün­dung ent­hal­ten.[40] Sie er­leich­tern auch dem Lai­en das Ver­ständ­nis, ver­hin­dern sei­ne De­gra­die­rung zum blo­ßen Be­fehls­emp­fän­ger, er­mög­li­chen ein ge­wis­ses Maß an Trans­pa­renz und för­dern so je­ne Frei­wil­lig­keit, auf der die Dis­zi­plin be­ruht.

Da aber aus­führ­li­che Be­grün­dun­gen der not­wen­di­gen Straff­heit der Or­ga­ni­sa­tion im mi­li­tä­ri­schen Be­reich in man­chen Si­tua­tio­nen hin­der­lich wä­re, kön­nen sie durch nach Mög­lich­keit aus­rei­chen­de[41] In­for­ma­tio­nen (in knap­per Form) er­setzt wer­den.[42]

Grund­le­gend von Be­deu­tung ist in die­sem Zu­sam­men­hang auch die ge­ne­rel­le Norm des § 5 ADV, der eben­falls in die­sem Sin­ne zu ver­ste­hen ist. Je bes­ser näm­lich der Sol­dat nicht nur über den Zweck eines Be­fehls, son­dern über das zu sei­ner Er­rei­chung not­wen­di­ge Aus­maß der von ihm ver­lang­ten Dis­zi­plin in­for­miert ist, de­sto leich­ter ist er zu mo­ti­vie­ren, de­sto ef­fi­zien­ter wird die­ser Zweck er­reicht. Ein Man­gel an In­for­ma­tion, Macht­ge­ha­be von Vor­ge­setz­ten, mehr oder min­der ge­ziel­te Fehl­in­for­ma­tio­nen ver­hin­dern die Zweck­er­rei­chung durch De­mo­ti­va­tion.[43]


3.2.4 Gra­du­el­le Ab­stu­fen von Dis­zi­plin in­ner­halb des Hee­res

Im Ge­gen­satz zur Be­fehls­ge­walt und der da­mit ver­bun­de­nen Not­wen­dig­keit des Ge­hor­sams kann es bei der Dis­zi­plin in­ner­halb der je­wei­li­gen Trup­pe wie auch außer­halb des Hee­res ins­ge­samt kei­ne Ab­stu­fun­gen ge­ben. Die „All­ge­mei­nen Pflich­ten des Sol­da­ten”[44] tref­fen je­den Vor­ge­setz­ten und je­den Un­ter­ge­be­nen glei­cher­ma­ßen. Un­ter­schie­den wer­den kann je­doch die Art und Wei­se, wie sich die Dis­zi­plin im Ein­zel­fall zu äußern hat. Die ADV macht hier­zu sehr kla­re Aus­sa­gen.[45]


4 Con­clu­sio

Mi­li­tä­ri­sche Dis­zi­plin ist so­mit die Rea­li­sie­rung des ge­sell­schaft­li­chen Ge­wis­sens,[46] die den ein­zel­nen Sol­da­ten da­zu be­fä­higt, durch frei­wil­li­ge Un­ter­wer­fung in mün­di­gem Ge­hor­sam[47] sei­nen Ver­pflich­tun­gen ge­gen­über sei­nen Ka­me­ra­den, aber auch der Ge­sell­schaft, dem Staat ge­gen­über nach­zu­kom­men, in­dem er zur Ef­fi­zi­enz­stei­ge­rung durch nöti­gen­falls höch­ste Ein­satz­be­reit­schaft bei­trägt.[48]

Die Aus­bil­dung soll dem Sol­da­ten Selbst­ver­trau­en ver­mit­teln; Dis­zi­plin ist „das na­tür­li­che Ge­gen­gift ge­gen die Furcht”[49] — das Mit­tel, um je­ne Furcht, je­ne Angst, die von ihm auf Grund sei­ner Auf­ga­be, die oft ge­nug mit Le­bens­ge­fahr ver­bun­den ist,[50] ihn aber bei sei­ner Pflicht­er­fül­lung nicht be­ein­flus­sen darf,[51] über­win­den zu kön­nen.

