Geschichte


Im Jah­re 1407 wird Czer­no­witz erst­mals als Markt, dann 1408 als Zoll­punkt des Für­sten­tums Mol­dau ur­kund­lich er­wähnt; Flö­ßer nutz­ten da­mals den Pruth zum Wa­ren­trans­port.

An­fang des 16. Jahr­hun­derts ge­rät die klei­ne Siedl­ung un­ter die Herr­schaft des sich ra­sant aus­deh­nen­den Os­ma­ni­schen Reic­hes, und zwar bis zum 31. August 1774: Öster­rei­chi­sche Trup­pen beset­zen Czer­no­witz, das zu die­ser Zeit im­mer noch ein klei­nes, un­be­deu­ten­des Dorf war.

Be­reits kurz nach der of­fi­ziel­len Ab­tre­tung der Bu­ko­wi­na durch die Ho­he Pfor­te am 7. Mai 1775 be­gin­nen die er­sten Maß­nah­men zum Auf­bau einer funk­tio­nie­ren­den Ver­wal­tung und — selbst­ver­ständ­lich — einer ent­spre­chen­den mi­li­tär­ischen Or­ga­ni­sa­tion un­ter dem Mi­li­tär­ad­mi­ni­stra­tor Ge­ne­ral­feld­wacht­mei­ster Gabriel Frei­herr von Sple­ny. Die­ser schreibt in sei­ner „Be­schrei­bung des Bu­ko­wi­ner Di­stricts”, man sol­le sich „in ih­re Re­li­gion, ... ih­re Frey­hei­ten und Ge­wohn­hei­ten nicht ein­mi­schen.”

In der Zeit von 1786 bis 1849 ist Czer­no­witz ga­li­zi­sches Ver­wal­tungs­zen­trum; sei­ne nur we­nig mehr als fünf­tau­send Be­woh­ner ge­hö­ren so­mit zu den er­sten, die in Form des West­ga­li­zi­schen Ge­setz­bu­ches (der so­ge­nann­te Ent­wurf Mar­ti­ni von 1797, der die Grund­la­ge für das mit 1. Jän­ner 1812 in Kraft ge­tre­te­ne All­ge­mei­ne Bür­ger­li­che Ge­setz­buch dar­stellt) in den Ge­nuß ko­di­fi­zier­ten bür­ger­li­chen Rechts kom­men. Zu­vor ha­ben ja schon die Ein­füh­rung der „All­ge­mei­nen Ge­richts­ord­nung” 1781, das To­le­ranz­pa­tent und das „Pa­tent zur Auf­he­bung der Leib­eigen­schaft” von 1782 die Macht der orts­an­säs­si­gen Bo­ja­ren ge­bro­chen und die Be­völ­ke­rung der Bu­ko­wi­na sehr für die Öster­rei­cher ein­ge­nom­men.

Der eigent­li­che Auf­bruch zur Blü­te­zeit be­ginnt nach dem Auf­bau der Land­wirt­schaft seit Jo­seph II. mit 1850, als Czer­no­witz die Haupt­stadt des Her­zog­tums Bu­ko­wi­na wird. Mit der zu­neh­men­dem In­du­stria­lis­ie­rung und der Aus­wei­tung des Hand­werks — be­kannt sind vor al­lem die Glas­hüt­ten, Braue­reien, Pa­pier– und Pul­ver­müh­len ge­wor­den — steigt der Wohl­stand und wächst die Be­völ­ke­rung, vor al­lem auch durch star­ken Zu­zug aus wohl al­len Tei­len der Öster­rei­chi­schen Mon­ar­chie, ebenso aus Po­len und Ruß­land.

Be­son­ders her­vor­zu­he­ben ist, daß sich die Völ­ker in der Bu­ko­wi­na kaum mit­ein­an­der ver­mi­schen, son­dern in „se­pa­rie­rter Ein­tracht” le­ben. In der Fol­ge zeigt sich bald der Vor­teil der er­hal­te­nen Eigen­stän­dig­kei­ten: Es ent­wickelt sich ein fast im­mer fried­li­cher, lei­den­schaft­li­cher, in­ten­si­ver Wett­streit der ver­schie­de­nen sprach­li­chen, re­li­giö­sen und na­tio­na­len Ge­mein­schaf­ten, der sich sehr be­fruch­tend auf die kul­tu­rel­le und sehr ge­winn­brin­gend für die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung von Stadt und Land aus­wirkt.

