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Im Jahre 1407 wird Czernowitz erstmals als Markt, dann 1408 als Zollpunkt des Fürstentums Moldau urkundlich erwähnt; Flößer nutzten damals den Pruth zum Warentransport.
Anfang des 16. Jahrhunderts gerät die kleine Siedlung unter die Herrschaft des sich rasant ausdehnenden Osmanischen Reiches, und zwar bis zum 31. August 1774: Österreichische Truppen besetzen Czernowitz, das zu dieser Zeit immer noch ein kleines, unbedeutendes Dorf war. Bereits kurz nach der offiziellen Abtretung der Bukowina durch die Hohe Pforte am 7. Mai 1775 beginnen die ersten Maßnahmen zum Aufbau einer funktionierenden Verwaltung und selbstverständlich einer entsprechenden militärischen Organisation unter dem Militäradministrator Generalfeldwachtmeister Gabriel Freiherr von Spleny. Dieser schreibt in seiner „Beschreibung des Bukowiner Districts”, man solle sich „in ihre Religion, ... ihre Freyheiten und Gewohnheiten nicht einmischen.” In der Zeit von 1786 bis 1849 ist Czernowitz galizisches Verwaltungszentrum; seine nur wenig mehr als fünftausend Bewohner gehören somit zu den ersten, die in Form des Westgalizischen Gesetzbuches (der sogenannte Entwurf Martini von 1797, der die Grundlage für das mit 1. Jänner 1812 in Kraft getretene Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch darstellt) in den Genuß kodifizierten bürgerlichen Rechts kommen. Zuvor haben ja schon die Einführung der „Allgemeinen Gerichtsordnung” 1781, das Toleranzpatent und das „Patent zur Aufhebung der Leibeigenschaft” von 1782 die Macht der ortsansässigen Bojaren gebrochen und die Bevölkerung der Bukowina sehr für die Österreicher eingenommen. Der eigentliche Aufbruch zur Blütezeit beginnt nach dem Aufbau der Landwirtschaft seit Joseph II. mit 1850, als Czernowitz die Hauptstadt des Herzogtums Bukowina wird. Mit der zunehmendem Industrialisierung und der Ausweitung des Handwerks bekannt sind vor allem die Glashütten, Brauereien, Papier und Pulvermühlen geworden steigt der Wohlstand und wächst die Bevölkerung, vor allem auch durch starken Zuzug aus wohl allen Teilen der Österreichischen Monarchie, ebenso aus Polen und Rußland. Besonders hervorzuheben ist, daß sich die Völker in der Bukowina kaum miteinander vermischen, sondern in „separierter Eintracht” leben. In der Folge zeigt sich bald der Vorteil der erhaltenen Eigenständigkeiten: Es entwickelt sich ein fast immer friedlicher, leidenschaftlicher, intensiver Wettstreit der verschiedenen sprachlichen, religiösen und nationalen Gemeinschaften, der sich sehr befruchtend auf die kulturelle und sehr gewinnbringend für die wirtschaftliche Entwicklung von Stadt und Land auswirkt. Schon vor der Jahrhundertwende kann man in den eleganten Kaffeehäusern der Czernowitzer Herrengasse über hundert Tageszeitungen (!) lesen; wenn ein Brief von Wien nach Czernowitz einmal länger als zwei Tage unterwegs ist, erregen sich die Czernowitzer darüber (ach, was waren das für Zeiten!); Theater, Musikvereinsgebäude, Universität und Bischofssitz garantieren die Bedeutung der Region; die verschiedenen Kulturhäuser ermöglichen nicht nur die Pflege der eigenen Kultur, sondern auch die der Toleranz in Stärke und Selbstbewußtsein mit einem Satz: Nicht umsonst wird damals Czernowitz auch „KleinWien” genannt! So kommt es, daß in Czernowitz die Sprengkraft des insbesondere seit 1848 aufkommenden Nationalismus weit weniger Wirkung hat als in manch anderem Teil Europas. Selbst die für Wien, Bukarest, Moskau, Kiew und andere Großstädte scheinbar so selbstverständlichen antisemitischen Strömungen sind in weiten Teilen der Bukowina zwar deutlich spürbar, aber doch weniger radikal und brutal. Man hat sich halt mittlerwele vielfach daran gewöhnt, daß es besser ist, nebeneinander, miteinander und voneinander zu leben ... In Czernowitz leben um 1890 bald fünfundfünfzigtausend