Ihr Ziel ist es so­mit, dem Sol­da­ten im Ein­satz­fall das Über­le­ben zu er­leich­tern, der de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schafts­ord­nung je­doch das Über­le­ben zu ga­ran­tie­ren.



[10] von Molt­ke Re­den 69; Re­de vor dem Deut­schen Reichs­tag „Über Ar­rest­stra­fen” am 7. Ju­ni 1872.

[11] Vgl zB § 7 ADV.

[12] Vgl Löff­ler ADV 21.

[13] AA zB We­ber Das mi­li­tä­ri­sche Dis­zi­pli­nar­straf­recht 67, FN 28; wer sich je­doch mit den Grund­be­grif­fen sei­ner Ar­beit nicht selbst be­schäf­tigt, er­schwert mE nicht nur sich selbst, son­dern auch dem Le­ser die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem eigent­li­chen The­ma er­heb­lich.

[14] § 3 Abs 2 ADV; § 6 Abs 3 Z 2 ADV; § 19 Abs 7 ADV.

[15] § 5 Abs 4 HDG; § 7 Abs 4 HDG; § 39 Abs 1 Z 2 HDG; § 82 Abs 2 Z 2 HDG.

[16] Vgl hier­zu Löff­ler ADV. Ager Die Rech­te und Pflich­ten von Sol­da­ten 21; Wolf De­lik­te ge­gen Vor­ge­setz­te im MilStG 1. Eine um­fas­sen­de Le­gal­de­fi­ni­tion fin­det sich hin­ge­gen in Pkt 205 des Schwei­zer DR, wo ua zu le­sen ist: „Dis­zi­plin heisst be­wuss­te Ein­ord­nung in das Gan­ze und Pflicht­er­fül­lung nach be­stem Wis­sen und Ge­wis­sen, mit gan­zer Kraft, oh­ne Rück­sicht auf per­sön­li­che Wün­sche und An­sich­ten.”

[17] Vgl zB Meyers Kon­ver­sa­tions–Lexi­kon3 1874, Bd V 510: „Dis­ci­plin (lat. dis­ci­pli­na), im all­ge­mei­nen ein Sy­stem von Maß­re­geln, durch wel­che das Ver­hal­ten einer Mehr­heit von Per­so­nen an ge­wis­se ge­mein­sa­me Ord­nun­gen und Schran­ken ge­bun­den wird; ... Im Mi­li­tär­we­sen ist D. s.v.w. Kriegs– und Manns­zucht (vgl Meyers Kon­ver­sa­tions–Lexi­kon3 1874, Bd XI 185: „Manns­zucht, mi­li­tä­risch s.v.w. Dis­zi­plin, be­greift nicht al­lein den un­be­ding­ten Ge­hor­sam ge­gen die Vor­ge­setz­ten, son­dern auch die zur Ge­wohn­heit ge­wor­de­ne Be­fol­gung al­ler für das gu­te Ver­hal­ten in und außer Dienst ge­ge­be­nen Vor­schrif­ten.”) die Grund­la&ge der Sub­or­di­na­tion und die er­ste An­for­de­rung an ein tüch­ti­ges, brauch­ba­res Heer. ...”

[18] Meyers Gro­ßes Ta­schen­le­xi­kon3 1990, Bd V 268: „Dis­zi­plin, ...[innere] Zucht, Be­herrsch­theit, Selbst­zucht, die je­man­den zu bes. Lei­stun­gen be­fähigt.”

[19] Arg „ge­bun­den wird”.

[20] So bei­spiels­wei­se in den USA, in Groß­bri­tan­nien und in Deutsch­land.