Schon vor der Jahr­hun­dert­wen­de kann man in den ele­gan­ten Kaf­fee­häu­sern der Czer­no­wit­zer Her­ren­gas­se über hun­dert Ta­ges­zei­tun­gen (!) le­sen; wenn ein Brief von Wien nach Czer­no­witz ein­mal län­ger als zwei Ta­ge un­ter­wegs ist, er­re­gen sich die Czer­no­wit­zer dar­über (ach, was wa­ren das für Zei­ten!); Thea­ter, Mu­sik­ver­eins­ge­bäu­de, Uni­ver­si­tät und Bi­schofs­sitz ga­ran­tie­ren die Be­deu­tung der Re­gion; die ver­schie­de­nen Kul­tur­häu­ser er­mög­li­chen nicht nur die Pfle­ge der eige­nen Kul­tur, son­dern auch die der To­le­ranz in Stär­ke und Selbst­be­wußt­sein — mit einem Satz: Nicht um­sonst wird da­mals Czer­no­witz auch „Klein–Wien” ge­nannt!

So kommt es, daß in Czer­no­witz die Spreng­kraft des ins­be­son­de­re seit 1848 auf­kom­men­den Na­tio­na­lis­mus weit weni­ger Wir­kung hat als in manch an­de­rem Teil Euro­pas. Selbst die für Wien, Bu­ka­rest, Mos­kau, Kiew und an­de­re Groß­städ­te schein­bar so selbst­ver­ständ­li­chen an­ti­se­mi­ti­schen Strö­mun­gen sind in wei­ten Tei­len der Bu­ko­wi­na zwar deut­lich spür­bar, aber doch we­ni­ger ra­di­kal und bru­tal. Man hat sich halt mitt­ler­we­le viel­fach dar­an ge­wöhnt, daß es bes­ser ist, ne­ben­ein­an­der, mit­ein­an­der und von­ein­an­der zu le­ben ...

In Czer­no­witz le­ben um 1890 bald fünf­und­fünf­zig­tau­send Men­schen, da­von et­wa zehn­tau­send Ru­the­nen, acht­tau­send Ru­mä­nen, eben­so­vie­le Po­len, mehr als fünf­zehn­tau­send Is­rae­li­ten und vie­le an­de­re; et­wa ein Drit­tel der Be­völ­ke­rung ist deutsch. Vor den Behör­den sind ne­ben deutsch auch die „we­sent­li­chen an­de­ren Lan­dess­pra­chen” zu­ge­las­sen, al­so ins­be­son­de­re ru­the­nisch und ru­mä­nisch. Die mei­sten Czer­no­wit­zer wach­sen mehr­spra­chig auf.

Die grie­chisch-orien­ta­li­sche Ka­the­dra­le re­prä­sen­tiert die mit­glie­der­stärk­ste Glau­bens­ge­mein­schaft, sie wur­de nach dem Vor­bild der Isaaks-Ka­the­dra­le von St. Pe­ters­burg er­baut und 1864 fer­tig­ge­stellt. Es gibt eine ar­me­nisch-ka­tho­li­sche Kir­che aus 1875, zwei rö­misch-ka­tho­li­sche Kir­chen und noch eini­ge an­de­re. Selbst­ver­ständ­lich gibt es auch den präch­ti­gen „Is­rae­li­ti­schen Tem­pel”, der im orien­ta­lisch-mau­ri­schen Stil in den Jah­ren 1873 bis 1877 er­rich­tet wur­de, und zahl­rei­che jü­di­sche Wohl­fahrts­verei­ne, die sich in be­son­de­rem Ma­ße um die Ein­glie­de­rung und Aus­bil­dung der Neu­an­kömm­lin­ge küm­mern.

Bezeich­nend für die Stim­mung in Czer­no­witz ist wohl die Ein­stel­lung des Uni­ver­si­täts­grün­ders, Dr. Con­stan­tin To­masz­czuk; er schreibt: „Öster­reichs Ein­heit ruht auf dem ge­mein­sa­men Bil­dungs­gang all de­rer, die in ih­rer Bil­dung über das Ni­veau der Volks­mas­sen her­vor­ra­gen. Die­ser ge­mein­sa­me Bil­dungs­gang, die Ver­wandt­schaft des Ideen­gu­tes, hat nach und nach die po­li­ti­sche Na­tio­na­li­tät des Öster­rei­cher­tums be­grün­det und groß­ge­zo­gen. [...] Deut­sche Wis­sen­schaft hat An­spruch auf Uni­ver­sa­li­tät. Und nur weil deut­sche Bil­dung eine uni­ver­sel­le Be­deu­tung hat, stre­ben auch die nicht­deut­schen Söh­ne der Bu­ko­wi­na eine deut­sche Uni­ver­si­tät an. [...] We­he der Na­tion, die sich fürch­ten muß vor dem Ein­fluß frem­der Kul­tur. Die­se hat sich selbst das To­des­ur­teil ge­spro­chen.”