Menschen, davon etwa zehntausend Ruthenen, achttausend Rumänen, ebensoviele Polen, mehr als fünfzehntausend Israeliten und viele andere; etwa ein Drittel der Bevölkerung ist deutsch. Vor den Behörden sind neben deutsch auch die „wesentlichen anderen Landessprachen” zugelassen, also insbesondere ruthenisch und rumänisch. Die meisten Czernowitzer wachsen mehrsprachig auf. Die griechisch-orientalische Kathedrale repräsentiert die mitgliederstärkste Glaubensgemeinschaft, sie wurde nach dem Vorbild der Isaaks-Kathedrale von St. Petersburg erbaut und 1864 fertiggestellt. Es gibt eine armenisch-katholische Kirche aus 1875, zwei römisch-katholische Kirchen und noch einige andere. Selbstverständlich gibt es auch den prächtigen „Israelitischen Tempel”, der im orientalisch-maurischen Stil in den Jahren 1873 bis 1877 errichtet wurde, und zahlreiche jüdische Wohlfahrtsvereine, die sich in besonderem Maße um die Eingliederung und Ausbildung der Neuankömmlinge kümmern. Bezeichnend für die Stimmung in Czernowitz ist wohl die Einstellung des Universitätsgründers, Dr. Constantin Tomaszczuk; er schreibt: „Österreichs Einheit ruht auf dem gemeinsamen Bildungsgang all derer, die in ihrer Bildung über das Niveau der Volksmassen hervorragen. Dieser gemeinsame Bildungsgang, die Verwandtschaft des Ideengutes, hat nach und nach die politische Nationalität des Österreichertums begründet und großgezogen. [...] Deutsche Wissenschaft hat Anspruch auf Universalität. Und nur weil deutsche Bildung eine universelle Bedeutung hat, streben auch die nichtdeutschen Söhne der Bukowina eine deutsche Universität an. [...] Wehe der Nation, die sich fürchten muß vor dem Einfluß fremder Kultur. Diese hat sich selbst das Todesurteil gesprochen.” In diesem Klima bringt Czernowitz eine Reihe beühmter Persönlichkeiten hervor, etwa den Geographen Alexander Suppan, den schon genannten Universitätsgründer Constantin Tomaszczuk, den Architekten Andreas Mikulicz, den Volkswirtschafter und späteren Finanzminister Joseph Alois Schumpeter, der Nationalökonom Friedrich Kleinwächter, später auch den berühmten Sänger Joseph Schmidt und den Nobelpreisträger für Literatur Gala Galaction, um nur einige zu nennen. So vielfältig die Studenten und Professoren, die an der Czernowitzer Universität fleißig und besonders diszipliniert im Dienste der Wissenschaften arbeiten, so vielfältig ist auch das farbstudentische Leben: katholische, deutsche, jüdische, ruthenische, polnische und rumänische Corporierte prägen zum sonntäglichen „Bummel” mit ihren Bändern und Mützen Rathausplatz und Herrengasse. Die Eintracht wird erst beendet durch die bedauerlichen separatistischen Aufrufe der Wiener zionistischen Verbindung Kadimah vom Herbst 1882, durch die Radikalität der Mitglieder der Jüdisch-akademischen Verbindung „Hasmonäa” und dann endgültig durch die Verkündung des „Waidhofener Prinzips” durch die „Wehrhaften Vereine Wiens” vom März 1896, das unter anderem den jüdischen Corporierten die Ehre und Satisfaktionsfähigeit und damit auch das Recht zur Mitgliedschaft abspricht. Der aufkommende Nationalismus, gepaart mit Antisemitismus und Deutschenhaß, vergiftet zunehmend die kulturelle und wirtschaftliche Fruchtbarkeit der Stadt. Bezeichnenderweise geschieht der Richtungsstreit zwischen Stärke, Toleranz und Vielfalt einerseits und Ausschließlichkeit, Ausgrenzung und Einseitigkeit andererseits zunächst jahrelang innerhalb der jeweiligen Gruppen, bevor die jeweiligen radikalisierten Abspaltungen oder Überbleibsel gegeneinander losziehen: Polen gegen Ruthenen, Ruthenen gegen Rumänen, Rumänen gegen alle und alle gegen die Deutschen und die Juden. Verbale Attacken hauptsächlich über Zeitungen, Wochenblätter und andere Publikationen ausgetragen sind zunehmend an der Tagesordnung. Der Erste Weltkrieg bringt bereits am 2. September 1914 die russische Besatzung mit Verschleppungen und antisemitischen Übergriffen. An die fünftausend Freiwillige aus allen Religions- und Volksgruppen wieder vereint ... erobern zwar am 21. Oktober 1914 die Stadt wieder zurück, am 27. November wird Czernowitz jedoch erneut von russischen Truppen mit denselben Begleiterscheinungen wie beim ersten Mal besetzt. Erst nach der März-Revolution ziehen die Russen im Juli 1917 ab. Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie marschieren rumänische Truppen in Czernowitz ein. Bereits im August 1916, knapp vor seinem Kriegseintritt, hat Rumänien mit den Alliierten einen Vertrag geschlossen, der ihm im Falle des Sieges neben einigen anderen Gebieten auch die Bukowina bis zum Pruth zusprach. In der Zwischenzeit ist es in Rumänien und rumänisch besetzten Gebieten immer wieder zu heftigen antisemitischen und nationalistischen Ausschreitungen gekommen. Für die nichtrumänischen und jüdischen Bürger der Bukowina ist abzusehen, daß die Eingliederung der Bukowina in das Königreich Großrumänien und die damit verbundene, wenn auch völkerrechtswidrige Rumänisierung nichts Gutes bedeutet. Die entsprechenden Maßnahmen folgen auch sogleich: Nichtrumänische Schulen, kulturelle Einrichtungen, Verlage und vieles andere mehr wird entweder geschlossen oder durch rumänische Institutionen ersetzt. Ab 1924 ist Deutsch nicht mehr Amtssprache, die österreichische Studienordnung wird durch die rumänische ersetzt, fast alle österreichischen Professoren haben bis zu diesem Zeitpunkt das Land bereits verlassen. Wie hat es Tomaszczuk doch so treffend formuliert: “Wehe der Nation, die sich fürchten muß vor dem Einfluß fremder Kultur. Diese hat sich selbst das Todesurteil gesprochen.” Nach nur fünfundzwanzig Jahren oktroyierter nationalistisch-antisemitischer Umtriebe ist aus dem einst so in Vielfalt blühenden Czernowitz eine aufgehörte Kulturstadt unter rumänischer Herrschaft geworden. Zudem bewirkt die Weltwirtschaftskrise eine zunehmende Stärkung radikaler, vor allem sozialistischer und zionistischer Kräfte, die mit alten Czernowitzer Werten wie Rechtsstaatlichkeit, Freiheit, Vielfalt gründlich aufzuräumen versprechen. Jüdische Jugendliche betätigen sich zunehmend in kommunistischen Organisationen und bringen damit natürlich viele Nichtkommunisten aus allen Richtungen gegen die Juden auf ; die anderen Gruppierungen nehmen immer stärker nationales, separatistisches und antisemitische Gedankengut auf, während die national-sozialistische Propaganda aus dem Deutschen Reich vorerst nur von geringem Einfluß ist. Immer wieder kommt es zu antikommunistischen-antijüdischen, antideutschen und antirumänischen Ausschreitungen. Im Februar 1938 erhält Rumänien eine Verfassung, die als „orthodox-klerikal gestützte Königsdiktatur” wohl am besten zu beschreiben ist. Politische Parteien sind dann mit 31. März 1938, kurz nach der national-sozialistischen Okkupation Österreichs, verboten. Massenverhaftungen und Hinrichtungen ohne vorangehende Verfahren finden immer häufiger statt, der Staatsterror weitet sich bis zur sowjetischen Annexion des Landes am 28. Juni 1940 aus. Während die Deutschen diesmal wohl aufgrund des deutsch-sowjetischen Nichtangriffs-Paktes weitgehend vor Übergriffen verschont bleiben, haben viele Rumänen, Ukrainer und Juden bei den Letztenannten bemerkenswerterweise auch die jüdischen Sozialisten und Kommunisten unter sowjet-kommunistischem Terror zu leiden; wieder gibt es Massenverhaftungen und Hinrichtungen; etwa 3.500 Czernowitzer Juden werden nach Sibirien deportiert, von denen nur ganz wenige (unter ihnen der bekannte Schriftsteller Josef Burg) überleben. Die Zustände bewegen nicht nur Deutsche, sondern auch Rumänen, Polen, Ukrainer und Juden (!), sich bei sogenannen Umsiedlungskommissionen unter Vorlage von oftmals abenteuerlich gefälschten „Dokumenten” für die Auswanderung ins Deutsche Reich zu melden. Insgesamt