[21] Zur Auf­he­bung der Dis­zi­plin und zum Über­gang in an­ar­chi­sche Zu­stän­de bzw zur Her­bei­füh­rung der­sel­ben durch die Auf­he­bung der Dis­zi­plin in Zei­ten des Um­stur­zes vgl ua Sper­ber Sie­ben Fra­gen zur Ge­walt 9 ff.

[22] Vgl Jel­li­nek All­ge­mei­ne Staats­leh­re3 180: „Der Staat ist die mit ur­sprüng­li­cher Herr­scher­macht aus­ge­rüstete Ver­bands­ein­heit seßhaf­ter Men­schen.” Zit nach Ve­ros­ta in ÖZöR 24/1973 245.

[23] Vgl zur Be­deu­tung der Frei­heit auch Auer OSB 8: „Frei­heit wird al­so vor­aus­ge­setzt und ist nicht die Fol­ge der Ein­glie­de­rung in den Staat, sie hängt vor al­lem nicht von po­si­ti­ven Set­zun­gen des Staa­tes ab; der Mensch ist frei im Staat, nicht durch den Staat; und will der Staat sich sel­ber schüt­zen, dann muß er vor al­lem sor­gen, daß er nicht durch Schmä­le­rung der Frei­heit die per­so­na­le Wür­de auf­lö­se, die ja die Quel­le des Staats­le­bens ist.”
Be­treffend die Frei­heit im staats­bür­ger­li­chen Sinn vgl zur ver­fas­sungs­mä­ßig ga­ran­tier­ten Frei­zügig­keit Art 4 StGG; da­zu Er­ma­co­ra Hand­buch 118; aA zB Merkl Ver­lust 626 ff, 631 ff so­wie Thie­nel Öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft Bd 2 53–56; zur Mög­lich­keit des Ver­zich­tes auf die öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft nach Er­werb einer an­de­ren Staats­bür­ger­schaft vgl Thie­nel Öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft Bd 2 327–332 zu den §§ 37 u 38 StbG.

[24] Vgl da­zu auch Ve­ros­ta in ÖZöR 24/1973 245 f.

[25] Vgl da­zu Dä­ni­ker in Schwei­zer Jour­nal 7/1942 (Son­der­druck) 1–7.

[26] Ge­set­ze, Ver­ord­nun­gen, Wei­sun­gen, Be­feh­le etc.

[27] Vgl Grimm All­ge­mei­ne Wehr­pflicht und Men­schen­wür­de 106 un­ter Be­ru­fung auf Jas­pers mwN: „Auto­ri­tät braucht Frei­heit — nämlich die Frei­heit derer, die sie aus frei­en Stücken an­er­ken­nen —, da sie sonst dem Ver­derb an­heim­fällt, zur Zwangs­ord­nung und Ge­walt­herr­schaft ent­ar­tet. Frei­heit aber braucht Auto­ri­tät, näm­lich die Auto­ri­tät all der­je­ni­gen Ein­rich­tun­gen und Kräf­te, wel­che Frei­heit ge­währ­leis­ten. Fal­len die­se Auto­ri­täten da­hin, so ist auch die Frei­heit sel­ber je­den Augen­blick in Ge­fahr, in An­ar­chie, Bür­ger­krieg, Gas­sen­ter­ror und Ty­ran­nei um­zu­schla­gen.” Scheit­lin in ASMZ 7/1954 485 spricht so­gar von einem „feu sacré”.

[28] § 4 ADV. Ge­gen „blin­den Ka­da­ver­ge­hor­sam” be­reits 1939 Dä­ni­ker in Schwei­ze­ri­sche Mo­nats­hef­te 12/1939 (Son­der­druck) 1: „Am Aus­gangs­punkt der Dis­zi­plin steht das Ge­hor­chen, ein Ge­hor­chen, das aber kei­nes­wegs rein pas­siv sein darf. Eine Dis­zi­plin, die sich in pas­sivem Ge­hor­sam er­schöpft, ge­nügt viel­leicht zur Not für die Mann­schaft, sie ge­nügt nie­mals für die mi­li­tä­ri­schen Füh­rer. Für die­se gibt es kei­ne stump­fe Be­fehls­aus­füh­rung, kein ge­dan­ken­lo­ses Ge­hor­chen, das letz­ten En­des im­mer einem Han­deln oh­ne Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl gleich­kommt.”