In die­sem Kli­ma bringt Czer­no­witz eine Rei­he be­ühm­ter Per­sön­lich­kei­ten her­vor, et­wa den Geo­gra­phen Ale­xan­der Sup­pan, den schon ge­nann­ten Uni­ver­si­täts­grün­der Con­stan­tin To­masz­czuk, den Ar­chi­tek­ten An­dre­as Mi­ku­licz, den Volks­wirt­schaf­ter und spä­te­ren Fi­nanz­mi­ni­ster Jo­seph Alois Schum­pe­ter, der Na­tio­nal­öko­nom Fried­rich Klein­wäch­ter, spä­ter auch den be­rüh­mten Sän­ger Jo­seph Schmidt und den No­bel­preis­trä­ger für Li­tera­tur Ga­la Ga­lac­tion, um nur eini­ge zu nen­nen.

So vielfäl­tig die Stu­den­ten und Pro­fes­so­ren, die an der Czer­no­wit­zer Uni­ver­si­tät flei­ßig und be­son­ders dis­zi­pli­niert im Dien­ste der Wis­sen­schaf­ten ar­bei­ten, so viel­fäl­tig ist auch das farb­stu­den­ti­sche Le­ben: ka­tho­li­sche, deut­sche, jü­di­sche, ru­the­ni­sche, pol­ni­sche und rumä­ni­sche Cor­po­rier­te prä­gen zum sonn­täg­li­chen „Bum­mel” mit ih­ren Bän­dern und Müt­zen Rat­haus­platz und Her­ren­gas­se. Die Ein­tracht wird erst be­en­det durch die be­dauer­li­chen se­pa­ra­ti­sti­schen Auf­ru­fe der Wie­ner zio­ni­sti­schen Ver­bin­dung Ka­di­mah vom Herbst 1882, durch die Ra­di­ka­li­tät der Mit­glie­der der Jü­disch-aka­de­mi­schen Ver­bin­dung „Has­mo­näa” und dann end­gül­tig durch die Ver­kün­dung des „Waid­ho­fe­ner Prin­zips” durch die „Wehr­haf­ten Ver­eine Wiens” vom März 1896, das un­ter an­de­rem den jü­di­schen Cor­po­rier­ten die Eh­re und Sa­tis­fak­tionsf­ä­hig­eit und da­mit auch das Recht zur Mit­glied­schaft ab­spricht.

Der auf­kom­men­de Na­tio­na­lis­mus, ge­paart mit An­ti­se­mi­tis­mus und Deut­schen­haß, ver­gif­tet zu­neh­mend die kul­tu­rel­le und wirt­schaft­li­che Frucht­bar­keit der Stadt. Be­zeich­nen­der­wei­se ge­schieht der Rich­tungs­streit zwi­schen Stär­ke, To­le­ranz und Viel­falt einer­seits und Aus­schließ­lich­keit, Aus­gren­zung und Ein­sei­tig­keit an­de­rer­seits zu­nächst jah­re­lang in­ner­halb der je­wei­li­gen Grup­pen, be­vor die je­wei­li­gen ra­di­ka­li­sier­ten Ab­spal­tun­gen oder Über­bleib­sel ge­gen­ein­an­der los­zie­hen: Po­len ge­gen Ru­the­nen, Ru­the­nen ge­gen Rumä­nen, Ru­mä­nen ge­gen al­le und al­le ge­gen die Deut­schen und die Ju­den. Ver­ba­le At­tacken — haupt­säch­lich über Zei­tun­gen, Wo­chen­blät­ter und an­de­re Pub­li­ka­tio­nen aus­ge­tra­gen — sind zu­neh­mend an der Ta­ges­ord­nung.