verlassen 1940 mehr als 95.000 Menschen auf diesem Wege die Bukowina, was sofort einen enormen Zuzug von Menschen aus der Sowjetunion nach sich zieht. Ende Juni 1941 besetzen rumänische Truppen die nördliche Bukowina. Ukrainer und Juden werden pauschal der Kollaboration mit den Kommunisten verdächtigt, wiederum werden viele verhaftet, deportiert oder umgebracht. Am 6. Juli 1941 nimmt in Czernowitz die Einsatzgruppe D des Sicherheitsdienstes der Schutzstaffel (SD der SS) ihre mörderische „Arbeit” auf; innerhalb weniger Tage fallen ihr über 650 Menschen zum Opfer. Zudem finden weitere pogromartige Übergriffe auf Juden durch das rumänische Militär und verschiedene Banden statt. In nur drei Monaten werden mehr als zehntausend Juden in der Bukowina ermordet. In Czernowitz selbst wird Anfang Oktober 1941 ein Ghetto errichtet und alle in der Stadt lebenden Juden dorthin „evakuiert”, um von dort in Vernichtungslager deportiert zu werden. Etwa zwanzigtausend Juden kann der Czernowitzer Bürgermeister Traian Popovici in einer gewagten Aktion zunächst vor diesem Schicksal bewahren: Er argumentiert erfolgreich den Zuständigen gegenüber, die Deportation der Juden habe den wirtschaftlichen Zusammenbruch der Stadt und des umliegenden Gebietes unmittelbar zur Folge, sie seien daher unentbehrlich. Nach der Absetzung Popovicis im Sommer 1942 jedoch setzten die Deportationen wieder ein. Im Frühjahr 1944 wird das Ghetto aufgelöst; von ungefähr 75.000 Juden kehren nur neuntausend aus den Konzentrationslagern zurück. Nach Kriegsende gibt es in Czernowitz nur noch wenige Deutsche, und nur wenige Juden kehren zurück. Die Stadt hat sich mittlerweile mit Bewohnern, die aus allen Teilen der Sowjetunion kommen, gefüllt, der beschädigte Tempel wird zu einem Kino umfunktioniert, die Bukowina schließlich zu einem großen Teil militärisches Sperrgebiet. Die Unabhängigkeit der Ukraine bringt der Stadt neue Hoffnung, die bedauerlicherweise aufgrund der geringen Ressourcen, die der Sozialismus übriggelassen hat, der Exportabhängigkeit und der mangelnden wirtschaftlichen Erfahrung nur von kurzer Dauer ist. Korruption, Machenschaften mafioser Organisationen und bittere Armut breiten sich aus. Hinzu kommt, daß die Bukowina wieder nur wenig gemäßigter als in der Zwischenkriegszeit Schauplatz eines Nationalitätenkonfliktes geworden ist, diesmal zwischen Ruthenen, russischsprachigen Ukrainern und Russen, der natürlich völlig überflüssig und kontraproduktiv für die Entwicklung des Landes ist und ganz dringend zu seiner Beilegung des alten Geistes der Stärke, der Toleranz, des gegenseitigen Respekts und der allgemeinen geistig-kulturellen Weiterentwicklung bedarf: „Wehe der Nation, die sich fürchten muß vor dem Einfluß fremder Kultur. Diese hat sich selbst das Todesurteil gesprochen.” Ist Czernowitz heute als eine vergessene Stadt ohne Zukunft? Nein. Nach über hundert Jahren gibt wieder kleine Ansätze kulturellen Anschlusses an die goldenen Zeiten. Bemühungen um die Renovierung und Instandsetzung alter Gebäude aus der Zeit der Monarchie (wie beispielsweise der Bahnhof oder das jüdische Kulturhaus) sind zunehmend von Erfolg gekrönt. Immer wieder gibt es auch Menschen, die den Czernowitzern in ihrer Not helfen mit Gütern aller Art; insbesondere den meist katholischen Farbstudenten aus dem heutigen Österreich verdankt etwa das Krankenhaus der Stadt unendlich viel. Was vorbei ist, ist vobei und kann nicht mehr geändert werden. Über die Zukunft der Stadt wird wie über jede andere Zukunft auch jetzt entschieden. Mit dem Bewußtsein der Vergangenheit wird es gelingen, immer wieder neue Wege in eine großartige Zeit zu beschreiten, seien diese Wege auch noch so steinig. Mögen diese bescheidenen Seiten zur Verbesserung beitragen! |
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Aaron Blaich.
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