[29] Vgl die Auf­zäh­lung des § 2 HDG.

[30] Scheit­lin in ASMZ 7/1954 484.

[31] Scheit­lin in ASMZ 7/1954 487.

[32] Vgl da­zu auch Wolf Di­plom­ar­beit 3: „Ver­tritt man aber die Auf­fas­sung, daß der Sol­dat heut­zu­ta­ge nicht mehr als un­ver­ant­wort­li­cher Be­fehls­auto­mat oder als ein blind­lings ge­hor­chen­des Her­den­tier an­zu­se­hen ist, son­dern als ein mün­di­ger Staats­bür­ger in Uni­form, so be­deu­tet für ihn die Schaf­fung eines grö­ße­ren vor­schrifts­frei­en Rau­mes (Anm: der durch die Dis­zi­plin aus­ge­füllt wird) die Mög­lich­keit zum ak­ti­ven Mit­ge­stal­ten und An­reiz zur Ver­ant­wor­tung.” Zum „Staats­bür­ger in Uni­form” vgl Triff­te­rer/Bin­ner in EuGRZ 1977 137 lSp so­wie FN 4. Vgl da­zu auch Triff­te­rer/Bin­ner in EuGRZ 1977 137 lSp: „Im obe­ren Ziel der Streit­kräf­te, in ih­rer Funk­tions­fä­hig­keit zur Er­fül­lung ih­res Ver­tei­di­gungs­auf­tra­ges, müs­sen die­se bei­den Kon­zep­tio­nen (ge­meint ist hier das Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen Pflich­ten und den Prin­zi­pien der in­ne­ren Füh­rung, Anm) zu­sam­men­fließen und sich wech­sel­sei­tig durch­drin­gen, da­mit die Sol­da­ten ih­re Pflicht aus be­wuß­ter Ver­ant­wor­tung und nicht in blin­dem Ge­hor­sam ro­bo­ter­haft er­fül­len.” Vgl Triff­te­rer/Bin­ner in EuGRZ 1977 138 lSp: „Wenn das Ge­bot der Dis­zi­plin auf ein Ver­ständ­nis von ‚Ka­da­ver­ge­hor­sam’ und die Ka­me­rad­schaft auf das Schlag­wort ‚Einer für al­le, al­le für einen’ ver­kürzt wür­den, wä­re zur Auf­recht­er­hal­tung die­ser Art Dis­zi­plin und Ka­me­rad­schaft mög­li­cher­wei­se auch die Ver­hän­gung der schwer­sten frei­heits­ent­zie­hen­den Maß­nah­men durch den Dis­zi­pli­nar­vor­ge­setz­ten er­for­der­lich und, so­weit ver­häl­tis­mä­ßig, auch ge­recht­fer­tigt. Da je­doch eine frei­heit­li­che, de­mo­kra­ti­sche Ord­nung al­le ge­sell­schaft­li­chen Be­rei­che er­fas­sen muß und den Be­reich des Mi­li­tärs nicht als Ex­kla­ve be­han­deln darf, sind auch die mi­li­tä­ri­schen Zie­le im Lich­te die­ser de­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung und der sie kon­sti­tu­ie­ren­den Wer­te zu se­hen. Der Um­fang des Dis­zi­pli­nar­rechts des mi­li­tä­ri­schen Vor­ge­setz­ten hat sich des­halb an den so ver­stan­de­nen Ziel­wer­ten zu ori­en­tie­ren.” So auch Grimm All­ge­mei­ne Wehr­pflicht und Men­schen­wür­de 104: „Eine un­be­schränk­te Be­fehls­ge­walt wür­de im End­ef­fekt zu einer fak­ti­schen Gleich­set­zung von Macht­be­fug­nis und Recht­mä­ßig­keit füh­ren, un­be­ding­te Ge­hor­sams­pflicht hät­te die De­gra­die­rung des Un­ter­ge­be­nen zu einem ge­dan­ken– und wil­len­lo­sen Werk­zeug zur Fol­ge.