Der Er­ste Welt­krieg bringt be­reits am 2. Sep­tem­ber 1914 die rus­si­sche Be­sat­zung mit Ver­schlep­pun­gen und an­ti­se­mi­ti­schen Über­grif­fen. An die fünf­tau­send Frei­wil­li­ge — aus al­len Re­li­gions- und Volks­grup­pen wie­der ver­eint ... — er­obern zwar am 21. Ok­to­ber 1914 die Stadt wie­der zu­rück, am 27. No­vem­ber wird Czer­no­witz je­doch er­neut von rus­si­schen Trup­pen mit den­sel­ben Be­gleit­er­schei­nun­gen wie beim er­sten Mal be­setzt. Erst nach der März-Revo­lu­tion zie­hen die Rus­sen im Ju­li 1917 ab.

Nach dem Zu­sam­men­bruch der Do­nau­mon­ar­chie mar­schie­ren ru­mä­ni­sche Trup­pen in Czer­no­witz ein. Be­reits im August 1916, knapp vor sei­nem Kriegs­ein­tritt, hat Ru­mä­nien mit den Al­li­ier­ten einen Ver­trag ge­schlos­sen, der ihm im Fal­le des Sie­ges ne­ben eini­gen an­de­ren Ge­bie­ten auch die Bu­ko­wi­na bis zum Pruth zu­sprach. In der Zwi­schen­zeit ist es in Ru­mä­nien und ru­mä­nisch be­setz­ten Ge­bie­ten im­mer wie­der zu hef­ti­gen an­ti­se­mi­ti­schen und na­tio­na­li­sti­schen Aus­schrei­tun­gen ge­kom­men. Für die nicht­ru­mä­ni­schen und jü­di­schen Bür­ger der Bu­ko­wi­na ist ab­zu­se­hen, daß die Ein­glie­de­rung der Bu­ko­wi­na in das Kö­nig­reich Groß­ru­mä­nien und die da­mit ver­bun­de­ne, wenn auch völ­ker­rechts­wi­dri­ge Ru­mä­ni­sie­rung nichts Gu­tes be­deu­tet.

Die ent­spre­chen­den Maß­nah­men fol­gen auch so­gleich: Nicht­ru­mä­ni­sche Schu­len, kul­tu­rel­le Ein­rich­tun­gen, Ver­la­ge und vie­les an­de­re mehr wird ent­we­der ge­schlos­sen oder durch ru­mä­ni­sche In­sti­tu­tio­nen er­setzt. Ab 1924 ist Deutsch nicht mehr Amts­spra­che, die öster­rei­chi­sche Stu­dien­ord­nung wird durch die ru­mä­ni­sche er­setzt, fast al­le öster­rei­chi­schen Pro­fes­so­ren ha­ben bis zu die­sem Zeit­punkt das Land be­reits ver­las­sen. Wie hat es To­masz­czuk doch so tref­fend for­mu­liert: “We­he der Na­tion, die sich fürch­ten muß vor dem Ein­fluß frem­der Kul­tur. Die­se hat sich selbst das To­des­ur­teil ge­spro­chen.”

Nach nur fünf­und­zwan­zig Jah­ren ok­troy­ier­ter na­tio­na­li­stisch-an­ti­se­mi­ti­scher Um­trie­be ist aus dem einst so in Viel­falt blü­hen­den Czer­no­witz eine auf­ge­hör­te Kul­tur­stadt un­ter ru­mä­ni­scher Herr­schaft ge­wor­den. Zu­dem be­wirkt die Welt­wirt­schafts­kri­se eine zu­neh­men­de Stär­kung ra­di­ka­ler, vor al­lem so­zia­li­sti­scher und zio­ni­sti­scher Kräf­te, die mit al­ten Czer­no­wit­zer Wer­ten wie Rechts­staat­lich­keit, Frei­heit, Viel­falt gründ­lich auf­zu­räu­men ver­spre­chen.

Jü­di­sche Ju­gend­li­che be­tä­ti­gen sich zu­neh­mend in kom­mu­ni­sti­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen — und brin­gen da­mit na­tür­lich vie­le Nicht­kom­mu­ni­sten aus al­len Rich­tun­gen ge­gen die Ju­den auf —; die an­de­ren Grup­pie­run­gen neh­men im­mer stär­ker na­tio­na­les, se­pa­ra­ti­sti­sches und an­ti­se­mi­ti­sche Ge­dan­ken­gut auf, wäh­rend die na­tio­nal-so­zia­li­sti­sche Pro­pa­gan­da aus dem Deut­schen Reich vor­erst nur von ge­rin­gem Ein­fluß ist. Im­mer wie­der kommt es zu an­ti­kom­mu­ni­sti­schen-an­ti­jü­di­schen, an­ti­deut­schen und an­ti­ru­mä­ni­schen Aus­schrei­tun­gen.