[33] Dies ist ein Er­for­der­nis des Takt­ge­fühls. Vgl da­zu ua Schä­fer–El­ma­yer Der El­ma­yer 10 ff.

[34] Vgl § 5 Abs 1 StVO

[35] Vgl § 95 Abs 1 Z 2 so­wie Abs 2 Ärz­teG iVm § 81 Z 1 u 2 so­wie § 88 Abs 3 StGB; da­zu aus­führ­li­cher Kris­mer Dis­ser­ta­tion 36 f.

[36] Auf sie wird ua deut­lich in § 3 ADV hin­ge­wie­sen. Vgl da­zu Rad­ke Staats­not­stand 65–68.

[37] Vgl da­zu auch § 2 WG.

[38] Vgl Art 78 Abs 5 B–VG so­wie § 2 Abs 4 WG.

[39] Über­trägt man von Molt­kes Aus­füh­rung­en vor dem Deut­schen Reichs­tag auf die Ziel­set­zun­gen des mo­der­nen öster­rei­chi­schen Bun­des­hee­res, ha­ben sie zu­min­dest teil­wei­se noch Gül­tig­keit: „Die Dis­zi­plin macht die Ar­mee erst zu dem, was sie sein soll, und eine Ar­mee oh­ne Dis­zi­plin ist auf al­le Fäl­le eine kost­spie­li­ge, für den Krieg nicht aus­rei­chen­de und im Frie­den eine ge­fahr­vol­le In­sti­tu­tion.” Von Molt­ke Re­den 69. Da­bei soll­te man aber nicht ver­ges­sen, daß — bei al­len zu­ge­ge­be­nen Än­de­rungs­mög­lich­kei­ten — die heu­ti­gen de­mo­kra­tisch orien­tier­ten Ver­fas­sun­gen in Mit­tel­euro­pa ge­ne­rell ein weit grö­ße­res Maß an Dis­zi­plin (auch im mi­li­tä­ri­schen Be­reich) ver­lan­gen müs­sen als von Molt­ke, der sich auf „Auto­ri­tät von oben” be­ru­fen konn­te: De­mo­kra­tie oh­ne frei­wil­li­ge Un­ter­wer­fung des Ein­zel­nen un­ter den Wil­len des Vol­kes ist nicht mög­lich.

[40] Vgl zB § 414 Abs 1 S 2 ZPO so­wie § 270 Abs 2 Z 5 StPO.

[41] Vgl § 44 Abs 2 ADV.