Im Fe­bru­ar 1938 er­hält Ru­mä­nien eine Verfas­sung, die als „or­tho­dox-kle­ri­kal ge­stütz­te Kö­nigs­dik­ta­tur” wohl am be­sten zu be­schrei­ben ist. Po­li­ti­sche Par­tei­en sind dann mit 31. März 1938, kurz nach der na­tio­nal-so­zia­li­sti­schen Ok­ku­pa­tion Öster­reichs, ver­bo­ten. Mas­sen­ver­haf­tun­gen und Hin­rich­tun­gen oh­ne vor­an­ge­hen­de Ver­fah­ren fin­den im­mer häu­fi­ger statt, der Staats­ter­ror wei­tet sich bis zur so­wje­ti­schen An­ne­xion des Lan­des am 28. Juni 1940 aus.

Wäh­rend die Deut­schen dies­mal wohl auf­grund des deutsch-so­wje­ti­schen Nicht­an­griffs-Pak­tes weit­ge­hend vor Über­grif­fen ver­schont blei­ben, ha­ben vie­le Ru­mä­nen, Ukrai­ner und Ju­den — bei den Letzt­e­nann­ten be­mer­kens­wer­ter­wei­se auch die jü­di­schen So­zia­li­sten und Kom­mu­ni­sten — un­ter so­wjet-kom­mu­ni­sti­schem Ter­ror zu lei­den; wie­der gibt es Mas­sen­ver­haf­tun­gen und Hin­rich­tun­gen; et­wa 3.500 Czer­no­wit­zer Ju­den wer­den nach Si­bi­rien de­por­tiert, von de­nen nur ganz we­ni­ge (un­ter ih­nen der be­kann­te Schrift­stel­ler Jo­sef Burg) über­le­ben. Die Zu­stän­de be­we­gen nicht nur Deut­sche, son­dern auch Ru­mä­nen, Po­len, Ukrai­ner und Ju­den (!), sich bei so­ge­nan­nen Um­sied­lungs­kom­mis­sio­nen un­ter Vor­la­ge von oft­mals aben­teuer­lich ge­fälsch­ten „Do­ku­men­ten” für die Aus­wan­de­rung ins Deut­sche Reich zu mel­den. Ins­ge­samt ver­las­sen 1940 mehr als 95.000 Men­schen auf die­sem We­ge die Bu­ko­wi­na, was so­fort einen enor­men Zu­zug von Men­schen aus der So­wjet­union nach sich zieht.

En­de Ju­ni 1941 be­set­zen ru­mä­ni­sche Trup­pen die nörd­li­che Bu­ko­wi­na. Ukrai­ner und Ju­den wer­den pau­schal der Kol­la­bo­ra­tion mit den Kom­muni­sten ver­däch­tigt, wie­der­um wer­den vie­le ver­haf­tet, de­por­tiert oder um­ge­bracht. Am 6. Juli 1941 nimmt in Czer­no­witz die Ein­satz­grup­pe D des Si­cher­heits­dien­stes der Schutz­staf­fel (SD der SS) ihre mör­de­ri­sche „Ar­beit” auf; in­ner­halb we­ni­ger Ta­ge fal­len ihr über 650 Men­schen zum Op­fer. Zu­dem fin­den wei­te­re po­grom­ar­ti­ge Über­grif­fe auf Ju­den durch das ru­mä­ni­sche Mi­li­tär und ver­schie­de­ne Ban­den statt. In nur drei Mo­na­ten wer­den mehr als zehn­tau­send Ju­den in der Bu­ko­wi­na er­mor­det.

In Czer­no­witz selbst wird An­fang Ok­to­ber 1941 ein Ghetto er­rich­tet und al­le in der Stadt le­ben­den Ju­den dort­hin „eva­ku­iert”, um von dort in Ver­nich­tungs­la­ger de­por­tiert zu wer­den. Et­wa zwan­zig­tau­send Ju­den kann der Czer­no­wit­zer Bür­ger­mei­ster Tra­ian Po­po­vici in einer ge­wag­ten Ak­tion zu­nächst vor die­sem Schick­sal be­wah­ren: Er ar­gu­men­tiert er­folg­reich den Zu­stän­di­gen ge­gen­über, die De­por­ta­tion der Ju­den ha­be den wirt­schaft­li­chen Zu­sam­men­bruch der Stadt und des um­lie­gen­den Ge­bie­tes un­mit­tel­bar zur Fol­ge, sie seien da­her un­ent­behr­lich. Nach der Ab­set­zung Po­po­vicis im Som­mer 1942 je­doch setz­ten die De­por­ta­tio­nen wie­der ein. Im Früh­jahr 1944 wird das Ghetto auf­ge­löst; von un­ge­fähr 75.000 Ju­den keh­ren nur neun­tau­send aus den Kon­zen­tra­tions­la­gern zu­rück.