[42] Mi­li­täri­sche Aus­bild­ner wei­sen in die­sem Zu­sam­men­hang im­mer wie­der auf die prak­ti­sche Un­mög­lich­keit hin, den GWD per­ma­nent de­tail­lier­te An­wei­sun­gen, ge­schwei­ge denn Be­grün­dun­gen zu ge­ben. Dem ist je­doch ent­ge­gen­zu­hal­ten, daß es — ge­ra­de wäh­rend der AGA — aus­rei­chend Ge­le­gen­heit gibt, den GWD von vor­ne­her­ein (et­wa im Rah­men von Schu­lun­gen und Be­leh­run­gen) je­ne Be­grün­dun­gen zu ge­ben, die es ih­nen er­mög­li­chen, späte­ren Ver­hal­tens­an­for­de­run­gen — zB wäh­rend einer Übung oder im Ein­satz­fall — ge­recht wer­den zu kön­nen. Je vor­aus­schau­en­der al­so in die­ser Hin­sicht aus­ge­bil­det wird, de­sto we­ni­ger In­for­ma­tion wird für den Sol­da­ten im Übungs– oder Ein­satz­fall not­wen­dig sein, daß er sich in die La­ge ver­setzt sieht, sei­ne Auf­ga­be über­haupt er­füllen zu kön­nen.
Darüber­hi­naus ist auch eine ent­spre­chen­de In­for­ma­tion der Öf­fent­lich­keit über Hee­res­be­lan­ge un­be­dingt not­wen­dig; vgl hier­zu et­wa Er­ma­co­ra Kon­zep­ti­ve Grund­la­gen 1983 16, Pkt 15. Es kann nicht er­war­tet wer­den, daß die Be­völ­ke­rung eine dem de­mo­kra­ti­schen Ver­ständ­nis ent­spre­chen­de Ein­stel­lung ge­gen­über ih­ren Streit­kräf­ten ent­wickelt, wenn sie über re­le­van­te wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen nicht (recht­zei­tig) auf­ge­klärt wird. Die be­denk­lich zu­neh­men­de Di­stanz zwi­schen öster­rei­chi­schem Staats­volk und Bun­des­heer, her­vor­ge­ru­fen durch die be­schrie­be­nen Ver­säum­nis­se und Män­gel sei­tens der Po­li­tik, wird deut­lich an der stär­ker wer­den­den Ab­leh­nung der all­ge­mei­nen Wehr­pflicht und der da­mit ver­bun­de­nen ak­tu­el­len Dis­kus­sion über die Ein­füh­rung eines Be­rufs­hee­res.

[43] Die Not­wen­dig­keit der In­for­ma­tion und Mo­ti­va­tion und da­mit der Dis­zi­plin be­steht be­reits im Kin­des­al­ter. Ein Ver­sa­gen el­ter­li­cher Er­zie­hung und staat­li­cher Bil­dungs­po­li­tik — in Öster­reich va durch Be­har­ren auf ver­al­te­ten Lehr­struk­tu­ren und durch un­re­flek­tier­te Über­nah­me mo­der­ner „Er­zie­hungs”me­tho­den einer­seits und durch man­geln­de An­pas­sung an mo­der­ne Er­for­der­nis­se an­de­rer­seits — hat bei Öster­reichs Ju­gend­li­chen zu einem enor­men Des­in­te­res­se an der staat­li­chen Ge­mein­schaft, aber auch zu er­schreckend über­stei­ger­tem Na­tio­na­lis­mus, Mi­li­ta­ris­mus und Ge­walt (im phy­si­schen Sin­ne) ge­führt (vgl hier­zu zB Völ­ker Die Schul­tra­gödie Kor­neu­burg ... „Es feh­len Be­grif­fe wie Ord­nung, Dis­zi­plin” in: Der Stan­dard v 08.10.1993; Scheit­lin in AMSZ 7/1954 489: „So falsch es war, das Kind in frü­he­rer Zeit gleich­sam in einem Schraub­stock ab­zu­wür­gen, so falsch ist es heu­te, das Kind nicht nur wach­sen, son­dern wu­chern zu las­sen.”).
Für das öster­rei­chi­sche Bun­des­heer be­deu­tet das, daß vie­le GWD mit dem Be­griff Dis­zi­plin heu­te nur mehr we­nig an­fan­gen kön­nen; ge­lingt es nicht, ih­nen die­sen Be­griff durch Er­läu­te­rung sei­nes Zweckes nicht nur in Hin­blick auf die mi­li­tä­ri­sche Lan­des­ver­tei­di­gung, son­dern auch in be­zug auf die de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung Öster­reichs na­he­zu­brin­gen, wird da­durch nicht nur der Zweck des Hee­res, son­dern auch die Er­rei­chung und Ver­wirk­li­chung des in der Ver­fas­sung fest­ge­leg­ten Staats­zie­les ge­fär­det (vgl Scheit­lin in ASMZ 7/1954 495).

[44] Vgl § 3 ADV, ins­be­son­de­re § 3 Abs 2.

[45] Vgl §§ 4 (insb Abs 1) bis 6 bzw 7 ff ADV. Vgl da­zu auch VfSlg 11561/87 (G 161, 162, 201/87–8) 565 f: Zur Auf­he­bung des § 29 Abs 1 letz­ter Satz HDG (1985), der im Kom­man­dan­ten­ver­fah­ren die Bei­zie­hung eines Rechts­an­wal­tes aus­ge­schlos­sen hat, we­gen Ver­let­zung des Gleich­heits­grund­sat­zes ar­gu­men­tiert der VerfGH ge­gen die teil­wei­se gro­tesk an­mu­ten­de Stel­lung­nah­me der Bun­des­re­gie­rung, die „Aus­sa­ge, daß der Dis­zi­plin im Bun­des­heer ein we­sent­lich hö­he­rer Stel­len­wert als in an­de­ren Ver­wal­tungs­be­rei­chen zu­kom­me, muß für das Heer all­ge­mein, nicht et­wa bloß für be­stimm­te — näm­lich dem Kom­man­dan­ten­ver­fah­ren un­ter­wor­fe­ne — Hee­res­an­ge­hö­ri­ge gel­ten”; er stellt fest, daß die öster­rei­chi­sche Rechts­ord­nung vom um­fas­sen­den Sol­da­ten­be­griff aus­geht. Vgl da­zu § 1 Abs 3 S 3 und 4 WG: „Die­se Per­so­nen sind Sol­da­ten. Sie wer­den in die Grup­pen Of­fi­zie­re, Un­ter­of­fi­zie­re, Char­gen und Sol­da­ten oh­ne Dienst­grad ge­glie­dert.”

[46] Sie­he da­zu oben B.2.4. Kri­te­ri­um für die dis­zi­pli­näre Be­ur­tei­lung einer Hand­lung ist da­her die Fra­ge, ob es zum Woh­le für die je­wei­li­ge Ge­mein­schaft — hier für die mi­li­tä­ri­sche Ein­heit — wä­re, wenn die über­wie­gen­de Mehr­zahl ih­rer Mit­glie­dereine der­ar­ti­ge Hand­lung set­ze.

[47] Zur Ge­fähr­lich­keit des „un­be­ding­ten Ge­hor­sams” Scheit­lin in ASMZ 7/1954 484; vgl § 7 Abs 1 S 2 ADV.

[48] Vgl da­zu auch § 48 Abs 2 S 2 WG: „Die Sol­da­ten sind an­zu­lei­ten, das per­sön­li­che In­ter­es­se dem Woh­le des Gan­zen un­ter­zu­ord­nen, über den Rech­ten des Ein­zel­nen die Pflich­ten ge­gen­über der Ge­samt­heit nicht zu ver­ges­sen und al­les Tren­nende zwi­schen den Staats­bür­gern zu­rück­zu­stel­len.”

[49] So Frick in ASMZ 7/1954 90 mwN; zu Furcht, Be­fehl und Dis­zi­plin vgl Ca­net­ti Mas­se und Macht 335–371.

[50] Frick in ASMZ 7/1954 89 f.

[51] § 4 MilStG: „Furcht vor per­sön­li­cher Ge­fahr ent­schul­digt eine Tat nicht, wenn es die sol­da­tische Pflicht ver­langt, die Ge­fahr zu be­ste­hen.” Wie schon beim Be­griff der Dis­zi­plin fehlt dem öster­rei­chi­schen Recht eine ge­naue Be­griffs­de­fi­ni­tion zu „sol­da­ti­scher Pflicht”; eine Aus­le­gungs­hil&y­fe bie­ten et­wa § 47 Abs 1–3 und § 48 Abs 2 WG.






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