Nach Kriegs­en­de gibt es in Czer­no­witz nur noch we­nig­e Deut­sche, und nur we­ni­ge Ju­den keh­ren zu­rück. Die Stadt hat sich mitt­ler­wei­le mit Be­woh­nern, die aus al­len Tei­len der So­wjet­union kom­men, ge­füllt, der be­schä­dig­te Tem­pel wird zu einem Ki­no um­funk­tio­niert, die Bu­ko­wi­na schließ­lich zu einem gro­ßen Teil mi­li­tä­ri­sches Sperr­ge­biet.

Die Un­ab­hän­gig­keit der Ukrai­ne bringt der Stadt neue Hoff­nung, die be­dau­er­li­cher­wei­se auf­grund der ge­rin­gen Res­sour­cen, die der So­zia­lis­mus üb­rig­gelas­sen hat, der Ex­port­ab­hän­gig­keit und der man­geln­den wirt­schaft­li­chen Er­fah­rung nur von kurzer Dau­er ist. Kor­rup­tion, Ma­chen­schaf­ten ma­fio­ser Or­ga­ni­sa­tio­nen und bit­te­re Ar­mut brei­ten sich aus. Hin­zu kommt, daß die Bu­ko­wi­na wie­der — nur we­nig ge­mä­ßig­ter als in der Zwi­schen­kriegs­zeit — Schau­platz eines Na­tio­na­li­tä­ten­kon­flik­tes ge­wor­den ist, dies­mal zwi­schen Ru­the­nen, rus­sisch­spra­chi­gen Ukrai­nern und Rus­sen, der na­tür­lich völ­lig über­flüs­sig und kon­tra­pro­duk­tiv für die Ent­wick­lung des Lan­des ist und ganz drin­gend zu sei­ner Bei­le­gung des al­ten Gei­stes der Stär­ke, der To­le­ranz, des ge­gen­sei­ti­gen Res­pekts und der all­ge­mei­nen gei­stig-kul­tu­rel­len Wei­ter­ent­wick­lung be­darf: „We­he der Na­tion, die sich fürch­ten muß vor dem Ein­fluß frem­der Kul­tur. Die­se hat sich selbst das To­des­ur­teil ge­spro­chen.”

Ist Czer­no­witz heu­te als eine ver­ges­se­ne Stadt oh­ne Zu­kunft? Nein. Nach über hun­dert Jah­ren gibt wie­der klei­ne An­sät­ze kul­tu­rel­len An­schlus­ses an die gol­de­nen Zei­ten. Be­mü­hun­gen um die Re­no­vie­rung und In­stand­set­zung al­ter Ge­bäu­de aus der Zeit der Mon­ar­chie (wie bei­spiels­wei­se der Bahn­hof oder das jü­di­sche Kul­tur­haus) sind zu­neh­mend von Er­folg ge­krönt. Im­mer wie­der gibt es auch Men­schen, die den Czer­no­wit­zern in ih­rer Not hel­fen mit Gü­tern al­ler Art; ins­be­son­de­re den meist ka­tho­li­schen Farb­stu­den­ten aus dem heu­ti­gen Öster­reich ver­dankt et­wa das Kran­ken­haus der Stadt un­end­lich viel.

Was vor­bei ist, ist vo­bei und kann nicht mehr ge­än­dert wer­den. Über die Zu­kunft der Stadt wird — wie über je­de an­de­re Zu­kunft auch — jetzt ent­schie­den. Mit dem Be­wußt­sein der Ver­gan­gen­heit wird es ge­lin­gen, im­mer wie­der neue We­ge in eine groß­ar­ti­ge Zeit zu be­schrei­ten, sei­en die­se We­ge auch noch so stei­nig.

Mö­gen die­se be­schei­de­nen Sei­ten zur Ver­bes­se­rung bei­tra­gen!

©
Aaron Blaich.
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